Die NANDA International (NANDA-I, Internationale Klassifikation der Pflegediagnosen) ist eine pflegewissenschaftliche Organisation, die sich mit der Formulierung, Entwicklung und Prüfung von Pflegediagnosen beschäftigt. Zielsetzung der Organisation mit Sitz in Kaukauna (Wisconsin) ist eine Vereinheitlichung der pflegediagnostischen Terminologie mit der eine Vereinfachung der Pflegedokumentation sowie der Erfassung des Pflegeprozesses in der Praxis einhergeht sowie eine bessere statistische Auswertbarkeit pflegerelevanter Daten zur Unterstützung der Weiterentwicklung in der Pflegeforschung. NANDA International veröffentlicht zudem die wissenschaftliche Fachzeitschrift International Journal of Nursing Knowledge.
Ziele Die Vereinigung hat zum Ziel, eine Terminologie zu entwickeln, zu verbessern und zu fördern, welche die klinische Entscheidungsfindung von Pflegefachkräften genau wiedergibt. Die Einführung von Pflegediagnosen verbessert alle Aspekte der Pflegepraxis: Die Stärkung der professionellen Anerkennung, die Sicherstellung einer konsistenten pflegerischen Dokumentation, welche die klinische Entscheidungsfindung darstellt sowie eine genaue Dokumentation zur Sicherung der Pflegefinanzierung. Das Ziel der Vereinigung ist, Pflegefachwissen zu etablieren, indem die internationale Klassifikation der Pflegediagnosen NANDA-I weiterentwickelt wird. Dabei stehen nicht medizinische Diagnosen im Vordergrund, sondern eine Klassifikation der Pflegeprobleme, -risiken sowie der Bereitschaft des Patienten zur Gesundheitsförderung. Im Fokus stehen pflegerisch relevante, menschliche Erfahrungen und Reaktionen von Patienten auf gesundheitliche Probleme/Lebensprozesse (NANDA International, 2010). NANDA-I will Pflegende in der Pflegedokumentation und im Pflegeprozess unterstützen, die Pflege durch besseren Wissensstand und genaue Umschreibung der Diagnosen professionalisieren und entwickelt eine computergerechte Sprache, um die Pflegeforschung und statistische Analysen zu erleichtern.
Gemäß Studien ist die Klassifikation NANDA-I die am Weitesten verbreitete Pflegediagnosenklassifikation. Die aktuelle Klassifikation enthält 216 Pflegediagnosen und wurde in über 20 Sprachen übersetzt.Gail Keenan, Dana Tschannen, Mary Lou Wesley: Standardized nursing terminologies can transform practice. In: Journal of Nursing Administration, 2008, 38(3), S. 103–106Christine Anderson, Gail Keenan, Josette Jones: Using bibliometrics to support your selection of a nursing terminology set. In: CIN: Computers, Informatics, Nursing, 2009 27(2), S. 82–90Maria Müller-Staub, Ian Needham, Matthias Odenbreit, Mary Ann Lavin, Theo van Achterberg: Nursing diagnoses, interventions and outcomes - Application and impact on nursing practice: A systematic literature review. In: Journal of Advanced Nursing, 2006, 56(5), S. 514–531.
Geschichte Die NANDA entstand 1982 aus der Nationale Konferenzvereinigung, einer Kommission von Pflegewissenschaftlerinnen, die 1973 in St. Louis, Missouri, USA während der Ersten Nationalen Konferenz über die Klassifizierung der Pflegediagnose gebildet wurde. Zur ersten Präsidentin der NANDA wurde Marjory Gordon gewählt, die das Amt bis 1988 innehatte. Im Jahre 1986 wurde der Weltgesundheitsorganisation die Übernahme der Pflegediagnosenklassifikation der NANDA als eigenes Kapitel innerhalb der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD) vorgeschlagen. Unterstützt wurde NANDA dabei von der American Nurses Association.
Die erste Klassifikation Taxonomy I, auch als Orange Book bekannt, wurde 1987 veröffentlicht. Ein Jahr später verstärkte die Organisation ihre internationalen Bemühungen um Verbreitung dieser Taxonomie. Da sie jedoch lange Zeit für viele Pflegekräfte relativ unverständlich blieb, wurde im Rahmen der 13. NANDA-Konferenz 1998 eine vollständig überarbeitete Fassung vorgelegt. Diese neue Klassifikation wurde im Frühjahr 2000 als so genannte Taxonomy II verabschiedet. Das Interesse an Pflegediagnosen nach dem Muster von NANDA hatte in den Folgejahren weltweit zugenommen, die Organisation entschloss sich deshalb 2002 zu einer Umbenennung in NANDA International (NANDA-I). (engl.)
Neben der Weiterentwicklung der aktuellen Taxonomie arbeitet die Vereinigung seither vor allem an der Integration der NANDA-Pflegediagnosen in ein Gesamtsystem von Pflegeklassifikationen, die ihrerseits verschiedene Aspekte des Pflegeprozesses beschreiben. Insbesondere sind dabei die Klassifikationen der Nursing Interventions Classification (NIC, dt. Pflegemaßnahmenklassifikation) und der Nursing Outcomes Classification (NOC, dt. Pflegeergebnisklassifikation) zu nennen. Alle drei Klassifikationen wurden im Jahr 2003 zur NANDA-NIC-NOC Taxonomie (NNN Taxonomie) zusammengeführt.T. Heather Herdman (Hrsg.): NANDA international nursing diagnoses: definitions & classification, 2009-2011. John Wiley and Sons, 2009, 1405187182, S. 389
International Journal of Nursing Knowledge Die Vereinigung gibt seit Juli 2004 die Fachzeitschrift International Journal of Nursing Terminologies and Classifications, in der in peer-reviewten Artikeln über die Weiterentwicklungen, Anforderungen, Studien etc. innerhalb der Pflegediagnostik und der internationalen Pflegeklassifikationen berichtet wird.NANDA-I: International Journal of Nursing Terminologies and Classifications, Wiley-Blackwell, Im Jahr 2002 wurde der Titel der Zeitschrift geändert in International Journal of Nursing Knowledge.
NANDA-I Pflegediagnosen Laut NANDA International ist eine Pflegediagnose wie folgt definiert:
Aufbau der NANDA-I Pflegediagnosen Die NANDA-I Pflegediagnosen sind Konzepte, welche mittels multiaxialem System präkombinatorisch zusammengestellt werden (NANDA 2013:79ff). Das bedeutet, dass eine NANDA-I Pflegediagnose aus einem Begriff der Achse 1 z. B. Schmerz und mindestens einem Begriff einer weiteren Achse, z. B. Achse 2 „akut“ zusammengesetzt sind. Präkombiniert ergibt sich daraus der Pflegediagnosentitel „akuter Schmerz“. Folgende Achsen sind in der NANDA-I definiert (n= gibt die Anzahl der vorhandenen Begriffe an): Achse 1: Das diagnostische Konzept (n=145) Achse 2: Subjekt der Diagnose (Individuum, Familie, Gruppe, Gemeinschaft, n=4) Achse 3: Beurteilung (z. B. beeinträchtigt, unwirksam, n=27) Achse 4: Lokalisation (z. B. Blase, auditorisch, zerebral, n=28) Achse 5: Alter (z. B. Säugling, Kind, Erwachsener, n=9) Achse 6: Zeit (chronisch, akut, intermittierend, n=4) Achse 7: Status der Diagnose (aktuell, Risiko, Gesundsein, Gesundheitsförderung, n=5)
Die Begriffe auf der ersten Achse sind die zentralen diagnostischen Begriffe der Pflegediagnosetitel und können mit Elementen aus anderen Achsen kombiniert genutzt werden, um Pflegediagnosen zu beschreiben. Die NANDA-I Pflegediagnosen, die bereits präkombiniert beschrieben sind, z. B. „Dysfunctional Ventilatory Weaning Response“Georg, J., Ed. (2005:215). NANDA Pflegediagnosen Definition und Klassifikation 2005–2006. Bern, Hans Huber Verlag, bestehen aus einem Begriff der ersten Achse (Diagnostic concept) „Ventilatory weaning response“ und einem Begriff „Dysfunctional“ der sechsten Achse (Descriptor)Georg, J., Ed. (2005:236 ff). NANDA Pflegediagnosen Definition und Klassifikation 2005–2006. Bern, Hans Huber Verlag. Diese Achsenstruktur wurde erstmals 2005 beschrieben/entwickelt. Ziel ist es, sich an das internationale Standardreferenzmodell für eine Pflegediagnose anzugleichenNANDA-International, Hrsg. (2013:79). Pflegediagnosen Definitionen und Klassifikation 2012–2014, Deutsche Ausgabe übersetzt von Holger Mosebach. Kassel, RECOM-Verlag In der NANDA-I Ausgabe 2012–2014 sind 216 NANDA-I-Pflegediagnosen definiert. Sie bestehen in der Regel aus einem Begriff der ersten Achse und einem oder mehreren Begriffen der Achsen 2–7. Für jeden präkombinierten NANDA-I-Pflegediagnosetitel wurden je eine Definition dessen, sowie bestimmende Merkmale, beeinflussende Faktoren oder, wenn es sich um eine Risikopflegediagnose handelt, Risikofaktoren entwickelt. Die NANDA-I-Pflegediagnosen folgen dem PÄS-Schema (zur Beschreibung einer Pflegediagnose wird das PÄS-Format oder auch PÄS-Schema genannt, empfohlen, P steht für Pflegeproblem, Ä für Ätiologie/Ursachenzusammenhang, S für Symptome/Kennzeichen)Gordon, M. and S. Bartholomeyczik (2001). Pflegediagnosen. Theoretische Grundlagen. München, Jena, Urban& Fischer, bestehend aus dem diagnostischen Konzept/dem Pflegeproblem, den beeinflussenden Faktoren (oder auch Ätiologie genannt) und den bestimmenden Merkmalen (auch Cluster von Zeichen und Symptomen bezeichnet)Brobst, R. A., A. M. C. Coughlin et al.(1997)Der Pflegeprozess in der Praxis. Bern, Verlag Hans HuberGordon, M. (2001). Handbuch Pflegediagnosen. Das Buch zur Praxis. München; Jena, Urban & Fischer Verlag.
NANDA-I zählt zu den präkombinatorischen polyhierarchischen Klassifikationssystemen. So hat z. B. die Pflegediagnose „Beeinträchtigtes Wohlbefinden“ die Zuordnung in drei Klassen (Physisches Wohlbefinden; Umfeldbezogenes Wohlbefinden, Soziales Wohlbefinden). Klassifiziert werden die PflegediagnosentitelNANDA-International, Hrsg. (2013:470). Pflegediagnosen Definitionen und Klassifikation 2012–2014, Deutsche Ausgabe übersetzt von Holger Mosebach. Kassel, RECOM-Verlag. Durch die zahlreichen Umsortierungen der Pflegediagnosen sind einige polyhierarchische Verbindungen in der aktuellen Fassung abgebaut worden. Die Taxonomie II ist in 13 Domänen und 47 Klassen hierarchisch geordnet. Die Bereiche sind Gesundheitsförderung, Ernährung, Ausscheidung, Aktivität/Ruhe, Wahrnehmung/Kognition, Selbstwahrnehmung, Rollenbeziehung, Sexualität, Bewältigungsverhalten und Stresstoleranz, Lebensprinzipien, Sicherheit/Schutz, Befinden und Wachstum/EntwicklungNANDA-International, Hrsg. (2013:51 ff). Pflegediagnosen Definitionen und Klassifikation 2012–2014, Deutsche Ausgabe übersetzt von Holger Mosebach. Kassel, RECOM-Verlag.
Die Fassung der NANDA-I-Pflegediagnosen 2012–2014 umfasst 216 PflegediagnosenHerdman, H. T., Ed. (2012). NANDA-International Nursing Diagnoses Definitions and Classification 2012–2014. Oxford, Wiley-Blackwell. Jede Pflegediagnose hat einen Titel und eine Definition. Für jede Pflegediagnose sind entsprechende Kennzeichen und Ursachenformulierungen entwickelt worden. Diese sind den Pflegediagnosen zugeordnet.
Beispiel für eine NANDA-I Pflegediagnose Titel: Selbstversorgungsdefizit Körperpflege
Definition: Beeinträchtigte Fähigkeit, Aktivitäten des Waschens selbstständig auszuführen oder abzuschließen Bestimmende Merkmale: Unfähigkeit, das Bad zu erreichen Unfähigkeit, den Körper abzutrocknen Unfähigkeit, an Waschutensilien zu gelangen Unfähigkeit, an die Wasserquelle zu gelangen Unfähigkeit, das Waschwasser zu regulieren Unfähigkeit, den Körper zu waschen Beeinflussende Faktoren Kognitive Beeinträchtigung Reduzierte Motivation Hindernisse in der Umgebung Unfähigkeit, einzelne Körperteile wahrzunehmen Unfähigkeit, räumliche Verhältnisse wahrzunehmen Muskuloskeletale Beeinträchtigungen Neuromuskuläre Beeinträchtigungen Schmerzen Beeinträchtigung der Wahrnehmung Ausgeprägte Angst Schwäche NANDA 2012–2014, S. 273
Änderungen in NANDA International 2012–2014 Insgesamt sind in der NANDA International Fassung 2012–2014 16 neue Pflegediagnosen hinzugekommen, 11 Pflegediagnosen wurden überarbeitet. Eine Pflegediagnose wurde stillgelegt. Diese ist:
NANDA rief 2012 dazu auf, diese Pflegediagnose zu überarbeiten. Im Moment besteht keine Möglichkeit, die verschiedenen Wahrnehmungsstörungen bei Patienten abzubilden, daher ist der Aufruf sehr bedeutungsvoll.
Validität der NANDA-I-Pflegediagnosen NANDA-Pflegediagnosen wurden sehr zahlreich in Studien untersucht. Insgesamt gibt Müller Staub 2005 über 1965 Studien anMüller Staub, M. (2005). "Wahl einer Pflegediagnosen-Klassifikation für die Einführung in die elektronische Pflegedokumentation: ICNP, ICF, NANDA und ZEFP im Vergleich." PrInterNet 7(2): 115–122.