Die Luftangriffe auf Gorki, das heutige Nischni Nowgorod, durch die Luftwaffe der Wehrmacht fanden von 1941 bis 1943 während des Zweiten Weltkriegs im Deutsch-Sowjetischen Krieg statt. Hauptziel der Bombardierung war es, das Industriezentrum der Stadt zu zerstören. Das Gorkier Automobilwerk (GAZ) erlitt dabei den größten Schaden. Während des Krieges führten feindliche Bomber 43 Angriffe aus, davon 26 nachts. 33.934 Brand- und 1.631 Sprengbomben wurden über der Stadt abgeworfen. Die Luftangriffe auf Gorki waren die zerstörerischsten der deutschen Luftwaffe auf das sowjetische Hinterland während des Kriegs.
Hintergrund Die Zerstörung der Gorkier Industrie war von Anfang an als Teil des Unternehmens Barbarossa geplant. Das Deutsche Reich plante, die Stadt in der zweiten Hälfte des Septembers 1941 einzunehmen und zu besetzen. Bei Gorki handelte es sich um einen der größten Hersteller und Zulieferer von Waffen für die Rote Armee und um das wichtigste Zentrum der gesamten Wolgaregion. In ihr konzentrierten sich sowohl Industrie als auch Verwaltung der Wolga-Region, womit eine Einnahme der Stadt die Kontrolle über die ganze Gegend bedeutet hätte. Zunächst plante man die Rüstungsindustrie zu zerstören, womit das Gorkier Automobilwerk, das Flugzeugwerk Nr. 21 Ordschonikidse, die Werft Nr. 112 Krasnoje Sormowo und die Diesel-Motoren-Werk Dwigatel Rewoljuzii zu Angriffszielen wurden. Nach Einnahme der Stadt sollte der Generalbezirk Gorki als Teil des Reichskommissariats Moskowien geschaffen werden. Die städtische Maschinenfabrik sollte für die Produktion der deutschen militärischen Ausrüstung erhalten bleiben.
Am 31. Oktober 1941 befahl Stalin dem Gorkier Automobilwerk die Produktion von T-60-Panzern zu erhöhen. Im selben Monat war Nikolai Markow zum Kommandeur des Brigade-Luftverteidigungsbezirks von Gorki ernannt worden. Als er dort ankam, musste er feststellen, dass die militärischen Möglichkeiten zur Stadtverteidigung nicht ausreichend waren. So waren nur etwa 50 Flugabwehrkanonen und sehr wenige Suchscheinwerfer stationiert. Gleichzeitig waren viele strategisch wichtige Punkte dicht beisammen. Die Militärführung Gorkis wusste, dass es jeden Augenblick zu Angriffen der deutschen Luftwaffe kommen konnte. Daher war es notwendig, die Luftverteidigung der Stadt zu stärken und die Fabriken zu tarnen, was jedoch nicht mehr rechtzeitig gelang.
Die Angriffe November 1941 links|mini|Karte von Gorki mit den Bombardementzielen mini|Nitel Fernsprech- und Rundfunkwerk nach dem Luftangriff Am 9. Oktober 1941 erschien das erste deutsche Aufklärungsflugzeug, eine Junkers Ju 88, über Gorki. Fortan flogen die Flugzeuge in großer Höhe über die Stadt und kreisten über dem Automobilwerk. Zunächst bombardierte die Luftwaffe die Vororte, wobei hauptsächlich Getreidesilos und Lagerhallen beschädigt wurden. Danach folgten zwei große Angriffe auf die Stadt, an denen Heinkel-He-111-Maschinen des Kampfgeschwaders 100 beteiligt waren.
Der erste Angriff in der Nacht vom 4. auf den 5. November begann um 16:30 Uhr. Nach den Schätzungen der Flugabwehr nahmen etwa 150 Flugzeuge daran teil, von denen elf in die Stadt flogen. Die Flugzeuge näherten sich sowohl einzeln als auch in Gruppen von drei bis sechzehn Maschinen in einem Intervall von 15 bis 20 Minuten. Die Bombardierung dauerte die ganze Nacht und neben Bomben wurden auch Flugblätter abgeworfen. Das Gorkier Automobilwerk, Nitel- und die Dwigatel-Rewoljuzii-Fabrik wurden angegriffen, 55 Menschen starben, 141 wurden verwundet. Nach deutschen Angaben nahmen lediglich 15 Flugzeuge an diesem Luftangriff teil. Bei einem Treffer ins Hauptgebäudes von Nitel starben der Direktor und ein Teil der Unternehmensführung. Während der Nacht wurden lediglich strategisch unwichtige Objekte, Wohnviertel und Getreidefelder beschossen. Es wurden Brand- und Sprengbomben mit einem Gewicht von 70 bis 250 kg und schwere Bombenminen mit einem Gewicht von 871 kg abgeworfen. Neben Bombenabwürfen schossen die deutschen Luftwaffensoldaten auch mit Maschinengewehren in die Straßen.
Der zweite Angriff fand in der Nacht vom 5. auf den 6. November statt. Bei diesem Angriff wurde Fliegeralarm ausgelöst. Um 23:34 Uhr wurden die Stromleitungen des Kraftwerks in Balachna durch einen Bombenangriff beschädigt, wodurch Teile der Industrie in Gorki zeitweise von der Stromversorgung abgeschnitten waren. Um 1:47 Uhr begann der Angriff auf Gorki, wobei die Hauptziele das Automobilwerk, das Werk Nr. 112 Krasnoje Sormowo, das Flugzeugwerk Nr. 21 Ordschonikidse und Wohngebäude waren. Durch die Flugabwehr war die Bombardierung weniger präzise. Laut Luftabwehrdaten flogen 14 Flugzeuge in die Stadt. Im Gebiet um das Automobilwerks starben durch den Angriff fünf Menschen, weitere 21 wurden verwundet.
Durch diese beiden Angriffe wurde das Hauptbüro des Automobilwerks, das Verwaltungsgebäude des Werks Dwigatel Rewoljuzii, viele Werkstätten, ein Kraftwerk und ein Wohngebiet des Bezirks zerstört. An mehreren Stellen brach Panik aus, was auch auf die große Zahl der Flüchtlinge aus der Hauptstadt infolge der Schlacht um Moskau zurückzuführen war. Ein Teil der Bewohner begann die städtischen Gebiete zu verlassen. Die Fabriken stoppten die Produktion, nur die Produktion der T-60-Panzer im Automobilwerk wurde noch weiter hochgefahren. Die Zerstörung von Flugabwehrkanonen ermöglichte es den deutschen Flugzeugen, aus geringer Höhe zu bombardieren. Insgesamt starben 127 Menschen, 176 wurden schwer verletzt und weitere 195 wurden leicht verwundet, wobei die Daten je nach Quelle variieren. Ein großer Teil der Opfer waren Flüchtlinge aus Moskau, die im Stadtbezirk Awtosawodski (Automobilwerk) untergebracht waren. Kein deutsches Flugzeug wurde abgeschossen.
Am 8. November 1941 wurde die Gorkier Bezirksbrigade der Luftverteidigung durch die 58. und 281. selbstständige Flak-Artilleriedivision, die 142. Jagdfliegerdivision und das 45. Flakscheinwerferregiment verstärkt. Noch am selben Tag um 15:20 Uhr flog ein Aufklärungsflugzeug Junkers Ju 88 D über Gorki.
Vom 12. bis zum 18. November 1941 starteten die Deutschen eine Reihe von Angriffen, um die Brücke über die Oka zu zerstören, was jedoch nicht gelang.
Die Angriffe von 1942 In der Nacht vom 3. bis 4. Februar 1942 durchbrach ein Flugzeug, das einer großen Höhe flog und zum Sturzflug überging, den Luftabwehrschild und ließ drei Bomben auf das Automobilwerk fallen. Die Radwerkstatt und die Motorenwerkstatt wurden beschädigt. 17 Arbeiter starben und 41 wurden verwundet. Bei diesem Angriff wurden zum ersten Mal deutsche Agenten, die in Gorki eindrangen, gesehen. Sie führten die Zielmarkierung durch und starteten rote und weiße Signalraketen vom Boden aus.
In den Nächten auf den 5., 7. und 24. Februar wurden drei Versuche unternommen Gorki erneut anzugreifen. Durch die sowjetische Luftverteidigung gelang es nur einem von zwölf Flugzeugen in den Luftraum der Stadt vorzudringen. Dabei wurden fünf Bomben auf das Automobilwerk und das Dorf Stachanowski fallen gelassen. Im zweiten und dritten Angriff gelangen keine deutschen Durchbrüche. Deutschen Daten zufolge hatte vom 5. zum 6. Februar nur ein Flugzeug einen Angriff geschafft.
Insgesamt waren infolge der Februarbombardierung 20 Menschen getötet und 48 Personen wurden verletzt. Die Schäden an Industrieanlagen waren nur nebensächlich.
Ende Mai wurden fünf Aufklärungsflüge über der Stadt durchgeführt.
Am 30. Mai und am 10. Juni wurden nach Schätzungen der Luftverteidigung von etwa 20 Flugzeugen zwei erfolglose Angriffe auf Gorki, Bor und Dserschinsk unternommen. Zur Verteidigung der wichtigsten Gebäude wurden Sperrballons und Flugabwehrkanonen von Kanonenbooten der Wolgaflottille eingesetzt. Nach deutschen Daten wurden die Überfälle in der Nacht des 30. Mai durchgeführt.
Vom 30. Mai bis zum 1. Juni und am 10. Juni ließ ein einzelnes Flugzeug aus einer großen Höhe etwa 50 Bomben auf Wohnviertel und die Reparaturbasis Nr. 97 fallen, in der Panzer zusammengebaut wurden, die im Rahmen der Lend-Lease-Abkommens geliefert wurden.
Die einzelnen Aufklärungsflugzeuge Junkers Ju 88 und Dornier Do 215 flogen vom 1. bis 5. Juni in verschiedenen Höhen über die Stadt. Am 23. Juni versuchten Junkers Ju 88 das Flugzeugwerk Nr. 21 Ordschonikidse aus großer Höhe zu treffen, aber die Bomben fielen in den Sormowski-Park.
In der Nacht vom 24. bis 25. Juni warf eine Gruppe von Flugzeugen Bomben nahe dem Dorf Strigino am Rande von Gorki ab. Ein weiteres Flugzeug ließ zwei 500 kg schwere Bomben über dem Flugzeugwerk Nr. 21 Ordschonikidse fallen, von denen eine jedoch nicht explodierte.
Am 27. Juli fing Pjotr Schawurin, der stellvertretende Geschwaderkommandeur des 722. Jagdfliegerregiments, in seiner MiG-3 ein Aufklärungsflugzeug Junkers Ju 88 ab und zerstörte es durch Rammstoß in der Luft. Die beiden Flugzeuge gingen in die Nähe der Dörfer Koslowka, Sanniza und Tumbotino nieder. Die MiG-3 war zu dieser Zeit der einzige Höhenjägertyp im Arsenal der Luftverteidigung, aber die Bewaffnung des Flugzeugs war so schwach, dass Schawurin gar nichts anderes blieb, als sein eigenes Flugzeug durch Rammstoß zu opfern. Die Wrackteile der deutschen Flugzeuge wurden gesammelt und auf dem Sowjet-Platz in der Nähe des Denkmals zu Ehren Waleri Tschkalows ausgestellt.
In der Nacht vom 5. bis 6. November machte eine Gruppe deutscher Flugzeuge einen erfolglosen Versuch, die Erdölraffinerie zu bombardieren. Im Automobilwerk wurden neun Spreng- und mehrere Brandbomben fallengelassen. Dadurch wurde der Kesselraum schwer beschädigt, vier Arbeiter starben und die Fabrik arbeitete drei Tage lang überhaupt nicht und konnte danach weitere drei Wochen nur mit eingeschränkter Kapazität produzieren. Die meisten der Brandbomben fielen auf die Gorkier Maschinenfabrik, mehrere leichte Bomben explodierten unweit des Moskowski-Bahnhofs.
Juni 1943 links|mini|Luftaufnahme von Gorki mit Angabe von Bombenanschlägen und des zentralen Angriffsziels „Kreml“. Nach einer siebenmonatigen Ruhephase erlebte Gorki im Juni 1943 eine Reihe von massiven Nachtangriffen der deutschen Luftwaffe, deren Hauptziel wieder das Automobilwerk war. Die Luftangriffe wurden in Vorbereitung des Unternehmens Zitadelle (Sommer/Herbst 1943) durchgeführt, bei der Bombenangriffe auf die Industriezentren der Wolgaregion – Gorki, Jaroslawl und Saratow – getätigt wurden. Es war einer der größten Luftwaffenangriffe auf das sowjetische Hinterland während des ganzen Krieges.
Es waren zweimotorige Bomber der Kampfgeschwader 27 und 55, die von den Flugplätzen in der Nähe von Orel und Brjansk aufstiegen, die Moskauer Flugabwehrzone umgingen und aus Richtung Dserschinsk, Bogorodsk sowie Arsamas nach Gorki flogen. Um möglichst unentdeckt zu bleiben, wurden die Angriffe nachts im Dunkeln zwischen 0 und 2 Uhr getätigt. Zuerst beleuchteten die Bomber die Ziele mit Leuchtbomben und griffen dann Flugabwehrstellungen an. Die Taktik änderte sich jedes Mal. Hochexplosive Splitter- und Brandbomben verschiedenster Kaliber bis 2000 kg und Brandflüssigkeiten wurden über Gorki fallengelassen. Die Ergebnisse jedes Angriffs wurden von Aufklärungsflugzeugen erfasst, die am nächsten Tag um 17 Uhr in einer Höhe von 7 km über die Stadt flogen. miniatur|Die Bombardierung der Werkstätten des Automobilwerks während eines Luftangriffs in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1943