Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt ist ein 1971 im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks gedrehtes Filmdrama von Rosa von Praunheim.
In dem Film wird am Beispiel der Protagonisten das Leben homosexueller Männer Anfang der 1970er Jahre in der schwulen Subkultur in Berlin dargestellt. Eine zentrale These des Films ist, dass Homosexuelle die schlechte Situation, in der sie auf Grund ihrer Benachteiligung leben, zum Teil selber zu verantworten hätten. Tenor ist, dass Homosexuelle ihre Angst und Ohnmacht überwinden und aus ihren „Verstecken“ herauskommen sollten, um sich zu organisieren, sich gegenseitig zu unterstützen und solidarisch für eine bessere, gleichberechtigte Gesellschaft zu kämpfen.
Die Aussagen und Forderungen des Films beruhen auf der politischen Agenda und gesellschaftlichen Analyse der Drehbuchautoren. Der Film wurde als Stummfilm gedreht und erst nachträglich mit Dialogen sowie sozialkritischen und provokanten Kommentaren unterlegt, um einen Abbruch der Dreharbeiten durch Produktionsverantwortliche zu vermeiden. Die dabei entstandene Asynchronität wurde bewusst als Stilmittel eingesetzt. In dem Film kommt es zum ersten Kuss zwischen zwei Männern, der im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde.
Der Film wurde zum Auslöser der modernen deutschen Lesben- und Schwulenbewegung und hatte nicht nur direkte gesellschaftspolitische Auswirkungen in der Bundesrepublik Deutschland zur Folge, sondern auch eine internationale Wirkung: „Sein [Rosa von Praunheims] epochaler Film Nicht der Homosexuelle … gilt seit langem als maßgeblich für die Etablierung der schwulen Befreiungsbewegung in Deutschland und als Katalysator für Befreiungsbewegungen weltweit.“ (Cerise Howard, Filmhistorikerin und Kuratorin des Australischen Filmmuseums) Der Film trug zum Wandel der Verwendung des Worts schwul vom Schmähwort zur Selbstbezeichnung Homosexueller bei.https://www.perlentaucher.de/essay/warum-das-wort-queer-nicht-dasselbe-besagt-wie-das-wort-schwul.html
Handlung Der junge Daniel aus der Provinz kommt nach West-Berlin und trifft dort auf Clemens. Beide erleben die große Liebe, ziehen zusammen und versuchen, die bürgerliche Ehe zu kopieren. Nach vier Monaten trennen sie sich wieder, weil Daniel einen reichen älteren Mann kennengelernt hat, in dessen Villa er einzieht. Wenig später betrügt ihn sein neuer Freund bei einem Musikabend mit einem anderen Mann. Für ihn war Daniel nur ein Lustobjekt auf Zeit.
Daniel beginnt, in einem Schwulen-Café zu arbeiten, kleidet sich nach der neuesten Mode und passt sich schnell an die Ideale und Gegebenheiten der schwulen Subkultur an. Er verbringt seine Freizeit gerne im Strandbad und lässt sich nur mit einer knappen Badehose bekleidet von anderen Schwulen bewundern. Nachts geht er in Szene-Bars und wird immer mehr von ständig wechselnden Partnern und flüchtigen Sex-Abenteuern abhängig. Nach einiger Zeit entdeckt er auch die Reize des Cruisings in Parks und in öffentlichen Toiletten, wo er einmal auch miterleben muss, wie ältere schwule Männer beleidigt und verprügelt werden.
Eines Tages landet Daniel zu später Stunde in einem Travestie-Lokal, in der sich um diese Uhrzeit vor allem Männer treffen, die bis dahin noch keinen Partner für die Nacht gefunden haben. Hier lernt er Paul kennen, der ihn mit in seine schwule Wohngemeinschaft im Stil einer Kommune nimmt.
Die Bewohner der Kommune diskutieren mit Daniel über die Herausforderungen und Probleme ihres Lebens und versuchen, ihm zu verdeutlichen, dass er ein oberflächliches Leben führen würde. Emanzipierte Männer sollten ihrer Meinung nach öffentlich zu ihrer Homosexualität stehen und aktiv für andere Werte schwulen Lebens eintreten, als nur Modetrends und schnellem, meist anonymen Sex nachzujagen. Die Bewohner schlagen Daniel vor, sich mit ihnen auf einer aktivistischen Ebene zu verbünden. Zusammen mit Gleichgesinnten wollen sie soziale Netzwerke schaffen, um sich gegenseitig zu unterstützen und um sich politisch zu organisieren, damit sie gemeinschaftlich für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen können, in der sich Homosexuelle frei und ohne Diskriminierung bewegen und entwickeln können.
Hintergrund Am 1. September 1969 trat die Liberalisierung des § 175 (StGB) in Kraft. Praktizierte männliche Homosexualität unter Erwachsenen war fortan nicht mehr strafbar. Dadurch begann langsam ein öffentliches schwules Leben in Deutschland, primär in Großstädten wie Berlin und Köln. Dieses war noch geprägt von den inkognito lebenden, sich der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft unterordnenden und auf Toleranz hoffenden Homophilen, ihren in der Öffentlichkeit nicht sichtbaren und meist getarnten Vereinen, der rein kommerziell geprägten und hinter unscheinbaren Türen, zugeklebten Fenstern und namenlosen Klingelschildern versteckten Bar- und Club-Szene, die von der neuen Schwulenbewegung auch als „Sex-Ghetto“ bezeichnet wurde, sowie den als anonymen Kontaktplätzen dienenden Parks und öffentlichen Toiletten, sogenannten Klappen, die aus der Zeit vor der Entkriminalisierung homosexueller Sexualkontakte im Jahr 1969 eine zentrale Bedeutung eingenommen hatten.
So hieß der Arbeitstitel des Films: Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt – Das Glück auf der Toilette.
Neben Rosa von Praunheim und Sigurd Wurl lieferte der Soziologe und Sexualwissenschaftler Martin Dannecker die Textbeiträge zu dem Film. Zusammen mit Reimut Reiche arbeitete Dannecker ab 1970 an seiner Untersuchung über den „gewöhnlichen Homosexuellen“.
Veröffentlichung und historische Bedeutung Der Film wurde am 3. Juli 1971 im Rahmen der Berlinale im Internationalen Forum des Jungen Films uraufgeführt. Bei den Aufführungen in Kinos und auf Filmfestivals kam es oft zu spontanen Diskussionen, teilweise im Beisein der Drehbuchautoren. Bereits 1971 gründeten sich daraufhin zahlreiche Homosexuelleninitiativen, beispielsweise die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) und die Rote Zelle Schwul (RotZSchwul)Vgl. Jannis Plastargias: RotZSchwul. Der Beginn einer Bewegung (1971–1975). Querverlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-89656-238-8. in Frankfurt am Main. Zwischen 1971 und 1973 kam es zur Gründung von über 70 registrierten Gruppen, Vereinen und anderen Einrichtungen, davon 55 mit einem allgemeinen Vertretungsanspruch, die fast ausnahmslos auf den Film zurückgingen. Dies war der Beginn der modernen, anfangs studentisch und politisch links geprägten Lesben- und Schwulenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland.
Im Fernsehen wurde der Film erstmals am 31. Januar 1972 bewusst zu später Stunde im WDR ausgestrahlt. Der ursprünglich vorgesehene Sendetermin in der ARD wurde von der Programmleitung auf Vorschlag der Ständigen Fernsehprogrammkonferenz ins Dritte Fernsehprogramm verschoben: „Die Konferenz hatte die Meinung vertreten, dieser Film sei geeignet, zur Zeit noch bestehende Vorurteile gegen Homosexuelle zu bestätigen oder zu verstärken, anstatt diese abzubauen.“ Der Bavaria-Film-Produzent Günter Rohrbach kommentierte dazu: „Unter dem Vorwand, gerade die Homosexuellen selbst vor Schaden bewahren zu wollen, wird der engagierteste, mutigste und konsequenteste Film, der bisher für ihre Befreiung gedreht wurde, einer großen Öffentlichkeit vorenthalten.“ Eigentlich würde es den Programmverantwortlichen darum gehen, so Rohrbach, an der bestehenden Situation der Homosexuellen in der Gesellschaft nichts zu ändern, und zwar in der Gewissheit, in diesem Punkt mit der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft übereinzustimmen. Steve Ewin (B. A.) vom American Institute for Contemporary German Studies (AICGS) schrieb in seiner Abhandlung über die LGBT-Repräsentation in deutschen Medien (Weimar and Beyond, 2021), Nicht der Homosexuelle … sei eine direkte Breitseite gegen eine Gesellschaft gewesen, die sich geweigert habe, Handlungen nach § 175 als „nationalsozialistisches Unrecht“ anzuerkennen.
Der WDR hatte vorsorglich die Sendertelefone für die Ausstrahlung verstärkt besetzt, was sich auch als notwendig erwies. Wie in solchen Situationen üblich, riefen vor allem empörte Bürger an, etwa 95 % der Anrufe waren negativ. Die am häufigsten geäußerte Meinung war sinngemäß: „Lasst uns doch mit den Homosexuellen zufrieden, wir wollen mit denen nichts zu tun haben.“ Ein Jahr nach der Erstausstrahlung sendete das WDR Fernsehen eine Publikumsdiskussion unter Leitung von Moderator Reinhard Münchenhagen mit der Teilnahme des Filmemachers Rosa von Praunheim, des Co-Autors Martin Dannecker, des Religions- und Kultursoziologen Demosthenes Savramis, der Politikerin Emmy Diemer-Nicolaus, des Bundestagsabgeordneten Wilderich Freiherr Ostman von der Leye und des Co-Produzenten Günter Rohrbach, die kontrovers darüber debattierten, weshalb der Film erst zu später Stunde im Dritten Programm gesendet worden war, über die Definitionen der Begriffe „normal“ und „pervers“, die gesellschaftliche Integration von Homosexuellen, die Strafrechtsreform in Bezug auf den Paragraphen 175, Homosexualität am Arbeitsplatz, den Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Homosexuellen und den Aufklärungswert des Films.Publikumsdiskussion Nicht der Homosexuelle…. Talk-Runde, 1973, 97 Min. Moderation: Reinhard Münchenhagen. Eine Produktion von Westdeutscher Rundfunk Köln
Die erste bundesweite Ausstrahlung im ARD-Fernsehen erfolgte schließlich am 15. Januar 1973, allerdings schaltete sich dabei der Bayerische Rundfunk unter seinem damaligen Fernsehdirektor Helmut Oeller aus und sendete stattdessen den finnischen Rennfahrerfilm Benzin im Blut als Gegenprogramm, was erneut zu einem Medienskandal rund um von Praunheims Film führte.
Gegen die Fernsehaufführung (im Allgemeinen und in der ARD im Speziellen) hatten im Vorfeld auch die Internationale Homophilen-Welt-Organisation (IHWO) und die vom ehemaligen NPD-Mitglied Jürgen Neumann 1971 gegründete Deutsche Homophile Organisation (DHO) agiert, die auf Grund ihrer Politik der gesellschaftlichen Anpassung und Unterordnung gegenüber der heterosexuellen Mehrheit massiver Kritik ausgesetzt waren und um ihre Daseinsberechtigung fürchteten. Mit der alten Homophilenbewegung gab es kaum Schnittstellen und Kontakte, sondern vor allem Konflikte. Aus der Ablehnung der bisherigen „versteckten“ und rein kommerziellen Lokalszene wurden zum Beispiel in der Folge alternative Begegnungsstätten und Vereinslokale geschaffen, wie das SchwuZ in Berlin. Auch kommerzielle Bars und Clubs präsentierten sich offen der Schwulenszene zugehörig, zum Beispiel durch das Anbringen von Regenbogenfahnen an den nun durch Fenster geöffneten Fassaden. Die homophilen Einrichtungen und Strukturen in Deutschland fielen nach dem Film rasch in sich zusammen und es entstand eine neue, von der modernen Lesben- und Schwulenbewegung geprägte Szene und Community.
Auch in der DDR wurde die Botschaft des Films von Schwulen und Lesben übernommen und in Aktivismus umgesetzt. Unter anderem stieß sie 1973 die Gründung der HIB in Ost-Berlin an, nicht nur die erste Organisation von Schwulen und Lesben in der DDR, sondern im gesamten Ostblock. Mitinitiator Peter Rausch fasste die Situation wie folgt zusammen: „Wir sahen damals den Film von Rosa von Praunheim Nicht der Homosexuelle … und wir waren elektrisiert.“ Auf Grund staatlicher Unterbindungen einer offenen homosexuellen Emanzipationsbewegung und Vereinskultur konnte diese jedoch nicht erwachsen wie in West-Deutschland.