mini|Die Ostrainsel
Das Ostragehege ist ein innerstädtischer Landschaftsraum Dresdens im Westen des Stadtbezirks Altstadt und gehört weitestgehend zum Stadtteil Friedrichstadt. Es besteht aus dem Großen und dem Kleinen Ostragehege. Eigentlich Teil einer breiten Auenlandschaft der Elbe, wurde es durch Hans Erlwein Anfang des 20. Jahrhunderts zur Bebauung erschlossen. Benannt ist das Ostragehege nach dem Dorf Ostra, das 1206 erstmals erwähnt wurde. Der aus dem Sorbischen stammende Name Ostra bedeutet „Insel“ und trifft damit begrifflich den Charakter des Geheges gut, obwohl das ehemalige Dorf an Stelle der heutigen Friedrichstadt lag.
Lage Das Ostragehege beginnt im Osten an der Marienbrücke und wird fast im Halbkreis im Norden durch die Elbe begrenzt. Im Süden liegt die Friedrichstadt. Im Westen und Süden endet das Ostragehege am größten Hafen Dresdens, dem Alberthafen Dresden-Friedrichstadt.
Ursprünglich ist dieser Landschaftsraum größer gewesen und erstreckte sich mit dem Kleinen Ostragehege bis fast an den ehemaligen Königlichen Marstall heran. In das Areal vom Kleinen Ostragehege fällt auch der ehemalige Maximiliansgarten, der zum Prinz-Max-Palais gehörte. Auf seinem elbnahen Teil befindet sich heute das Kongresszentrum.
Vor den Stadterweiterungen im 19. Jahrhundert war dieses Gebiet von einer teilweise bewaldeten Feuchtwiesenlandschaft geprägt. Weil sich die Weißeritz früher flussaufwärts vom Hauptbereich des Ostrageheges (gegenüber dem Neustädter Hafen) in die Elbe ergoss und auf diese Weise einen großen Schwemmlandfächer erzeugte, war dieses Areal lange eine permanente Feucht- und Überschwemmungszone. Durch anthropogene Einflüsse, wie die Verlegung des Weißeritzlaufes, Drainagen, großflächige Aufschüttungen, Elbuferausbau und Bebauungen sowie die Errichtung des Elbhafens haben sich die hydrologischen Verhältnisse und Elbuferzonen erheblich verändert.
Die Friedrichstadt, die sich als Vorstadt während der Industrialisierung stark entwickelte, grenzte das Ostragehege im Süden mehr und mehr ein.
Das Ostragehege liegt in der Kernzone des ehemaligen Weltkulturerbes Dresdner Elbtal und definiert über seine Breite eine der breitesten Stellen der gesamten Kulturlandschaft.
Geschichte
Frühe Entwicklungen mini|Lage des Dorfes Ostra vor der Stadtmauer (ca. 1216) Die urkundliche Ersterwähnung Dresdens von 1206 fällt mit der des Dorfes Ostra zusammen. In derselben Urkunde erwähnt man einen Herbord von Ostrov, der ein Gewährsmann für den Markgrafen von Meißen war. Das Dorf Ostrov (Ostra) gehörte zu dieser Zeit dem Bischof von Meißen. Seine vor Hochwasser sichere Lage machte es zu einer wichtigen Siedlung des bischöflichen Besitzes im Elbtal und dem linksseitig der Weißeritz gelegenen Areals. Seine nördlichen bis westlichen Felder und Wiesen waren ein Teil des heutigen Großen Ostrageheges.
Rechts der Weißeritz lag Klein-Ostra (Ostro minor), eine landwirtschaftliche Nutzfläche, die 1305 zur Unterhaltung einer kleinen Kapelle auf der alten Dresdner Elbbrücke gestiftet wurde. Im Jahr 1535 übernahm Georg von Komerstadt das Land und errichtete einen Hof. Kurfürst Moritz erwarb das Ostravorwerk am 29. Juli 1550 mit dem Vieh, den Einrichtungen zur Milchwirtschaft und weiterem Inventar. In den Folgejahren ließ er es mit erheblichem Aufwand ausbauen und kaufte von den Ostraer Bauern Land hinzu. Um 1550 nannte man das spätere Kleine Ostragehege den Baumgarten, was auf dessen Nutzung schließen lässt.
mini|Plan des Dorfes Ostra im Jahre 1568 Die wirtschaftlichen Bestrebungen von Kurfürst August zur besseren Vorratswirtschaft seiner Festung Dresden veranlassten ihn zum Aufkauf des Vorwerks im Dorf Ostra. Dieses Anwesen übernahm er 1559 vom Meißner Bischof und schuf schrittweise einen landwirtschaftlichen Großbetrieb mit etwa 553 Hektar Gesamtfläche. Das Dorf Ostra löste man auf. Die bisher dort ansässigen 19 Bauern erhielten auf der Fläche des säkularisierten Klostervorwerks Leubnitz und im Vorwerk Zschertnitz eine neue Existenzgrundlage, die ansässigen Hausbesitzer wurden ausgezahlt. In Leubnitz entstand dadurch die dörfliche Siedlung Neuostra. Die Kurfürstin Anna erhielt 1563 das Vorwerk im Baumgarten (Klein-Ostra). An diesem plantagenartigen Gebiet entstand später, gegenüber von Der Herzogin Garten, ein Orangeriekomplex.
Zur Bewirtschaftung des neuen Kammergutes und seiner Flächen benötigte man eine große Zahl von Frondienstkräften. Zu deren Unterbringung existierte ab 1570 ein Frönerhof. Mit der wachsenden Personenzahl errichtete man 1613 einen neuen Hof an der Weißeritz, die spätere Schäferei. Die landwirtschaftlichen Aktivitäten im Ostragehege umfassten Milchwirtschaft, Geflügelhaltung, Obstbau, Imkerei und Biberzucht. Die landwirtschaftlichen Ambitionen Kurfürst Augusts hatten auch die Herausgabe des Künstlich Obst-Garten-Büchlein[s] zur Folge. Neben dem Gut in Ostra schuf er in Sachsen weitere Kammergüter. Sie bildeten zusammen, neben der gesetzlich verfügten Eingrenzung der Adelswillkür auf dem Land, den Kern seiner merkantilistischen Agrarpolitik. Mit seinem Berater Melchior von Ossa schuf der Kurfürst eine exakte Haushaltsführung auf den Kammergütern und vermied dadurch unnötige Steuerbelastungen seiner Untertanen. Diese straffe Wirtschaftsführung entwickelte sich zum Vorbild für landwirtschaftliche Unternehmungen anderer Eigentümer.Karin Zachmann: Kursächsischer Merkantilismus. Staatswirtschaftspolitik mit einem produktionszentrierten Ansatz. In: Günter Bayerl, Wolfhard Weber: Sozialgeschichte der Technik. Ulrich Troitzsch zum 60. Geburtstag. Waxmann Verlag, Münster 1998, S. 122–123, ISBN 3-89325-587-7
Im 17. und 18. Jahrhundert diente die von Sumpfwiesen, kleinen Werdern und Altarmen der Elbe, dem Weißeritzlauf und seinem Mühlgraben geprägte Landschaft im Westen des alten Dresdner Stadtkerns weiterhin für landwirtschaftliche Zwecke. Dabei handelte es sich um Obstbaumpflanzungen, einen Tiergarten und die Fasanerie des sächsischen Hofes. Das kurfürstliche Ostravorwerk am südwestlichen Rand des Geheges war mit dem Dorf Ostra hier lange Zeit die einzige Bebauung westlich der Weißeritz. Im Jahr 1670 begann Kurfürst Johann Georg II. den Plan einer Vorstadt in die Tat umzusetzen. Für dieses Projekt warb man um Siedler und Handwerker, der Erfolg blieb jedoch wegen Konkurrenzbedenken der Dresdner Innungen gering. Dieser Zeitpunkt stellt den Beginn der Friedrichstadt dar, die damals noch als Ostra bezeichnet wurde.
Es wird angenommen, dass die 1696 vorgenommene Einhegung eines Tiergartenareales vom Kammergut Ostra zur Benennung Großes Ostragehege führte. Das Ostragehege bildete mit dem 1676 als Jagdgelände angelegten Großen Garten eine spiegelbildliche Grünflächenumfassung des historischen Stadtkerns von Dresden. Beide Landschaftsräume haben eine annähernd gleiche Fläche.Jörn Walter, Anette Friedrich, Peter Emmrich et al.: Städtebaulicher Rahmenplan Großes Ostragehege und Umfeld. Dokumentation zum Stadtratsbeschluß. Eigenverlag, Landeshauptstadt Dresden, 1998Volker Helas: Vom Rhythmus einer Stadt. In: Dresdner Geschichtsverein (Hrsg.): Großes Ostragehege/Friedrichstadt. Geschichte und Entwicklungschancen. Dresdner Hefte 47. Dresden 1996, ISBN 3-910055-36-2Sieglinde Nickel: Ostra – vom Dorf zum Gehege. In: Dresdner Geschichtsverein (Hrsg.): Großes Ostragehege/Friedrichstadt. Geschichte und Entwicklungschancen. Dresdner Hefte 47. Dresden 1996, ISBN 3-910055-36-2Klaus Mutscher: Planungen für das Große Ostragehege. In: Dresdner Geschichtsverein (Hrsg.): Großes Ostragehege/Friedrichstadt. Geschichte und Entwicklungschancen. Dresdner Hefte 47. Dresden 1996, ISBN 3-910055-36-2
In den 1740er Jahren legte man mit Baumpflanzungen auf der Ostra-Allee den Grundstein zu begrünten Promenadenstraßen in der sich langsam entwickelnden Vorstadt Friedrichstadt. Zeitgleich pflanzte man eine Allee parallel zur Weißeritz. Diese begann im Ostragehege unweit der Weißeritzmündung auf dem linken Ufer, führte zur Friedrichstädter Brücke weiter entlang der damaligen Wasserstraße (Weißeritzstraße) und endete weiter südlich am Löbtauer Schlag.Sylvia Butenschön: Geschichte des Dresdner Stadtgrüns – Die Entwicklung der städtischen Grünflächen vom 15. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre. In: Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): 30 Jahre Gartendenkmalpflege in Sachsen. Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-019-7
mini|Plan von Cuvilliés zur Erweiterung des Zwingergartens Die erste konzeptionelle Überlegung zur großflächigen gartenbaulichen Gestaltung im Großen Ostragehege ist aus dem Jahr 1761 überliefert, als Kurfürst Friedrich August II. den französischen Gartengestalter François de Cuvilliés mit einer Umgestaltung der Stadtbefestigung und der Anpflanzung von Alleen vor den Befestigungen beauftragte. Die Pläne sahen beispielsweise vor, mit dem Projekt einer neuen Schlossanlage westlich des Zwingers eine gartenbauliche Anlage bis zur Übigauer Allee im Ostragehege zu schaffen. Damit sollte eine Verbindung zum Schloss Übigau entstehen. Die Pläne zu dieser ausgedehnten barocken Parkgestaltung wurden nicht umgesetzt.Stephan Klaus: Das Ostragehege als Hafenanlage. In: Dresdner Geschichtsverein (Hrsg.): Großes Ostragehege/Friedrichstadt. Geschichte und Entwicklungschancen. Dresdner Hefte 47. Dresden 1996, ISBN 3-910055-36-2
Veränderungen im 19. Jahrhundert mini|Das Ostragehege auf einer Stadtkarte von 1863 Die gewerblich-industrielle Nutzung des Ostrageheges hatte man bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erwogen. Bereits 1842 zeichnete sich eine solche Entwicklung ab, da sich hier die Presshefe- und Spiritusfabrik Bramsch gründete. Zunächst blieb die Landschaft des Ostrageheges von gewerblich-industriellen Entwicklungen unberührt. Einen Vorschlag zur Errichtung eines Elbhafens diskutierten die verantwortlichen Stellen 1845, der Landtag lehnte dieses Ansinnen jedoch ab.
Nach dem Plan „Die Centralisation der Dresdner Bahnhöfe“ vom Finanzvermessungsbureau im kgl. Sächsischen Finanzministerium aus dem Jahr 1850 sollte westlich des Stadtkerns das Eisenbahnnetz für die bereits bestehenden Gewerbebetriebe zügig ausgebaut werden. Davon war vor allem das Kleine Ostragehege und der nordöstliche Teil vom Großen Ostragehege betroffen. Diese Planungen beeinflussten auch den etwa 50 Jahre später vorgenommenen Umbau des Fließgewässersystems in diesem Gebiet.Landesvermessungsamt Sachsen (Hrsg.): Die Vermessung Sachsens. 200 Jahre Vermessungsverwaltung. Dresden 2006, ISBN 3-937386-12-2, S. 15
Im nordöstlichen Bereich des Großen Ostrageheges, nahe der Marienbrücke befindet sich die am 2. April 1856 eröffnete Elbstation zur Kohleverschiffung von der früheren Elbzweigbahn, die vom ursprünglichen Kohlebahnhof heranführte. Hier wurde Kohle aus der Döhlener Senke durch die Hähnichener Kohlezweigbahn zur Verladung auf Schiffe gebracht und andere Kohle aus dem böhmischen Hafen Bodenbach kommend umgeschlagen. Ein aufgestellter Kran diente zur Entladung von angelieferten Sandsteinwaren aus dem Elbsandsteingebirge. Weitere Umschlagsprodukte waren Bauholz, Eisenbahnschwellen, Roheisen und Korbweiden. Etwas später, am 1. März 1859, eröffnete man eine Gleisanlage zur „Elbkaistation“ im Kleinen Ostragehege, die vom Kohleentladeplatz unter der Marienbrücke hindurch führte. Hier befanden sich der Packhof und die Zollbehörden. Mit diesen Hafenanlagen entstanden massive Uferbefestigungen an der Elbe und das Ostragehege begann seinen ursprünglichen Charakter als Auenlandschaft zu verlieren.