mini|Paul Landers, 2011
Paul Landers (* 9. Dezember 1964 in Ost-Berlin als Heiko Paul Hiersche) ist ein deutscher Musiker. Er ist Rhythmusgitarrist der Rockband Rammstein. Zuvor gehörte er der DDR-Funpunk-Band Feeling B an, die zwischen 1983 und der politischen Wende 1989 die alternative Musikszene der DDR prägend beeinflusste und kurz vor dem Mauerfall das erste offizielle Punk-Album des staatseigenen Labels Amiga aufnahm.
Leben Paul Landers wurde als Sohn der Slawisten Anton und Erika Hiersche geboren.Anton Hiersche: Wie ein Traum verloren wurde, Erinnerungen eines Slawisten. Verlag am Park Berlin 2013, ISBN 978-3-89793-262-3, S. 131/143. Seine Mutter stammt aus dem ostpreußischen Lyck, heute Ełk im polnischen Masuren, sein Vater aus Böhmisch-Kahn, heute Velké Chvojno, Tschechien. Beide mussten im Zuge der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen und lernten sich während ihres Studiums in Halle (Saale) kennen.Anton Hiersche: Wie ein Traum verloren wurde, Erinnerungen eines Slawisten. Verlag am Park Berlin 2013, ISBN 978-3-89793-262-3, S. 143 ff. Landers’ Eltern waren zu DDR-Zeiten überzeugte Sozialisten.Anton Hiersche: Wie ein Traum verloren wurde, Erinnerungen eines Slawisten. Verlag am Park Berlin 2013, ISBN 978-3-89793-262-3.
Landers wuchs im Berliner Ortsteil Baumschulenweg auf, der zum Bezirk Treptow-Köpenick gehört. Als er acht Jahre alt war, gingen seine Eltern mit ihm und seiner drei Jahre älteren Schwester nach Moskau.Anton Hiersche: Wie ein Traum verloren wurde, Erinnerungen eines Slawisten. Verlag am Park Berlin 2013, ISBN 978-3-89793-262-3, S. 348. Seine Mutter lehrte dort an einer Fachhochschule für Außenwirtschaft Russisch,Ronald Galenza, Heinz Havemeister: Feeling B Mix mir einen Drink, Punk im Osten. Ausführliche Gespräche mit Flake, Paul Landers und vielen anderen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, ISBN 978-3-89602-905-8, S. 113 sein Vater, der in Berlin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte tätig war, erforschte als Kulturwissenschaftler die sowjetische Literatur. Nach einem Jahr kehrten sie zurück in die DDR und lebten wieder im selben Ost-Berliner Ortsteil.
Nach der Schule absolvierte Landers eine Lehre als Funk- und Fernmeldemechaniker im VEB Funk- und Fernmeldeanlagenbau an der Storkower Straße in Ost-Berlin. Während seiner Ausbildungszeit wurde er nach eigenen Angaben an verschiedenen Orten eingesetzt, unter anderem im VEB Bärensiegel Berlin, im Institut für Kosmosforschung in Berlin-Adlershof, im VEB Elektrokohle in Berlin-Lichtenberg und sogar in der Telefonzentrale im FDJ-Zentralratsgebäude im Zollernhof, wo er in einer Pause den Text zum späteren Feeling-B-Song Am Horizont verfasste. Dort und an anderen Einsatzstellen sammelte er Erfahrungen, die bei ihm erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit des DDR-Grundgedankens des Volkseigentums weckten, da viele seiner Kollegen verschwenderisch und gleichgültig mit den Rohstoffen und Produkten umgingen.Ronald Galenza, Heinz Havemeister: Feeling B Mix mir einen Drink, Punk im Osten. Ausführliche Gespräche mit Flake, Paul Landers und vielen anderen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, ISBN 978-3-89602-905-8, S. 122.
Nach Ende seiner Ausbildung war er bereits als Musiker so aktiv, dass er seinen gelernten Beruf nicht mehr ausübte. Um der in der DDR geltenden Arbeitspflicht – Amateurmusiker durften dort nicht in Vollzeit musizieren – nachzukommen, verdiente er Geld mit Halbtagsstellen. Unter anderem war er als Heizer in der Treptower Stadtbibliothek tätig.Anton Hiersche: Wie ein Traum verloren wurde, Erinnerungen eines Slawisten. Verlag am Park Berlin 2013, ISBN 978-3-89793-262-3, S. 458. Durch eine Bescheinigung seiner Musikschule entging er dem Dienst in der NVA. Krankschreibungen und eine Briefkastenadresse halfen ihm auch bis zum Ende der DDR, nicht eingezogen zu werden.
Auf der Ostseeinsel Hiddensee lernte er im Alter von 20 Jahren die zwei Jahre jüngere Leipzigerin Nikki Landers kennen – er zog aus seinem Elternhaus aus, heiratete sie und nahm ihren Nachnamen an. Schon einige Zeit zuvor – nach eigenen Angaben, als er anfing, sich regelmäßig zu Bandproben im Bezirk Prenzlauer Berg aufzuhalten – hatte er seinen ersten Vornamen Heiko mit seinem zweiten Namen Paul vertauscht, ließ Heiko am Ende komplett wegfallen. Sein Vater verwendet den Vornamen Heiko bis heute.Anton Hiersche: Wie ein Traum verloren wurde, Erinnerungen eines Slawisten. Verlag am Park Berlin 2013, ISBN 978-3-89793-262-3
Die Ostberliner Band die anderen widmete Landers und seiner Frau – inspiriert von dem Bedürfnis der beiden, sich so früh zu binden – seinerzeit den Song Pauls Hochzeit.Ronald Galenza, Heinz Havemeister: Feeling B Mix mir einen Drink, Punk im Osten. Ausführliche Gespräche mit Flake, Paul Landers und vielen anderen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, ISBN 978-3-89602-905-8, S. 125.youtube.com: die anderen: Paul’s Hochzeit. Upload 30. November 2011, abgerufen am 7. Juni 2017
Landers lebte mit seiner Frau in einer illegal besetzten Wohnung in der Berliner Invalidenstraße. Die Ehe scheiterte, im Alter von 22 Jahren ließ er sich scheiden. Im Anschluss zog er mit seinem Bandkollegen Christian „Flake“ Lorenz in der Fehrbelliner Straße 9 in eine Wohngemeinschaft. Auch diese Wohnung hatten beide nach eigenen Angaben zunächst besetzt. Einen offiziellen Mietvertrag erhielten sie erst einige Monate später.Ronald Galenza, Heinz Havemeister: Feeling B Mix mir einen Drink, Punk im Osten. Ausführliche Gespräche mit Flake, Paul Landers und vielen anderen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, ISBN 978-3-89602-905-8, S. 127/128 Zwei Häuser weiter, in der Fehrbelliner Straße 7, befand sich die Wohnung ihres Bandleaders Aljoscha Rompe, in dessen Domizil die Band Feeling B ab 1983 probte.
1990 wurde Landers Vater des heutigen Schauspielers und twocolors-Musikers Emil Reinke, dessen Band im Jahr 2019 einen Remix zu der Single Radio von Landers’ Band Rammstein verantwortete.
Die Beziehung zur Mutter Reinkes endete bereits nach einigen Jahren, noch in der Frühphase der Band Rammstein.
Seit Ende der 1990er Jahre ist Landers mit einer Friseurin und Visagistin liiert und hat mit ihr seit 2001 eine gemeinsame Tochter.Anton Hiersche: Wie ein Traum verloren wurde, Erinnerungen eines Slawisten. Verlag am Park Berlin 2013, ISBN 978-3-89793-262-3, S. 529
Musikalischer Werdegang hochkant|mini|Landers während der LIFAD-Tour in Berlin, 2009
Als Landers 13 Jahre alt war, veranlassten seine Eltern, dass er wie seine ältere Schwester Klavierunterricht erhielt. Nach kurzer Zeit wechselte er zur Klarinette und schließlich zur Gitarre. Bei Konzerten der Formation Keks notierte er sich die Griffe im Gedächtnis und übte diese zu Hause vor dem Spiegel. Er meldete sich in der Folgezeit an der Musikschule Friedrichshain in der Abteilung Tanzmusik für den Unterricht an der E-Gitarre an. Die Aufnahmeprüfung bestand er mit einer Improvisation auf der Gitarre. Neben der Gitarre spielt Landers in seiner Freizeit auch Schlagzeug.
Seine Fähigkeiten an seinem Hauptinstrument stufte Landers noch Jahre nach den ersten großen Rammstein-Erfolgen wie folgt ein:
Seit den frühen 1980er Jahren war Landers als Gitarrist, aber vereinzelt auch mit anderen Instrumenten in Bands aktiv oder agierte für zahlreiche andere Gruppen als Tontechniker.
Feeling B Von 1983 bis 1993 gehörte Landers als Gitarrist der Fun-Punk-Band Feeling B an. Hier zählt er zur Erstbesetzung. Die Band erspielte sich innerhalb der DDR einen hohen Bekanntheitsgrad, obwohl sie – trotz einer sogenannten staatlichen Einstufung und der auf dieser Basis erteilten offiziellen Spielerlaubnis – niemals professionell und erst nach der Wende kommerziell erfolgreich arbeitete.
Feeling B bestand im Kern aus drei Musikern: dem 1947 geborenen und damit fast doppelt so alten Aljoscha Rompe, dem bei Gründung 18-jährigen Landers und dem zwei Jahre jüngeren Christian „Flake“ Lorenz.
Feeling-B-Gründer Rompe hatte Landers über den ersten Drummer der Band, Alexander Kriening (ab 1984 bei Rosa Extra), kennengelernt. Kriening hatte mit Rompe schon in dessen früherer Combo Feeling 14 gespielt. 1982 waren er und Landers bei einem Konzert im Kulturpark Plänterwald ins Gespräch gekommen, Landers hatte dem gleichaltrigen Kriening in der Folge seine musikalischen Ideen vorgespielt. Als Rompe ein Jahr später Musiker für eine neue Band suchte, erinnerte sich Kriening an Landers. Das erste Zusammentreffen von Landers und Rompe Ende März 1983 in Berlin-Prenzlauer Berg machte auf den eher in behütetem Wohnumfeld aufgewachsenen Landers Eindruck. Er notierte nach einem der ersten Treffen:
Er verwarf seine Zweifel jedoch schnell, da ihn Rompes Wohnung an der Fehrbelliner Straße 7 und dessen Lebensstil als Pendler zwischen Ost- und West-Berlin beeindruckte und weil er sich sorgte, etwas zu verpassen.Ronald Galenza, Heinz Havemeister: Feeling B Mix mir einen Drink, Punk im Osten. Ausführliche Gespräche mit Flake, Paul Landers und vielen anderen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, ISBN 978-3-89602-905-8, S. 43. Er wurde Gitarrist von Feeling Berlin, wie sich die Gruppe zunächst nannte.
Nur wenige Wochen später lernte Landers den damals 16-jährigen Christian „Flake“ Lorenz als neuen Feeling-B-Bandkollegen kennen. Schlagzeuger Kriening warb Lorenz auf der Suche nach einem Ersatz für den ausgefallenen Bassisten Otto Leimer, kurz „Bass-Otto“, an. Lorenz hatte erst kurz zuvor von seinen Eltern eine eigene Weltmeister-Orgel erhalten, die aus technischer Sicht in der Lage war, einen Bass zu ersetzen. Landers und Lorenz wurden im Verlauf der nächsten Bandjahre zu ständigen musikalischen Wegbegleitern, die bereits zu DDR-Zeiten oft als Duo gesehen wurden und bis heute durchgehend direkte Bandkollegen sind – aktuell bei Rammstein.Ronald Galenza, Heinz Havemeister: Feeling B Mix mir einen Drink, Punk im Osten. Ausführliche Gespräche mit Flake, Paul Landers und vielen anderen. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, ISBN 978-3-89602-905-8, S. 44.
Kriening, der die Feeling-B-Mitglieder zusammengeführt hatte, verließ die Band 1984 nach eineinhalb Jahren. Alle weiteren Schlagzeuger und andere Musiker, die von da an bei Feeling B mitspielten, wurden von Rompe, Lorenz und Landers als Gäste verpflichtet und auch so behandelt. So kam Landers Jahre später bei Feeling B mit einem zweiten seiner späteren Rammstein-Kollegen in Kontakt: Schlagzeuger Christoph Schneider hatte diesen Gaststatus zwischen 1990 und 1993 inne. Landers hatte ihn in seiner zweiten Band Die Firma kennengelernt und holte ihn zu Feeling B. Schneider machte mit Landers und dessen Anspruch damals nicht nur positive Erfahrungen. So äußerte er Anfang der 2000er Jahre in einem Buch über Feeling B:
Die Firma 1986 stieg Landers als Gitarrist bei der teilweise systemkritisch textenden Gruppe Die Firma ein, bei der er Ersatz für den ursprünglichen Gitarristen Key Pankonin war. Dort spielte er unter anderem neben der Bassistin und Sängerin Tatjana Besson und dem Bandgründer, Sänger und Keyboarder Frank Trötsch Tröger. Beide waren Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi, wie sich Anfang der 1990er Jahre herausstellte. Ein weiterer Bandkollege von ihm war dort Faren Matern (Bass, Gesang) – dieser ist seit der Gründung von Rammstein als Lichttechniker Teil der Tourcrew und war 2017 einer von zwei Lighting Directors der Festivaltour.beat-poet.de: Die Firma, abgerufen am 7. November 2017eventelevator.de: Rammstein: Die Crew im Interview, 22. Dezember 2011, abgerufen am 7. November 2017Pressebox.de: VisualProductions:TimeCore für Rammstein, vom 30. November 2017, abgerufen am 30. November 2017