Der Artikel Kernenergie in Taiwan befasst sich mit der Energieversorgung Taiwans bzw. der Republik China aus Kernkraftwerken. Taiwan betrieb von 1977 bis 2025 insgesamt sechs Leistungsreaktoren in drei Kernkraftwerken. Die erzeugte Leistung wurde in den 1980er, 90er und 2000er Jahren stetig gesteigert, und erreichte im Jahr 2014 ihren Maximalwert von pro Jahr. Die im Jahr 2016 ins Amt gewählte Präsidentin Tsai Ing-wen und die Regierung der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) beschlossen den Atomausstieg bis zum Jahr 2025. Daraufhin wurden zwei Kraftwerke mit jeweils zwei Blöcken zwischen 2018 und 2023 abgeschaltet, ein viertes Kraftwerk war aufgrund von politischen und gesellschaftlichen Widerständen nie in Betrieb gegangen. Der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung Taiwans ging von 52 % im Jahr 1985 auf noch ca. 10 % im Jahr 2021 zurück, wo stattdessen 5 % erneuerbar und 85 % fossil erzeugt wurden.Nuclear power capacity in Taiwan and major projects. Power Technology. Abgerufen am 31. Juli 2023. 2023 waren nur noch die beiden Blöcke von Maanshan in Betrieb. Mit der Abschaltung des letzten Reaktors am 17. Mai 2025 endete die kommerzielle Nutzung der Kernenergie im Land. Am 23. August des Jahres fand ein Referendum statt, in dem über die Wiederinbetriebnahme von Ma-anshaan abgestimmt wurde. Zwar sprach sich mit 73,5 % die große Mehrheit der Teilnehmer dafür aus, aber mit 4,3 Mio. Ja-Stimmen wurde das Quorum von 5 Mio. verfehlt.https://www.reuters.com/business/energy/taiwan-nuclear-plant-re-opening-vote-fails-approval-threshold-missed-2025-08-23/ In einer ersten Stellungnahme erklärte Präsident Lai Ching-te, dass seine Partei fortschrittliche Kernenergie in Zukunft nicht ausschließe, wenn die Technologie sicherer werde, der Atommüll reduziert werde und die Akzeptanz in der Bevölkerung steige.Sara Wagener: Taiwan - Referendum für Wiedereinstieg in die Atomenergie scheitert. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. August 2025

Anfänge der Kernenergie in Taiwan Im Jahr 1955 schloss die Republik China mit den Vereinigten Staaten ein bilaterales Abkommen zur friedlichen Nutzung der Kernenergie. Die Regierung unter Chiang Kai-shek rief den Atomenergierat (AEC, Atomic Energy Council) ins Leben, der als Beratungs- und Koordinationsorgan der Regierung dienen sollte. Es entstanden Pläne für einen Forschungsreaktor an der Tsing-Hua-Nationaluniversität (NTHU). Die Konstruktion des Tsing-Hua-Schwimmbadreaktors (THOR) begann im Dezember 1959 und am 19. April 1961 wurde der Reaktor kritisch. In der Folgezeit wurden an der NTHU Graduierten- und Postgraduiertenprogramme für die Ausbildung von Nuklearingenieuren etabliert.

Ab den 1960er Jahren setzte in Taiwan ein rapides und lange anhaltendes Wirtschaftswachstum ein. Damit einher ging auch ein sich ständig erhöhender Bedarf nach elektrischer Energie. Ein kleiner Teil der Energie konnte über Wasserkraftwerke gedeckt werden. Der größte Teil des Energiebedarfs (über 95 %) wurde zunächst durch Import fossiler Brennstoffe gedeckt, da Taiwan selbst über kaum nennenswerte Vorkommen an Kohle, Erdöl und Erdgas verfügte. Um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu vermindern, förderte die Regierung die Entwicklung der zivilen Nutzung der Kernenergie. Die Planungen für die zivile Nutzung der Kernenergie wurden ganz in die Hände der staatlichen Taiwan Power Company („Taipower“) gelegt. Seit Anfang der 1960er Jahre entwickelte Taipower mit Unterstützung der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) und mit Hilfe von Experten aus den USA detaillierte Pläne für vier zu erbauende Kernkraftwerke in Taiwan. Um das für den Bau und Betrieb dieser Anlagen nötige know-how zu erlangen, sandte das Unternehmen in den Jahren 1968 bis 1981 insgesamt 583 Ingenieure und andere Spezialisten an Universitäten, Forschungseinrichtungen und zu Zulieferern von Kernenergieanlagen ins Ausland, wo sie die notwendigen Kenntnisse zum Bau und Betrieb von Kernenergieanlagen erwerben sollten. Die Abteilung für Nuklear-Ingenieurwissenschaften der Tsing-Hua-Nationaluniversität spielte eine Schlüsselrolle bei der Transferierung der gewonnenen Erkenntnisse nach Taiwan und der Etablierung eines eigenen Ausbildungsprogramms.

Im November 1970 wurde mit der Konstruktion des ersten Kernreaktors begonnen. Im Jahr 1978 ging dieser erste kommerzielle Kernreaktor in Chin Shan an der Nordspitze der Insel Taiwan in Betrieb. In den Jahren 1981 und 1984 folgten die Reaktoren Kuosheng und Maanshan, mit deren Bau im September 1974 und Januar 1978 begonnen worden war. Im Jahr 1985 deckte Taiwan 52 % seines Strombedarfes über Kernenergie., auch abgedruckt in: In den folgenden Jahren war der Anteil der Kernenergie jedoch rückläufig und fiel bis zum Jahr 2002 auf einen Anteil von etwa 20 %.

Abgeschaltete und aufgegebene Kernkraftwerke Alle Kernkraftwerke Taiwans wurden durch Taipower geplant, gebaut und betrieben. In öffentlichen Diskussionen werden die Kraftwerke auch als erstes, zweites, drittes und viertes Kernkraftwerk bezeichnet, entsprechend dem Zeitpunkt ihrer tatsächlichen oder geplanten Inbetriebnahme. Der Jahresnutzungsgrad der drei ersten Kraftwerke war in den letzten Jahren vor 2015 vergleichsweise hoch und lag beispielsweise im Jahr 2013 bei 91,77 %, womit Taiwan weltweit auf Platz 3 unter allen 30 Staaten mit Kernkraftwerken lag. Der Jahresnutzungsgrad der Kraftwerke ist seit den 1980er Jahren, als er noch bei etwa 70 % lag, deutlich gestiegen. Auch die Zahl der Reaktorschnellabschaltungen reduzierte sich von einem Spitzenwert von 30 im Jahr 1984 auf nur eine im Jahr 2004 und zwei bis drei in den Jahren 2009 und 2010, worin sich nach Ansicht von Experten eine zunehmende Sicherheit und Professionalität im Umgang mit der Kernreaktortechnologie widerspiegle.

Entwicklung seit den 1980er Jahren

Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe und Reaktorstörfälle in Taiwan mini|hochkant=1.5|Energieerzeugung in Taiwan nach Sektoren in den Jahren 2001–2017. Der relative Anteil der Kernenergie betrug zwischen 19,9 und 12,0 Prozent und war fast kontinuierlich abnehmend. Nachdem bereits drei Kernkraftwerke in Betrieb gegangen waren, begann Taipower ab den 1980er Jahren mit den Planungen zum Bau eines vierten Kernkraftwerkes. Als Standort wurde der östliche Bezirk Gongliao von Neu-Taipeh (damals noch Landkreis Taipeh) ausgewählt. Bis zum Jahr 1983 hatte Taipower das entsprechende Bauland erworben. Zu diesem Zeitpunkt war die Kernenergie kein großes Thema in Taiwan. Bei einer Umfrage im Jahr 1983 wussten 46,2 % der Befragten nichts von der Existenz eines Kernkraftwerks in Taiwan. Am 7. Juli 1985 brach in der Reaktoreinheit Maanshan 1 ein durch einen massiven Turbinenschaden verursachtes Feuer aus. Das Feuer konnte schnell unter Kontrolle gebracht werden, ohne dass größere Mengen Radioaktivität austraten. Am 26. April 1986 ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl in Europa, die zur radioaktiven Kontamination einer weiten Umgebung führte. Beide Ereignisse führten jedoch dazu, dass eine breitere Öffentlichkeit in Taiwan für die Risiken der Nuklearenergie sensibilisiert wurde. Hatten in einer Umfrage im Jahr 1983 noch 29 Prozent der Befragten angegeben, dass Kernkraftwerke „gefährlich“ oder „sehr gefährlich“ seien, waren dies bei einer gleichartigen Umfrage im Jahr 1986 schon 63 Prozent. Umgekehrt hielten 1983 25 Prozent der Befragten Kernkraftwerke für „absolut notwendig“ für Taiwan und im Jahr 1986 waren es nur noch 8 Prozent. Infolge des Tschernobyl-Unfalls billigte das Parlament 1987 auch nicht die vorgesehenen Finanzmittel zum Bau des vierten Kernkraftwerkes. Dennoch zeigten Meinungsumfragen aus den Jahren 1997 bis 1994, dass die Zustimmung zur Kernenergie in der Bevölkerung insgesamt deutlich höher war als die Ablehnung derselben. Die Regierung und die staatliche Taipower starteten in diesen Jahren mehrfache umfangreiche Kampagnen, in denen mit Büchern, Plakaten, Flugblättern, Cartoons, Informationsmaterial etc. für die Zustimmung zur Kernenergie geworben wurde. Kritiker warfen Regierung und Energiewirtschaft vor, einen naiven Fortschrittsglauben zu propagieren und die Gefahren unrealistisch zu bagatellisieren.

Problem des radioaktiven Abfalls mini|Eingang zur Zwischenlagerstätte auf der abgelegenen „Orchideeninsel“ Lan Yu (場存貯嶼蘭 = Lagerstätte Yu Lan) Die niedrig-radioaktiven Abfälle aus den taiwanischen Kernreaktoren (und auch andere derartige Abfälle beispielsweise aus medizinischen Einrichtungen) wurden seit dem Jahr 1982 zu 90 Prozent auf der „Orchideeninsel“ Lan Yu vor der Ostküste Taiwans zwischengelagert. Die Insel ist von Angehörigen der Ethnie der Tau, einem der indigenen Völker oder Stämme Taiwans bewohnt. Ursprünglich waren die Tau gar nicht zu ihrer Haltung zur Deponierung befragt worden. Später leisteten Taipower und die taiwanische Regierung Kompensationszahlungen an die Inselbewohner. Nach Angaben von Taipower zahlte das Unternehmen im Jahr 2016 60.000 NT$ (2.000 US$) pro Jahr an jeden Inselbewohner und die Elektrizität auf der Insel war kostenlos. Einige Insulaner fanden sich unter diesen Umständen mit dem Endlager ab, andere fordern dagegen dessen Auflösung. Nach Ansicht des Atomenergierates gibt es keine Hinweise, dass die Gesundheit der Inselbewohner durch den radioaktiven Müll in irgendeiner Weise beeinträchtigt ist. Bei einem Besuch auf der Insel am 17. August 2016 sicherte Staatspräsidentin Tsai Ing-wen den Bewohnern zu, dass die Umstände, die dazu geführt hatten, dass Lan Yu als Atommülllager ausgewählt wurde, untersucht werden würden und dass staatliche Stellen mit den Inselbewohnern zusammenarbeiten würden, um eine Lösung des Problems zu finden.

Das Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle ist nach wie vor ungelöst. Gesetzlich ist mittlerweile vorgeschrieben, dass die örtliche Bevölkerung der Einrichtung eines Endlagers für schwach radioaktive Abfälle in einem Referendum zustimmen muss. Im Juli 2012 schlug das Wirtschaftsministerium zwei mögliche Standorte vor: das Dorf Ljupetje/Nantian () in der Gemeinde Daren im Landkreis Taitung und die Inselgruppe Wuqiu im Landkreis Kinmen. Seitdem finden Gespräche mit den lokalen Behörden statt, die bisher ohne abschließendes Ergebnis verliefen. Das vorgesehene Referendum hat bisher in keiner der beiden Gemeinden stattgefunden.

Derzeit werden ausgebrannte hoch-radioaktive Brennstäbe in entsprechenden Einrichtungen auf den Geländen der Kernkraftwerke gelagert. Im September 2014 lagerten in den drei Kernkraftwerken 16.852 Behälter (3471 Tonnen) hoch-radioaktiver Abfall. Da die Lagerkapazitäten vor Ort ausgeschöpft waren und kein zusätzlicher Lagerraum durch die Stadtverwaltung von Neu-Taipeh genehmigt worden war, musste Taipower am 30. November 2016 den Reaktorblock 1 von Kuosheng herunterfahren. Auch für Chin Shan wurde keine Lizenz zum Weiterbetrieb der Lagerstätte erteilt, so dass der Reaktorblock Chin Shan 2 am 6. März 2017 abgeschaltet werden musste (Chin Shan 1 war bereits seit dem 28. Dezember 2014 abgeschaltet).

Nach einem 2011 von der Regierung gebilligten Plan soll die Einlagerung in tiefen Felsformationen untersucht werden. Dazu wurden bereits an verschiedenen Orten Löcher in Granitgestein gebohrt. Im Landkreis Hualien und in Kinmen stießen diese Probebohrungen jedoch auf Widerstand der örtlichen Bevölkerung, so dass sie eingestellt werden mussten. Die weit in die Zukunft reichenden Planungen von Taipower ab dem Jahr 2005 sahen vor, dass entsprechende Probebohrungen bis zum Jahr 2017 abgeschlossen sein sollten. In den Jahren 2018 bis 2028 sollten verschiedene Standorte evaluiert werden, gefolgt von einer Testphase 2029 bis 2038. Der Bau des oder der eigentlichen Endlager sollte in den Jahren 2045 bis 2055 stattfinden.

Skandal um radioaktiv kontaminierte Wohnungen