mini|Juri Tynjanow Wilhelm Küchelbecker, Dichter und Rebell (, Kjuchlja – KüchelMierau: Die Gesetze des Ruhms. Literarische Evolution bei Juri Tynjanow S. 572, 8. Z.v.u.) ist ein historischer Roman des sowjetischen Schriftstellers Juri Tynjanow aus dem Jahr 1925. Der Autor dieser Biographie in Prosa resümiert, die Freunde Küchelbeckers wollten stets einen festen Platz für den rastlosen Dichter finden. Das misslang jedes Mal. Gehetzt und gepeinigt von den Beamten des Zaren sei der Rebell schließlich den „Ordnungsmenschen“ unterlegen.Verwendete Ausgabe, S. 320, 4. Z.v.u.

Maria Einsteins Übersetzung brachte Gustav Kiepenheuer 1929 in Berlin auf den deutschsprachigen Buchmarkt. Der Roman wurde ins Niederländische (Kjoechlja), Französische (Le Disgracié) und Slowakische (Čudák Willi) übertragen.

Historischer Hintergrund Nach dem gescheiterten Dekabristenaufstand vom Dezember 1825 in Sankt Petersburg wird der auf der Flucht befindliche Wilhelm Küchelbecker in einem vom Kriegsminister A. I. Tatischtschew unterzeichneten geheimen Schreiben vom 4. Januar 1826 als „lang und hager“ beschrieben. Weiter heißt es darin: „Augen vorquellend, Haar braun, verzieht beim Sprechen den Mund; keine Koteletten, Bartwuchs spärlich; Haltung schlecht, schiefer Gang; spricht gedehnt.“Verwendete Ausgabe, S. 290, 14. Z.v.o.

Handlung Willi Als der 13-jährige Adlige Wilhelm, Willi gerufen, das Pensionat in Verro mit Auszeichnung absolviert hat, beruft seine Mutter, die Witwe Ustinja Jakowlewnaauf Deutsch: Justina Elisabeth von Lohmann (1757–1841), eine Deutsch-Baltin aus Segewold, den Familienrat ein. Willi wird auf das Lyzeum Zarskoje Selo geschickt. Die gerade eröffnete Eliteschule für Knaben liegt nur eine halbe Stunde Fußweg vom Tagungsort des Familienrates entfernt. In den ersten Jahrgang werden noch Willis spätere Schulfreunde Baron Anton Antonowitsch Delwig, Iwan Puschtschin, Wanja genannt und Puschkin, Sascha genannt, aufgenommen. Zur Eröffnung des Schuljahres am 19. Oktober 1811 erlebt der frischgebackene Lyzeumszögling Willi den Besuch des Zaren, der Kaiserin Elisabeth und des Großfürsten Konstantin. Bechelkückeriade Willis lange, gebeugte Gestalt, das Stottern, der Jähzorn und die Schwerhörigkeit reizen die Zöglinge zu Späßen. Der „ungeschlachte Küchel“Verwendete Ausgabe, S. 123, 18. Z.v.o. lässt sich nicht beirren, lernt selbstbewusst und ehrgeizig. Im Dezember 1814 trägt Willi anlässlich der Versetzungsprüfung dem alten Dershawin im Schatten Puschkins aus seinen Versen vor.

Puschkin behält im Gegensatz zu Willi stets die Übersicht. Als Willi aus Versehen den Großfürsten Michail Pawlowitsch umarmt, weil er ihn für seinen Onkel Pawel Petrowitsch Albrecht hält, macht ihn der Freund hernach lachend auf seinen Irrtum aufmerksam.

Am 8. Juni 1817 ist die Lyzeumszeit zu Ende. Willi – verwirrt – umarmt Puschkin zum Abschied. Petersburg Küchelbecker ist im gerade eröffneten Adligen Pensionat am Pädagogischen Institut als Lehrer für Russische Literatur angestellt. Wilhelm erzieht in dem Pensionat Puschkins jüngeren Bruder Ljowaruss. Puschkin, Lew Sergejewitsch (1805–1852). Alexander Puschkin zerstreitet sich mit Wilhelm, weil er die hohe Meinung des Freundes zum Werk Schukowskis nicht teilen kann.

Küchelbecker lernt im Hause Nikolai Gretschs, in dem auch Faddei Bulgarin verkehrt, Kondrati Rylejew und Alexander Gribojedow kennen. Rylejew ist jener Poet, der in einem seiner Gedichte Araktschejew einen Schuft genannt hat. Gribojedow flüstert dem Hausherrn zu, Küchelbecker sei doch dieser Verrückte. Gretsch bejaht lachend, fügt aber bei, „verrückt in edlem Sinne“Verwendete Ausgabe, S. 57, 7. Z.v.u.. Wilhelm befreundet sich mit Gribojedow, wundert sich aber über den neuen Freund: Wie kann Gribojedow mit Bulgarin, diesem „gemeinen Geschöpf“Verwendete Ausgabe, S. 59, 15. Z.v.o., befreundet sein?

Schulfreund Delwig nimmt Wilhelm in den Salon Sofja Dmitrijewna Ponomarjowasruss. Ponomarjowa, Sofja Dmitrijewna, in dem auch Iwan Krylow verkehrt, mit. Wilhelm umarmt die erstaunte Sofja. Die Ehefrau des Joakim Iwanowitsch Ponomarjow nimmt den linkischen Verehrer nicht ernst; macht ihre schlechten Scherze mit ihm; stellt sich vor dem schockierten Liebhaber tot.

Puschkin reizt den Zaren mit seinen Versen. Als der Dichter 1820 ein Bild Louvels mit der Unterschrift Lektion für Zaren unter Theaterpublikum kursieren lässt, ist das Maß voll. Der Herrscher lässt Puschkin in den Süden verbannen.

Küchelbecker will nicht mehr im Pensionat unterrichten. Puschtschin nimmt Wilhelm zu Nikolai Turgenew mit. Letzterer vertritt vor etwa fünfzehn Männern die Meinung: „Die russischen Bauern müssen unverzüglich im ganzen Reich von ihren Ketten befreit werden … Die Vorteile der republikanischen Regierung sind unbestreitbar.“ Es ist „gefährlich, die Selbstherrschaft aufzugeben, bevor die Leibeigenschaft abgeschafft ist.“Verwendete Ausgabe, S. 73, 20. Z.v.o bis S. 74,3. Z.v.o. Turgenew will eine Zeitung drucken lassen. Aus dem Plan wird nichts.

Als das Semjonow-Regiment rebelliert, geht Rylejew mit Küchelbecker hin. Immerhin wird der verhasste Regimentskommandeur Oberst Schwarz durch den alten General Bistrom ersetzt.

Wilhelms ältere Schwester Ustinja Karlownaauf Deutsch: Justina Küchelbecker (1786–1871) heiratet Grigori Glinkaruss. Glinka, Grigori Andrejewitsch, Professor für Russische Literatur an der Universität Dorpat. Glinka hat ein Landgut im Dorf Sakupruss. Sakup im Gouvernement Smolensk geerbt. Europa Küchelbecher sucht Ende Oktober 1820 Ludwig Tieck in dessen Dresdner Arbeitszimmer auf. Gelangweilt mustert Tieck den Besucher unsteten Blickes. Von Klopstock will Tieck nichts wissen: „Ein schwerfälliger, unsauberer Dichter mit entzündeter Phantasie. Ein gefährlicher Dichter. Ein Skeptiker.“Verwendete Ausgabe, S. 91, 4. Z.v.u. Ebenfalls in Dresden freundet sich Wilhelm mit dem jungen Odojewski an. Mitte November kommt es in Weimar zu einer Begegnung mit Goethe. Küchelbecker notiert: „Goethe ist von mittlerem Wuchs, seine schwarzen Augen blitzen von Feuer und Geist … Er spricht langsam. Die Stimme ist leise und angenehm.“Verwendete Ausgabe, S. 95, 2. Z.v.o. Goethe freut sich augenscheinlich, als der Besucher von Kostproben seiner frühen Lyrik berichten kann, die Schukowski ins Russische übertragen habe.

Derweil berichtet Benckendorff daheim dem Zaren von einem Geheimbund, dem auch Küchelbecker angehöre. Der Herrscher ist außer sich. Der Grünschnabel wird unter Geheimaufsicht gestellt. Als Sekretär Alexander Lwowitsch Naryschkinsruss. Naryschkin, Alexander Lwowitsch verbringt Wilhelm den Winter auf das Jahr 1821 in Paris. Als der Sekretär in Paris Vorlesungen, die Russische und Französische Literatur betreffend, hält, verweist ihn der Pariser Präfekt des Landes. Wilhelm erreicht über Dijon, Nizza und Warschau sein Petersburg. Der Heimkehrer sucht oft seinen Bruder, den Marineleutnant Mischa, auf. Beim Bemühen um eine Anstellung hilft Nikolai Turgenew; schaltet seinen Vorgesetzten, den Fürsten Golizynruss. Golizyn, Alexander Nikolajewitsch, ein. Golizyn bringt den Fall Küchelbecker im Gespräch mit Graf Nesselrode zur Sprache. Nesselrode schlägt dem Imperator die Verschickung des unruhigen Küchelbecker in eine unruhige Region vor. Wilhelm geht am 19. September 1821 mit General Alexei Jermolow als Kanzlist in den Kaukasus. Kaukasus Die Ankunft im Oktober 1821 in Tiflis bringt ein Wiedersehen mit Gribojedow. Der Dramatiker diskutiert mit dem angereisten Dichterfreund seine Komödientheorie. Gribojedow durchschaut eine Hofintrige. Diebitsch und Paskewitsch wollen ihn in Persien kaltstellen. Im Tifliser Umfeld wimmelt es von Feinden. Bei einem seiner unbekümmerten Ausritte ohne Begleitschutz wird Küchelbecker von einem Tschetschenen attackiert und kann nur mühevoll das nackte Leben retten. Gribojedow sucht und findet den Freund glücklicherweise. Auch Russen machen den beiden Freunden zu schaffen. Gribojedow laboriert nach einem Duell mit Hauptmann Jakubowitsch an einem Armdurchschuss. Erstaunlicherweise äußert Jakubowitsch im Gespräch mit Küchelbecker eine „Heilprozedur“ für die russische Misere: „Der einzige Ausweg, den ich kenne, ist die völlige Ausrottung der kaiserlichen Familie.“Verwendete Ausgabe, S. 150, 12. Z.v.u. General Jermolow empfängt ein streng geheimes Schreiben aus dem Umkreis des Zaren. Darin legt Fürst Wolkonski den Einsatz des Hitzkopfes Küchelbecker in lebensbedrohlicher Mission nahe. Der General weist das Ansinnen diplomatisch zurück.

Der Heißsporn Küchelbecker beleidigt den Beamtenruss. Beamter Pochwisnewruss. Николай Николаевич Похвиснев – Nikolai Nikolajewitsch Pochwisnew. Die Kampfhähne duellieren sich und überleben ohne einen Kratzer. Zur eigenen Verwunderung schreibt General Jermolow dem Choleriker Küchelbecker eine gute Abschlussbeurteilung. Auf dem Lande Wilhelm zieht sich zu seiner Schwester Ustinja auf das oben erwähnte Gut Sakup der Familie Glinka in den Landkreis Duchowschtschina zurück, dichtet und schreibt an einer Tragödie. Thema: Tyrannenmord. Auf einem seiner Ausritte lernt er Dunja kennen. Das junge hübsche Mädchen ist mit den Glinkas verwandt. Nach einer Woche Bekanntschaft küsst sich das Paar und schwört „einander ewige Liebe“. Wie schon in Paris und Tiflis muss der Edelmann Küchelbecker auch das beschauliche Sakup verlassen, nachdem er wieder einmal für Ärger und Missfallen gesorgt hatte. Als ein Gutsherr aus der Nachbarschaft einen seiner Leibeigenen geteert und gezüchtigt hatte, war Wilhelm eingeschritten. Söhne des Vaterlandes Küchelbecker geht nach Moskau zu Dunja. Deren Mutter und Tante weisen den gefährlichen jungen Mann mit dem komischen Aussehen und dem schlechten Ruf sehr höflich ab.Verwendete Ausgabe, S. 184, 7. Z.v.u. Auch mit seinem Almanach scheitert Wilhelm. So geht er 1824 nach Petersburg zurück und gerät dort in die Fänge von Gretsch und Bulgarin; schreibt für die Söhne des Vaterlandes. Während Gretsch – auch vermöge Wilhelms Arbeit – zu Wohlstand gelangt, darbt der Schreiberling; muss bei seinem Bruder Mischa in der Kaserne Quartier nehmen. Gretsch kooperiert unter der Hand mit Maxim Jakowlewitsch von Fockruss. Fock, Maxim Jakowlewitsch von, einem Abteilungsleiter der Geheimpolizei des Zarenruss. Die dritte Abteilung – Geheimpolizei des Zaren. Zerstreuung bringen Wilhelm in jener Zeit zwei Lyrikerkollegen – Kondrati Rylejew und Sascha Odojewski. Wilhelm will von dem begüterten Sascha kein Geld annehmen. Die Freunde Sascha Odojewski, Puschtschin und Delwig schaffen die Verabreichung der Finanzspritze doch mit einem spaßigen Trick.

Wilhelm begegnet dem Hauptmann Jakubowitsch in dessen Petersburger Wohnung wieder. Anwesend sind noch Sascha Odojewski, Rylejew, Alexander Bestuschew und Dmitri Schtschepin-Rostowski. Rylejew will im Herbst 1825 Wilhelm in die konspirative Arbeit einbeziehen.

Dezember Am 19. November 1825 stirbt Seine Kaiserliche Majestät Alexander I. in Taganrog. Rylejew will die günstige Gelegenheit nutzen und fordert Bestuschew zur Inspektion der zum Aufstand bereiten Truppen auf. Fürst Trubezkoi wird zum Diktator gewählt. Die Aufstandsleitung tagt in Rylejews Wohnung. Küchelbecker wird von Rylejew in die Geheimgesellschaft aufgenommen und erfährt bei der Gelegenheit, sein Bruder Mischa ist längst Mitglied. Wilhelm geht im Auftrag Rylejews zu seinem Bruder. Mischa verhandelt gerade mit Dorofejew und Kuroptewruss. Дорофеев и Куроптев. Das sind Repräsentanten der zum Aufstand bereiten Matrosen. Wilhelm tut es Rylejew und den Brüdern Bestuschew gleich – spricht des Nachts zur Vorbereitung der Rebellion in Petersburg auf der Straße Soldaten an.