Hier wird die Geschichte der heutigen Kernstadt von Bad Laasphe bis zum Ende des Alten Reiches 1806 dargestellt, die im 13. Jahrhundert von den Grafen von Wittgenstein Stadtrechte erhielt und immer wieder als Residenz verschiedener Linien der Grafen und späteren Fürsten von Sayn-Wittgenstein fungierte. mini|Stadtansicht von Laasphe mit Schloss Wittgenstein von Matthäus Merian in seiner Topographia Hassiae aus dem Jahre 1655
Frühes und hohes Mittelalter Der Ort Laasphe wird zuerst im Jahre 780 in einem Verzeichnis des Klosters Fulda als „villa lassaffa“ erwähnt. Damals war das Gebiet der späteren Grafschaft Wittgenstein noch sehr dünn besiedelt und wurde vermutlich gerade unter der neuen Königsfamilie der Karolinger als Grenzmark gegen die Sachsen im Norden ausgebaut.Dieter Pfau: Zeitspuren in Siegerland und Wittgenstein das Früh- und Hochmittelalter (750–1250). Bielefeld 2009, S. 60. Vermutlich muss man unter der genannten „villa lasaffa“ einen der damals typischen Fronhöfe verstehen, auf dem mit unfreien Knechten und Mägden sowie einigen in der Umgebung siedelnden hörigen Bauern gewirtschaftet wurde. Diese sogenannte Villikation stand nach Vergleichsbeispielen zu urteilen unter der Leitung eines Verwalters (Villicus = Meier).
Der Fronhof war auf einem etwas erhöhten Schwemmkegel südlich des namensgebenden Laasphebaches angelegt worden, dessen Name selbst älteres keltisches Namensgut überliefert. Wahrscheinlich bildet die rundliche Siedlungsstruktur um die heutige Laaspher Stadtkirche noch die Siedlungsstruktur des Fronhofes ab. Die Siedlung wurde seelsorgerisch von der Urpfarrei im südlich gelegenen, etwa 7 km entfernten Breidenbach aus betreut, aus deren Pfarrverbund sie erst später herausgelöst wurde.
Die intensive Besiedlung des Wittgensteiner Gebietes setzte als externe Kolonisationsbewegung aus dem östlich benachbarten Hessen erst um 900 ein. Zuerst wurden die landwirtschaftlich günstigen Tallagen mit einzelnen Höfen oder kleinen Hofgruppen besiedelt; danach folgten bis etwa um 1000 auch die meisten der ungünstigeren, d. h. in der Regel höhergelegenen Siedlungslagen. Es ist anzunehmen, dass der karolingische Fronhof an der Laasphemündung auch in dieser Zeit seine alte Mittelpunktsfunktion beibehielt und hier eine oder mehrere Adelsfamilien im Zentrum ihres Grundbesitzes lebten.
Stadtgründung im hohen Mittelalter Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts wurde oberhalb von Laasphe und südlich der alten karolingischen Befestigung der „Alten Burg“ eine neue Höhenburg Wittgenstein (=Widechinstein/Wittekindstein) errichtet, die bald darauf als Kernort einer kleinen Grafschaft fungierte. Der Besitz stammte vermutlich aus den Gütern der Grafen von Ziegenhain und diente einem familiär mit diesen verbundenen und ab 1174 nachweisbaren Grafen Werner I. als neuer namensgebender Wohnsitz.Dieter Pfau: Zeitspuren in Siegerland und Wittgenstein das Früh- und Hochmittelalter (750–1250). Bielefeld 2009. Die neue Grafenburg und die ältere Siedlung Laasphe lagen an einer nordsüdlich ausgerichteten Straßenverbindung, die den Breitenbacher Grund mit der großen Ost-West-Straße vom Rheinland nach Thüringen auf der Wasserscheide des Rothaargebirges verband. Der ehemalige Fronhofverband in Laasphe dürfte nach Vergleichsbeispielen zu urteilen damals zunehmend aufgelöst und unter hörige Untertanen zur eigenen Bewirtschaftung aufgeteilt worden sein, sodass sich erste zentrale Marktfunktionen unter der Aufsicht der neuen Grafen von Wittgenstein ausgebildet haben könnten. Über die Siedlungsstruktur von Laasphe aus dieser Zeit ist nichts bekannt; es ist mit einer unregelmäßigen Verteilung von Hofstellen westlich des alten Herrenhofes um eine Kirche zu rechnen, die keine Spuren hinterlassen haben.
Als im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert eine Welle von Stadtgründungen in Mitteleuropa das Potenzial dieses wirtschaftlichen und sozialen Konzeptes bewies, fasste der Enkel des ersten Grafen, Graf Siegfried I. von Wittgenstein (reg. 1234–nach 1283), den Plan, die Siedlung Laasphe zu einer Stadt mit eigener Verfassung und verteidigungsfähiger Abgrenzung zum Umland hin auszubauen. Der genaue Zeitpunkt dafür ist unbekannt; es ist davon auszugehen, dass eine Erbteilung mit Sigfrieds Bruder Widekind II. von Battenberg bald nach 1238 die Voraussetzung zu dieser Herrschaftsintensivierung bildete. Im Jahre 1277 wird Laasphe beiläufig als Stadt im Rechtssinn bezeugt; eine offizielle Gründungsurkunde ist nicht überliefert.
mini|Historisches Bürgerhaus in der Wallstr. 63 mit Rest der westlichen Stadtmauer Der Stadtkern von Bad Laasphe mit seinen parallel von dem Kirchhügel aus in westliche Richtung verlaufenden Straßen (heute Wallstraße, Steinweg und Königsstraße; die Mauerstraße wurde teilweise erst im 19. Jahrhundert angelegt) belegt, dass hier ein planmäßiger Siedlungsprozess stattgefunden hat. Entlang eines langgestreckten Straßen- und Marktraumes waren ungefähr gleich große Parzellen ausgegeben worden. Wie genau der erste Stadtgrundriss des 13. Jahrhunderts ausgesehen hat, ist ohne archäologische Grabungen nicht festzustellen. Auffällig ist die Reihung von etwa gleich breiten, deutlich lang gestreckten Grundstücken entlang einer west-östlich verlaufenden Verkehrsachse, die sowohl Hofstellen im Stadtgebiet als auch direkt angrenzende Gärten und Ackerland in Richtung der Talränder umfassten und später durch die Stadtmauer geteilt wurden. Wann Laasphe diese steinerne Befestigung erhalten hat, ist ebenso unklar. Vermutlich hat es einige Zeit gedauert, bis die wirtschaftliche Potenz dazu vorhanden war, sodass man nach anderen Beispielen mit dem frühen 14. Jahrhundert rechnen kann, in dem die später urkundlich, bildlich und archäologisch nachweisbare rechteckige Stadtmauer mit zwei Toren im Westen und Osten, vier runden Ecktürmen und zwei weiteren Türmen an den Langseiten errichtet wurde.
mini|Stadtkirche von Bad Laasphe aus dem 13. Jahrhundert mit Umbauten aus dem 19. Jahrhundert (Portale/Fenster) Unklar ist die präzise Bauzeit der noch im Wesentlichen erhaltenen vermutlich ersten steinernen Kirche. Die heutige Laaspher Stadtkirche umfasst auf der Nordseite eine zuerst errichtete Saalkirche in romanischen Formen mit einem eingezogenen Rechteckchor. Der Turm selber wird in einer Urkunde um 1237 bezeugt, entstand also vermutlich vor Gründung der Stadt. Wenig später wurde auf der Südseite ein weiteres Schiff mit polygonalem Chor angebaut. Der Anlass dazu wird die Neugründung von Laasphe als Stadt durch Graf Siegfried I. von Wittgenstein gewesen sein, der damit auch als Hauptbauherr der Erweiterung infrage kommt. Damit entstand eine gewölbte zweischiffige Hallenkirche.
Spätes Mittelalter mini|Graf Johann IV. von Sayn-Wittgenstein (gest. 1412) auf seiner Grabplatte (Detail)
Die erste Stadtgemeinde des 13. Jahrhunderts hat nach Vergleichsbeispielen zu urteilen noch keinen Bürgermeister als eigenständiges Verwaltungsoberhaupt besessen. Von entscheidender Bedeutung war lange Zeit die Rolle der Grafenfamilie als Stadtherren, die auf Schloss Wittgenstein direkt oberhalb der Stadt ihren Stammsitz besaßen und für die die Stadt eine wichtige Ressource ihrer Hofhaltung darstellte. In der Reihe der regierenden Grafen sind im späten Mittelalter zu finden: Salentin von Sayn, Graf zu Wittgenstein (um 1310 – um 1392), Johann IV. von Sayn, Graf zu Wittgenstein (gest. um 1436), Georg von Sayn, Graf zu Wittgenstein (um 1400 – 1472), Eberhard von Sayn, Graf zu Wittgenstein (1425 – 1494) und sein Bruder Johann, der später in den geistlichen Stand übertrat sowie Wilhelm von Sayn, Graf zu Wittgenstein (1488 – 1570), der nach dem Tod seines Bruders Johann VII. 1551 wieder die gesamte Grafschaft vereinigte. Zeitweise litten die Grafen unter solchem Geldmangel, dass sie die Grafschaft Ende des 14. Jahrhunderts mit der Stadt auf mehrere Jahrzehnte verpfänden mussten.
Die Stadt Laasphe wurde von einem direkt durch das Grafenhaus eingesetzten Richterkollegium unter dem Vorsitz des Schultheißen als gräflichem Beamten verwaltet und konnte in diesem Rahmen eine gewisse Selbstverwaltung erreichen. Die Schöffen des Kollegiums wurden auf Lebenszeit benannt. Im späten Mittelalter sind die Namen einiger Schöffenfamilien überliefert, die gleichzeitig im Laufe der Zeit auch Funktionen eines Stadtrates übernahmen. Einen vom Richteramt unabhängigen Stadtrat hat Laasphe erst in der Neuzeit ausgebildet. Im Laufe des 14. Jahrhunderts wurde aber die Funktion des gräflichen Schultheißen auf seine Richterfunktion beschränkt, und seit 1357 ist zusätzlich ein Bürgermeister als Selbstverwaltungsorgan und Stadtoberhaupt nachweisbar, dem bald ein Unterbürgermeister zur Seite stand. Die in großen Städten seit dem 14. Jahrhundert immer drängenderen Kräfte für eine Öffnung der Stadtverwaltung zugunsten einer breiteren Mittelschicht, d. h. vor allem konkret der organisierten Handwerkerschaft, waren in Laasphe aufgrund der Kleinheit nur eingeschränkt vorhanden; im 15. Jahrhundert werden jedoch unter den Zünften Wollweberzunft und Schneiderzunft genannt.
Die Laaspher Stadtgemeinde setzte sich seit ihrer Gründung im 13. Jahrhundert aus verschiedenen sozialen Gruppen zusammen, wie man es auch von vergleichbaren Städten der Umgebung kennt. In der Frühzeit wird sich der Kreis der führenden und die Verwaltung der Stadt dominierenden Familien vor allem aus dem Wittgensteiner Grafenhaus verbundenen Ministerialen zusammengesetzt haben. Diese Familien bildeten in der Folgezeit über die Generationen hinweg einen Kreis der sogenannten schöffen- bzw. ratsfähigen Geschlechter, die in größeren Städten als Patriziat bezeichnet werden, in kleineren als Meliorat oder Ehrbarkeit aber ein ähnliches soziales Phänomen bezeichnen. In der Regel handelte es sich auch um einen zur Abschließung tendierenden Heiratskreis, der Verbindungen mit den in etwa gleichrangigen Eliten im Umland pflegte. Aus den Überlieferungen des späten Mittelalters kann man für Laasphe zu diesem Kreis u. a. die Familien (von) Hesselbach, (von) Banf, Wolffart, Hülscher, Schobel (Schöbel), Achenbach, Herbertzhausen und Hahn zählen.Gustav Bauer: Der Streit um den Laaspher Samtzehnten. In: Wittgenstein. Band 41, Heft 1, 1977, S. 2–11. In der Regel verfügten die Familien über kleinere agrarische Mannlehen der benachbarten Adelsfamilien, die ihnen eine gewisse Abkömmlichkeit von der Erwerbstätigkeit zugunsten einer (ehrenamtlichen) Betätigung in der städtischen Politik ermöglichten und vermutlich auch eine Distanz zu der als minderwertig empfundenen Handarbeit herstellten. Diejenigen Familien aus dem ursprünglich abhängigen und rechtlich unfreien Ministerialenkreis der Umgebung, die über größeren Landbesitz verfügten und sich im Kriegsdienst hervortaten, stiegen im Laufe des 14. Jahrhunderts in den Stand des niederen Adels auf. Als der Grafenburg zugeordnete niederadelige Burgmannen dürften sie nach Vergleichsfällen zu urteilen in der Frühzeit auch in Laasphe ihre Wohnsitze (Burgmannensitze) gehabt haben. Hier kann mit den Familien von Feudingen, von Hohenfels (1321), Ringk (Burgsitz bis 1481 nachgewiesen) und von Achenbach (Rorich von Achenbach gen. vom Dornhof 1361) gerechnet werden, deren Rolle in Bezug auf Laasphe jedoch historisch noch zu klären ist.Günther Wrede: Territorialgeschichte der Grafschaft Wittgenstein (= Marburger Studien zur älteren Geschichte. I. Reihe: Arbeiten zum geschichtlichen Atlas von Hessen und Nassau Band 3), Marburg/Lahn 1927, S. 164. Ab dem 16. Jahrhundert lebten keine niederadeligen Burgmannenfamilien mehr in der Stadt Laasphe.