Anlässlich der Hochzeit von Ferdinando I. de’ Medici mit Christine von Lothringen wurde am 2. Mai 1589 im Uffizientheater in Florenz die Komödie La pellegrina des Dichters Girolamo Bargagli aufgeführt. Zwischen den Akten spielte man insgesamt sechs prunkvoll ausgestattete musikalische Intermedien (Zwischenspiele) von einigen der bedeutendsten Komponisten der Zeit: Cristofano Malvezzi, Antonio Archilei (?), Luca Marenzio, Giulio Caccini, Giovanni de’ Bardi, Jacopo Peri und Emilio de’ Cavalieri. Sie gelten als wichtige Vorläufer der Gattung Oper.
Struktur und Inhalt
Inhaltlich behandeln die Intermedien die Macht der Musik und ihren Einfluss auf die Menschen.
Intermedio I: „L’armonia delle sfere“ – Die Harmonie der Sphären
Cristofano Malvezzi: Sinfonia, a 6 Antonio Archilei oder Emilio de’ Cavalieri: Dalle più alte sfere Cristofano Malvezzi: Noi, che cantando, a 8 Cristofano Malvezzi: Sinfonia, a 6 Cristofano Malvezzi: Dolcissime Sirene, a 6 Cristofano Malvezzi: A voi reali amanti, a 15 Cristofano Malvezzi: Coppia gentil, a 6
Das Motiv der Sphärenharmonie im ersten Intermedium stammt aus dem Schluss von Platons Politeia. Es bezieht sich auf die antike Musica mundana und Musica humana. Die Dorische Harmonie steigt in einer Wolke vom Himmel herab. Um sie herum sitzen die Harmonien der Phrygischen, Lydischen, Mixolydischen, Hypodorischen, Hypophrygischen und Hypolydischen Tonart. Nach der einleitenden Sinfonia singt die Dorische Harmonie die mit Koloraturen versehene Monodie Dalle più alte sfere. Daraufhin ziehen sich die Harmonien zurück, und die Sirenen, die Bewahrerinnen der Sphärenharmonie, erscheinen, um gemeinsam das achtstimmige Madrigal Noi, che cantando vorzutragen. Der Himmel öffnet sich, und die Göttin der Notwendigkeit mit der Weltenspindel wird sichtbar, zu ihren Füßen die drei Parzen. Außerdem erscheinen die sieben Planeten zusammen mit Astraea und zwölf Heroen, die in jeweils männlicher und weiblicher Form die Tugenden Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Mitleid, eheliche Liebe, Großherzigkeit und Mut symbolisieren. Himmel und Erde huldigen in den folgenden auf maximale Klangpracht ausgelegten Gesängen dem fürstlichen Brautpaar.
Intermedio II: „La gara fra Muse e Pieridi“ – Der Wettgesang der Musen und Pieriden
Luca Marenzio: Sinfonia, a 5 Luca Marenzio: Belle ne fe’ natura, a 3 Luca Marenzio: Chi dal delfino, a 6 Luca Marenzio: Se nelle voci nostre, a 12 Luca Marenzio: O figlie di Piero, a 18
Das zweite Intermedium zeigt einen musikalischen Wettstreit zwischen den Musen und den sie herausfordernden Pieriden, den Töchtern des Königs Pieros. Es basiert auf dem fünften Kapitel des fünften Buchs von Ovids Metamorphosen. Das erste Madrigal, Belle ne fe’ natura, stellt die Schiedsrichterinnen, eine Gruppe Waldnymphen, vor. Der Beitrag der Pieriden ist das sechsstimmige Madrigal Chi dal delfino. Doch die Musen übertrumpfen sie mit dem zwölfstimmigen Se nelle voci nostre. Nachdem der Streit zugunsten der Musen entschieden ist, werden die Pieriden für ihre Torheit in Elstern verwandelt.
Intermedio III: „Il combattimento pitico d’Apollo“ – Der Kampf Apollons mit dem Drachen Python
Luca Marenzio: Qui di carne si sfama, a 12 Luca Marenzio: O valoroso Dio, a 4 Luca Marenzio: O mille volte, a 8
Auch das dritte Intermedium hat eine Erzählung Ovids zum Thema: den Kampf Apollons mit dem Drachen Python aus dem neunten Kapitel des ersten Buchs der Metamorphosen. Zu Beginn steht der Klagegesang Qui di carne si sfama der Einwohner Delphis über die Verwüstung ihres Landes durch den Drachen. Er erinnert durch seine strenge Deklamation an die Tragödienchöre Andrea Gabrielis, enthält aber auch Elemente des Madrigalstils. Apollon erscheint und besiegt das Ungeheuer in einem Zweikampf (dessen Musik nicht erhalten ist). Es folgen Freudengesänge mit einem abschließenden Tanz.
Intermedio IV: „La regione de’ demoni“ – Das Reich der Dämonen
Giulio Caccini: Io che dal ciel cader Cristofano Malvezzi: Sinfonia, a 6 Cristofano Malvezzi: Or che le due grand’alme, a 6 Giovanni de’ Bardi: Miseri habitator, a 5
Das vierte Intermedium basiert wie das erste und das sechste auf einer platonischen Allegorie. Es bezieht sich auf die Evokation der Feuerdämonen. Außerdem gibt es Anspielungen an Dantes Inferno aus der Göttlichen Komödie. Eine Zauberin schwebt auf einem fliegenden Wagen herein und fordert die himmlischen Heroen auf, das Goldene Zeitalter zu verkünden (Io che dal ciel cade). Nach der Hochzeit der beiden „großen Seelen“ werde alles Leid auf Erden ein Ende haben (Or che le due grand’alme) und die Hölle verschlossen bleiben (Miseri habitator).
Intermedio V: „Il canto d’Arione“ – Der Gesang des Arion
Luca Marenzio: Io che l’onde raffreno, a 5 Cristofano Malvezzi: E noi con questa bella diva, a 5 Cristofano Malvezzi: Sinfonia, a 6 Jacopo Peri: Dunque fra torbid’onde Cristofano Malvezzi: Lieti solcando il mare, a 7
Die Geschichte von der Rettung des korinthischen Dichtersängers Arion durch einen Delphin ist in den Historien des Herodot (I, 23 f) und in Plutarchs Moralia überliefert. Auf einer Reise von Sizilien nach Korinth erweckt Arions Reichtum den Neid der Matrosen, die ihn töten wollen. Sie gestatten ihm jedoch seinen letzten Wunsch, noch einmal ein Lied zu singen. Sein Gesang ruft einen Delphin herbei, der ihn nach seinem Sturz ins Meer sicher an Land bringt.
Zu Beginn huldigt Aphrodite, die „Königin des Meeres“, dem Brautpaar (Io che l’onde raffreno). Weitere Stimmen schließen sich ihr an (E noi con questa bella diva). Arions Monodie Dunque fra torbid’onde wird akkordisch von einem Chitarrone begleitet und enthält einen doppelten Echoeffekt. Die Musik zur eigentlichen Delphinszene ist nicht erhalten. Den Abschluss bildet ein Freudenchor der Seeleute, die in Unkenntnis von Arions Rettung die Beute verteilen (Lieti solcando il mare).
Intermedio VI: „La discesa d’Apollo e Bacco col Ritmo e l’Armonia“ – Der Abstieg von Apollo und Bacchus mit Rhythmus und Harmonie
Cristofano Malvezzi: Dal vago e bel sereno, a 6 Cristofano Malvezzi: O qual risplende nube, a 6 Emilio de’ Cavalieri: Godi turba mortal Cristofano Malvezzi: O fortunato giorno, a 30 Emilio de’ Cavalieri: O che nuovo miracolo, a 5 / a 3
Die Handlung des letzten Intermediums basiert auf Platos Gesetzen. Unten auf der Bühne stehen in zwei Reihen zwanzig irdische Paare, die von goldenen Tropfen beregnet werden. Darüber sitzen auf fünf beweglichen Wolken die Musen bzw. Grazien. Ganz oben thronen die Götter in einem Halbkreis unter einer zentralen Sonne.
Die im Himmel versammelten Götter freuen sich über ein Geschenk Jupiters an die Menschheit. Ihr Madrigal Dal vago e bel sereno wird zunächst rein instrumental, dann mit Gesang vorgetragen. Bei der Gabe handelt es sich um Harmonie und Rhythmus. Die Antwort darauf bildet ein sechsstimmiges Madrigal (O qual risplende nube) der zwanzig Paare auf der Bühne. Es folgt eine vom Chitarrone begleitete Monodie (Godi turba mortal), bevor mit dem dreißigstimmigen O fortunato giorno der Höhepunkt des Intermedien-Zyklus erreicht wird. An diesem Stück sind sämtliche Mitwirkende der Aufführung beteiligt. Es ist in sieben Chöre aufgeteilt und eigentlich sechsstimmig, „um die Schwierigkeiten großer Sprünge zu vermeiden, die Erinnerung zu erleichtern und eine bessere Harmonie zu erreichen“ (Malvezzi).
Den Abschluss bildet ein Ballo (Ballett), in dem sich Rhythmus (Tanz) und Harmonie (Musik) vereinen. Wie die Musik stammte auch die Choreographie von Emilio de’ Cavalieri. Es besteht aus sich abwechselnden drei- und fünfstimmigen Abschnitten, die von unterschiedlichen Ensembles vorgetragen wurden.
Werkgeschichte
Intermedien als repräsentatives Element bei Fürstenhochzeiten
mini|hochkant=1.5|Die Hochzeit von Ferdinando I. mit Christine von Lothringen
Die „Intermedium“, „Intermezzo“, „Intramento“ oder anders genannten musikalischen Zwischenspiele wurden seit der Wiederentdeckung der antiken Dramenform gegen Ende des 15. Jahrhunderts zwischen den üblicherweise fünf Akten dieser Schauspiele gespielt. Während des 16. Jahrhunderts erzielten sie beim Publikum eine immer größere Beliebtheit, die diejenige der Dramen übertreffen konnte. Besonders an den Fürstenhöfen, wo größere finanzielle Mittel zur Verfügung standen als an gewöhnlichen Theatern, wurden die Intermedien genutzt, um die Bedeutung der jeweiligen Herrscher durch ihre Pracht herauszustellen oder diese allegorisch als Nachfolger der antiken Helden zu stilisieren. Florenz als Machtzentrum der Medici entwickelte sich dabei zu einem Zentrum dieser Kultur. Die dortigen Aufführungen wurden detailliert dokumentiert. Als besonders prachtvoll gelten die Intermedien der Jahre 1539, 1565 und 1589. Mit zunehmender Prachtentfaltung nahm auch die Bedeutung der Intermedien im Rahmen der Theateraufführung zu. Spätestens als sie auch am Anfang und Ende des Stücks gespielt wurden, wirkten sie nicht mehr wie Beiwerk, sondern wie das Hauptstück selbst, wie Giovanni Battista Strozzi der Jüngere feststellte.
Die Intermedien von 1539 wurden anlässlich der Hochzeit von Cosimo I. de’ Medici mit Eleonora von Toledo im Rahmen der Komödie Il commodo von Antonio Landi aufgeführt. Der Text stammte von Giovanbattista Strozzi dem Älteren, die Musik von Francesco Corteccia.
Die Intermedien von 1565 fanden zur Hochzeit von Francesco I. de’ Medici mit Johanna von Österreich statt. Sie wurden in die Komödie La cofanaria von Francesco d’Ambra integriert. Den Text schrieb Giovanbattista Cini, die Musik Alessandro Striggio der Ältere und Francesco Corteccia.
Die aufwändigste Intermedien-Produktion der Geschichte gab es 1589. Diese sechs (hier behandelten) Intermedien zur Komödie La pellegrina von Girolamo Bargagli wurden am 2. Mai 1589 anlässlich der Hochzeit von Ferdinando I. de’ Medici mit Christine von Lothringen gegeben. Sie waren der Höhepunkt der zweiwöchigen Festlichkeiten, an deren Vorbereitungen mehr als 800 Personen für ein halbes Jahr beteiligt waren. Neben den Theateraufführungen gab es Festbankette, Triumphzüge, Turniere, eine nachgestellte Seeschlacht im Hof des Palazzo Pitti und weitere Veranstaltungen.
Produktion der Intermedien von 1589
mini|Titelblatt der Komödie La pellegrina
Für die Aufführung der Pellegrina baute Bernardo Buontalenti das Uffizientheater um. Er umgab die Halle von allen Seiten mit sechs Stufen, um ein Theater zu bilden. Es erhielt Rampenlicht, ein geneigtes Parterre, einen Theatervorhang und eine Bühnenmaschinerie für fliegende Szenenwechsel – im sechsten Intermedium gab es 82 Bühnenbewegungen und 90 Kostüme. Die Orangen- und Zitronenbäume im zweiten Intermedium wurden mit Duftwasser sensorisch hervorgehoben.
Die Organisation der Produktion der sechs Intermedien zur Pellegrina hatte Emilio de’ Cavalieri. Die Thematik stammte von Giovanni de’ Bardi, einem der beteiligten Komponisten. Für Bühne und Kostüme war Buontalenti verantwortlich. Ottavio Rinuccini dichtete den Großteil der Verse. Weitere Teile der Dichtung trugen Bardi, Giovanni Battista Strozzi und Laura Lucchesini de’ Guidiccioni bei. Als Komponisten kamen Cristofano Malvezzi, Luca Marenzio, Giulio Caccini, Giovanni de’ Bardi, Jacopo Peri, Emilio de’ Cavalieri und möglicherweise Antonio Archilei zum Zuge. Ausgeführt wurden die Intermedien von Mitgliedern der Accademia degl’Intronati von Siena, deren Mitglied Bargagli war.
Die Instrumentation ist in Form einer Liste der Mitwirkenden überliefert.Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik. Band 4: Halbe Note – Kostelanetz. Aktualisierte Sonderausgabe. Herder, Freiburg im Breisgau u. a. 1987, ISBN 3-451-20948-9, S. 177–178. Dies ist für Musik des 16. Jahrhunderts ungewöhnlich, da die Besetzung damals in der Regel nur vage mit per ogni sorte d’istrumenti („für jegliche Art Instrumente“) angegeben wurde.