Im Zuge der 1968er-Jahre entstand in der evangelischen Kirche eine eigene Frauenbewegung, die ähnliche Inhalte vertrat wie die autonome Frauenbewegung, teilweise aber auch andere Schwerpunkte setzte. In der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) trug sie maßgeblich dazu bei, dass überkommene theologische Positionen zum Verhältnis der Geschlechter aufgegeben wurden und sich in Gremien und Ämtern eine gleichberechtigte Teilhabe von Männern und Frauen verbreitete. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau war die erste Landeskirche, die Frauen und Männer im Pfarramt vollständig gleichgestellt hat, und auch die erste, die 2002 offiziell kirchliche Segnungen von homosexuellen Paaren in die Lebensordnung aufnahm.www.ekhn.de/glaube/trauung/segnung-gleichgeschlechtlicher.html (Stand: 2. September 2017). Viele Impulse aus Hessen und Nassau strahlten dabei in andere Landeskirchen aus und sorgten für öffentliche Diskussionen, wie zum Beispiel das Projekt Bibel in gerechter Sprache.
Zentrale Anliegen und Auswirkungen Die evangelische Frauenbewegung hat von 1968 bis in die 1990er in vielfältiger Weise die Kirche verändert. Das Verhältnis der autonomen FrauenbewegungChristiane Drewello-Merkel, Sylvia Puchert (Hrsg.): 100 Jahre auf gutem Kurs. Evangelische Frauen in Hessen und Nassau und ihre Geschichte. Darmstadt 2007, S. 205, ISBN 3-934083-09-9. zur kirchlichen Frauenbewegung war eine konstruktive einander ergänzende Aktion der Beteiligten. Die Forderungen nach geschlechtergerechter Teilhabe gab es in Gesellschaft und Kirche.Gisela Matthiae, Renate Jost, Claudia Jansen u. a. (Hrsg.): Feministische Theologie: Initiativen, Kirchen, Universitäten – eine Erfolgsgeschichte. Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08032-1.
Die Frauenbewegung in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau verfolgte sowohl theologische als auch kirchenpolitische Anliegen. In theologischer Hinsicht ging es vor allem darum, androzentrische Gottesbilder aufzulösen und die Lebenswelt von Frauen in der Theologie explizit zu berücksichtigen. Ein Schwerpunkt lag dabei auf den politischen Konsequenzen christlicher Überzeugungen, was sich im Engagement für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt ausdrückte. Kirchenpolitisch forderte die evangelische Frauenbewegung den gleichberechtigten Zugang von Frauen zu allen Ämtern und Gremien, die Einführung neuer, inklusiver Liturgien sowie die Einführung geschlechtergerechter Sprache in kirchlichen Veröffentlichungen.
Die Resultate sind auch im Rahmen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) besonders hervorzuheben. 1997 hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau als eine der ersten Gliedkirchen der EKD ein Gleichstellungsgesetz verabschiedet.Evangelische Kirche in Hessen und Nassau e. V. (Hrsg.): Bye Bye und alles wird anders – oder?: Die Arbeitsstelle Frauen in der Kirche der EKHN beendet ihre Arbeit. Frankfurt am Main 2005, S. 10, ISBN 3-934083-06-4. Eine neue Kirchenordnung in geschlechtergerechter Sprache wurde im Jahr 2002 verfasst und etabliert.Vgl. Evangelische Kirche in Hessen und Nassau e. V. 2005, S. 12. Herausragend auf EKD-Ebene ist das bundesweite Projekt zur Bibel in gerechter Sprache, geleitet von 2001 bis 2006 von Hanne Köhler.
Initiiert durch die autonome Frauenbewegung in Deutschland, FriedensinitiativenEva Quistorp: Frauen für den Frieden. Analysen, Dokumente und Aktionen aus der Frauenfriedensbewegung. Frankfurt 1982, ISBN 3-88704-101-1., Befreiungstheologie und die internationale Bewegung Frauenkirche/WomenchurchRosemary Radford Ruether: Womenchurch. Theology and Practice of Feminist Liturgical Communities. Harper and Row 1988. Deutsche Übersetzung: Unsere Wunden heilen, unsere Befreiung feiern. Rituale feiern in der Frauenkirche. Stuttgart 1988, ISBN 3-7831-0931-0Rosemary Radford Ruether: Sexism and God-Talk. Toward a Feminist Theology. Boston 1983, ISBN 978-0-8070-1205-5. Deutsche Übersetzung: Rosemary Radford Ruether: Sexismus und die Rede von Gott. Schritte zu einer anderen Theologie. Gütersloh 1996, ISBN 3-579-00488-3. und feministische Theologie haben die Frauen eine Zusammenarbeit von hauptamtlich und ehrenamtlich Engagierten bewirkt. Sie haben durch Netzwerke, Initiativen und Aktionen die Strukturen der verfassten Kirche verändert und neue Stellen gefordert. Dazu gehören die Durchführung einer Frauenanhörung mit 500 Personen im Jahr 1986Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung der EKHN (Hrsg.): Frauen-Anhörung in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Eine Dokumentation und Anregungen für die Arbeit mit Gruppen. Darmstadt 1986., die Einrichtung einer Friedenpfarrstelle 1987Helga Engler-Heidle, Marlies Flesch-Thebesius (Hrsg.): Frauen im Talar. Ein Stück Frankfurter Kirchengeschichte. Schriftenreihe des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1997, S. 274, ISBN 3-922179-29-0., die Einrichtung des EVAngelischen Frauenbegegnungszentrums in Frankfurt am MainChristiane Drewello-Merkel, Sylvia Puchert (Hrsg.): 100 Jahre auf gutem Kurs. Evangelische Frauen in Hessen und Nassau und ihre Geschichte. Darmstadt 2007, S. 216f., ISBN 3-934083-09-9. und die Einrichtung einer Arbeitsstelle Frauen in der Kirche von 1990 bis 2004Evangelische Kirche in Hessen und Nassau e. V. (Hrsg.): Bye Bye und alles wird anders – oder?: Die Arbeitsstelle Frauen in der Kirche der EKHN beendet ihre Arbeit. Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-934083-06-4. sowie anschließend die Einrichtung eines Stabsbereichs Chancengleichheit in der EKHN.www.ekhn.de/ueber-uns/aufbau-der-landeskirche/Kirchenverwaltung/Chancengleichheit.html (Stand: 7. September 2017). Zu den Veränderungen gehören zudem die Geschichte der Theologinnen und Pfarrerinnen und die Entwicklung der Frauenordination in der EKHN.Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (Hrsg.): Mutige Schritte. 50 Jahre Gleichstellung von Frauen und Männern im Pfarrdienst. Darmstadt 2020, ISBN 978-3-87390-450-7
Weltanschauliche Grundlagen
Aus selbstorganisierten Netzwerken und Frauengruppen der 1968er-Jahre, den Frauenforen auf den Evangelischen Kirchentagen sowie Frauenwerkstätten auf den Kirchentagen in Frankfurt am Main 1987 und 2001Eva von Harrach, Gesine Hefft: Sehet die Frauen. Dokumentation der Frauenwerkstatt auf dem Frankfurter Kirchentag 1987, in: Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (Hrsg.): Informationspapier Nr. 70/71. Karlsruhe 1987.Annette Neff, Helga Engler-Heidle: Frauenwerkstatt beim Kirchentag 1987, in: Christiane Drewello-Merkel, Sylvia Puchert (Hrsg.): 100 Jahre auf gutem Kurs. Evangelische Frauen in Hessen und Nassau und ihre Geschichte. Darmstadt 2007, S. 119, ISBN 3-934083-09-9.Christine Bergerau: Frauenforum und Frauenwerkstätten des Deutschen Kirchentags, in: Renate Jost, Claudia Janssen, Antje Röckemann u. a. (Hrsg.): Feministische Theologie. Initiativen, Kirchen, Universitäten – eine Erfolgsgeschichte. Gütersloh 2008, S. 59–65, ISBN 3-579-08032-6. und der Forschung im universitären Bereich entstand in den 1970er-Jahren die christliche Feministische Theologie, verbunden mit der Wissenschaftstheorie und kontextuellen Theologie. Erste internationale Publikationen und Bewegungen religiös engagierter Frauen gab es in den USA und in Europa.Renate Jost, Claudia Janssen, Antje Röckemann u. a. (Hrsg.): Feministische Theologie. Initiativen, Kirchen, Universitäten – eine Erfolgsgeschichte. Gütersloh 2008, ISBN 3-579-08032-6. Ausgehend von der Initiative von Elisabeth Moltmann-Wendel war die erste deutsche Publikation Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit ein wichtiger Impuls für Feministische Theologie.Elisabeth Moltmann-Wendel: Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit. Zur Emanzipation der Frau. Kaiser Traktate 25, München 1977, ISBN 3-459-01112-2.
Weitere wichtige Publikationen mit Kriterien für eine feministische Bibelauslegung sind die beiden Bände Feministisch gelesen aus den Jahren 1988 und 1989, herausgegeben von Eva Renate Schmidt u. a.Eva Renate Schmidt, Mieke Korenhof, Renate Jost (Hrsg.): Feministisch gelesen, Band 1 und Band 2. Stuttgart 1988 und 1989.
Unter den kirchlichen Frauen entwickelte sich eine starke Aufbruchstimmung. Eine besondere Rolle spielte dabei die Evangelische Frauenarbeit in Hessen und Nassau. Die hier organisierten 16 Frauengruppierungen strebten eine grundsätzliche Neuordnung der gesamten Frauenlandschaft in der EKHN an. Auch die neu entstandenen Netzwerke sahen sich nicht unterstützt in den alten Strukturen. Daraus resultierte eine Bewegung der bisherigen Frauenorganisationen.Christiane Drewello-Merkel, Sylvia Puchert (Hrsg.): 100 Jahre auf gutem Kurs. Evangelische Frauen in Hessen und Nassau und ihre Geschichte. Darmstadt 2007, S. 24–27, ISBN 3-934083-09-9.
1988 bis 1998 wurde die Ökumenische Dekade Solidarität der Kirchen mit den Frauen vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf ausgerufen. Die EKHN schloss sich der Dekade an. In der 8. Kirchensynode wurde die Verankerung der Feministischen Theologie an einer Universität im Bereich der EKHN befürwortet.Arbeitsstelle Frauen in der Kirche (Hrsg.): Bilanzierung. Die ökumenische Dekade Solidarität der Kirchen mit den Frauen 1988–1998 in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau. Darmstadt 1999.Helga Engler-Heidle: Die Auswirkungen der Ökumenischen Dekade Solidarität der Kirchen mit den Frauen 1988–1989 in der EKHN, in: Christiane Drewello-Merkel, Silvia Puchert: 100 Jahre auf gutem Kurs. Evangelische Frauen in Hessen und Nassau und ihre Geschichte. Darmstadt 2007, S. 212f., ISBN 3-934083-09-9. Das führte 1996 zur Gründung des Vereins zur Förderung Feministischer Theologie in Forschung und Lehre e. V. Eine wichtige Initiatorin war die damalige Synodale Heidi Rosenstock.Karl Heinrich Schäfer: Frauen in der Kirche als synodales Thema. Von der notwendigen Pflicht zum unverzichtbaren Bestandteil in: Sigrid Düringer, Hanne Köhler (Hrsg.): eingebunden in das bündlein der lebendigen. Festschrift zum 70. Geburtstag von Heidi Rosenstock. Arnoldshain 2002, S. 67–73.
Der Verein verleiht seit 2001 alle zwei Jahre den Leonore-Siegele-Wenschkewitz-Preis für wissenschaftliche Projekte, die in besonderer Weise die theologische Frauenforschung und die Gender Studies vorantreiben.Christiane Wessels: Der Verein zur Förderung der feministischen Theologie in Forschung und Lehre e. V. In: Christiane Drewello-Merkel, Silvia Puchert: 100 Jahre auf gutem Kurs. Evangelische Frauen in Hessen und Nassau und ihre Geschichte. Darmstadt 2007, S. 31, ISBN 3-934083-09-9. Der Verein setzt sich auch dafür ein, dass 2002 eine Pfarrstelle für Theologische Frauenforschung an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz bzw. Frankfurt errichtet wurde. Inhaberinnen der Stelle waren Kerstin Söderblom und Simone Mantei.Karl Heinrich Schäfer: Frauen in der Kirche als synodales Thema. Von der notwendigen Pflicht zum unverzichtbaren Bestandteil in: Sigrid Düringer, Hanne Köhler (Hrsg.): eingebunden in das bündlein der lebendigen. Festschrift zum 70. Geburtstag von Heidi Rosenstock. Arnoldshain 2002, S. 72.
Seit Beginn der Frauenbewegung war es eine unverzichtbare Forderung, den Anteil der Frauen in kirchlichen Leitungsämtern zu erhöhen. Dafür setzten sich haupt- und ehrenamtliche Frauen ein. So wurde 1980 Waltraud Frodien in Frankfurt am Main die erste Dekanin der EKHN und damit erste Dekanin in Deutschland und Europa.Helga Engler-Heidle, Marlies Flesch-Thebesius (Hrsg.): Frauen im Talar. Ein Stück Frankfurter Kirchengeschichte. Schriftenreihe des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1997, S. 169, ISBN 3-922179-29-0.
Frauenkirchenbewegung, Werkstätten Feministische Theologie und Feministische Liturgie
mini|Handgefertigter Flyer zum Jubiläum 10 Jahre Frankfurter Frauennetzwerk 1995. Quelle: Privatsammlung/-archiv