miniatur|Basis einer Statue für Virius Nicomachus Flavianus, aufgestellt von Quintus Fabius Memmius Symmachus wohl im Haus der Familie auf dem Caelius, heute Kapitolinische Museen, Rom

Virius Nicomachus Flavianus (signo Flavianius)Vgl. Joyce Maire Reynolds, John Bryan Ward-Perkins (Hrsg.): The Inscriptions of Roman Tripolitania. Rom 1952, Nr. 475 aus Leptis Magna, dazu Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 15. (* um 330;Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 17 mit Anm. 36 (S. 261). † 394) war ein spätantiker römischer Politiker und Gelehrter. Er war einer der führenden Köpfe der heidnisch-stadtrömischen Senatsaristokratie im späten 4. Jahrhundert und beteiligte sich in führender Position an der Usurpation des Eugenius.

Flavianus stammte aus einer angesehenen, reich begüterten Senatorenfamilie. Er war Priester verschiedener Kulte und stieg im Staatsdienst auf, wo er schließlich die hohen Posten eines quaestor sacri palatii und eines Prätorianerpräfekten erreichte. Er war Mitglied des kaiserlichen Staatsrats (consistorium) am Hof des Kaisers Theodosius I. Dennoch entschied er sich 392, die Usurpation des Eugenius im Westen des Reiches zu unterstützen. An ihr war er in hoher Position als ranghöchster Prätorianerpräfekt im Westen beteiligt; 394 wurde er Konsul. Als jedoch Theodosius I. 394 gegen Eugenius zog und ihn und Nicomachus in der Schlacht am Frigidus besiegte, beging Flavianus Selbstmord.

Umstritten ist, wie sehr religiöse Motive die Entscheidung des Nicomachus Flavianus für Eugenius bestimmten. Erhoffte er sich von Eugenius politische Vorteile oder eine Unterstützung eines Projekts, die heidnischen Bräuche in Rom wieder zur Geltung zu bringen? So spielt Nicomachus Flavianus eine wichtige Rolle in der Debatte um ein pagan revival Ende des 4. Jahrhunderts. Galt er der älteren Forschung als eine Art Cato der Jüngere der konservativen heidnisch-senatorischen Oberschicht, zeigt sich die neuere Forschung eher skeptisch, ob es eine von Nicomachus strategisch gesteuerte heidnische Reaktion gegen den christlichen Kaiser Theodosius gegeben habe.

Er betätigte sich auch als Gelehrter. Das von ihm verfasste Geschichtswerk ist zwar verloren gegangen, diente aber nach Ansicht eines Teils der modernen Forschung als wichtige Quelle für spätere Geschichtsschreiber. Zu unterscheiden ist Virius Nicomachus Flavianus „der Ältere“ von seinem Sohn, Nicomachus Flavianus dem Jüngeren.

Leben

Herkunft und Aufstieg

Der hochgebildete Nicomachus Flavianus stammte aus der angesehenen stadtrömischen Familie der Virier.Zum Lebenslauf vgl. zusammenfassend etwa Bruno Bleckmann: Nicomachus Flavianus. In: Bruno Bleckmann, Barbara Court, Antonia Knöpges: Profane Zeitgeschichtsschreibung des ausgehenden 4. und frühen 5. Jahrhunderts. Paderborn 2023, S. 3 ff. Sein Vater war Volusius Venustus, der über reichen Landbesitz in Apulien verfügte; sein Cousin war der berühmte Redner und Senator Quintus Aurelius Symmachus. Später war er mit Symmachus auch zusätzlich verschwägert, als Flavianus’ Sohn, Nicomachus Flavianus der Jüngere, eine Tochter des Symmachus heiratete. Flavianus absolvierte erfolgreich den Staatsdienst, neben den üblichen Posten der Ämterlaufbahn (Quaestur und Praetur, wobei beide Ämter in spätrömischer Zeit kaum noch Bedeutung hatten) gehörte er unter anderem dem Kollegium der pontifices maiores an, war also für die Ausübung der traditionellen Götterdienste verantwortlich.Diese drei Ämter werden nur auf der Inschrift des Fabius Symmachus genannt, = Hermann Dessau: Inscriptiones Latinae selectae, Nr. 2947. Dazu Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 13 f., 17. Er galt als Autorität in der AuguraldisziplinMacrobius, saturnalia 1,24,17. und jeder anderen Art der Weissagekunst.Rufinus, Kirchengeschichte 11,33; Sozomenos 7,22. 364/65 war Flavianus Statthalter (Konsular) von Sizilien, wo die Familie offenbar auch Landbesitz hatte,R. J. A. Wilson: Sicily under the Roman Empire. The Archaeology of a Roman Province, 36 BC–AD 535. Aris and Phillips, Warminster 1990, S. 217. widmete sich nach 365 aber zunächst privaten Angelegenheiten.

miniatur|Das Theodosius-Missorium stellt wahrscheinlich Theodosius I. (Mitte) mit seinen Mitkaisern Valentinian II. und Arcadius dar (vor 392)

Von Kaiser Gratian wurde er dann 377 zum Vicarius Africae ernannt, fiel bald danach aber aufgrund seiner Duldung der Donatisten in Africa in Ungnade. Im Hintergrund von Nicomachus’ Unterstützung der Donatisten stand möglicherweise die Strategie, die innerchristlichen Streitigkeiten zu fördern, um das Heidentum zu stärken. Jedenfalls wurde er von Gratian ermahnt, sich an die kaiserlichen Verfügungen gegen die Donatisten zu halten; in der Folge bekleidete er unter Gratian kein Amt mehr.Codex Theodosianus 16,6,2. Vgl.

Dafür genoss er bald das Wohlwollen Theodosius’ I. Theodosius hatte sich zunächst mit dem Usurpator Magnus Maximus, der nach Gratians Tod 383 den Westen des Imperiums beherrschte, verständigt, war 388 jedoch gegen ihn vorgegangen, in den Westen gezogen und hatte ihn besiegt. Wohl ebenfalls 388 wurde Flavianus quaestor sacri palatii des Theodosius und war somit unter anderem für die Abfassung von Gesetzen zuständig. Damit gehörte er auch zu Theodosius’ Staatsrat, dem consistorium, und somit zum unmittelbaren Umfeld des Kaisers.

James O’Donnell nimmt allerdings an, dass Flavianus dieses Amt bereits 381/82 bis 383 bekleidet hat.James J. O’Donnell: The Career of Virius Nicomachus Flavianus. In: Phoenix. Band 32, 1978, S. 129–143 (online), hier S. 136. Grundsätzlich gibt es in der Forschung aufgrund der schwierigen Quellenlage zur Rekonstruktion der Karriere des Flavianus eine frühe und späte Chronologie. Otto Seeck etwa favorisierte zunächst die frühe (Quaestur bereits 382 und erste Prätorianerpräfektur 383), in seinen folgenden Arbeiten aber die späte Chronologie, für die auch insbesondere John F. Matthews in einem einflussreichen Aufsatz argumentiert hat.John F. Matthews: Nicomachus Flavianus’ Quaestorship: The Historical Evidence. In: Tony Honoré: Virius Nicomachus Flavianus. Mit einem Beitrag von John F. Matthews, Konstanz 1989, S. 18–25. So auch Vgl. Bruno Bleckmann: Nicomachus Flavianus. In: Bruno Bleckmann, Barbara Court, Antonia Knöpges: Profane Zeitgeschichtsschreibung des ausgehenden 4. und frühen 5. Jahrhunderts. Paderborn 2023, S. 4 f.

Ausweislich einer Inschrift war Nicomachus Flavianus zweimal Prätorianerpräfekt von Italia, Illyria und Africa, womit er einer der ranghöchsten zivilen Beamten des Reiches und der ranghöchste im Westen wurde. = Inscriptiones Latinae selectae 2947. Die Inschrift wurde von Flavianus’ Schwiegerenkel (prosocer) Quintus Fabius Memmius Symmachus in einer privaten Villa der Familie in Rom aufgestellt. Umstritten ist in der Debatte um die Chronologie seiner Laufbahn die Frage, wann Flavianus die erste Prätorianerpräfektur bekleidete: 389/390–392 oder, was aufgrund widersprüchlicher Quellenangaben möglich, aber eher unwahrscheinlich scheint, bereits 382/383.Für letzteres argumentieren Robert Malcolm Errington: The Praetorian Prefectures of Virius Nicomachus Flavianus. In: Historia. Band 41, 1992, S. 439–461; Jean-Pierre Callu: Les préfectures de Nicomaque Flavien. In: Mélanges d’histoire offerts à William Seston. E. de Boccard, Paris 1974, S. 72–80; D. Vera: La carriera di Virius Nicomachus Flavianus e la prefettura dell’Illirico orientale nel IV sec. d.C. In: Athenaeum. Band 71, 1983, Teil I und II, S. 24–64, 390–426. Vgl. Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 20–22. Jedenfalls bemühte sich Theodosius offenbar sehr um Flavianus, um so eine Verständigung mit den heidnischen Senatskreisen in Rom zu erreichen.

Die Usurpation des Eugenius

right|mini|Stark beschädigter Flügel eines Elfenbein-Diptychons mit Inschrift „NICOMACHORUM“. Die dargestellte Frau ist vermutlich eine Priesterin der Ceres. Ihre Attribute entstammen dem Kult der Kybele.

Trotz der Bemühungen des Theodosius, dem Flavianus auch sein noch vor dem Bruch geschriebenes Geschichtswerk widmete (siehe unten), unterstützte Flavianus nach dem mysteriösen Tod Valentinians II. 392 den Usurpator Eugenius und dessen wichtigste Stütze, den Heermeister Arbogast, mit aller Kraft. Im Dienste des Eugenius fungierte er sogar als oberster Zivilbeamter im Westen, indem er erneut das Amt des praefectus praetorio Italiae, Illyriae et Africae ausübte. Sein Sohn, Nicomachus Flavianus der Jüngere, übte gleichzeitig die römische Stadtpräfektur aus. Eugenius brauchte dringend einflussreiche Stützen seiner Herrschaft, denn nachdem Theodosius ihn zunächst hatte gewähren lassen, obwohl er nicht den legitimen valentinianischen und theodosianischen Dynastien entstammte, wandte er sich 393 gegen ihn. Auch der einflussreiche Bischof Ambrosius von Mailand zeigte sich reserviert.

Eine Zusammenarbeit mit dem Usurpator war riskant. Flavianus’ enger Freund und Verwandter Symmachus hielt sich auffallend zurück, wohl aufgrund der Tatsache, dass er sich 388 zu sehr für Magnus Maximus engagiert hatte – er hatte eine Lobrede auf ihn gehalten – und nach der Niederwerfung der Usurpation nur knapp einer Bestrafung entgangen war. Dennoch schloss sich Nicomachus Eugenius an, der damit eine wichtige Stütze in der reichen stadtrömischen Senatorenschaft fand. Die Gründe hierfür sind in der Forschung umstritten: Manche Forscher betonen politische Gründe – vielleicht erhoffte sich Nicomachus einen besseren Schutz des Westteils des Reiches, in dem seine ausgedehnten Ländereien und Villen lagen, von dem westlichen Kaiser Eugenius und seinem erfahrenen Heermeister Arbogast.Thomas Grünewald: Der letzte Kampf des Heidentums in Rom? Zur postumen Rehabilitation des Virius Nicomachus Flavianus. In: Historia. Band 41, 1992, S. 462–487, hier S. 462, 473.

Eine andere Erklärung für Flavianus’ Handeln bietet möglicherweise die Religionspolitik, in der sich Flavianus von Eugenius ein Wiederaufleben der alten Kulte erhofft haben könnte. Die althistorische Debatte um dieses sogenannte pagan revival unter Eugenius ist jedoch weitläufig und verworren. Sicher ist, dass spätere christliche Quellen im Rückblick den Kampf des Theodosius gegen Eugenius christlich aufluden. Auch manch andere Quellen deuten darauf hin, dass Eugenius (obwohl selbst formal Christ) sich den Heiden gegenüber toleranter zeigte. Es ist jedoch umstritten, ob Eugenius ein letztes Mal die volle Entfaltung des alten Götterglaubens im Westen ermöglichte; so ist unklar, ob er die öffentlichen Gelder für den Kultbetrieb restituierte.Siehe Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford/New York 2011, passim. Zur Erhebung des Eugenius siehe auch Hartmut Leppin: Theodosius der Große. Darmstadt 2003, S. 205ff.

Jedenfalls traf Flavianus 392 die radikale, schicksalhafte Entscheidung, Eugenius in prominenter Position tatkräftig zu unterstützen. 394 wurde Flavianus von Eugenius zum Konsul für den westlichen Reichsteil ernannt, was Theodosius allerdings nicht anerkannte, der stattdessen seinen Sohn Honorius als Konsul für den Westen vorsah. Auch setzte Theodosius offenbar mit Apodemius einen Gegen-Prätorianerpräfekten für Italien, Illyrien und Africa ein, den er auch als solchen in seinen Gesetzen adressierte.Codex Theodosianus 11,30,51. Dazu Thomas Grünewald: Der letzte Kampf des Heidentums in Rom? Zur postumen Rehabilitation des Virius Nicomachus Flavianus. In: Historia. Band 41, 1992, S. 462–487, hier S. 470.