Der verlorene Sohn (Originaltitel Boy Erased) ist ein Filmdrama von Joel Edgerton, das am 1. September 2018 beim Telluride Film Festival seine Weltpremiere feierte, am 2. November 2018 in die US-amerikanischen Kinos und am 21. Februar 2019 in die deutschen und österreichischen Kinos kam. Die Filmbiografie basiert auf den Memoiren von Garrard Conley.

Handlung Der erste Teil des Films spielt während Jareds Zeit im Ex-Gay-Programm und den Abenden mit seiner Mutter im nahegelegenen Hotel. Dazwischen eingewoben sind Rückblenden, wie es dazu kam.

Jared Eamons lebt in einer kleinen US-amerikanischen Stadt. Im Alter von 18 Jahren beichtet er seinen Eltern Marshall und Nancy, dass er schwul sei, nachdem er zuvor von seinem College-Schwarm Henry Wallace vergewaltigt wurde und dieser seiner Mutter die Information über einen anonymen Anruf zugespielt hat. Sein Vater, der Baptistenprediger ist, übt Druck auf seinen Sohn aus, bis dieser einwilligt, an einem Programm teilzunehmen, in dem mittels einer sogenannten Konversionstherapie Homosexuelle in zwölf Tagen umgepolt werden sollen und das streng nach der Bibel ausgerichtet ist.

Dort angekommen, muss Jared sein Handy und sein Tagebuch abgeben, darf aber abends nach draußen und im Hotel bei seiner Mutter übernachten. Geleitet wird das „Love in Action“-Zentrum von dem Therapeuten Victor Sykes. Er erzählt ihnen, sie seien nicht homosexuell auf die Welt gekommen. Vielmehr seien Menschen aus ihrer Familie daran schuld. Daher sollen die Teilnehmer deren negative Eigenschaften in einem Schaubild notieren. Nancy hält ihre Familie für völlig normal, erzählt ihrem Sohn allerdings von seinem Onkel Vincent, der irgendwie sehr feminin war. In einem nächsten Schritt lässt Sykes die Gruppe ihre Sünden kategorisieren. Erst fällt Jared nur Henry Wallace ein, bis er sich klar darüber wird, dass die moralische Verfehlung nicht von ihm ausging. Dann erinnert er sich an Xavier, in dessen Bett er eine Nacht verbrachte, wobei sie sich allerdings nur an den Händen hielten.

Der Vater eines Teilnehmers nimmt seinen Sohn aus dem Programm, weil er entrüstet ist, wie brutal man mit ihm dort umgegangen ist. Er wurde beim Training ihrer Männlichkeit von dem ehemaligen Kriminellen Brandon, der zum Therapeutenteam gehört, mit einem Baseball verletzt. Normalerweise entscheidet Sykes, wie lange sie an dem Programm teilnehmen müssen. Statt zu einem heterosexuellen Mann zu werden, lernt Jared während der Therapie jedoch, seine eigene Identität zu erkennen und anzunehmen. Auch erkennt er, dass man nur den Eltern das Geld aus der Tasche ziehen will. Er erzählt seiner Mutter, dass er seine Zweifel hat, ob das Programm etwas bringe. Auch die Dämonenaustreibung beim Teilnehmer Cameron beäugt er skeptisch. In der Einrichtung macht Jared die Bekanntschaft mit Jon, der sich bereits zum zweiten Mal dort befindet und bei den anderen auf die Beachtung der Regeln achtet. Gary, ein anderer Teilnehmer, gibt ihm Tipps, wie man sich durch das Programm mogeln kann. Jared solle einfach die Rolle spielen, die von ihm erwartet werde.

Als Jared der Gruppe seine „moralische Inventur“ vorstellen soll, versucht er ganz ehrlich zu sein. Er gerät dabei mit Sykes aneinander, der ihm nicht glauben will, dass Jared die ganze Wahrheit erzählt hat, und behauptet, Jared sei wütend auf seinen Vater. Jared macht jedoch Sykes für seine Wut verantwortlich und will aus der Einrichtung verschwinden. Man versucht ihn aufzuhalten, aber wegen der Drohung seiner Mutter, sie werde die Polizei rufen, und durch die Hilfe von Cameron kann Jared entkommen. Auch wenn sein Vater, der nicht glaubte, dass sein Sohn weiterhin mit ihnen in einem Haus leben könne, will, dass Jared zurück in das Programm geht, setzt sich seine Mutter nach Jahren des Schweigens erstmals gegen ihren Mann durch und nimmt ihren Sohn mit nach Hause. Wenig später erfährt Jared, dass Cameron sich umgebracht habe.

Vier Jahre später lebt Jared in New York und schreibt gerade an einem Buch, in dem er seine Erfahrungen mit der Reparativtherapie zu verarbeiten versucht. Er informiert seinen Vater darüber, dass in der Times bereits vorab ein Artikel veröffentlicht werden soll, den Marshall jedoch zuerst nicht lesen will, denn für ihn als Prediger ist die Situation äußerst kompliziert. In einem klärenden Gespräch versucht Jared ihm klarzumachen, dass er sein Sohn und schwul ist und dass sich an beidem nie etwas ändern wird. Marshall verspricht ihm, dass er versuchen werde, an seiner Einstellung zu arbeiten.

Produktion Literarische Vorlage

Der Film basiert auf den 2016 von Garrard Conley unter dem Titel Boy Erased: A Memoir veröffentlichten Memoiren. Das Buch wurde 2018 vom Secession Verlag in einer deutschen Übersetzung von André Hansen veröffentlicht.Lena Grundhuber: In: swp.de, 18. Juni 2018.Boy Erased. In: secession-verlag.com. Abgerufen am 19. Juni 2018. mini|hochkant|links|Der Autor Garrard Conley wird im Film von Lucas Hedges (Bild) verkörpert. Conley ist Jahrgang 1985 und wurde in Arkansas im sprichwörtlichen Bible-Belt in einer streng orthodoxen Familie von Baptisten geboren. Nicht nur für seine Eltern und Verwandten, sondern auch für ihn selbst war es ein Schock, als sich herausstellte, dass er homosexuell ist. Von Schuldgefühlen geplagt, begab sich Conley in die Hände der fundamentalistischen Organisation Love in Action, die Heilung versprach. Dort sollten seine sexuellen Empfindungen ausradiert werden. Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur sagte Conley über die dortige Therapie, diese habe sehr stark darauf basiert, dass man sich permanent schäme, und sie hätten zum Beispiel täglich ein sogenanntes moralisches Inventar über ihre sexuellen Fantasien oder ihre sexuellen Erfahrungen aufschreiben müssen. Dies habe sehr viel mit 1984 von George Orwell gemein gehabt, so Conley.Garrard Conley im Gespräch mit Joachim Scholl: Allein in der gewaltsamen Umerziehung. In: Deutschlandfunk Kultur, 15. Juni 2018.

In seiner autobiografischen Erzählung schildert Conley auch die quälenden Befragungen und strengen Verhaltensanweisungen, vor allem aber die Selbstmordgedanken, die ihn und seine Mit-„Delinquenten“ quälten, weil ihnen eingeredet wurde, sie seien „falsch“. Dirk Fuhrig von Deutschlandfunk Kultur meint, Conley beschreibe in Boy Erased einen Teil der US-amerikanischen Gesellschaft, in dem man Homosexuelle auch im Jahr 2018 noch umerziehen will: „Die Bedeutung des Buches liegt weniger in seinem literarischen Gewicht, als darin, dass es einen tiefen Einblick gibt in einen Teil der US-amerikanischen Gesellschaft, der sich seit Trumps Wahl womöglich bestätigt sieht. Ein Milieu, in dem man Homosexuelle auch im Jahr 2018 noch umerziehen oder ‚erasen‘ möchte.“ Weiter sagt Fuhrig, der Amerikaner schreibe eher tastend, mit zahlreichen Abschweifungen und Rückblenden, mit viel Verständnis für seine Eltern und sogar für die Therapeuten der Umerziehungsanstalt. Die Schilderung des Leidenswegs des jungen Mannes, dessen Persönlichkeit „erased“, also ausgelöscht werden soll, lese sich sehr persönlich und sei ein Aufbegehren gegen Intoleranz in bibeltreuen religiösen Gemeinschaften, deren geschlossenes Weltbild keine Abweichung zulässt.Dirk Fuhrig: Garrard Conley: „Boy Erased“ Wenn die Identität ausradiert werden soll. In: Deutschlandfunk Kultur, 23. April 2018.

Situation der LGBTQIA+-Community in den USA

Nachdem die American Psychiatric Association im Jahr 1973 Homosexualität aus dem Handbuch psychischer Störungen entfernt hatte, gab das medizinische Establishment diese Praktiken weitgehend auf. Dennoch wurden die Bemühungen, Schwule zu konvertieren, fortgesetzt, überwiegend von weniger angesehenen Beratern und religiösen Organisationen. Ihre Methoden konzentrieren sich meist auf eine Gesprächstherapie, aber einige wenden auch Behandlungen an, die eine Abneigung bewirken sollen und auf körperliche Folter hinauslaufen, einschließlich des Auslösens von Übelkeit und Erbrechen, des Einsatzes von Elektroschocks und Eisbädern, aber auch von Fotos oder Videos.

Neil J. Young von der Huffington Post verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie, die Anfang 2018 vom Williams Institute der UCLA veröffentlicht wurde, nach der etwa 700.000 Erwachsene in den USA irgendwann in ihrem Leben eine „Konversionstherapie“ durchlaufen haben, die Hälfte von ihnen als Jugendliche. Laut der Untersuchung des Williams Institute durchlaufen fast 80.000 LGBTQIA+-Jugendliche die Therapie, bevor sie 18 Jahre alt sind. Auf diese Zahl wird auch im Abspann des Films Boy Erased hingewiesen.Peter Debruge: Variety.com Telluride Film Review: 'Boy Erased'. In: Variety, 1. September 2018.

Trotz der Ablehnung der Konversionstherapie durch führende Gesundheitsorganisationen, einschließlich der American Medical Association und der American Psychological Association, und der Beweise dafür, dass solche Behandlungen nicht funktionieren, sondern emotionale und psychische Schäden verursachen können, erlauben immer noch 36 Bundesstaaten die Konversionstherapie für Minderjährige, doch selbst in solchen Staaten, die die Therapie für Minderjährige für illegal erklärt haben, beziehen sich diese Gesetze in der Regel nur auf psychiatrische Berater. Religiöse und spirituelle Berater bleiben im Allgemeinen von den Verboten ausgenommen, weshalb diese nur wenig dazu beitragen, die Praxis einzuschränken.Neil J. Young: Gay ‘Conversion Therapy’ In ‘Cameron Post’, ‘Boy Erased’ Is Far From A Thing Of The Past. In: Huffington Post, 25. August 2018.

Stab und Besetzung mini|hochkant=1.3|Regie führte Joel Edgerton. Zudem schrieb er das Drehbuch und übernahm im Film die Rolle des „Therapeuten“ Victor Sykes Wie im Juni 2017 bekannt wurde, übernahm Joel Edgerton neben der Regie des Films auch die Adaption von Conleys Memoiren für den Film und ist zudem in der Rolle von Victor Sykes zu sehen, dem Leiter und Therapeuten des Programms, mit dem Schwule umgepolt werden sollen.Mike Fleming Jr: Joel Edgerton To Direct, Lucas Hedges To Star In Gay Deprogram Drama ‘Boy Erased’. In: deadline.com, 8. Juni 2017. Es handelt sich nach The Gift aus dem Jahr 2015 um den zweiten Spielfilm, bei dem Edgerton Regie führt.

Lucas Hedges übernahm die Hauptrolle von Jared Eamons. Russell Crowe und Nicole Kidman spielen im Film seine Eltern Marshall und Nancy. Crowe hatte Garrard Conleys Aussage nach dessen Vater in der Kirche aufgesucht und ihm versichert, er würde ihn so realistisch wie möglich spielen: „Das hat meinen Vater deshalb beruhigt, weil er hatte Angst davor, dass, wenn die Darstellung nicht realistisch genug ist und er zu viel Empathie mit mir empfindet als Homosexuellen, er seine Kirche verlieren könnte, er seine Zulassung verlieren könnte.“ Der australische Sänger, YouTuber und Schauspieler Troye Sivan spielt Gary, der Jared Tipps gibt, wie er sich durch das Programm mogeln kann. Der Musiker Flea, der Bassist der Rockband Red Hot Chili Peppers, spielt den tätowierten und aggressiven Drill Sergeant namens Brandon, der von Victor Sykes beauftragt wurde, die Kinder auf Männlichkeit zu trainieren. Xavier Dolan spielt den mürrischen, emotional heruntergekommenen Jon und Joe Alwyn Jareds College-Schwarm Henry.

Dreharbeiten, Filmmusik und Veröffentlichung Die Dreharbeiten wurden am 8. September 2017 in Atlanta begonnen. Als Kameramann fungierte Eduard Grau, als Stunt-Koordinator Nash Edgerton, der Bruder des Regisseurs. Die anfänglich im Film zu sehenden Aufnahmen von Jared als Kind zeigen ebenfalls den Schauspieler Lucas Hedges. Diese entstammen privaten Videoaufnahmen seiner Mutter. Der Regisseur erklärte: „Ich wollte, dass das Publikum das Kind kennenlernt, bevor es sich sexuell entwickelt.“https://www.cinemablend.com/news/2460726/the-awesome-way-boy-erased-uses-old-footage-of-lucas-hedges