Paul-Gerhard Völker, auch Paul Gerhard VölkerDie Schreibung ohne Bindestrich („Paul Gerhard“) ist zumindest für die Zeit bis 1971/72 auch dann nicht authentisch, wenn sie in offiziellen Dokumenten begegnet. (* 29. Mai 1937 in München; † 12. Mai 2011 in München), war ein deutscher germanistischer Mediävist und politischer Aktivist. Seine Gründungs- und Theoriearbeit für die Marxistische Gruppe und die marxistische Zeitschrift GegenStandpunkt fand weitgehend im Verborgenen statt.

Leben Promotion an der LMU und DFG-Stelle Der Sohn des Bauingenieurs Julius VölkerWilli Paul Julius Völker stammte wie seine Frau Luise Lina Clara, geb. Schmidt (1912‒1945), aus Rodach bei Coburg (Oberfranken). Von 1943 bis 1947 besuchte Paul-Gerhard die Volksschulen in Rodach, München-Obermenzing und Planegg bei München. absolvierte 1956 am (Kurt-Huber-)Realgymnasium Gräfelfing bei München das Abitur. Seit dem Wintersemester 1956/57 studierte er ‒ durch einen sechsmonatigen Studienaufenthalt am Institut catholique de Paris 1960/61 unterbrochen ‒ an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) Germanistik, Geschichte und Geographie. Mit Beginn des folgenden Wintersemesters förderte ihn die Studienstiftung des deutschen Volkes, ein Jahr später legte er die Philosophische Prüfung für das wissenschaftliche Lehramt an Höheren Schulen ab.Paul-Gerhard Völker: Lebenslauf, in: ders., Die deutschen Schriften des Franziskaners Konrad Bömlin, 1964, ungezählte Seite nach S. 262. Deutsche Nationalbibliothek Leipzig, Signatur: SA 17491-8.

Völkers Doktorarbeit entstand auf Anregung von Kurt Ruh (1914‒2002)Der Schweizer germanistische Mediävist Ruh hatte, bevor er 1960 dem Ruf nach Würzburg folgte, im Sommersemester 1958 und im Wintersemester 1958/59 in München gelehrt. Völker nahm an seinen Veranstaltungen teil, darunter der Vorlesung zur (Frauen-)Mystik im Wintersemester 1958/59. Volker Mertens: Strukturen ‒ Texte ‒ Textgeschichte. Zum wissenschaftlichen Werk von Kurt Ruh, in: Eckart Conrad Lutz (Hrsg.): Das Mittelalter und die Germanisten. Zur neueren Methodengeschichte der Germanischen Philologie (Scrinium Friburgense; 11), Freiburg/Schweiz: Universitätsverlag 1998, S. 49‒62. und wurde von der Philosophischen Fakultät der LMU 1962 angenommen.Eingereicht wohl schon 1961, da Völker das Rigorosum am 27. Februar 1962 ablegte. UA München: O-Npr-1961/62. Doktorvater war Hugo Kuhn (1909‒1978). In der Schriftenreihe Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters (= MTUDie bis 1987 erschienenen Bände der Reihe MTU sind abrufbar über den Link http://www.dlma.badw.de/mtu/mtualt.html, siehe dort Kurt Ruh: Franziskanisches Schrifttum im deutschen Mittelalter, Bd. 1: Texte (MTU 11), 1965; Bd. 2: Texte (MTU 86), 1985.) der 1959 von Kuhn an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gegründeten Kommission für Deutsche Literatur des MittelaltersWachinger: Hugo Kuhn und die Münchener Akademiekommission für Deutsche Literatur des Mittelalters, 1998, S. 34. konnte Völkers Dissertation Die deutschen Schriften des Franziskanerprovinzials Konrad Bömlin. Tl. I: Überlieferung und Untersuchung 1964 als Band 8 erscheinen.Zehn Druckexemplare mussten bei der Fakultät abgeliefert werden (Eingangsdatum: 27. November 1964), dann erst erlangte man das Recht zur Führung des Doktortitels. Besprechungen der Druckfassung von Völkers Doktorarbeit sind in deutscher, englischer, französischer und lateinischer Sprache erschienen, wie die folgende Auswahl zeigt: Collectanea Franciscana 35, 1965, S. 431‒432 (lateinisch; Rezensent: Octavianus a Rieden, OFM); Archivum Franciscanum Historicum 59, 1966, S. 486‒488 (Rezensent: Clément Schmitt, OFM); Erasmus 18, 1966, Sp. 605‒607 (Rezensent: Rainer Rudolf); Germanistik. Internationales Referatenorgan 7, 1966, Nr. 2420 (Rezensent: Herbert Backes); Speculum. A Journal of Medieval Studies 41, 1966, S. 380‒381 (Rezensent: Franz Bäuml); Études Germaniques 22, 1967, S. 111‒112 (Rezensent: R. Edighoffer); Franziskanische Studien. Vierteljahresschrift 49, 1967, S. 166‒168 (Rezensent: Werinhard J. Einhorn, OFM). Das Vorwort (S. V‒VI) gibt Auskunft über die für den Druck vorgenommenen Änderungen: „Der Exkurs: ‚Die Überlieferungsformen deutscher Predigten des Mittelalters‘ wurde herausgenommen und als Aufsatz veröffentlicht, des Weiteren fehlt jetzt der Editionsteil, der durch die Gesamtedition der Werke Bömlins ersetzt werden soll. Untersuchung der Filiationsverhältnisse und Wortregister bleiben gleichermaßen für diese Edition aufgespart. Gegenüber der Dissertation neu hinzugekommen ist die Beschreibung dreier nachträglich aufgefundener Handschriften und ein Register, welches den Überlieferungsteil erschließen soll.“Der Plan, Bömlins Gesamtwerk zu edieren, kam nicht zur Umsetzung. Der in einen Aufsatz überführte DissertationsexkursDie Überlieferungsformen deutscher Predigten des Mittelalters, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 92, 1963, S. 212‒227. wurde von renommierten Altgermanisten, allen voran Kurt Ruh und Volker Mertens, als epochemachend bewertet.Volker Mertens, Hans-Jochen Schiewer, Regina Dorothea Schiewer, Wolfram Schneider-Lastin (Hrsg.): Predigt im Kontext, Berlin: de Gruyter 2008, S. 161, Anm. 22, 428. Ferner: Regina D. Schiewer: Die deutsche Predigt um 1200. Ein Handbuch, Berlin: de Gruyter 2008, S. 817.

Vom 1. März 1962 bis 29. Februar 1964 führte Völker im Rahmen eines Förderprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Handschriftenkatalogisierung, das 1960 angelaufen warSchmidt: Zur Katalogisierung abendländischer Handschriften in Deutschland, 1969, S. 203., die Beschreibung mittelalterlicher Handschriften der Universitätsbibliothek München durch.Völkers Arbeit wurde ab dem 1. November 1964 von der germanistischen Mediävistin Gisela Kornrumpf fortgesetzt (sie trat am 1. September 1972 dessen Nachfolge in der Akademiekommission an); das Ergebnis der Kooperation war der 1968 unter beider Namen erschienene Katalog Die deutschen mittelalterlichen Handschriften der Universitätsbibliothek München (die Publikation ist über das Handschriftenportal Manuscripta Mediaevalia online zugänglich .

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission für Deutsche Literatur des Mittelalters Seit 1. März 1964 arbeitete Völker mit Werkverträgen, vom 1. Januar 1968 bis 30. September 1971 auf einer festen Stelle für die, wie oben angemerkt, von Hugo Kuhn gegründete Kommission für Deutsche Literatur des Mittelalters.Die erste Planstelle war 1963 mit der mediävistischen Germanistin und Kunsthistorikerin Hella Voss, später Frühmorgen-Voss (1931‒1972), besetzt worden. Für das Sommersemester 1964 plante Völker mit dieser Kollegin ein Proseminar, das unter anderem Pseudo-Stricker-Gedichte behandeln sollte. Die Arbeitsstelle ließ einen gewissen Spielraum für freies Forschen: „Die wissenschaftlichen Mitarbeiter sollten eigenständige Überlieferungserschließung leisten.“Wachinger: Hugo Kuhn und die Münchener Akademiekommission für Deutsche Literatur des Mittelalters, 1998, S. 44f. Davon abgesehen gehörte zu Völkers Aufgabenkreis: Lektorat der Schriftenreihe MTU, Aufbau der Bibliothek, Mitwirkung an den jährlich im Referatenorgan Germanistik publizierten Berichten über Editionsvorhaben. Zum Beispiel lieferte Völker im Jahr 1967 mit seinem Aufsatz zur Überlieferung des Fließenden Lichts der Gottheit einen bedeutenden Beitrag zur Forschung über Mechthild von Magdeburg.Erschienen in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 96, S. 28‒69. Völkers Hauptaufgabe war ein Projekt zum deutschsprachigen geistlichen Spiel des Mittelalters und dessen Überlieferung.Die hierauf bezogenen Materialien (Literatur, Filme und Fotos, Karteien, Beschreibungen) wurden ab 1975 auf Initiative der Kommission für ein Anschlussprojekt genutzt, das Rolf Bergmann an seinem Lehrstuhl (Augsburg, seit 1977 Bamberg) unter Mitarbeit von Eva Pauline Diedrichs und Christoph Treutwein durchführte: Katalog der deutschsprachigen geistlichen Spiele und Marienklagen des Mittelalters (Veröffentlichungen der Kommission für Deutsche Literatur des Mittelalters der Bayerischen Akademie der Wissenschaften), München: In Kommission bei C.H.Beck 1986.

Nichterneuerung seines Lehrauftrags am Seminar für Deutsche Philologie Von Sommersemester 1963 bis Sommersemester 1969Der von Völker für das Wintersemester 1969/70 geplante vierstündige „Sprachgeschichtliche Grundkurs (Gotisch, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch)“ wird wohl nicht mehr stattgefunden haben. war Völker am Münchner Seminar für Deutsche Philologie, Ältere Abteilung, Lehrbeauftragter für deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters.Auf der Plattform Ludovico-Maximilianea der Universitätsbibliothek München stehen die Vorlesungsverzeichnisse der LMU in digitalisierter Form zur Verfügung . Ab dem Sommersemester 1966 bot er Lehrveranstaltungen an, die auf seine Linkspolitisierung hindeuten: „Heinrich Heine: Die Gedichtzyklen“, „Germanistik im Dritten Reich. Zeitbedingtheit literaturwissenschaftlicher Methodik“, „Einführung in die Semantik. Übungen zur politischen Terminologie seit 1945“, „Übungen zur Literatursoziologie. Die ‚bürgerliche‘ Literatur des Spätmittelalters“.

Das Kolloquium „Germanistik im Dritten Reich“ und das Proseminar zur „politischen Terminologie seit 1945“ hatte Völker nicht mit den Seminarvorständen abgesprochen. Im einen wie im anderen Fall wurde er zur Ordnung gerufen;Schönert: Walter Müller-Seidel in Konfliktkonstellationen an den Seminaren für Deutsche Philologie der LMU München in den Jahren um 1970, 2011, S. 6. die Maßregelungen machte er im Assistenten-Flugblatt Wi-Sem. 1968/69 öffentlich.

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Völkers Auseinandersetzung mit der NS-ZeitAm 16. März 1965 hatten er und seine Frau Erika in der Süddeutschen Zeitung den Artikel Mißbrauch mit dem Andenken der Weißen Rose veröffentlicht. Zu erwähnen ist an dieser Stelle auch die im Wintersemester 1965/66 von der LMU veranstaltete Vortragsreihe „Die deutsche Universität im Dritten Reich“. steht zum Deutschen Germanistentag 1966 in einem Spannungsverhältnis. Tagungsort war München, der von einer Gruppe frondierender Hochschullehrer gewünschte Titel „Germanistik und Nationalsozialismus“ wurde durch einen Mehrheitsbeschluss des Vorstands des Deutschen Germanistenverbandes abgeschwächt in „Nationalismus in Germanistik und Literatur“. Auf die Germanistentag-Diskussion beziehe sich in polemischer Absicht der Titel seines Aufsatzes „Die inhumane Praxis einer bürgerlichen Wissenschaft“Zuerst publiziert in: Das Argument. Berliner Hefte für Probleme der Gesellschaft 10, 1968, Nr. 49 (3. Aufl. Dezember 1970), S. 431‒454. An Nummer 49 beteiligten sich auch die Germanistin Wendula Dahle ‒ sie promovierte 1968 an der FU Berlin über Die militärische Terminologie in der Germanistik 1933 bis 1945 ‒ und der Anglist und Marxist Thomas Metscher, seit 1971 Professor für Literaturwissenschaft und Ästhetik an der Universität Bremen., erläuterte Völker in der Methodenkritik der Germanistik. Materialistische Literaturtheorie und bürgerliche Praxis (Stuttgart: Metzler 1970, S. 140). Die in der Reihe Texte Metzler erschienene Sammlung von drei Aufsätzen entstand in Zusammenarbeit mit Marie-Luise Gansberg (1933‒2003), Assistentin am Münchner Seminar für Deutsche Philologie, Neuere Abteilung. Das in kurzer Folge viermal aufgelegte Sammelwerk machte das rebellische Duo schlagartig in der intellektuellen Öffentlichkeit der alten Bundesrepublik bekannt.Gansberg veröffentlichte darin ihr Vortragsmanuskript Zu einigen populären Vorurteilen gegen materialistische Literaturwissenschaft. In der gleichen Konstellation entstand die Rezension zu Jost Hermands Synthetisches Interpretieren. Zur Methodik der Literaturwissenschaft (München: Nymphenburger 1968), in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften 14, 1972, Nr. 72, S. 350‒352. Anders als Gansberg bezeichnete sich Völker sich in dem Band offen als Marxist.Methodenkritik der Germanistik, 1970, S. 74‒132.