mini|hochkant=2|Inschrift mit etruskischen Buchstaben aus der Tomba del Tifone von Tarquinia
Die etruskische Schrift ist die Schrift der etruskischen Sprache. Sie wurde von den Etruskern seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. bis zur Assimilation durch die Römer im 1. Jahrhundert v. Chr. in einer Variante des altitalischen Alphabets geschrieben. Die Schrift hat sich aus einem westgriechischen Alphabet entwickeltHerbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt. S. 11. und wurde mit spiegelverkehrten Buchstaben von rechts nach links geschrieben.
Die etruskische Zahlschrift ist etwa 100 Jahre später entstanden.
Formierung der Schrift Mit den Gründungen von Pithekussai auf Ischia und Kyme (lat. Cumae) in Kampanien im Zuge der griechischen Kolonisation gerieten die Etrusker im 8. Jahrhundert v. Chr. unter den Einfluss der griechischen Kultur. Die Etrusker übernahmen von den westgriechischen Kolonisten ein Alphabet, das aus deren Heimat, dem euböischen Chalkis, stammt. Dieses Alphabet aus Cumae wird daher auch als euböischesLarissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 14. oder chalkidischesFriedhelm Prayon: Die Etrusker. Geschichte, Religion, Kunst. S. 38. Alphabet bezeichnet. Die ältesten Schriftzeugnisse der Etrusker stammen aus der Zeit um 700 v. Chr.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 56.
+ Euböisches AlphabetSteven Roger Fischer: History of Writing. S. 138.Buchstabe20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert NameAlphaBetaGammaDeltaEpsilonDigammaZetaHetaThetaIotaKappaLambdaMyNySamechOmikronPiSanKoppaRhoSigmaTauYpsilonXiPhiChi TranskriptionABGDEVZHTHIKLMNXOPŚQRSTUXPHCH
Eines der ältesten etruskischen Schriftzeugnisse befindet sich auf der Schreibtafel von Marsiliana d’Albegna aus dem Hinterland von Vulci, die heute im Archäologischen Nationalmuseum von Florenz aufbewahrt wird. In diese Wachstafel aus Elfenbein ist am Rand ein westgriechisches Modell-Alphabet eingeritzt. Entsprechend den späteren etruskischen Schreibgewohnheiten wurden die Buchstaben in diesem Modell-Alphabet spiegelverkehrt und von rechts nach links angeordnet:
mini|ohne|hochkant=3|Abecedarium von Marsiliana d’Albegna mit Transkription
Die Etrusker verwendeten nicht alle Buchstaben des Modell-Alphabets, da manche Laute in der etruskischen Sprache nicht vorkamen. Dazu zählten die Buchstaben Beta, Delta, Omikron und die entsprechenden Laute B, D und O.Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt, S. 11–14. Den Laut G kannte das Etruskische ebenfalls nicht, der Buchstabe Gamma wurde als Schriftzeichen für einen K-Laut übernommen.Hess/Paschinger: Das etruskische Italien. S. 17. Bemerkenswert ist, dass die Etrusker die stimmhaften Verschlusslaute B, D und G nicht artikulierten, die entsprechenden stimmlosen Verschlusslaute P, T und K dagegen schon. Den Buchstaben Samech, der aus der phönizischen Schrift stammte und die Form eines Fensters hatte, verwendeten die Etrusker ebenfalls nicht.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 54 und 76.
Da die etruskische Sprache offenbar über mehr Zischlaute verfügte, benötigte man weitere entsprechende Schriftzeichen für S-Laute wie das Μ und das Χ.Friedhelm Prayon: Die Etrusker. Geschichte, Religion, Kunst. S. 38. Der Buchstabe M entspricht dem phönizischen Buchstaben Sadéh oder Zade und steht vermutlich für einen Sch-Laut.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 78. Auf das Alphabet der Phönizier hatten auch die Griechen bei der Entwicklung ihrer Schriftzeichen zurückgegriffen. Dieser Buchstabe, der häufig als Ś transkribiert wird, fand vor allem in Nordetrurien Anwendung.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 78. Das X wurde wahrscheinlich ebenfalls als Sch-Laut ausgesprochen und war überwiegend in Südetrurien verbreitet.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 52 und 78. Das X könnte aber auch wie im Lateinischen dem Doppelkonsonanten KS entsprochen haben.Steven Roger Fischer: History of Writing. S. 140.
Die Etrusker unterschieden bei T-Lauten zwischen einem aspirierten TH und einem stimmlosen T. Der Buchstabe in Form eines spiegelverkehrten F, den man mit V transkribiert, wurde bilabial wie ein englisches W gesprochen. Der vorletzte Buchstabe Φ wurde nicht wie ein F, sondern wie im frühen Altgriechischen als aspiriertes P ausgesprochen.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 78. Der letzte Buchstabe Ψ, der mit CH transkribiert wird, steht wahrscheinlich für ein aspiriertes K.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 77.
Ausbreitung der Schrift mini|hochkant=1|Ausbreitung der etruskischen Schrift
Erstmals Anwendung fand die Schrift mit diesen Buchstaben in Südetrurien um 700 v. Chr. im etruskischen Cisra (lat. Caere), dem heutigen Cerveteri.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 14. Die Schriftkunde gelangte schnell nach Mittel- und Nordetrurien. Von dort breitete sich das Alphabet von Volterra (etr. Velathri) nach Felsina, dem heutigen Bologna, aus und später von Chiusi (etr. Clevsin) in die Poebene. In Südetrurien verbreitete sich die Schrift von Tarquinia (etr. Tarchna) und Veji (etr. Veia) aus weiter in den Süden nach Kampanien, das zu dieser Zeit von den Etruskern kontrolliert wurde.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 54.
Weiterentwicklung der Schrift Zunächst verwendeten die Etrusker drei Buchstaben für K-Laute, die die Römer als C, K und Q in ihr Alphabet übernahmen. Ein K stellte man vor den Vokal A, ein Q vor ein U und den Buchstaben C vor die Vokale E und I.Steven Roger Fischer: History of Writing. S. 140. Später setzte sich in den nordetruskischen Städten der Gebrauch des K durch, wohingegen in den südetruskischen Städten das C bevorzugt wurde. Ab dem 4. Jahrhundert wurde allgemein der Gebrauch des C üblich, die Buchstaben K und Q wurden nicht mehr verwendet.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 75–77.
Im Etruskischen gab es offenbar auch eine stärkere Differenzierung bei Reibelauten, da die Etrusker ihr Alphabet um einen F-Laut in Form einer 8 ergänzten und ihn an das Ende des Alphabets anfügten.Steven Roger Fischer: History of Writing. S. 140. Das Schriftzeichen 8 hatten die Etrusker aus der lydischen Schrift übernommen.Hess/Paschinger: Das etruskische Italien. S. 18. Wahrscheinlich wurde dieser Buchstabe im 6. Jahrhundert eingeführt.Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt. S. 14. Vorher hatten die Etrusker offenbar die Schreibweise VH verwendet, um einen F-Laut zu kennzeichnen.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 78. Beispielsweise findet sich die frühetruskische Schreibweise Thavhna für Kelch, die sich später zu Thafna mit 8 für F wandelte. Im 6. Jahrhundert v. Chr. umfasste die etruskische Schrift diese 23 Buchstaben:
Frühetruskisches AlphabetSteven Roger Fischer: History of Writing. S. 140.Buchstabe20px|class=skin-invert15px|class=skin-invert15px|class=skin-invert15px|class=skin-invert20px|class=skin-invert15px|class=skin-invert20px|class=skin-invert15px|class=skin-invert15px|class=skin-invert15px|class=skin-invert20px|class=skin-invert15px|class=skin-invert15px|class=skin-invert20px|class=skin-invert15px|class=skin-invert20px|class=skin-invert20px|class=skin-invert15px|class=skin-invert20px|class=skin-invert15px|class=skin-invert15px|class=skin-invert15px|class=skin-invert15px|class=skin-invertTranskriptionACEVZHTHIKLMNPŚQRSTUŚPHCHF
In den nachfolgenden Jahrhunderten verwendeten die Etrusker konsequent die genannten Buchstaben, so dass die Entzifferung der etruskischen Inschriften kein Problem darstellt. Wie im Griechischen waren die Schriftzeichen regionalen und zeitlichen Veränderungen unterworfen. Insgesamt kann man eine archaische Schrift aus dem 7. bis 5. Jahrhundert von einer jüngeren Schrift aus dem 4. bis 1. Jahrhundert v. Chr. unterscheiden, in der manche Schriftzeichen keine Verwendung mehr fanden, darunter das X für einen Sch-Laut. Außerdem wurde in Schrift und Sprache mit der Betonung der ersten Silbe auf die Wiedergabe von Binnenvokalen verzichtet wie z. B. Menrva statt Menerva.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 81. Entsprechend unterscheidet auch die Linguistik zwischen dem Alt- und Jungetruskischen.Friedhelm Prayon: Die Etrusker. Geschichte, Religion, Kunst. S. 38–40.
mini|ohne|hochkant=2|Archaisches und jüngeres Alphabet im Vergleich zum westgriechischen Alphabet
Bei der Transkription, die uneinheitlich in Groß- oder Kleinbuchstaben erfolgt, werden an Stelle der Doppelkonsonanten th, ph und ch gelegentlich die griechischen Buchstaben θ bzw. ϑ, φ und χ verwendet.
Inschriften Die meisten der erfassten rund 13 000 Texte sind Urnen- und Sarkophag-Inschriften, die häufig den Namen des Verstorbenen, die Namen der Eltern, bei Frauen auch den Namen des Ehegatten, biographische Angaben über Ämter und das Alter des Verstorbenen enthalten. Dazu kommen Besitzer-Inschriften bei Grabbeilagen und Bauinschriften von Gräbern. Verhältnismäßig zahlreich sind auch Weihe- oder Widmungsinschriften auf Tempelgaben.Hess/Paschinger: Das etruskische Italien. S. 19–20.
Die Inschriften wurden meist mit spiegelverkehrten Buchstaben linksläufig, d. h. von rechts nach links verfasst. Es gibt dazu manche Ausnahmen, darunter die Gravur auf dem Kalchas-Spiegel, einige Grabinschriften in der Nekropole Crocifisso del Tufo bei Orvieto und sehr frühe Texte aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Wenige, sehr alte Texte sind auch als Bustrophedon verfasst, d. h. abwechselnd links- und rechtsläufig. Ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. finden sich Inschriften, die offenbar unter dem Einfluss der Römer rechtsläufig angefertigt wurden.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 55.
In den frühesten Inschriften wurden die einzelnen Wörter nicht voneinander abgegrenzt. Es folgte also ein Buchstabe auf den anderen (scriptio continua). Erst später gliederte man die Inschriften in einzelne Wörter. Dabei wurden häufig Punkte, Doppelpunkte oder auch drei Punkte übereinander zur Abgrenzung der Wörter im Text verwendet. Manchmal trennte man auch einzelne Wörter nach Silben. Diese silbenweise Trennung findet sich in Texten von Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. bis Ende des 5. Jahrhunderts, als die Unterteilung von Texten in einzelne Wörter üblich geworden war.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 56.
mini|ohne|hochkant=2|Sog. Hannibal-Inschrift aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. mit Doppelpunkten zur Worttrennung
Schriftdenkmäler mini|hochkant=1|Bucchero-Hähnchen von Viterbo
Aus der Frühzeit sind neben der Schreibtafel von Marsiliana d’Albegna noch etwa 70 Objekte mit Modell-Alphabeten erhalten geblieben.Larissa Bonfante, Giuliano Bonfante: The Etruscan Language: An Introduction. S. 55. Die bekanntesten darunter sind: Alabastron aus der Tomba Regolini-Galassi in Cerveteri Bucchero-Amphore von Formello Bucchero-Hähnchen von Viterbo Bucchero-Gefäß aus der Nekropole von Sorbo bei Cerveteri