Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit (im Original: Alienation and Acceleration. Towards a Critical Theory of Late-Modern Temporality) ist ein 2013 erschienenes Buch des Soziologen und Politikwissenschaftlers Hartmut Rosa. Es beschäftigt sich mit dem sozialen Leben in der Zeit des Kapitalismus. Rosa beantwortet seine Frage, „warum wir kein gutes Leben haben“ mit einem durch die fortlaufende Beschleunigung einhergehenden Gefühl der Entfremdung.
Beschleunigung Soziale Beschleunigung Hartmut Rosa wirft die Frage auf, ob von der „sozialen Beschleunigung“ als ein Prozess gesprochen werden kann oder ob nicht eine Variation an Möglichkeiten der Grund für eine Beschleunigung ist. Dabei betrachtet er auch kritisch, ob man von einer Beschleunigung der Gesellschaft sprechen kann oder ob es sich darum handelt, dass sich Prozesse und Abläufe innerhalb der Gesellschaft beschleunigen. Betrachtet man allgemein die verschiedenen Bereiche des Lebens, zeigen sich diverse Bereiche, in denen eine Beschleunigung stattgefunden hat. Es gibt immer mehr Fast-Food-Restaurants, die Möglichkeit, jemanden über das Speed-Dating kennen zu lernen, einen kurzen Power-Nap zur Erholung einzulegen oder auch durch eine Drive-In-Apotheke zu fahren, um schneller an die Medikamente zu kommen.
Insgesamt unterteilt Hartmut Rosa den weitgefassten Begriff „Soziale Beschleunigung“ in drei Bereiche: technische Beschleunigung, Beschleunigung des sozialen Wandels und die Beschleunigung des Lebenstempos.
Technische Beschleunigung Hierbei handelt es sich um eine Beschleunigung, die innerhalb der Gesellschaft stattfindet. Als Definition bringt er an, dass es sich um die „intentionale Steigerung der Geschwindigkeit zielgerichteter Transport-, Kommunikations- und Produktionsprozesse“ handelt. Unter absichtlich zielgerichteter Beschleunigung werden auch die Entwicklungen und Möglichkeiten, die Beschleunigung der Verfahrensweisen in der Organisation und Verwaltung bezeichnet.
Im Jahr 1999 schrieb Karlheinz Geißler, dass beispielsweise die Datenverarbeitung insgesamt um den Faktor 106 (auf das 1.000.000-Fache) gestiegen ist. Es ist davon auszugehen, dass es bis heute noch einmal deutlich angestiegen ist.
Aber welche Auswirkungen hat die technische Beschleunigung? Darüber schreibt Hartmut Rosa, dass es zu einer Veränderung des „Raum-Zeit-Regimes“ in der Gesellschaft kommt. D.h., dass sich „die Wahrnehmung und Organisation von Raum und Zeit im sozialen Leben“ vollkommen verändert. Der Raum, wie er als solches wahrgenommen wird, existiert dabei immer weniger. Durch die technische Beschleunigung, beispielsweise in Form der Industrialisierung, wird der Raum immer kompakter und wirkt wie zusammengezogen. Um von einem Ort zum anderen zu kommen, hat sich die Zeit massiv reduziert. Reiste man früher mit dem Schiff nach Übersee, fliegt man heutzutage mit dem Flugzeug. Der Weg, wie man den Ort erreicht, ist dabei immer mehr unerheblich, der Raum verliert sozusagen an Bedeutung.
Beschleunigung des sozialen Wandels Hierbei wird sich auf die Beschleunigung der Gesellschaft selbst bezogen. Betrachtet wird u. a. dabei die „gesteigerte Veränderungsrate der sozialen Beziehungsmuster“. Darunter werden zum einen Einstellungen und Werte, aber auch Lebensstile, soziale Beziehungen oder auch Moden verstanden. Eine empirische Messung, wie es bei der technischen Beschleunigung möglich ist, gibt es hier nicht. Bis jetzt gibt es noch keine einheitlich festgelegten Indikatoren in der Soziologie, die es messbar machen.
Durch diese schnell, punktuell sich verändernden Bereiche wird aus einer eher zusammenlebenden Gesellschaft ein weitverstreutes kleinflächiges Netz. So war es beispielsweise früher üblich, dass der Sohn denselben Beruf wie der Vater, sein Leben lang, ausgeübt hat. Heutzutage hat sich diese Tradition fast aufgelöst. Heutzutage können sich die Kinder in ihrer Berufswahl frei entfalten, solange es den Qualifikationen entspricht. Zudem kommt es auch vermehrt vor, dass innerhalb eines Berufslebens diverse Berufe ausgeübt werden, was auch auf die Beschleunigung der Gesellschaft hindeutet. In Anlehnung an Hermann Lübbe spricht Hartmut Rosa als Folge der Beschleunigung des sozialen Lebens von einer Gegenwartsschrumpfung. Dabei reduziert sich die Gegenwart auf den Moment, in dem Erfahrungsraum und Erwartungsraum zusammenfallen. Das ist der Zeitraum, in dem sich auf bereits gemachte Erfahrungen bezogen werden kann, um sich im Handeln orientieren zu können. Also einfacher gesagt, wo aus der Vergangenheit Schlüsse für die Zukunft gezogen werden können.
Beschleunigung des Lebenstempos Während sich die beiden vorherigen Beschleunigungsarten auf die Gesellschaft bezogen haben, bezieht sich die Beschleunigung des Lebenstempos auf die einzelnen Individuen der Gesellschaft. Rosa definiert die Beschleunigung dabei als „Steigerung der Zahl an Handlungs- und Erlebnisperioden pro Zeiteinheit“. Dabei gibt es die subjektive und die objektive Art das Lebenstempo zu messen.
In der subjektiven Messbarkeit haben die Individuen das Gefühl, in der für sie begrenzt zur Verfügung stehenden Zeit nicht mehr alle Aktivitäten unterkriegen zu können, weil die Zeit gefühlt „rennt“. Man bekommt das Gefühl, nicht mehr mitzukommen in der Gesellschaft.
Objektiv lässt sich die Beschleunigung des Lebenstempos daran festmachen, dass in geringerer Zeit mehr Handlungen vorgenommen werden. Die Zeit in der etwas unternommen wird, reduziert sich, dadurch dass man es bspw. durch die Digitalisierung schneller erledigen kann. Parallel dazu werden Zeitlücken – zur Verfügung stehende Zeit, wie Pausen – vermehrt genutzt, um noch mehr Aktivitäten zu erledigen. Es wird von verdichteten Handlungen gesprochen. Dies spiegelt sich z. B. auch in vermehrter Smartphonenutzung in diesen Handlungsepisoden wider.
Motoren der sozialen Beschleunigung Nachdem die drei Dimensionen der Beschleunigung kurz vorgestellt wurden, geht es jetzt darum, inwiefern sie sich gegenseitig bedingen und damit die soziale Beschleunigung konstant vorangetrieben wird. Dabei gibt es laut Hartmut Rosa zum einen die externen Faktoren, Wettbewerb und Verheißung auf die Ewigkeit. Und zum anderen den Beschleunigungszirkel, in dem sich die drei oben beschriebenen Faktoren gegenseitig beeinflussen und antreiben.
Beschleunigungszirkel mini|426x426px|Abbildung 1: Der Beschleunigungszirkel nach Hartmut Rosa, 2016 Aber wie bedingen sich die einzelnen Arten der Beschleunigung gegenseitig?
Aufgrund von Zeitknappheit bzw. des Wunsches nach Steigerung der Aktivitäten in einer vorgegebenen Zeit wurden neue Technologien eingeführt, was die technische Beschleunigung hervorgerufen hat (s. Abb. 1, 1.).
Dies wiederum bringt viele verschiedene Veränderungen in der Gesellschaft mit sich. So wurden beispielsweise durch das Internet nicht nur ökonomische Prozesse beschleunigt, sondern es hat sich auch die Kommunikation in Form und Weg (per E-Mail) verändert. Ebenso hat das Internet Einfluss auf die Meinung der Menschen. In kürzester Zeit werden Informationen veröffentlicht, auf die reagiert wird bzw. werden muss. Dies alles sind Indikatoren dafür, dass sich aufgrund der technischen Beschleunigung auch der soziale Wandel beschleunigt (s. Abb. 1, 2.).
Zuvor wurde beschrieben, wie die Beschleunigung des sozialen Wandels zur Gegenwartschrumpfung führt. Diese Schrumpfung führt wiederum dazu, dass die Menschen in weniger Zeit mehr schaffen möchten bzw. zur Verfügung stehende Zeit für noch mehr Aktivitäten nutzen möchten. Somit bedingt die Beschleunigung des sozialen Wandels auch die Beschleunigung des Lebenstempos. Folglich muss eine Beschleunigung, die die Gesellschaft im Ganzen beeinflusst, auch die Individuen innerhalb der Gesellschaft beeinflussen (s. Abb. 1, 3.).
Aber auch die technische Beschleunigung nimmt Einfluss auf die Beschleunigung des Lebenstempos. Hierin ist laut Hartmut Rosa auch der Paradoxon-Effekt inbegriffen (s. Abb. 1, 4.). Durch den technischen Fortschritt in der Gesellschaft werden zeitliche Ressourcen für die Individuen frei, beispielsweise durch die immer stärkere Fokussierung auf die maschinelle Fertigung. Aber durch die gewonnene, zur Verfügung stehende Zeit können noch mehr Aktivitäten erledigt werden.
Ein weiteres Beispiel nennt Hartmut Rosa in seinem Buch. Durch die Verwendung von E-Mails anstelle von Briefen ist es möglich, viel mehr E-Mails in einer geringeren Zeit zu beantworten als Briefe. Aber die frei gewordene Zeit wird nicht für Müßiggang genutzt, sondern mit noch mehr Aktivitäten bestückt. Somit bedingen sich auch die technische Beschleunigung und die Beschleunigung des Lebenstempos gegenseitig.
Entfremdung mini|392x392px|Abbildung 2: Entfremdungsmöglichkeiten in Anlehnung an Hartmut Rosa Die soziale Beschleunigung führt automatisch, so Rosa, zu einer verzerrten Beziehung zwischen dem Selbst und der Welt. Der Mensch entfremdet sich seiner selbst aufgrund einer sozialen Entfremdung sowie einer Entfremdung von Raum, Zeit, Dingen und eigenen Handlungen (s. Abb. 2).
Entfremdung vom Raum Soziale Beschleunigung und Globalisierung fordern bzw. ermöglichen vermehrte Ortswechsel, sei es durch Reisen, Umzüge oder im digitalen Raum, wodurch ein Individuum in der westlichen Welt in kürzester Zeit verschiedensten Umgebungen ausgesetzt ist. Dies sorgt laut Rosa dafür, dass man des Einlebens und der Anverwandlung von Orten auf Dauer überdrüssig wird. Mit der Zahl der Umzüge sinkt die Bereitschaft, sich intensiv mit den Gegebenheiten eines Ortes auseinanderzusetzen, so dass nur im Alltag benötigte Räume wie Büro, Supermarkt oder Kindergarten verinnerlicht werden. Der neben dem physischen Raum in der spätmodernen Gesellschaft existierende digitale Raum schafft die Möglichkeit, soziale Beziehungen von physischer Nähe zu entkoppeln. Die räumliche Verortung verliert somit an Bedeutung, was eine Identifikation mit dem Raum unnötig erscheinen lässt.
Entfremdung von Dingen Alle Objekte, die den Menschen für einen Teil seines Lebens begleiten, haben laut Rosa Einfluss auf dessen individuelle Identität. Besonders Dinge, welche selbst produziert oder selbst repariert werden und damit selbst internalisiert, „werden Teil unserer alltäglichen Lebenserfahrung, Identität und Geschichte“. Laut Hartmut Rosa sorgt die Beschleunigung für eine Reduzierung der Güter, die zur Identifikation beitragen. Die technische Beschleunigung hat zur Folge, dass die Produktion von Waren günstiger geworden ist als deren Reparaturen, wodurch die Austauschrate der Objekte steigt und ihre Lebensdauer sinkt. Der Mensch baut resultierend keine langfristige Bindung mehr zu diesen Objekten auf. Zudem verhindert eine steigende Komplexität vieler Güter oft eine selbst durchgeführte Reparatur, beispielsweise von Autos. Das Individuum verliert dadurch, so Rosa, seine „kulturellen und praktischen Kompetenzen“. Das fehlende Wissen um die Funktion und die Behandlung von Dingen führt zur Entwicklung eines schlechten Gewissens gegenüber eben diesen Gegenständen. Die Folge daraus ist eine zunehmende Entfremdung des Menschen von der Dingwelt.
Entfremdung von der Zeit