Jörg Sasse (* 1962 in Bad Salzuflen) ist ein deutscher Fotograf und bildender Künstler. Er gilt als Vertreter der Düsseldorfer Fotoschule.
Leben Sasse studierte als Meisterschüler bei Bernd Becher an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er von 1988 bis 1989 einen Lehrauftrag innehatte. Anschließend folgten diverse Projekte und Vorträge an verschiedenen Hochschulen. Ab 2003 war Sasse Professor für Dokumentarfotografie an der Universität Duisburg-Essen (heute Folkwang Universität der Künste), die er auf eigenen Wunsch nach fünf Jahren Lehrtätigkeit wieder verließ.
Sasse war Mitglied im Deutschen Künstlerbund. Seine Bilder befinden sich im Besitz zahlreicher Sammlungen. So besitzt das Solomon R. Guggenheim Museum in New York zwei Bilder von ihm und das Städel Museum in Frankfurt eines seiner Bilder.http://www.staedelmuseum.de/sm/index.php?StoryID=1334&ObjectID=1679 Die Sammlung der Deutschen Börse Photography Foundation enthält vier Werke von Sasse.Jörg Sasse bei der Deutsche Börse Photography Foundation
Er lebt und arbeitet in Berlin.
Werk Sasse ist im traditionellen Sinne kein Fotograf. Fotografien Anderer aus sehr unterschiedlichen und zufälligen Quellen wie Fotoalben (Aufkauf von Nachlässen) und Flohmärkten dienen ihm als Vorlagen, die als Grundlage für neue Bilder dienen. Diesen Prozess des Collagierens und Veränderns betreibt Sasse am Computer. Jörg Sasse verändert eine Vielzahl der vorgefundenen Elemente der Fotografien: Ausschnitt, Perspektive, Farbe, Schärfe usw. Es entstehen Bilder, deren Ursprung oft nicht mehr erkennbar ist. Sie präsentieren eine perfekte neue Realität, die aber Sprünge besitzt. In seinem Spiel mit der Wirklichkeit bzw. der fotografisch dargestellten Realität gelingt es Sasse, dass für die Betrachter bei genauerem Hinsehen Irritationen entstehen, die aus Widersprüchen zwischen Alltagserfahrung und -wahrnehmung herrühren (z. B. in dem er die Zentralperspektive scheinbar aufhebt). Die Bildtitel generiert Sasse in der Regel als vierstellige Zahlenkombinationen, so dass Verweise auf die Gegenstände der verwendeten Fotografie ebenso fehlen wie auf einen intendierten neuen Gegenstand.
Sasse beschäftigt sich in seiner fotografischen Arbeit mit dem Alltag, der Alltagskultur, die in den Werken von Amateurfotografen abgebildet ist. Ausgangspunkte waren der frühe Beginn einer Sammlung von Amateurfotografien, sowie die seit den 1980er Jahren selbstfotografierten alltäglichen Inneneinrichtungen, entsprechende Details und Schaufenster. Angesichts der Möglichkeiten der Computertechnik konzentrierte er sich seit ca. 1990 schließlich zunehmend auf das Bearbeiten fremder Fotografien, 1993 veröffentlichte er sein erstes auf diese Weise entstandenes Bild, ein sogenanntes „Tableau“.
2004 stellte er erstmals seine „Skizzen“ vor, digital bearbeitete Aufnahmen in kleineren Formaten. Die aus Skizzen entstehenden Arbeiten bezeichnet er als „Tableaus“, sie bilden seit den 1990ern den Schwerpunkt seines Werkes. Es handelt sich um großformatige Bilder, die teilweise stark verfremdet sind und sich von der Auseinandersetzung mit dem Alltag entfernen (siehe hierzu das Plakat auf dem Porträt Sasses, das einen Ausschnitt aus einem seiner Tableaus wiedergibt). Sie zeichnen sich aus durch eine Art malerische Komponente.
Sasses 2008 erstmals im Musée National d’Art Moderne in Paris ausgestellte Arbeit Speicher I ist eine 3-dimensionale Skulptur, die 512 Bilder beinhaltet. Die Arbeit ist die Analogisierung einer komplexen digitalen Datenbank, die es ermöglicht, zu 56 unterschiedlichen Kategorien die verschiedenartigsten Hängewände zu erzeugen. Die Arbeit ist seit 2010 im Kunstmuseum Bonn in einem eigenen Raum zu sehen.
Der Speicher II, der das erste Mal in Essen im Rahmen der RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas gezeigt wurde, umfasst ebenfalls 512 Bilder. Das Ausgangsmaterial für den Speicher II stammt jedoch gänzlich aus dem Ruhrgebiet aus den Jahren zwischen Mitte der 1950er Jahre bis 2009.
Neben den „Tableaus“ entsteht seit dem Jahr 2009 die Serie der „Lost Memories“, deren fotografischer Ursprung nicht sofort ersichtlich ist. Wie auch bei den „Tableaus“ werden hier bei der Bearbeitung am Computer alle Entscheidungen zum Bild im Prozess getroffen. Die oftmals in anderen Arbeiten erzeugte Erinnerung an etwas zuvor Gesehenes wird bei den „Lost Memories“ überführt in den Spannungsraum zwischen der Wahrnehmung fotografischer Farbräume und die mit organischen Strukturen verbundenen Assoziationen.
Veröffentlichungen Fotobände (Auswahl)
Vierzig Fotografien 1984–1991. Schirmer/Mosel, München 1992. Ausstellungskatalog Kölnischer Kunstverein/Kunsthalle Zürich, Cantz, Ostfildern 1996. Ausstellungskatalog Musée d'art moderne de la ville de Paris, Paris 1997. Ausstellungskatalog Portikus, Frankfurt/Main 1998. Arbeiten am Bild. Kunsthalle Bremen, Schirmer/Mosel, München 2001. Tableaux & Esquisses. Musée de Grenoble, Schirmer/Mosel, München 2004. Tableaus & Skizzen 2004/2005. Kunstmuseum Bonn und Kunstverein Hannover, Schirmer/Mosel, München 2005. Skizzen – Der Grenoble Block. Schirmer/Mosel, München 2006. d8207. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2007.
Ausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellungen
1992: Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe, Darmstadt 1994: Marburger Kunstverein, Marburg 1995: Oldenburger Kunstverein, Oldenburg 1996: Städtische Galerie Wolfsburg 1996: Kölnischer Kunstverein, Köln 1997: Kunsthalle Zürich (Schweiz) 1997: Musée d’art moderne de la Ville de Paris, Paris 1998: Portikus, Frankfurt am Main 2001: Kunsthalle Bremen 2004: Musée de Grenoble, Grenoble 2005: Kunstmuseum Bonn 2006: Kunstverein Hannover 2007: d8207. Museum Kunst Palast, Düsseldorf 2012: Common Places, C/O Berlin, Berlin 2015: File Transfer. House of Art, České Budějovice (Tschechien) 2015: Serendipity. Kunsthalle Bielefeld 2015: Relationen. Kunsthalle Gießen
Ausstellungsbeteiligungen
1998: Sightings. Institute of Contemporary Arts, London 1999: Unschärferelation. Kunstverein Freiburg 2000: Hybrid. Fotomuseum Winterthur 2000: Zeitgenössische Positionen zur Architekturphotographie. Museum Ludwig, Köln 2001: Biennale d’art contemporain de Lyon, Lyon 2002: Moving Pictures. Solomon R. Guggenheim Museum, New York 2002: heute bis jetzt. Museum Kunst Palast, Düsseldorf 2003: Traumwelten. Imagination und Wirklichkeit. Städel Museum, Frankfurt am Main 2005: Munch revisited – Edvard Munch und die heutige Kunst. Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund 2005 The Photographers’ Gallery, London – Deutsche Börse Photography Prize 2005: Imagination wird Wirklichkeit. Sammlung Goetz, München 2005: Whisper Not!, A different dimension of seeing: Huis Marseille / H+F Collection. Huis Marseille, Amsterdam 2006: Die Liebe zum Licht – Internationale zeitgenössische Fotografie. Kunstmuseum Celle & Städtische Galerie, Delmenhorst 2007: Die Liebe zum Licht – Internationale zeitgenössische Fotografie. Kunstmuseum Bochum 2007: magination Becomes Reality, Sammlung Goetz. ZKM Karlsruhe 2007: Dialogues and Attitudes – From the traditional forms of photography to auteur photography. Museum Ludwig, Budapest 2008: Objectivités. Musée National d’Art Moderne, Paris 2008: Kunsthalle Hamburg 2010: Ruhrblicke. Zeche Zollverein, Essen 2010: Next Generation. Kunstmuseum St. Gallen, St. Gallen 2012: Points of View. Kunstverein Hildesheimhttps://www.kunstverein-hildesheim.de/ 2013: Prague Biennale, Prag 2013: Zeitgenössische Fotografie und Videokunst aus der Sammlung. Kunsthalle Bremen 2013: To Open Eyes – Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute. Kunsthalle Bielefeld 2015: Landscape in my Mind. Kunstforum Wien 2015: Human Nature. NRW-Forum, Düsseldorf 2015: De Picasso à Warhol. Musée de Grenoble 2015: Lichtbild und Datenbild – Spuren Konkreter Fotografie. Museum im Kulturspeicher Würzburg 2015: Selbstverständlich Malerei! Belvedere, Wien 2015: Homebase. Das Interieur in der Gegenwartskunst. Kunsthalle, Nürnberg 2016: Magical Surfaces: The Uncanny in Contemporary Photography. Parasol Unit Foundation, London 2016: Honey, I Rearranged The Collection. Hamburger Kunsthalle 2016: Hinter dem Vorhang. Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance. Museum Kunstpalast, Düsseldorf 2017: Fotografien werden Bilder - Die Becher-Klasse. Städel Museum, Frankfurt am Main 2017: 4x3 2017. Kunstraum Düsseldorf 2018: Kleine Geschichte(n) der Fotografie (#1). Sprengel Museum, Hannover 2018: LAND__SCOPE. Münchner Stadtmuseum 2019: Akademie Series 1: Kunstakademie Düsseldorf. DonGang Museum uf Photography, Südkorea - Main International Exhibition 2019: Writing the History of the Future. ZKM Karlsruhe 2020: Subjekt und Objekt. Foto Rhein Ruhr. Kunsthalle Düsseldorf 2020: Freischwimmer. Museum Kurhaus Kleve 2022: Sunset. Ein Hoch auf die sinkende Sonne. Kunsthalle Bremen
Preise, Auszeichnungen
1995: Deutscher Künstlerbundpreis der Sparkasse 2003: Cologne Fine Art-Preis
Zitate
„Kunst ist unvorhersehbar, sie entsteht oder verschwindet in einem Prozeß, der nicht linear ist und von ständigen Rückkopplungen chaotischer oder zufälliger Ereignisse traktiert wird.“ aus Jörg Sasse: Ein paar Zeilen zu Netzwerken, 2009 „Wir sind dem ‚Belogen-Werden‘ durch Bilder grundsätzlich in einer Nachrichtensendung ebenso ausgesetzt wie vor einem Werbeplakat.“ Jörg Sasse in einem Interview von Jörg Gruneberg zum Dokument-Charakter der Fotografie, erschienen in Scheinschlag, Nr.1-2006, Berlin „Zu den Bedingungen der Fotografie gehört es, mit einem bereits gefüllten Bildraum umzugehen.“ Jörg Sasse: Wo ist Trotzkij?, erschienen in Living, 8/95 „Was mich interessiert ist […] der Punkt, an dem man meint, etwas erkannt zu haben, das sich im nächsten Moment jedoch wieder entzieht.“ Jörg Sasse im Gespräch mit Matthias Lange, erschienen in PAKT, Ausgabe #7, Sommer 95
Weblinks
Website von Jörg Sasse
Einzelnachweise
Kategorie:Fotograf (20. Jahrhundert) Kategorie:Fotograf (21. Jahrhundert) Kategorie:Fotokünstler Kategorie:Mitglied im Deutschen Künstlerbund Kategorie:Fotograf (Düsseldorf) Kategorie:Fotograf (Essen) Kategorie:Fotograf (Brandenburg) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Duisburg-Essen, Campus Essen) Kategorie:Hochschullehrer (Folkwang Universität, Standort Essen) Kategorie:Person (Bad Salzuflen) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1962 Kategorie:Mann