Hugo Rosenthal (* 14. Dezember 1887 in Lage; † 6. Dezember 1980 in Haifa) war ein deutsch-israelischer Pädagoge. Nach einem ersten Israelaufenthalt zwischen 1924 und 1929 übernahm er 1933 die Einrichtung des von Anna Essinger mitgegründeten Landschulheims Herrlingen und gründete dort das Jüdische Landschulheim Herrlingen. Nach dessen Auflösung im Jahre 1939 zog er mit seiner Familie in das britische Mandatsgebiet Palästina. Zeitgleich mit seiner Einwanderung nahm er den Namen Josef Jashuvi an. Von 1940 bis 1956, dem Jahr seines Ruhestandes, war er Leiter des Kinder- und Jugendheims Ahavah in Kirjat Bialik, dessen Wurzeln in Berlin lagen.Ester Golan: Rezension. 2005. zu: Gudrun Maierhof, Chan Schütz, Herman Simon (Hrsg.): Aus Kindern wurden Briefe. Die Rettung jüdischer Kinder aus Nazi-Deutschland. Ed. Berlin im Metropol-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936411-86-7.

Hugo Rosenthals Leben bis 1933 Frühe Jahre und Erster Weltkrieg In der Yad Vashem Documentation belonging to Josef Hugo Rosenthal-Jashuvi (siehe Quellen) befindet sich ein zweiseitiger Lebenslauf, geschrieben vermutlich im November 1966, der mit dem Eintrag „1887 geboren in Lage i. Lippe“ beginnt, und endet mit „1966 erscheint mein Buch mit Beihilfe des Ministeriums für Erziehung und Kultur und der Jugendalijah==herausgegeben von der Unterrichtsabteilung der Stadt Haifa.“Yad Vashem Documentation belonging to Josef Hugo Rosenthal-Jashuvi, File 66, Dokument 253 und 254. Alle weiteren folgenden Lebensdaten stammen, soweit keine andere Quelle benannt wird, aus diesen beiden Dokumenten, den Seiten 1 und 2 des Lebenslaufs. Der maschinenschriftlich verfasste Lebenslauf enthält keine Orts- und Datumsangabe, die Rückschlüsse auf seine Entstehung ermöglicht. Ein handschriftlicher Zusatz lässt sich als „5 Nov“ interpretieren. Das erwähnte Buch ist 1966 tatsächlich erschienen (Education and tradition: forty years of education), doch hier soll es zunächst um Rosenthals frühe Jahre gehen.

Rosenthal erwähnt in seinem Lebenslauf nicht seinen familiären Hintergrund. Er wurde „als fünftes Kind in einer neunköpfigen Geschwisterreihe geboren und wuchs in einem liberal-religiösen Milieu auf. Er war sehr begabt und zeigte früh musikalische Fähigkeiten.“Hugo Rosenthal Von 1893 bis 1903 war er zunächst Schüler der „Israelitischen Elementarschule“ in Lage, und dann der Städtischen Mittelschule in Bielefeld. Von 1903 bis 1908 besuchte er Vorbereitungsklassen der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster, womit der Besuch des von Meier Spanier geleiteten Lehrerseminars gemeint war. In diese Zeit fällt Rosenthals Hinwendung zum Zionismus, die er ausdrücklich erwähnt und in Zusammenhang stellt mit dem Tod von Theodor Herzl: „1904 Zionist (im Hamburger Israel. Familienblatt las ich die Nachricht vom Tode Theodor Herzls und das Basler Progr.“) Rosenthal wurde in Münster nicht nur zum Lehrer ausgebildet, sondern auch zum Vorbeter.

Für die Jahre 1908 bis 1914 erwähnt Rosenthal seine Tätigkeiten als Lehrer, Religionslehrer und Vorbeter. Dass er bis 1910 in Gütersloh an einer einklassigen jüdischen Volksschule unterrichtet hat, erwähnt er nicht, dafür aber seine offenbar parallel zu den erwähnten Tätigkeiten betriebene Weiterbildung: „Neue Wege in der unterrichtlichen (erzieherischen) Arbeit der Volksschule, z. T. unter Einfluss der „Bremer Lehrer“ – Besuch des Landerziehungsheims am Solling (1908!) Pädagogische Studien zur Staatsprüfung: E. Neumann, Einführung in die experimentelle Pädagogik Kerschensteiner: Begriff der Arbeitsschule“. Das zeigt, dass er sich schon früh mit den fortschrittlichsten pädagogischen und (schul-)psychologischen Strömungen seiner Zeit vertraut gemacht hat.

Als Soldat der ersten Stunde nahm Hugo Rosenthal von 1914 bis 1918 am Ersten Weltkrieg teil und war Frontsoldat in Frankreich und Polen. Er erwähnt seine Kriegsauszeichnungen und Verwundungen, nicht aber den „Tod seines jüngeren Bruders, der direkt neben ihm umkam“.

Wolfenbütteler Jahre Rosenthals Lebenslauf für die Jahre 1919 bis 1924 beginnt mit seiner Heirat und endet mit seiner Auswanderung nach Palästina. Er heiratete die aus Sterbfritz stammende Betty ‚Judith‘ Goldschmidt (* 28. September 1893 – † 1976), „eine Musikerin und ausgebildete Konzertpianistin. Von 1920 bis 1924 lebten sie mit ihren drei Kindern in Wolfenbüttel, wo Rosenthal an einer traditionsreichen jüdischen Mittelschule angestellt war.“

Bei dieser „traditionsreichen jüdischen Mittelschule“ handelte es sich um die Samson-Schule. Rosenthal selber geht darauf nicht weiter ein, verweist aber auf sein nun zunehmendes jüdisches Engagement, der Errichtung eines Hachschara-Zentrums und der Mitbegründung des Brith Haolim, eines jüdischen Wanderbundes. Marco Kissling hat diese Engagements etwas genauer betrachtet. Danach wurde Rosenthal 1920 an die Samson-Schule berufen und richtete in der zur Schule gehörenden Gartenbauschule eine Hachschara-Stätte ein.Marco Kissling: Die Anfänge der religiösen Hachschara in Deutschland, S. 64 Er beteiligte sich an den Diskussionen um den Neuaufbau der zionistischen Jugend in Deutschland nach dem Prunner Bundestag des jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß von 1922, in dessen Folge der Brith Haolim aus dem Wolfenbütteler Hachscharah-Zenrum heraus entstanden sei.Hugo Rosenthal: Zur Geschichte der Brith Haolim

Die Gründung des Brith Haolim erfolgte im Frühjahr 1923 in Schlüchtern. Kissling spricht zwar von einem Treffen in Fulda, was aber nach Aussagen zweier Beteiligter falsch ist. Sowohl Richard MarkelRichard Markel: Brith Haolim, als auch Rosenthal nennen Schlüchtern als Tagungsort. Nach Markel Nach Kissling war Richard Markel „der Hamburger Blaus-Weiß-Führer“ (Marco Kissling: Die Anfänge der religiösen Hachschara in Deutschland, S. 63). Bei ihm handelte es sich vermutlich um den 1901 in Hamburg geborenen und 1970 in Netanya (Israel) gestorbenen Mathematiker Richard Markel. Im Zuge der Auseinandersetzungen um den Prunner Bundestag des Blau-Weiß gehörte er zu den Kritikern der Blau-Weiß-Führung und zu den Gründungs-Mitgliedern des Brith Haolim. Bei dem Treffen auf dem Ohrberg hielt er ein Referat über die pädagogischen Probleme des neuen Bundes, das in der Forderung nach einer „Erziehung der Jugend nach dem Idealbild des Arbeiters in Erez Isareal“ gipfelte. (Richard Markel: Brith Haolim, S. 130) ging die Initiative zu dem Treffen aber von einer Fuldaer Jugendgruppe aus. Anwesend waren dort neben Markel und Rosenthal auch Rudolf Samuel, Gershom Scholem und Ernst Simon. Die beiden wichtigsten Referate bei dem Treffen scheinen Samuel und Rosenthal gehalten zu haben, und über sie schrieb Rosenthal – sich selbst referierend – in seinem Rückblick aus dem Jahre 1930:

Nach Rosenthal hatte der Brith Haolim mit diesen Referaten zwar eine Richtung gefunden, aber noch keinen Weg zu ihrer Verwirklichung. Für ihn folgte der nächste Schritt dazu auf dem ersten Bundestag im Juli 1923 auf dem Ohrberg (Klein Berkel) bei Hameln, bei dem sich der Brith Haolim als „Nachwuchsbewegung für die palästinensische Arbeiterschaft“ definierte und „die Erziehung zum Sozialismus als allgemein anerkanntes Postulat in den Vordergrund der Arbeit“ gestellt worden sei. Zugleich war nach Rosenthal „von religiösen Intentionen“ bei diesem Treffen nur wenig zu spüren gewesen. Letzteres scheint Rosenthal, der auf dem Ohrberg in das Leitungsorgan des Brith Haolim einzog, nicht gestört zu haben, obwohl er ja eigentlich für eine Synthese von Religion und Sozialismus plädiert hatte. Er blendete bei seinem Rückblick auch ein Treffen aus, das am 24./25. März 1923 in Wolfenbüttel stattgefunden hatte, und bei dem er sich im Rahmen einer Sabbatfeier an diejenigen gewandt habe, „welche – dem jüdischen Gesetz entfremdet – nach Erez Israel als Zionisten zurückkehren“ würden.

Markel referierte ausführlich aus dieser Ansprache von Rosenthal, die im Dezember 1923 unter dem Titel Der Sabbath auch veröffentlicht wurde.Hugo Rosenthal: Der Sabbath Wenn unten im Abschnitt Zionismus und Reformpädagogik davon die Rede sein wird, dass Rosenthals reformpädagogische Begeisterung immer schon einen religiösen Unterbau gehabt habe, so bemüht er sich am Beispiel des Sabbat um den Nachweis, dass den religiösen Geboten immer auch ein sozialer Gedanke innewohnt, dem zur Folge der Ruf des Propheten nach Gerechtigkeit auf die Synthese von Religion und Sozialismus verweise. Für Rosenthal folgt daraus: „Der Sabbath, die älteste religiöse Institution des Judentums überhaupt, ist die Urform des religiös-sozialen Ausdrucks im Judentum“, und diese gelte es gegenüber orthodoxen Auslegungen der Gebote, denen „der Unsinn der Wörtlichkeit die tiefe Absicht des Gedankens verschüttet hat“ mit neuem Geist ins Bewusstsein der jüdischen Jugend zurückzuholen. Das dürfe nicht gegen die Religion geschehen, sondern mit ihr, denn der Kern des Sabbatgedankens, die „Notwendigkeit des Wechsels von Arbeit und Ruhe“, kann nur sieghaft sein, „wenn er vom Flügelschlag des Unendlichen, alles Einenden, von der Religion getragen wird. Ihr Enthusiasmus allein vermag ihn von Zeit zu Zeit, von Raum zu Raum hinüberreichen.“

Für Rosenthal kann sich der religiös-soziale Sabbatgedanke in zweifacher Weise ausdrücken: in sinnlich wahrnehmbarer Form, die die Besonderheit des Tages greifbar werden lässt, und durch mystische Erfahrung, die den „von Heiligem erfüllten Raum, in welchem für das Weltgetriebe kein Platz ist“, öffnet. Diese höchste Erfahrungsstufe der Religiosität ist jedoch eine sich stets neu gestaltende Empfindung, die begleitet wird von einer „eine gewisse Menschheitszeit gültigen Formel ihres Erlebnisses“ – dem religiösen Gesetz. Wenn diese beiden Stränge auseinander driften, die Nabelschnur zwischen ihnen durchschnitten wird, „dann wird das Gesetz zu lebloser Satzung“. Mit Blick auf den Sabbat ist für Rosenthal dieser Zeitpunkt gekommen:

Um seine Vorstellungen vom sozialen Gedanken des Sabbats zu illustrieren, greift er auf Texte aus der Tora zurück und sieht in ihnen bereits eine Grundforderung des Sozialismus festgeschrieben: „Die Beseitigung des Bodenbesitzes als Quell allen Besitzes.“ Die Sabbatruhe ist für ihn eine notwendige „Unterbrechung des schaffenden und erwerbenden Strebens der Menschen“, die, da sie allen Menschen zustehe, also auch den Sklaven, ein Versuch sei „zu konsequenter Durchführung der ‚Verkündigung der Menschenrechte‘.“ Und da er den siebentägigen Sabbatrhythmus über den Wochenrhythmus hinaus verlängert zum Rhythmus der Sabbatjahre und der Jubeljahre, bekommt für ihn das Gebot der Sabbatruhe als Gebot zur „Unterbrechung der schaffenden Arbeit“ auch eine ökologische Dimension, wenn er aus den heiligen Schriften die Maxime zitiert: „Sechs Jahre sollst du dein Land besäen … im siebenten Jahre aber sollst du es brach liegen lassen.“