Das Fürstentum Tarent mit Hauptstadt Tarent existierte von 1088 bis 1465 im Süden der Apenninhalbinsel. In seiner 377-jährigen Geschichte war es zeitweise eine mächtige und fast unabhängige Feudalherrschaft des Königreichs Sizilien und später des Königreichs Neapel. Zeitweise war „Fürst von Tarent“ aber auch nur ein Ehrentitel, der dem Thronerben oder dem Mann einer regierenden Königin verliehen wurde.
Unter normannischer Herrschaft (1088–1194) mini|hochkant=1.3|Süditalien im Jahr 1112 mini|hochkant|Wappen der Hauteville von Sizilien Die Normannen kamen einzeln als Abenteurer nach Süditalien. Unter Ausnutzung der Unstimmigkeiten zwischen den Fürsten waren sie in der Lage, eine dauerhafte Herrschaft zu etablieren. Robert Guiskard, der um 1050 in Süditalien ankam, erhielt von Papst Paschalis II. die Grafschaft Apulien und Kalabrien, weil er die Sarazenen aus Italien vertrieben hatte und den Besitz von Tarent und Matera, weil er die Byzantiner von Otranto vertrieben hatte. Ihm folgte sein Sohn Bohemund I., der nach einer Auseinandersetzung mit seinem Halbbruder Roger Borsa den Titel bekam. Um 1058 wurde die Ehe zwischen seinem Vater Robert und seiner Mutter Alberada von Buonalbergo wegen angeblicher Blutsverwandtschaft annulliert. Robert bekam von seiner zweiten Frau Sikelgaita, Tochter des Fürsten Guaimar IV. von Salerno einen Sohn Roger Borsa, der Nachfolger des Herzogtums Apulien wurde. Bohemund wurde mit Tarent und dem Großteil der Länder des „Sporns“ von Apulien entschädigt.Luigi Madaro: Le origini del Principato di Taranto e sue vicende feudali dai Normanni agli Angioini. Industria grafica O. Ferrari & C., Alessandria 1926, S. 9.
Nach dem Tod Bohemunds I. (1110) folgte ihm sein minderjähriger Sohn Bohemund II. zuerst unter der Vormundschaft von Tankred (bis 1112)Storia di Taranto, S. 141, dann unter der von Ruggero (1112–1119) und schließlich unter der von Balduin II. Bohemunds Mutter war Konstanze von Frankreich (auch: Constance; * wohl 1078; † zwischen 1124 und Januar 1126), Tochter des Königs Philipp I. von Frankreich. Bohemund erhielt sein Fürstentum erst 1126. Mit der Heirat von Alice von Antiochia, der jüngeren Tochter von Balduin II verzichtete er auf sein Fürstentum, das 1128 (nach anderen Quellen 1127Giovanni Antonucci, S. 152) an seinen Onkel Roger II. von Sizilien, Sohn von Roger I., Bruder von Robert Guiskard überging.
1133 gelang es Roger, die unruhigen apulischen Barone zu unterwerfen. Die Jahre von Rogers Herrschaft waren fruchtbar für die Stadt Tarent, die große Bedeutung als Fertigungs- und Handelszentrum (Keramik- und Fischverarbeitung) errang. Roger II. galt als sehr gebildet und weltoffen und sprach vermutlich außer Griechisch auch Arabisch. Er unterstützte den Gegenpapst Anaklet II. und wurde deshalb mehrmals von Papst Innozenz II. exkommuniziert. Um das vereinigte Reich zu konsolidieren, übertrug er seinem erstgeborenen Sohn Roger (1118–1148) das Herzogtum Apulien, seinem zweitgeborenen Sohn Tankred (ca. 1120–1138) das Fürstentum Bari und Tarent und seinem jüngsten Sohn Alfons (ca. 1122–1144) das Fürstentum Capua. 1151 setzte er seinen jüngsten und einzig überlebenden Sohn Wilhelm I. als Mitregenten ein, um mögliche Kämpfe um seine Nachfolge zu verhindern. Roger II. starb 1154 und Wilhelm I., in Unterscheidung zu seinem Nachfolger auch Wilhelm der Böse genannt, wurde Fürst von Tarent und König von Sizilien.
Bei seinem Tod 1166 wurde sein noch minderjähriger Sohn Wilhelm II., auch Wilhelm, der Gute genannt, sein Nachfolger. Für ihn führte seine Mutter Margarete mit wechselnden Beratern die Regentschaft. Ursprünglich mit Maria Komnena aus dem byzantinischen Kaisergeschlecht verlobt, heiratete Wilhelm 1176 Johanna Plantagenet, die Tochter Heinrichs II. von England und der Eleonore von Aquitanien. Johanna war die Schwester von Richard Löwenherz. Wilhelm verzichtete auf das Fürstentum zugunsten seines Bruders Enrico (1158–1172), Fürst von Capua.Storia di Taranto, S. 143 Als dieser 1172 starb und Wilhelms II. Ehe kinderlos war, beunruhigte sich dieser um die Thronfolge. Er rief den verbannten Tankred, sein Cousin und nächster männlicher Verwandter, unehelicher Sohn von Herzog Roger III. von Apulien und einer Tochter des Grafen Accardo II. von Lecce, aus Konstantinopel zurück und gab ihm den Titel Graf von Lecce zurück. Wilhelm, der voraussah, was von einer illegitimen Thronfolge ausging, willigte der Heirat von seiner Tante Konstanze (1154–1198), einzig überlebende Tochter von Roger II. und dessen dritter Ehefrau Beatrix von Rethel, mit seinem bisherigen Feind, dem Staufer Heinrich VI. (1165–1197), Sohn und Erben von Kaiser Friedrich Barbarossa ein. 1184/85 erfolgte der Treueid, den Wilhelm II. die in Troia in Apulien versammelten Adligen gegenüber Konstanze und Heinrich schwören ließ. Die Ehe wurde 1186 vollzogen.mini|Kaiser Heinrich VI. lässt König Wilhelm III. von Sizilien blenden und kastrieren. Illumination aus einer Ausgabe des De casibus virorum illustrium des Giovanni Boccaccio, 15. Jahrhundert. Nach dem Tod Wilhelms II. am 18. November 1189 erhob Tankred von Lecce als nächster männlicher Verwandter seine Herrschaftsansprüche. Auch wenn die Erbrechte bei Konstanze lagen, wurde Tankred von den Baronen, die die Staufer hassten, am 8. Dezember 1189 zum König von Sizilien gewählt. Dadurch habe man sich vor der „deutschen Raserei“ (furor Teutonicus) und der „deutschen Brutalität“ (Teutonica rabies) schützen wollen. Mit Unterstützung von Papst Clemens III. wurde Tankred am 18. Januar 1190 von in Palermo Erzbischof Walter zum König gekrönt. Somit waren Heinrichs Hoffnungen betrogen worden und seine Gattin Konstanze war leer ausgegangen. Tankreds Regierungszeit war von Bürgerkriegen und Übergriffen der Anwärter auf den Thron geprägt, denn neben Heinrich VI. beanspruchte Richard Löwenherz, Bruder von Johanna, Frau des verstorbenen Wilhelm II. das Königreich Sizilien und somit den Titel Fürst von Tarent. Richard Löwenherz befand sich mit einer beträchtlichen Geldsumme ab. Das Heer von Heinrich VI. wurde zweimal durch eine Epidemie zunichtegemacht, während die Kaiserin Konstanza von den Salernitanern gefangengehalten und Tankred ausgeliefert wurde. Dieser ließ sie von Ottone Frangipane, dem „Jüngeren“, mit üppigen Geschenken an den Kaiser nach Deutschland zurückschicken.Matthias Thumser, S. 145 Der Krieg zog sich ohne endgültige Ergebnisse bis 1194 hin, als Tankred am 20. Februar starb und sein einzig überlebender minderjähriger Sohn Wilhelm III. auf Entscheidung des sizilianischen Adels in offener Revolte gegen die Staufer zum König von Sizilien gewählt wurde.
Als Heinrich VI. vom Tod Tankreds erfuhr, kam er mit einem großen Heer nach Italien. Mit wenig Widerstand besetzte er Neapel und unterwarf Sizilien. Die Witwe von Tankred, Sibylle von Acerra, suchte mit ihren Kindern Schutz in der Zitadelle von Caltabellotta. Heinrich bot Sybille im Gegenzug auf den Verzicht des Thrones die Grafschaft Lecce und Wilhelm III. das Fürstentum Tarent an, was von Sybille angenommen und von Heinrich in der Vereinbarung von Caltabellotta im Dezember 1194 bestätigt wurde. Sybille wohnte mit ihrem Sohn der Krönung Heinrichs am 25. Dezember 1194 in Palermo bei. Unter der Anschuldigung, einen Komplott gegen Heinrich organisiert zu haben, wurden Sybille, ihre Kinder und die engsten Vertrauten am 29. Dezember 1194 meuchlerisch gefangen genommen. Wilhelm wurde degradiert, Konrad von Lützelhardt übergeben und auf die staufische Burg Alt-Ems (heute Hohenems in Vorarlberg) gebracht. Dort soll er misshandelt worden und um 1198 gestorben sein. Nach über 100-jähriger normannischer Herrschaft begann nun eine neue Ära, die der Staufer.
Unter staufischer Herrschaft (1194–1200) mini|hochkant|Wappen Heinrichs VI. mini|Terra d’Otranto zwischen 1555 und 1617 Nach dem unerwarteten Tod Heinrichs VI. im Jahr 1197 widmete sich seine Frau Konstanze der Herrschaftssicherung für sich und ihren dreijährigen Sohn Friedrich. Sie ließ ihn aus dem Herzogtum Spoleto nach Sizilien bringen, setzte ihn zunächst als Mitregenten ein und ließ ihn am 17. Mai 1198 in Palermo zum König von Sizilien krönen. Die Verbindungen, die Heinrich VI. zwischen der Regierung Siziliens und des Reiches geknüpft hatte, löste sie im Namen seines Sohnes auf. Sie verzichtete auf seinen Anspruch auf die deutsche Krone, strebte für ihn vorrangig die Position als König von Sizilien an und stellte ihn unter den Schutz von Papst Innozenz III.
1197 belehnte Konstanze den Oberbefehlshaber von Terracina, Ottone (auch: Oddone) Frangipane („Der Jüngere“) für seine Verdienste mit dem Fürstentum Tarent und dem Giustizierato Terra d’Otranto„… Il quale per merito delle sue virtù, fu dall’Imperatrice Costanza, …., creato Principe di Taranto, e Signore di tutta la Provincia di Terra d’Otranto…“, was von der heutigen Geschichtswissenschaft angezweifelt wird. Ottone stand seit 1186 treu zur Seite Heinrichs VI.Per la storia del Principato di Taranto, S. 3 Zwischen dem 6. Juli und dem 13. Dezember 1186 erscheint in den Zeugenreihen der Urkunden Heinrichs insgesamt elfmal ein Oddone Frangipane.Matthias Thumser, S. 144
Nach dem Mönch und Buchautor Antonio Primaldo Coco (1879 in Francavilla Fontana – 1962) muss Ottones Ernennung zum Fürsten von Tarent angesichts seiner reichlichen Einnahmen nicht nur nominal gewesen sein.Antonio Primaldo Coco, S. 217 1249 taucht ein Arrigo (Enrico) Frangipane, Sohn von JakobJakob war der erstgeborene Sohn von Ottone, dem „Älteren“ und einer byzantinischen Prinzessin als Fürst von Tarent auf. Aus der Bulle regis. vol. 3. an. & lib. 9. fol. 125 von Papst Innozenz IV. ergeht, dass Ottone kinderlos gestorben hinterließ.Francesco Zazzera, Vitale, Costantino, S. 36 ff. Innozenz IV. berief sich dabei auf ein Privileg von Kaiserin Konstanze aus dem Jahr 1197.„… Costui morendo senza figli lasciò lo stato ad Arrigo [Enrico] suo nipote figlio di Iacopo, come tutto si legge in una Bulla d’Innocenzo Quarto … Nobili viro Hernico Fraiapane ….. Comiti Principi Tarentino, ...concessionem clarissime memriæ Costantiæ Ro. Imperatricis, & Reginæ Siciliæ, ac etiá 9. Friderici Rom. Imperatoris tunc Regis Siciliæ, factam olim Oddoni Fraiapani patruo tuo, eisq; successoribus de principatu Tarentino, & tota terra Idruntina; tibi qui eiusdem Oddonis hæres extitis liberaliter duxinus confirmandam ….. Perusia 12. Kal. Februarij an. Pont. Nostri 9. di questo Arrigo fu figliuolo....“ Nach Thumser soll es sich dabei um einen Ehrentitel gehandelt haben.Matthias Thumser, S. 158
Als Konstanze am 27. November 1198 überraschend starb, sollte Papst Innozenz III. die Regentschaft in Sizilien für ihren unmündigen Sohn Friedrich II. übernehmen. Tatsächlich wurde das Land von deutschen Rittern beherrscht, die einst mit Kaiser Heinrich VI. nach Italien gekommen waren und sich nicht der Autorität des Papstes beugen wollten. Die bedeutendsten von ihnen waren Markward von Annweiler, der auf der Insel Sizilien regierte, und Diepold von Schweinspeunt, der in Unteritalien herrschte.
Unter Brienner Herrschaft (1200–1205) mini|hochkant|Wappen der Brienne Elvira (auch: Elvire, Albiria, Albinia, Blanche), (Schwester von Wilhelm III. und älteste Tochter des verstorbenen Tankred von Lecce, König von Sizilien) heiratete zwischen Ostern 1199 und 1200 Walter III. von Brienne, der von Papst Innozenz III., Vormund des minderjährigen Königs von Sizilien, Friedrich II., die von Wilhelm III. verlorenen Lehen (die Grafschaft Lecce und das Fürstentum Tarent) beanspruchte.
Walter erschien zusammen mit Elvira und ihrer Mutter Sybille im Frühjahr 1200 vor der päpstlichen Kurie. Nach einer Rücksprache mit den Kardinälen und mit anderen Vorstandsmitgliedern erkannte der Papst Elviras Ansprüche auf die Grafschaft Lecce und das Fürstentum Tarent an. Im Mai 1200 legte Walter den Treueeid in einem öffentlichen Konsistorium ab und versprach dabei, Markward von Annweiler und seine Anhänger zu bekämpfen und den rechtmäßigen König Friedrich II. zu unterstützen.