Georges Vacher de Lapouge (geb. 12. Dezember 1854 in Neuville-de-Poitou, Département Vienne; gest. 20. Februar 1936 in Poitiers, Département Vienne) war ein französischer Jurist, Bibliothekar, Rassentheoretiker und Eugeniker. Er entwickelte die rassistischen Theorien von Graf Gobineau (1816–1882) im späten 19. Jahrhundert weiter. Als Anhänger des Sozialdarwinismus begründete er zeitgleich mit dem Deutschen Otto Ammon (1842–1916) die sogenannte Anthroposoziologie (siehe auch unter „Sozialanthropologie“).

Leben und Wirken Georges Vacher de Lapouge wurde in der französischen Kleinstadt Neuville-de-Poitou im Département Vienne geboren. Er verlor mit zwölf Jahren seinen Vater. Da er die Grundschule nicht besuchte, lernte er bei seiner Mutter Marie-Louise-Augustine Hindré lesen und schreiben. Nach einem Besuch einer Jesuitenschule in Poitiers und des dortigen Lycées studierte er an der Universität Poitiers Jura und wurde 1877 für eine Arbeit über die Erbschaftsklage (pétition d’hérédité) mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. In seiner Dissertation von 1879 behandelte er die Erbtheorie des verallgemeinerten positiven Rechts.

In den folgenden Jahren begann er eine juristische Karriere, die ihn zunächst als Substitut nach Niort (Deux-Sèvres), dann als Staatsanwalt nach Le Blanc (Indre) und Chambon-sur-Voueize (Creuse) führte. Da ihm die juristische Praxis jedoch nicht behagte, demissionierte er 1883 und zog nach Paris, wo er nach einem erfolglosen Versuch der Agrégation zwischen 1883 und 1886 an der École pratique des hautes études, der École du Louvre und der Hochschule für orientalische Sprachen Assyrisch, Altägyptisch, Hebräisch, Chinesisch und Japanisch lernte und gleichzeitig im Naturkundemuseum anthropologische Studien betrieb. In Paris wurde er von den Theorien des britischen Eugenikers Francis Galton (1822–1911) – dem Cousin und Anhänger Darwins – begeistert, der den Begriff eugenics geprägt hatte.Jean-Marie Augustin: Georges Vacher de Lapouge (1854–1936). Juriste, raciologue et eugéniste. 2011 (, Philippe Poisson)„Préparé par ses lectures de Paul Broca (1824–1880), d’Alphonse de Candolle (1806–1893) et de Clémence Royer (1830–1902), Lapouge devient l’un des premiers diffuseurs, en France, de l’eugénique galtonienne, qu’il marie à la doctrine aryaniste, refondue sur des bases anthropométriques, et plus particulièrement craniométriques (la forme du crâne a pour lui plus d’importance que la couleur de la peau !).“ (Taguieff, 2005, cairn.info)

1886 wurde Lapouge zum Unterbibliothekar an der Universität Montpellier ernannt und erteilte an der dortigen naturwissenschaftlichen Fakultät einen Kurs über Anthropologie, der jedoch 1892 aufgehoben wurde. Dies beruhte unter anderem auf dem sozialistischen Engagement Lapouges: 1890 gründete er in Montpellier eine Ortssektion des von Jules Guesde und Paul Lafargue gegründeten Parti ouvrier français und schloss sich später der Französischen Sektion der Arbeiter-Internationale an, Vorgängerin der Sozialistischen Partei Frankreichs.

Im Winter 1890 entdeckte er auf dem bronzezeitlichen Friedhof von Castelnau-le-Lez Knochen des sogenannten Giganten von Castelnau (Géant de Castelnau). Er wurde leitender Bibliothekar an der Universität Rennes bis 1900 und anschließend, bis zu seiner Pensionierung 1922, an der Universität Poitiers.

Er war ein für seine Theorie von der Rassenungleichheit bekannterJean-Marie Augustin: Georges Vacher de Lapouge (1854–1936). Juriste, raciologue et eugéniste. 2001 (, von Philippe Poisson) Vertreter des Sozialdarwinismus in Frankreich, der den Begriff eugénique (Eugenik) in die französische Sprache einführte.vgl. Les multiples facettes de Georges Vacher de Lapouge - lanouvellerepublique.fr (17. Feb. 2012, Jean-Michel Gouin): “Lapouge sera ainsi le premier à introduire dans la langue française le vocable « eugénique » qui fit ensuite florès.” – mit der Anmerkung (zu « eugénique »): “ensemble des méthodes qui visent à améliorer le patrimoine génétique de groupes humains en limitant la reproduction des individus porteurs de caractères jugés défavorables ou en promouvant celle des individus porteurs de caractères jugés favorables.”

Seine Ideen wurden von Autoren wie George Bernard Shaw, Édouard Drumont und Georges Sorel wohlwollend aufgenommen, in wissenschaftlichen Kreisen jedoch insbesondere von den Vertretern der Soziologie Durkheims heftig kritisiert. Nach seiner Kritik an den Anhängern Durkheims und den Unterstützern von Alfred Dreyfus in der gleichnamigen Affäre blieben ihm ab 1902 Aufstiegsmöglichkeiten in französischen Institutionen verwehrt. Mehrmals wurden seine Kandidaturen zurückgewiesen, so zum Beispiel 1909 bei der Bewerbung um den Lehrstuhl für Anthropologie im Pariser Naturkundemuseum. Hingegen knüpfte er Beziehungen in die Vereinigten Staaten und nach Deutschland.

In der Insektenkunde ist er für seine Arbeiten über Käfer bekannt.vgl. Biografien der Entomologen der Welt: Vacher de Lapouge, Georges In: sdei.senckenberg.de, abgerufen am 25. September 2017.

Als sein Hauptwerk gilt L'aryen, son rôle social („Der Arier, seine soziale Rolle“), das auf einem „Freien Kursus in Staatskunde, gehalten an der Universität Montpellier 1889–1890“, basiert und 1899 in Paris erschien. Eine deutsche Ausgabe des Werkes, dessen Übersetzung von Falk Ruttke unterstützt wurde, erschien 1939 bei Diesterweg in Frankfurt unter dem Titel Der Arier und seine Bedeutung für die Gemeinschaft.vgl. Jennifer Michael Hecht, S. 352, Anm. 113

Der Rassismus- und Antisemitismusforscher Pierre-André Taguieff, der Vacher de Lapouge zusammen mit dem schweizerisch-US-amerikanischen Naturforscher Louis Agassiz (1807–1873) zu den „absolut Mixophoben“ zählt, unterteilt die Mixophobie, d. h. die Ablehnung und Abwertung der Rassenfusion, in die vier Positionen: 1) absolut Mixophobe (Vacher de Lapouge, Agassiz), 2) bedingungslos Mixophile, 3) gemäßigt Mixophile, 4) gemäßigt Mixophobe (Gobineau, Le Bon).Taguieff, Die Macht des Vorurteils, S. 289–291 (zitiert nach Susanne Grunwald, S. 40). – Susanne Grunwald (S. 37) weist darauf hin, dass Vacher de Lapouge bereits 1888 zu denjenigen zählte, die soziale Ungleichheit aufgrund 'rassischer' Ursachen propagierten. Lapouge teilte die Europäer in herrschende „Spitzköpfe“ und beherrschte „Rundköpfe“ ein.Benno Müller-Hill: Selektion. Die Wissenschaft von der biologischen Auslese des Menschen durch Menschen. In: Norbert Frei (Hrsg.): Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. R. Oldenbourg Verlag, München 1991 (= Schriften der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer), ISBN 3-486-64534-X, S. 137–155, hier: S. 138.

Von 1927 an unterhielt Lapouge zahlreiche Kontakte zu rassistischen Theoretikern auf der anderen Seite des Rheinufers, insbesondere zu Hans Günther (1891–1968), Ludwig Schemann (1852–1938) und Paul Schultze-Naumburg (1869–1949).Vacher de Lapouge, socialiste-aryaniste français qui inspira Hitler – Une autre histoire abgerufen am 3. September 2017.

Wenn auch Lapouges Ideen von der französischen Wissenschaft später nicht mehr ernst genommen wurden, so beeinflussten sie doch die Pioniere der „Rassenhygiene“ in den Vereinigten Staaten und die Theoretiker des Nationalsozialismus in Deutschland. (abgerufen am 3. September 2017) Seine Thesen bildeten in Lateinamerika neben denen anderer Rassentheoretiker auch die ideologische Grundlage der „Raza chilena“ von Nicolás Palacios (1854–1911).Susanne Grunwald: José Martí und die Indiothematik von Nuestra América. Rasse – Kategorie – Kultur – Poesie. Dissertation Köln 2013, S. 37 Hitlers Machtergreifung begrüßte der greise Lapouge.Benno Müller-Hill: Selektion. Die Wissenschaft von der biologischen Auslese des Menschen durch Menschen. In: Norbert Frei (Hrsg.): Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. R. Oldenbourg Verlag, München 1991 (= Schriften der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Sondernummer), ISBN 3-486-64534-X, S. 137–155, hier: S. 138.

Werner Maser wies darauf hin, dass Vacher de Lapouges Behauptungen Der Gedanke der Gerechtigkeit … ist ein Trug. Es gibt nichts als Gewalt und Die Rasse, die Nation ist alles (siehe auch den Abschnitt Zitate) „seit der Wiener Zeit in Hitlers Denken und Äußerungen eindeutig nachweisbarFahrplan eines Welteroberers, Der Spiegel, 8. August 1966 – abgerufen am 3. September 2017“ seien.

Das von dem Anthropologen Alexander Goldenweiser (1880–1940) als bewundernswertes Beispiel für in ein wissenschaftliches Gewand gekleidete rassistische Vorurteile bezeichnete Hauptwerk The Passing of the Great Race (1916)Zusammen mit The Conquest of a Continent (1933). des Amerikaners Madison Grant (1865–1937) versah er in der französischen Übersetzung mit seinem Vorwort. Er übersetzte auch den Vortrag Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft. Glaubensbekenntnisse eine Naturforschers aus dem Jahr 1892 (Paris 1897) des Naturforschers Ernst Haeckel (1834–1919) vom Deutschen Monistenbund in Jena.

Während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg kamen die Theorien von Vacher de Lapouge bei dem Rassisten und Eugeniker George Montandon (1879–1944)Ein Freund des Schriftstellers Louis-Ferdinand Céline (1894–1961), vgl. Pierre-André Taguieff, Annick Durafou: Céline, la race, le Juif. 2017, Anm. 108 (Online-Teilansicht) und bei René Martial (1873–1955), dem „Experten für Rassenauswahl“ unter der Vichy-Regierung, posthum zu fragwürdigen Ehren. In seinem Heimatdorf Neuville-de-Poitou wurde ein Lager für afrikanische Soldaten errichtet,Zum Lager von Neuville-de-Poitou in der Vienne, vgl. Le camp de Neuville de Poitou dans la Vienne, un camp exhumé de l'oubli – vrid-memorial.com (abgerufen am 3. September 2017) von denen eine Anzahl an diesem Ort verschwinden sollte.

Dem Professor für vergleichende Literatur an der Université Montpellier III (Université Paul-Valéry) Jean Boissel zufolge soll Vacher de Lapouge den französischen Schriftsteller Paul Valéry (1871–1945) – einen Studenten, Mitarbeiter, Freund und Verehrer von Vacher de Lapouge – zu der Figur des Herrn Teste (in dessen Werk La Soirée avec monsieur Teste / „Der Abend mit Herrn Teste“La Soirée avec monsieur Teste bei Wikisource) inspiriert haben.Marc Laudelout (Hrsg.): Le Bulletin célinien, 1999, S. 27 (Online-Teilansicht); vgl. Eveline Pinto (Éd.): L’écrivain, le savant et le philosophe. La littérature entre philosophie et sciences sociales. Paris, Publications de la Sorbonne, 2003, S. 175, Anm. 9 (Online-Teilansicht). Der Schriftsteller hörte Vacher de Lapouge an der Universität Montpellier (faculté des lettres) von 1888 bis 1892.Pierre-André Taguieff: „Racisme aryaniste, socialisme et eugénisme chez Georges Vacher de Lapouge (1854–1936).“ Revue d’Histoire de la Shoah 2005/2 (N° 183) (Online)

Zitate

(aus: L'Aryen. Son rôle social)