mini|Die Kath. Pfarrkirche St. Matthias in Rodgau-Nieder-Roden 2022

Die katholische Pfarrkirche St. Matthias Nieder-Roden ist ein neugotisches Kirchengebäude in Rodgau Nieder-Roden, das zum Pastoralraum Rodgau-RödermarkKatholische Kirche in Rodgau-Rödermark der Region Mainlinie im Bistum Mainz gehört und unter dem Patrozinium des heiligen Matthias steht. Die romantische Schlimbach-Orgel der Pfarrkirche ist heute eine seltene Kostbarkeit, eine musikhistorische Rarität.

Geschichte Alte Kirche aus dem Mittelalter Die erste Erwähnung von Nieder-Rodens Pfarrkirche findet sich im Eintrag zur Kirchweihe vom 15. August 1298 durch Erzbischof Gerhard II. von Eppstein.Die Kunstdenkmäler in Hessen Landkreis Dieburg, S. 222; Demandt 1966, S. 138. Im Kirchenbau von 1298 war auch der alte Wehrturm als Kirchturm mit einbezogen. Er beherrscht bis heute das Ortsbild von Nieder-Roden und steht unter Denkmalschutz. Nieder-Rodens Pfarrkirche war über viele Jahrhunderte die einzige im gesamten Erzbistum (bzw. späteren Bistum) Mainz, mit einem Matthiaspatrozinum. Man geht davon aus, dass es vor 1298 in Nieder-Roden auch schon eine Kirche gegeben haben muss.Die Begründung für diese Annahme lässt sich eine Eintragung heranziehen, die Theodor Hauren, ein späterer Pfarrer Nieder-Rodens, im Jahre 1674 ins erste erhaltene Kirchenbuch übertragen hat. Hauren gibt an, folgenden Vermerk aus einem alten Buch, das wohl den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges entgangen war, herausgeschrieben zu haben: „Das Kirchweihfest von Nieder-Roden wurde im Jahre 1298 unter Erzbischof Gerhard (II. von Eppstein) vom Festtag des Schutzpatrons Matthias auf den Sonntag vor Mariä Himmelfahrt verlegt.“ Dieser Hinweis bestätigt, dass in Nieder-Roden am Ausgang des 13. Jahrhunderts eine Kirche gestanden hat und dass der Hl. Matthias der Schutzpatron dieser Kirche war. Chronik der Pfarrgemeinde St. Matthias Nieder-Roden. 1996, 28. Und weil die Überführung und „Auffindung“ der Reliquien des heiligen Apostels Matthias für 1050 (bzw. zum zweiten Male im Jahre 1127) in Trier belegt sind, andererseits aber feststeht, dass Nieder-Roden nachweislich schon 786 oder 791 existierte, und es nicht vorstellbar ist, dass der Ort runde 350 Jahre ohne Kirche gewesen sein soll, ist sehr wahrscheinlich, dass Nieder-Rodens erster Kirchenbau einen anderen Schutzpatron hatte.

mini|hochkant|Die alte Kirche aus dem Mittelalter kurz vor dem Abriss Anfang 1894 Das alte Kirchengebäude soll aus der Zeit um 1500 gestammt haben und auf den Grundmauern eines weit älteren Baus errichtet worden sein. Die Beschläge am Haupteingang und die Chorfenster, so wird berichtet, hätten darauf hingedeutet. Auf einem in der Sakristei eingemauerten Stein konnte man deutlich die Jahreszahl 1542 lesen. In dem Jahr soll die Kirche eine Vergrößerung erfahren haben. Die ursprünglichen Mauern wurden erhöht, der Chor umgebaut und das Ganze mit einem hohen Giebeldach gedeckt. In das Mauerwerk der Außenmauern der Kirche brach man später je nach Bedarf planlos und ohne System rechteckige oder ovale Fensterlöcher hinein.

1866 wurde der alte Wehrturm renoviert und sein ehemals flaches Dach mit der Spitze und den vier Ecktürmchen versehen.

Im Zuge der Wiederentdeckung des Mittelalters durch die deutsche Romantik kamen im Kirchenbau neuromanische, vor allem aber neugotische Formen in Mode. Man wurde fähig, einen Neubau historisch getreu und täuschend echt zu errichten. Pfarrer Heinrich Nolda (1888–1908) setzte sich vom Beginn seiner Amtszeit stark für einen Kirchenneubau ein, dieser war bedingt durch notwendig gewordene umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen an und in der inzwischen viel zu kleinen Kirche.

Anfang 1894 kam es zum bereits lange geplanten Abbruch des alten Kirchengebäudes („Stall von Bethlehem“, wie es zur damaligen Zeit im Volksmund genannt wurde). Kurz zuvor hatte Pfarrer Nolda veranlasst, dass es fotografisch aufgenommen wurde, um es so dokumentarisch der Nachwelt zu erhalten. Von den erhaltenswert eingestuften Bauteilen der alten Kirche konnte man später nur noch das ziemlich gut erhaltene Maßwerk eines Chorfensters, die Bekrönung eines Sakramentshäuschens und einen Stein mit der eingemeißelten Jahreszahl 1542 in den Kirchenneubau einfügen.

Neugotischer Kirchenbau mini|hochkant|Röders Grundrisszeichnung der neugotischen Pfarrkirche, 1901 mini|hochkant|Die Pfarrkirche St. Matthias mit der ursprünglichen, neugotischen Innenausstattung, um 1965

Deutlich geprägt von der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts und ihren zahlreichen neuen bautechnischen und handwerklichen Möglichkeiten entstand ab September 1894 in der stark anwachsenden Pfarrgemeinde nach Plänen des Frankfurter Architekten Joseph Röder unter der Bauleitung des aus Dieburg stammenden Jakob Frank, an der Südostecke des nun frei stehenden alten Wehrturms angesetzt, ein modernes, neugotisches Gotteshaus in kürzester Zeit und stilistisch aus einem Guss. Entsprechend wurde auch das Kircheninnere mit neogotischer Bemalung ausgestattet. Aus der alten Kirche blieben nur das Marienretabel und der Taufstein bestehen. Während der Taufstein in der Taufkapelle neben dem Haupteingang Aufstellung fand, diente das Marienretabel von nun an als Nebenaltar (Marienaltar) im nördlichen Seitenschiff. Im Chor wurde ein neuer, dem Herz Jesu geweihter Hochaltar aufgestellt, den die Firma Georg Busch in Steinheim geschaffen hatte, und im südlichen Seitenschiff gab es einen zweiten Nebenaltar (Josefsaltar), der der Heiligen Familie geweiht wurde.

Die Kirchweihe erfolgte am 27. September 1896 durch den Mainzer Bischof Paul Leopold Haffner im Rahmen seiner Firmrundreise. Er stellte die Pfarrkirche wieder unter das Patrozinium des heiligen Apostels Matthias. Am darauf folgenden Tag erteilte der Bischof in der neuen Kirche den Jugendlichen das Sakrament der Firmung. Der deutsche Text der von Bischof Haffner in lateinischer Sprache verfassten Kirchweiheurkunde lautet: „Im Jahre des Herrn 1896, am 27. Tag des Monats September, habe ich Paul Leopold, Bischof des Heiligen Stuhls zu Mainz, diese Kirche zu Ehren des allmächtigen Gottes, der seligen immerwährenden Jungfrau Maria und aller Heiligen und zum Gedächtnis des Heiligen Apostels Matthias geweiht, und ich habe den Hochaltar dieser Kirche geweiht auf den Namen und zum Gedächtnis des Heiligsten Herzen Jesu, wobei in den Altar eingeschlossen wurden die Reliquien der heiligen Märtyrer Creszenz, Fulgentius und Optala. Weiter habe ich den Altar auf der Evangelienseite zu Ehren der seligen Jungfrau Maria und den Altar auf der Epistelseite zu Ehren der Heiligen Familie geweiht und Reliquien der gleichen Märtyrer eingeschlossen. Den einzelnen Christgläubigen habe ich von heute an für ein Jahr und denjenigen, die zum Jahrestag der Konsekration die Kirche besuchen, für 40 Tage ein Ablass in der üblichen kirchlichen Form zugestanden. Nieder-Roden am Tag der Weihe des oben bezeichneten Gotteshauses + Paul Leopold.“

Die Matthias-Statue mit Buch und Beil über dem Hauptportal der Kirche wurde am 24. Februar 1897, dem Festtag des Kirchenpatrons, angebracht. Am gleichen Tag übertrug man in einer feierlichen Prozession eine „in zierliche gotische Reliquienmonstranz eingefasste Reliquie des Heiligen“, um deren Überlassung Pfarrer Nolda den Trierer Bischof Michael Felix Korum gebeten hatte, in die Pfarrkirche.

Am 20. November 1908 verstarb Pfarrer Nolda. Drei Tage später wurde er von seiner Gemeinde in der von ihm in Auftrag gegebenen Pfarrkirche in einer Gruft vor dem südlichen Seitenaltar zur letzten Ruhe gebettet. Er war viele Monate in den katholischen Pfarreien Hessens von Haus zu Haus gegangen, um die Mittel für den Kirchenbau buchstäblich zusammenzubetteln. Mehr als einmal brachte er seine privaten Ersparnisse in die von ihm geplanten Vorhaben ein und hinterließ er bei seinem Tode eine neu erbaute schuldenfreie Kirche.Helmut Simon: Tod und Würdigung Pfarrer Noldas. In: Chronik der Pfarrgemeinde St. Matthias Nieder-Roden. 1996, S. 205.

mini|Die Pfarrkirche St. Matthias nach der durchgreifenden Renovierung 1968

Das Zweite Vatikanische Konzil, das von Papst Johannes XXIII. einberufen worden war, hatte in seiner zweiten Sitzungsperiode 1964 eine Liturgiereform beschlossen. Um eine bessere Mitfeier zu ermöglichen, sah man unter anderem vor, dass der Hauptaltar als Volksaltar künftig „freistehend“ zu errichten ist, und zwar mit zwei ausdrücklich genannten Zielen: damit der Priester ihn leicht umschreiten und außerdem an ihm zum Volke hin zelebrieren kann.Instruktion Inter Oecumenici vom 27. September 1964, Nr. 91. In jedem Fall sollte der Altar, zugleich Zeichen des Ecksteins Christus, die „Mitte sein, auf die sich die Blicke der Versammlung richten“.Vgl. Liturgiereform von 1964 In der Pfarrkirche St. Matthias begnügte man sich während der ersten drei Jahre damit, dass man im Chor provisorisch einen hölzernen Altartisch als Volksaltar aufbaute, an dem der Pfarrer nunmehr die Messe las, ansonsten aber noch keine weiteren Umbaumaßnahmen durchführte.

Ab März 1968 wurde, bedingt durch notwendig gewordene Instandsetzungsarbeiten und abwertende Urteile gegenüber dem neugotischen Baustil der Kirche, nach Plänen des Lämmerspieler Architekten Albert Günther innerhalb weniger Monate die ursprüngliche Ausstattung der Kirche entfernt und die Kirche instand gesetzt und durchgreifend renoviert. Erste Maßnahme war die Entfernung der Kanzel mit der Begründung, „weil sie so viel Sicht versperrt“. Zusammen mit der Kanzel verschwand auch ein Engel, der 1897 feierlich eingeweiht und als Schutzengel der Gemeinde auf dem Deckel der Kanzel aufgestellt worden war. An die viel zu kleine Sakristei baute man nach Osten einen weiteren Raum an und installierte im Kellergeschoss der Sakristei eine Heizungsanlage, wofür im Inneren des Kirchenraumes erhebliche Umbaumaßnahmen durchgeführt werden mussten, da das gesamte Leitungssystem der Heizung unter dem Fußboden des Kirchenschiffs verlegt werden musste. Um den neuen Volksaltar aus massivem Jura-Marmor im Bereich des Chors frei aufstellen zu können, verlängerte man den Chor über den Chorbogen hinaus um zwei Meter in das Kirchenschiff hinein, nachdem zuvor die dort stehende Kommunionbank entfernt worden war. Der wertvolle neugotische Hochaltar aus dem Jahre 1896 wurde abgerissen und an seiner Stelle das bisher im nördlichen Seitenschiff untergebrachte spätgotische Marienretabel (Marienaltar) an die Rückwand des Chorraums versetzt, dessen Mensa (Altartisch) man aus dem abgetragenen Hochaltar gearbeitet hatte. Entfernt wurde auch der bisher im südlichen Seitenschiff stehende und der Heiligen Familie geweihte Josefsaltar, an dessen Stelle ein neuer Sakramentsaltar gesetzt wurde. Neben den genannten Arbeiten gab es in der Kirche neue Bodenbeläge, eine Erneuerung aller Innen- und Außentüren sowie des Kirchengestühls und der beiden Beichtstühle. Alle Kirchenfenster wurden gereinigt, ausgebessert und neu in Blei gefasst, und in beiden Sakristeien gab es moderne Einbauschränke. In der Kirche installierte man in die runden Schlusssteine der Kreuzgewölbe eine Beleuchtungsanlage.

Die ehemalige dekorative Ausmalung der Kirche verschwand, die Wände wurden mit einem eintönigen, der neugotischen Struktur zuwiderlaufenden hellen Anstrich versehen. Eine ganze Reihe von Ausstattungsgegenständen, wie der ehemalige Hochaltar, die Kanzel, die Lourdesgrotte, die Beichtstühle und besonders das einwandfreie Kirchengestühl wurden zerstört. Einigen Einwohnern, die beim seinerzeitigen Ausräumen der Kirche Zeuge waren, gelang es noch, die Tafeln des Hochaltars, Teile der Kanzel und mehrere Kirchenbänke vor der Vernichtungsaktion zu bewahren und in ihren Häusern in Sicherheit zu bringen. Bei einer Besichtigung der geretteten Teile war es leicht festzustellen, dass die damals entschuldigend vorgebrachte Begründung, die entfernten Gegenstände seien weitgehend verwurmt gewesen, nur eine Ausrede darstellte.