mini|250px|Lage von White City in London White City ist als Stadtviertel von London der nördliche Teil des Distrikts Shepherd’s Bush und gehört zum Stadtbezirk London Borough of Hammersmith and Fulham. Das Viertel befindet sich rund sechs Kilometer westlich vom Londoner West End (ab Höhe Piccadilly Circus, Oxford Circus) und wird ungefähr begrenzt durch die A40 (Westway) im Norden, der West Cross Route im Osten, parallel zur Uxbridge Road im Süden und der Bloemfontein Road im Westen. Die Gegend nahm ihren Anfang als urbanes Gebiet zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem dort großangelegten Ausstellungsgelände.
Kennzeichnend für White City ist die Teilung in gewissermaßen zwei soziale Welten: die Sozialbau-Großwohnsiedlung White City Estate im Westen gegenüber der wohlhabenden östlichen Seite, heute unter anderem als Standort von modernen Unternehmen und mit dem nunmehr größten Einkaufszentrum Europas. Die östlichen rund zwei Drittel des Stadtviertels sind seit etwa Mitte der 1990er Jahre Gegenstand eines umfangreichen Stadtentwicklungsprogramms, das derzeit (Ende 2021) in seine Endphase gelangt. Dazu gehört der Bau von mehreren tausend Wohnungen, die größtenteils einem zahlungskräftigeren Publikum angeboten werden.So wurden auf der Internet-Plattform televisioncentre.com im März 2020 Wohnungseinheiten ab 1 Mio. Pfund Sterling angeboten (Website abgerufen am 26. März 2020).
White City ist Teil des Londoner Wahlbezirks Wormholt & White City und gehört zum Postbezirk W12.
Geschichte 19. Jahrhundert Die Gegend von White City ist ebenes Gelände und war bis ins 19. Jahrhundert teils unkultiviertes, teils landwirtschaftlich genutztes Land. Etliche Landstücke waren öffentlicher Grund. Ab dem 17. Jahrhundert verlief die North High Way, die heutige Uxbridge Road, als Hauptverbindung zwischen London und Oxford an der Stelle, die jetzt die äußerste südliche Begrenzung von White City darstellt. Als einzige Straße von Nord nach Süd durchzog die Wood Lane das Gebiet, welche Shepherd’s Bush mit dem gut zwei Kilometer weiter nördlich gelegenen Freigelände Wormwood Scrubs verband.Vgl. eine Landkarte von 1832 auf londonancestor.com (abgerufen am 11. Dezember 2021).
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden im heutigen Südosten von White City erste Wohnbauten in Form von Doppelhäusern, und als herausragender Bau befand sich östlich der Wood Lane das Anwesen Wood House im Georgianischen Stil. Westlich der Wood Lane gab es einige Pflanzenzuchtbetriebe. Ab 1844 führte parallel zur Wood Lane als erste Bahnlinie in dieser Gegend die West London Railway durch. Etwa um diese Zeit entstanden östlich der Wood Lane mit Eynham und westlich mit der Wood Lane Farm zwei größere Betriebe. In den 1870er Jahren wurde die Du Cane Road gebaut, eine von der Wood Lane nach Westen abgehende Straße, die heute etwas nördlich der A40 Westway verläuft.
Bis Ende des 19. Jahrhunderts war westlich der Wood Lane im südlichen Teil eine große Anzahl an Reihenhäusern entstanden und das Gebiet nördlich davon wurde hinauf bis zur Wood Lane Farm für die Herstellung von Ziegeln genutzt (Cowley Brick Works). Östlich der Wood Lane gab es mit den großen Eynham Brick Fields ebenfalls Ziegelproduktion.Vgl. dazu eine historische Landkarte von Ordnance Survey auf der Website der National Library of Scotland: Die Gründe des Gehöfts Wood House wurden Ende des Jahrhunderts einige Jahre lang als öffentlicher Park zugänglich gemacht.
Frühes 20. Jahrhundert Das Ausstellungsgelände Great White City mini|Anlage des White City-Ausstellungsgeländes auf einer Landkarte von 1912 Das Gebiet unmittelbar westlich der Wood Lane und südlich der Du Cane Road war zumindest zum Teil Gemeingrund und galt als geeignet, hier die ab 1905 geplante und für 1908 anberaumte Franco-British Exhibition auszurichten, eine Schau zur Wirtschaft und Kultur von Frankreich und dem Vereinigten Königreich. Alle für diesen Zweck errichteten, aufwendigen Ausstellungsgebäude in teils orientalischem Stil waren in Weiß gehalten und hatten weiße, mit Stuck versehene oder an Marmor erinnernde Fassaden, sodass sich aufgrund der großen Anzahl an prachtvollen Bauten der Eindruck einer ergab. Geplant und ausgeführt wurde das Bauvorhaben vom ungarischstämmigen Veranstaltungsmanager Imre Kiralfy, der zuvor 1893 die Weltausstellung in Chicago (World’s Columbian Exposition) besucht hatte und das dortige Ausstellungsgelände für seine Bauten zum Vorbild nahm. Zu Werbezwecken übernahm man auch die in Chicago entstandene Bezeichnung White City, die sich ebenfalls auf die Farbe der dortigen Gebäude, aber auch auf die nächtliche Beleuchtung der Ausstellungsstadt bezogen hatte. Denn Außenbeleuchtung in der Nacht durch Elektrizität war erst kurz zuvor in Europa aufgekommen und in den USA bis dahin weitgehend unbekannt, sodass die Illumination der Gebäude entsprechenden Sensationscharakter hatte.„The glow of the fair’s buildings, illuminated by electric lights at night, awed even those who had grown used to the miracle of modern science. – Das Erstrahlen der nachts durch elektrisches Licht beleuchteten Ausstellungsgebäude flößte sogar denen Ehrfurcht ein, die sich schon an die Wunder der modernen Wissenschaft gewöhnt hatten.“ () Der für London modifizierte Name Great White CityIn den Publikationen aus jener Zeit (Postkarten, Ausstellungskataloge) wird der Londoner Ausstellungsort als Great White City bezeichnet. Das englische Wort great bedeutet ‚groß‘ weniger im Sinne einer räumlichen Größe als vielmehr ‚großartig, bedeutsam, einmalig‘. (Vgl. dazu zweisprachige Wörterbücher wie etwa online auf dict.cc.) für die Londoner Messe blieb auch über die Zeit der nachfolgenden Ausstellungen hinaus erhalten und übertrug sich vereinfacht als White City auf spätere Einrichtungen in diesem Bereich. mini|Postkarte mit einer Aufnahme der Franco-Britischen Ausstellung 1908, die White City begründete mini|hochkant|Cover des Ausstellungskatalogs zur Japan-British Exhibition 1910 mini|Postkarte mit einer Ansicht der Latin-British Exhibition 1912 mini|hochkant|Werbeposter für die Anglo-American Exposition 1914 Kiralfy ließ für sein Ausstellungszentrum 140 acre (56,6 ha) Land bebauen. Das Gelände umfasste 120 aus Stahl und Beton gefertigte Ausstellungsgebäude sowie weitere 20 palastähnliche Messehallen. Bei der Errichtung waren an die 120.000 Personen beschäftigt, zumal der Bau der gesamten Anlage innerhalb nur eines Jahres bewerkstelligt werden musste. Es wurden – gleich einer Stadt und nach Vorbild der Chicagoer Ausstellung – Straßen, Brücken, Kanäle und ein künstlicher See angelegt. Neben den Ausstellungshallen gab es auch etliche Fahrgeschäfte, von denen in den Folgejahren noch mehrere dazukamen. Als besonders attraktiv galt die Flip-Flap machine, die die Besucher auf eine Höhe von 60 Metern emporhob.
Zugänge zum Ausstellungsgelände gab es von Osten, wo eigens dafür zwei Bahnstationen eingerichtet wurden, sowie von Süden, wo man einen etwa 700 Meter langen, überdachten Arkadengang errichtete, damit das Messeareal von den Bahnstationen Uxbridge Road und Shepherd’s Bush (siehe Abschnitt Verkehr) auf möglichst kurzem Fußweg zu erreichen war. Der Zugang nahm seinen Anfang an der Uxbridge Road, wo ein riesiges, unterkellertes Portal als Eingang diente. Der Weg selbst wurde als erhöhter Steg 30 Fuß (gut 9 Meter) über dem Boden errichtet. Integriert im Zugang zum eigentlichen Ausstellungsgelände waren sieben Ausstellungshallen, die auf Höhe des Gehwegs durchschritten wurden.
Ausstellungen Nach der französisch-britischen Ausstellung 1908, die über acht Millionen Besucher verzeichnete, folgten in den nächsten Jahren als weitere Länderausstellungen die Imperial International Exhibition (1909) Japan-British Exhibition (1910) Coronation Exhibition (1911) Latin-British Exhibition (1913) Anglo-American Exposition (1914) Die Ausstellungen waren insbesondere politisch motiviert und dienten der Stärkung der gegenseitigen Beziehungen sowie der Vermittlung eines bestimmten Images der beteiligten Länder. Die Franco-British Exhibition hatte den Zweck, im Bewusstsein der Bevölkerung ein friedliches Bild des jahrhundertelangen politischen Rivalen Frankreich zu stärken – auf dem Hintergrund der Entente cordiale, eines 1904 geschlossenen Abkommens zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich, das die Einflussnahme auf die Kolonien beider Länder in Afrika regelte. Die Ausstellung präsentierte die britischen und französischen Errungenschaften in den Bereichen Industrie, Kunst, Wissenschaft, Gartenbau, Erziehung und Freizeit. Auch gab es zwei Völkerschauen.
Ähnlich gelagert waren die nachfolgenden Ländermessen. Die Imperial International Exhibition bezog sich auf die um Russland erweiterte Triple Entente, und ein großer Teil der Ausstellung war gegenüber dem Vorjahr unverändert, aber um Beiträge Russlands erweitert. Hintergrund für die nachfolgende Japan-British Exhibition war die Anglo-Japanische Allianz, ein mit dem Kaiserreich Japan geschlossenes Abkommen, das einen Wendepunkt in der britischen Außenpolitik (Abkehr von der Splendid isolation) darstellte. Die Coronation Exhibition danach fand anlässlich der Krönung von König Georg V. statt. Wiederum wurden Teile der Großbritannien betreffenden früheren Ausstellungsobjekte gezeigt, um die wirtschaftliche und kulturelle Größe des Britischen Empire zu demonstrieren.
Auch die Ausstellungen von 1913 und 1914 hatten das Ziel, das Leben der betreffenden Länder nahezubringen. In der Latin-British Exhibition 1913 waren dies die Kolonien von Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und die britischen Kolonien sowie lateinamerikanische Länder, und in der Anglo-American Exhibition 1914 wurde das US-Amerika geboten (Wildwest-Shows, bauliche Nachbildungen von New York, Grand Canyon und dergleichen mehr). Alle Projekte verstanden sich zwar mit einem Bildungsauftrag, waren jedoch rein „westlich“ und bestehende Verhältnisse stabilisierend ausgerichtet; die indigenen Völker wurden rein als Profiteure der Kolonialmächte dargestellt, und mit der USA-Ausstellung wurden Klischees bedient.
Olympische Spiele 1908
White City war 1908 parallel zur Ausstellung auch zentraler Austragungsort für die IV. Olympischen Spiele. Zu diesem Zweck wurde, ebenfalls von Imre Kiralfy, integriert in das Ausstellungsgelände das White City Stadium errichtet, das – analog zu Great White City – auch Great Stadium genannt wurde. Es handelte sich dabei um ein Mehrzweckstadion für über 93.000 Besucher. Das Stadion verfügte über eine Radrennbahn, Anlagen für Leichtathletik- und Turnwettkämpfe, ein Spielfeld für verschiedene Ballsportarten sowie über ein Schwimmbecken mit versenkbarem Sprungturm. Das Stadion war auch Ziel des beim Schloss Windsor begonnenen Marathonlaufs. Die Streckenlänge wurde von den bis dahin üblichen exakten 42 km auf genau 42,195 km verlängert, damit der Lauf direkt vor der königlichen Loge endete. Diese Streckenlänge gilt seitdem als offizielle Länge eines Marathonlaufs.Vgl. olympic.org (Link: All Facts), abgerufen am 8. April 2018.
mini|König Edward VII. eröffnet am 18. Juli 1908 offiziell die Olympischen Spiele