rechts|rahmenlos|hochkant=1.5|Flachsfasern
Als Leinen (wie , „linnen, aus Flachs, von Linum usitatissimum“, zu und ) oder Flachs werden sowohl die Fasern aus den Stängeln des Gemeinen Leins als auch insbesondere das in der Leinenindustrie daraus gefertigte Gewebe bezeichnet, letzteres auch Leinwand, Leintuch oder Linnen genannt. Wie bei Baumwolle, Hanf, Wolle und Seide handelt es sich um eine Naturfaser. Leinen ist gut verspinnbar, kochfest, sehr reißfest und bildet keine Flusen, jedoch lässt es sich vergleichsweise schlecht bügeln.
Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde Leinen in der Textilindustrie fast völlig durch Baumwolle verdrängt, gewinnt aber seit dem Ende des 20. Jahrhunderts als ökologische Naturfaser wieder an Bedeutung.
Die Faser Die Flachs- oder Leinenfaser wird aus den Stängeln der Flachspflanze gewonnen und zählt zu den Bastfasern. Die Leinenfasern bilden Bündel, im Gegensatz zu Samenfasern wie Baumwolle, die aus unverbundenen Einzelfasern bestehen. Die 2,5 bis 6 Zentimeter langen Elementarfasern aus Zellulose sind durch Pektine zu den 50 bis 90 Zentimeter langen Faserbündeln, den technischen Fasern, verbunden. Weitere Bestandteile der Faser sind Hemicellulose und Lignin. Die Menge der einzelnen Bestandteile ist abhängig vom Reifegrad der Faser, durchschnittlich besteht eine Flachsfaser zu 71 % aus Cellulose, 18,6 bis 20,6 % Hemicellulose, 2,3 % Pektin und 2,2 % Lignin und etwa 1,7 % Wachs, welches zum größten Teil auf der Faseroberfläche zu finden ist.A. K. Mohanty, M. Misra, G. Hinrichsen: Biofibres, biodegradable polymers and biocomposites: An overview. Macromolecular Materials and Engineering, 2000, Ausgabe 276, S. 1–24. Durch Kotonisierung (oder auch als Kotonisieren,Alois Kießling, Max Matthes: Textil – Fachwörterbuch. Fachverlag Schiele & Schön, Berlin 1993, ISBN 3-7949-0546-6, S. 216. CotonisierenPaul-August Koch, Günther Satlow: Großes Textil-Lexikon. Fachlexikon für das gesamte Textilwesen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1965, Bd. A–K, S. 248. bzw. CottonisierenFabia Denninger, Elke Giese: Textil- und Modelexikon. 8., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2006, Bd. A–K, ISBN 3-87150-848-9, S. 131. bezeichnet) können die Bündel mittels verschiedener Verfahren in Elementarfasern zerlegt werden. Da das Kotonisieren vorrangig auf dem Einsatz dünner Laugen zum Auflösen der Pektine beruhte, wurde es in Europa längere Zeit aus Gründen des Umweltschutzes nicht mehr praktiziert. Erst seitdem gegen Ende des 20. Jahrhunderts Aufschlussverfahren wie das Dampfaufschlussverfahren, verbesserte mechanische Verfahren und Ultraschallverfahren angewendet werden, ist es wieder aktuell.
Der so erzeugte Flockenbast (Flockenflachs) passt mit seiner Faserlängenverteilung von bis zu 40 Millimetern in den Längenbereich der Baumwollfaser und kann deshalb in der Kurzstapelspinnerei (Dreizylinderspinnerei, Baumwollspinnerei) in reiner Form oder in Mischung mit anderen Kurzfasern zu Garnen versponnen werden.Anton Schenek: Naturfaser-Lexikon. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-87150-638-9, S. 63.
Ernte mini|Garben gerauften Flachses auf dem Feld aufgestellt
Bei der Ernte werden die Leinpflanzen mittels spezieller Maschinen mit den Wurzeln aus dem Boden gerauft, das heißt ausgerissen, da beim Mähen die Fasern zerstört werden. Die Ernte erfolgt bei Gelbreife, dann sind im unteren Drittel die Blätter bereits abgefallen. Das Stroh wird in Schwadlage auf dem Boden abgelegt und parallel ausgerichtet. Beim anschließenden Trocknen reißt die Epidermis auf, sodass hier später Mikroorganismen eindringen können. Durch das Riffeln werden die Samenkapseln der Leinsamen entfernt. Das Riffeln kann auch nach der Röste erfolgen.
Röste
Bei der Röste oder Rotte wird durch Bakterien und Pilze die Bindung zwischen den Faserbündeln und dem sie umgebenden Gewebe gelöst. Die Rotte muss zum richtigen Zeitpunkt unterbrochen werden, um eine Schädigung der Fasern zu verhindern.Dieser Abschnitt beruht vorwiegend auf: Frank Waskow: Hanf & Co. Die Renaissance der heimischen Faserpflanzen. Hrsg. vom Katalyse-Institut. Verlag die Werkstatt, Göttingen 1995, ISBN 3-89533-138-4, S. 119–124. mini|links|Tauröste auf dem Feld
Die heute vorherrschende Röstmethode ist die Tauröste, die auf rund drei Vierteln der Anbauflächen weltweit angewendet wird, vor allem in Gebieten mit ozeanischem Klima, da hierzu Taufeuchte benötigt wird. Dabei wird das Flachsstroh auf den Feldern liegengelassen. Durch die Taufeuchte bauen Bakterien und Pilze die Pektine ab. Dieses Verfahren ist relativ umweltfreundlich, auch gelangen die Nährstoffe während der Röste teilweise wieder in den Boden zurück. Nachteile sind die Witterungsanfälligkeit und die lange Dauer.
In manchen Gebieten, z. B. in Osteuropa, Belgien, China und Ägypten, wird die Warmwasserröste eingesetzt. Hier wird das Stroh drei bis vier Tage in Bassins mit 28 bis 40 °C warmem Wasser geröstet. Hierbei entstehen mit organischen Substanzen belastete Abwässer, die ungeklärt hohe Umweltbelastungen verursachen können.Friedrich Sierp: Die Gewerblichen und Industriellen Abwässer: Entstehung · Schädlichkeit · Verwertung Reinigung und Beseitigung. Springer, 3. Auflage 1967, S. 423. () mini|Brechlgrube (zur Kaltröste) in St. Nikolai bei Keutschach Ein historisches Verfahren ist die Kaltwasserröste, bei der das Flachsstroh in Teichen oder in Wassergräben (sog. Flachsrösten) geröstet wurde. Chemische Verfahren zur Röste haben sich nicht durchgesetzt, da sie meist auch die Flachsfasern angreifen. Enzymatische Verfahren haben sich aus Kostengründen nicht durchgesetzt.
Gewinnung der Fasern mini|Verarbeitung der Flachsfaser schematischBrechen, Schwingen, Hecheln mini|Schaukasten „Der Flachs“ vom Rohstoff zum Endprodukt mini|Flachsfasern
Nach der Röste wird das Stroh zum Trocknen und zur Weiterverarbeitung ins Brechlbad gebracht. Hier wird das Stroh zunächst gebrochen: Der Holzkern wird in kleine Stücke, Schäben genannt, zerkleinert. Beim anschließenden Schwingen werden die Schäben vom Flachs getrennt. Dabei fällt auch das Schwungwergduden.de: Werg an, kurze Flachsfasern. Schäben und Schwungwerg werden in einer Wergreinigungsanlage voneinander getrennt. Der Flachs wird gehechelt und dabei parallelisiert und weiter gereinigt. Die Flachsfasern, auch als Langfasern bezeichnet, verlassen die Schwingerei zu Zöpfen gedreht und werden so in die Spinnereien gebracht.
Kurzfasern fallen entweder bei der Langfasergewinnung als Nebenprodukt an oder die gesamte Produktion ist auf Kurzfasern ausgerichtet. Dann erfolgt die Verarbeitung in einer sogenannten Kurzfaserlinie: Das Stroh wird nicht parallel liegend verarbeitet. Die dabei entstehenden Kurzfasern sind nicht so hoch gereinigt wie die Langfasern und werden vor allem für technische Zwecke verwendet.
Textile Weiterverarbeitung Spinnen Beim Spinnen werden die Flachsfasern zu Garnen versponnen. Dabei unterscheidet man die Flachsgarne nach der Faserabmessung (Lang- und Kurzfasergarne), dem Spinnverfahren (nass gesponnen und trocken gesponnen) sowie nach der Veredlungsstufe (rohweiß, abgekocht, gebleicht oder gefärbt). Anton Schenek: Lexikon Garne und Zwirne: Eigenschaften und Herstellung textiler Fäden., Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-87150-810-1, S. 167. Langfasern werden vor dem Verspinnen zu einem Band vereinigt, mehrfach gestreckt und mit anderen Bändern vermischt (doubliert), um so eine möglichst homogene Qualität zu erreichen.Harald Perner: Technologie und Maschinen der Garnherstellung. Fachbuchverlag, Leipzig 1969, S. 585/586. Langfasern werden meist nass zu hochwertigen Fäden versponnen. Die Bänder werden zu feinen, homogenen Fäden gestreckt. In einem Warmwasserbad bei 70 °C lösen sich die Pektine, so dass sich die Fasern leichter gegeneinander verziehen. Nach dem Aufwickeln auf Garnspulen wird das Garn bei rund 80 °C getrocknet.
Bei Kurzfasern wird durch Aufrauen (Kardieren) ein flächiges „Vlies“ produziert, das zu einem Band reduziert wird. Dieses Band wird gekämmt (gehechelt), um es von Schäben und zu kurzen Fasern zu reinigen. Dann wird das Band gestreckt und wie die Langfasern doubliert. Kurzfasern werden in der Regel trocken versponnen. Die entstehenden Garne sind rau und fühlen sich gleichzeitig weich an.Dieser Abschnitt beruht vorwiegend auf: Frank Waskow: Hanf & Co. Die Renaissance der heimischen Faserpflanzen. Hrsg. vom Katalyse-Institut. Verlag die Werkstatt, Göttingen 1995, ISBN 3-89533-138-4, S. 124–126.
Weben
Gewebt wird Leinen in der klassischen Leinwandbindung, aber auch Köper und andere Bindungsarten sind üblich. Batist, Schleier und Linon wurden ebenfalls aus Flachs hergestellt, man zählte sie jedoch nicht zum Leinengewebe. Beim Weben von Leinen ist für die Kettfäden ein sehr gleichmäßiges und damit teures Garn zu verwenden. Kettfäden mit den für Leinen typischen Unregelmäßigkeiten würden unter der Scheuerbelastung leiden und zu oft reißen.
Halbleinen ist ein Gewebe mit einem Mindestgehalt an Leinenfasern. Es wird typischerweise mit Leinen als Schuss und meist Baumwolle-Kettfäden gewebt.
Eigenschaften Textilfaser Gegenüber anderen Bastfasern ist die Leinenfaser gut teilbar und fein verspinnbar, was sie für Wäsche und Kleidung auszeichnet. Die Leinenfaser ist glatt und das Leinengewebe schließt wenig Luft ein. So ist Leinen flusenfrei und wenig anfällig gegen Schmutz und Bakterien, die Faser ist von Natur aus bakterizid, fast antistatisch und schmutzabweisend.
Leinen nimmt bis zu 35 % Luftfeuchtigkeit auf und tauscht diese Feuchtigkeit auch schnell mit der Umgebungsluft aus, wirkt somit kühlend, ist dennoch trocken wärmend. Deswegen wird das Gewebe gern für Sommerbekleidung eingesetzt. Die Wasserhaltung auf der Oberfläche ist auch Ursache der antistatischen (und damit schmutzabweisenden) Eigenschaft. Die Leinenfaser ist sehr reißfest und extrem unelastisch. Aufgrund der geringen Elastizität ist Leinen knitteranfällig; die Reißfestigkeit macht das Leinen strapazierfähig und langlebig. Leinen ist stark und muss nicht wie Baumwolle nachgestärkt werden. Es hat natürlichen Glanz und Stärke.
Anfällig ist Leinen jedoch gegenüber Reibung. Seine Scheuerfestigkeit ist geringer als die der Baumwolle; es sollte deswegen bei Wäsche der Schongang eingesetzt werden oder bei Handwäsche nur gestaucht und nicht gerieben werden.
Leinen ist gegen Waschlaugen, Waschmittel, chemische Reinigung und hohe Temperaturen beim Waschen (Kochwäsche) und Bügeln unempfindlich. Trockene Hitze schädigt das Gewebe, daher soll es zum Bügeln noch leicht feucht sein, Wäschetrockner sind ungeeignet.
Das Bleichen von Leinen ist problematisch. Vollbleiche führt zu Gewichtsverlusten von bis zu einem Fünftel. Das Färben von Leinen ist im Garn oder am Gewebe möglich. Das Blau der Berufsbekleidung ist auf das Färbeverhalten des Leinens zurückzuführen, das nur mit Indigo als Naturfarbe einigermaßen echt gefärbt werden konnte. Dies liegt an der Eigenschaft von Leinen als Zellulosefaser, die beim Färben keine chemische Bindung ermöglicht. Möglich ist die Färbung neben den genannten Küpenfarbstoffen mit der Klasse der substantiven Farbstoffe. Dabei wird das Farbstoffmolekül – nur mechanisch gefangen – in das Knäuel des polymeren Zellulosemoleküls eingebaut.
Technische Faser Die technischen Flachsfasern sind relativ steif und reißfest. Kombiniert mit ihrer geringen Dichte ergibt sich eine hohe spezifische Festigkeit und Steifigkeit, vergleichbar mit Glasfasern. Flachsfasern finden deshalb auch für technische Gewebe sowie als Ersatz für Asbestfasern Verwendung.
Die Qualität der Fasern hängt jedoch stark von den Anbaubedingungen und Aufschlussverfahren ab, wodurch sich eine relativ große Streuung ergibt. Durch konsequentes Qualitätsmanagement lassen sich diese Schwankungen aber kontrollieren.
Verwendung mini|Flachs: Stroh, Garn und Seile
Leinen