Die Lese- und Rechtschreibstörung (LRS), fachsprachlich Legasthenie (von ‚lesen‘ und , also ‚Leseschwäche‘),Pschyrembel Medizinisches Wörterbuch. 257. neu bearbeitete Auflage, Sonderausgabe. Nikol, Hamburg 1993, ISBN 3-933203-04-X, S. 859. bezeichnet die massive und lang andauernde Störung des Erwerbs der Schriftsprache (geschriebenen Sprache). Eine bloße Leistungsschwäche hingegen (z. B. von Schülern im Vergleich zu Gleichaltrigen) wird als Lese-Rechtschreib-Schwäche bezeichnet.

Menschen mit einer Lese- und Rechtschreibstörung haben Probleme mit der Umsetzung der gesprochenen Sprache in geschriebene Sprache (und umgekehrt). Als Ursache werden eine genetische Veranlagung, Probleme bei der auditiven und visuellen Wahrnehmungsverarbeitung, bei der Verarbeitung von Sprache und vor allem bei der phonologischen Bewusstheit angenommen. Ein eindeutiger, wissenschaftlich fundierter Beweis steht noch aus (Stand März 2021). Die Legasthenie tritt isoliert und erwartungswidrig auf: Das heißt, es gibt für die schriftsprachlichen Probleme ohne gründliche Untersuchung durch einen Neurologen keine plausible Erklärung (wie generelle Minderbegabung oder unzureichende Beschulung).

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie schätzt, dass in Deutschland 4 % der Schüler von einer Legasthenie betroffen sind.Friedhelm Espeter: Von Legasthenie/Dyskalkulie betroffen!. Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. S. 8 Bei frühzeitiger Erkennung können die Probleme in vielen Fällen kompensiert werden; doch je später eine Therapie einsetzt, desto geringer sind in der Regel die erzielbaren Effekte. Dass entsprechende Hoffnungen in der Praxis nur bedingt berechtigt sind, belegt eine Studie der Universitätsklinik München, der zufolge 4 % aller deutschen jungen Erwachsenen nur ein durchschnittliches Rechtschreibniveau von Viertklässlern erreicht haben.Pädagogische Hochschule Heidelberg: Was ist eine LRS?

Erscheinungsbild aus medizinischer Sicht rechts|Erscheinungsbild der Legasthenie nach ICD-10

Nach ICD-10, der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme durch die Weltgesundheitsorganisation WHO, ist die Lese- und Rechtschreibstörung eine „Krankheit“. Die WHO unterscheidet zwischen

Lese- und Rechtschreibstörung (F81.0), isolierter Rechtschreibstörung (F81.1), Rechenstörung (F81.2) und einer kombinierten Störung schulischer Fertigkeiten (F81.3; Beeinträchtigung des Lesens, Schreibens und Rechnens).

Neuere Forschungsarbeiten weisen darauf hin, dass auch die Lesestörung isoliert auftreten kann und sich zudem von der isolierten Rechtschreibstörung unterscheidet, da die Störungsbilder mit jeweils unterschiedlichen Problemen im Arbeitsgedächtnis, einem Teilbereich des Gehirns, einhergehen. Die Störungen können zwar auch in Kombination auftreten, hängen aber demnach nicht zusammen.Laut Forschern haben Rechtschreib- und Leseschwäche nicht die gleiche Ursache Diagnostizieren mit Kunstworten Die Welt, vom 12. November 2014, abgerufen am 10. April 2015Janin Brandenburg, Julia Klesczweski, Anne Fischbach, Kirsten Schuchardt, Gerhard Büttner & Marcus Hasselhorn: Working Memory in Children With Learning Disabilities in Reading Versus Spelling: Searching for Overlapping and Specific Cognitive Factors In: Journal of Learning Disabilities 2014, doi:10.1177/0022219414521665.Karin Landerl, Kristina Moll: Dissoziation zwischen Störungen des Lesens und Störungen des Rechtschreibens. In: Gerd Schulte-Körne, Günther Thomé (Hrsg.) (2014): LRS – Legasthenie. interdisziplinär. Oldenburg: Isb-Verlag, S. 47–60, ISBN 978-3-942122-11-5. doi:10.1177/0022219414521665. Anders als in der ICD-10 finden sich im DSM-5 aus diesem Grund getrennte Kategorien für Störung des Lesens, des Schreibens, der mathematischen Kompetenzen sowie aller Kombinationen dieser Lernstörungen.

Zu Beginn des Schriftspracherwerbs können Probleme beim Aufsagen des Alphabets, der Benennung von Buchstaben oder dem Bilden von Reimen auftreten. Später zeigen sich Leseprobleme, die folgende Formen annehmen können:

Auslassen, Verdrehen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen niedrige Lesegeschwindigkeit Ersetzen von Buchstaben, Silben und Wörtern Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text Vertauschen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in den Wörtern Schwierigkeiten bei Doppellauten

Ebenso können Probleme im Leseverständnis auftreten, die sich folgendermaßen äußern:

Unfähigkeit, Gelesenes wiederzugeben, aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen oder Zusammenhänge zu sehen Gebrauch allgemeinen Wissens anstelle der Textinformationen beim Beantworten von Fragen

Diese Lese- und Rechtschreibfehler sind nicht nur typisch für Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibstörung. Alle Kinder, die das Lesen und Schreiben erlernen, machen anfänglich die gleichen Fehler in verschieden starkem Ausmaß. Bei den meisten Kindern nehmen die Probleme jedoch sehr rasch ab und verschwinden schließlich weitgehend. Kinder mit Legasthenie machen die Fehler wesentlich häufiger, und die Probleme bleiben über lange Zeit stabil. Auffällig ist besonders, dass die Fehler kaum Konstanz erkennen lassen: Weder ist es möglich, stabile Fehlerprofile zu ermitteln, noch gibt es eine bestimmte Systematik der Fehler. Ein und dasselbe Wort wird immer wieder unterschiedlich falsch geschrieben.

Auch wenn eine Legasthenie nicht anhand der Fehlertypen diagnostiziert werden kann, so hat sich doch unter therapeutischen Gesichtspunkten eine Unterteilung der Fehler in die folgenden Fehlerarten als hilfreich erwiesen:Carola Reuter-Liehr: Lautgetreue Lese-Rechtschreibförderung, Band 1. Bochum 2001, S. 140 ff. (3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2008, S. 200 ff.)

Phonemfehler als Verstöße gegen die lautgetreue Schreibung (Verstöße gegen die Buchstaben-Laut-Zuordnungsregeln, Probleme bei der Wortdurchgliederung: Auslassungen, Verdrehungen, Hinzufügungen) Regelfehler als Verstöße gegen die regelhaften Abweichungen von der lautgetreuen Schreibung (Ableitungsfehler, Groß-/Kleinschreibungsfehler) Speicherfehler oder Merkfehler als Verstöße gegen die regelhaften Abweichungen Restfehler

Ursachen Zur Entstehung einer Lese- und Rechtschreibstörung können vielfältige Ursachen beitragen, wobei in aller Regel verschiedene Faktoren zusammenwirken. Einzelne Einflüsse, wie etwa eine genetische Disposition, führen nicht zwangsläufig zur Herausbildung einer Lernstörung, sondern können durch präventive Maßnahmen im Vorschulalter und intensive Betreuung während der gesamten Schul- und Ausbildungszeit kompensiert werden.

Derzeit werden unter anderem die folgenden Ursachen diskutiert:

Genetik: Da in Familien häufig mehrere Familienmitglieder von LRS betroffen sind, wird in jüngerer Zeit verstärkt eine genetische Komponente diskutiert. Da die Konkordanz für die Lese- und Rechtschreibstörung bei eineiigen Zwillingen 68 %, bei zweieiigen Zwillingen hingegen nur 38 % beträgt, ist ein substantieller genetischer Einfluss nicht von der Hand zu weisen.Simon E. Fisher, John C. DeFries: Developmental Dyslexia: Genetic Dissection of a Complex Cognitive Trait. In: Nature Reviews. Neuroscience. Heft 3, 2002, , S. 767–780, doi:10.1038/nrn936. Man vermutet eine polygenetische Ursache mit Bezug zu den Chromosomen 2, 3, 6, 18 und vor allem 15. Ein deutsch-schwedisches Forscherteam hat 2006 auf dem 6. Chromosom ein Gen mit der Bezeichnung DCDC2 identifiziert (), das mit Legasthenie anscheinend deutlich korreliert ist. Es wird angenommen, dass dieses Gen bei der Entwicklung des Gehirns und dabei insbesondere bei der Migration der Nervenzellen im fetalen Gehirn eine Rolle spielt.J. Schumacher et al.: Strong genetic evidence of DCDC2 as a susceptibility gene for dyslexia. In: American Journal of Human Genetics. Band 78, Nummer 1, Januar 2006, S. 52–62, doi:10.1086/498992, PMID 16385449, . Daneben werden aber auch noch verschiedene andere Gene bzw. Genvarianten als Ursache der Legasthenie diskutiert, sodass derzeit nicht von einer monogenetischen Ursache ausgegangen werden kann. Neurologie: Bereits Neugeborene aus Risikofamilien zeigen abweichende Hirnstrommuster bei der Darbietung sprachlicher und nicht-sprachlicher akustischer Stimuli.Dennis L. Molfese: Predicting Dyslexia at 8 Years of Age Using Neonatal Brain Responses. In: Brain and Language. Band 72, Nr. 3, 2000, , S. 238–245, online (PDF; 38 kB).Tomi K. Guttorm, Paavo H. T. Leppänen, Ulla Richardson, Heikki Lyytinen: Event-Related Potentials and Consonant Differentiation in Newborns with Familial Risk for Dyslexia. In: Journal of Learning Disabilities. Heft 34, 2001, , S. 534–544, doi:10.1177/002221940103400606. Auch bei Schülern und Erwachsenen mit Legasthenie konnten mit Hilfe von bildgebenden Verfahren beim Lesen Abweichungen der Aktivierungsmuster in der Großhirnrinde nachgewiesen werden. Diese betreffen vorwiegend die sprachverarbeitenden Zentren im Schläfen- und Stirnlappen der linken Hirnhälfte, in der im Vergleich zu nicht-legasthenen Personen andere Aktivierungszentren und -lokalisationen zu finden sind. Man beobachtete auch, dass die zuständigen Hirnzentren nicht ausreichend synchron arbeiten oder nicht ausreichend vernetzt sind. Weiterhin liegen Hinweise auf ein Defizit in der Verarbeitung schneller Folgen von Stimuli vor, das auf eine weniger effiziente Erregungsweiterleitung in der Seh- und Hörbahn zurückzuführen ist. Wahrnehmungs- und Blickfunktionsstörungen: Störungen der auditiven und/oder visuellen Wahrnehmungen sowie Störungen der Blicksteuerung können zu einer Lese- und Rechtschreibstörung und Dyskalkulie beitragen, auch wenn periphere Hör- und Sehprobleme Ausschlusskriterien einer LRS-Diagnose sind. Die Blicksprünge (Sakkaden) von Kindern mit LRS sind oft zeitlich unpräziser als diejenigen gleichaltriger Kinder, und bis zu 60 % der legasthenischen Kinder haben Probleme, ihren Blick bewusst präzise so zu steuern, wie es beim Lesen von Text nötig ist (siehe auch Punkt 2. Neurologie).B. Fischer, Monica Biscaldi, K. Hartnegg: Die Bedeutung der Blicksteuerung bei der Lese-Rechtschreibschwäche. In: Sprache Stimme Gehör. Band 22, 1998, , S. 18–24.Burkhart Fischer, Klaus Hartnegg: Saccade Control in Dyslexia: Development, Deficits, Training, Transfer to Reading. In: Optometry & Vision Development. Band 39, Nr. 4, 2008, S. 181–190, online (PDF; 308 kB).Tina Schäffler, Juliane Sonntag, Klaus Hartnegg, Burkhart Fischer: The effect of daily practice on low-level auditory discrimination, phonological skills, and spelling in dyslexia. In: Dyslexia. Band 10, Nr. 2, 2004, , S. 119–130, doi:10.1002/dys.267.Burkhart Fischer, Andrea Köngeter, Klaus Hartnegg: Effects of daily practice on subitizing, visual counting, and basic arithmetic skills. In: Optometry & Vision Development. Band 39, 2008, S. 30–34, online (PDF; 452 kB).mini|540px|Zusammenhang Legasthenie und Sprachentwicklungsverzögerung