mini|hochkant=1.8|Stolpersteine für acht Mitglieder der Familie Kälbermann-Blatt (Hermannstraße 23) Die Stolpersteine in Tuttlingen sind besondere Pflastersteine in Gehwegen, die an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur in der Stadt Tuttlingen im baden-württembergischen Landkreis Tuttlingen in Deutschland erinnern sollen.

Zur Genese Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Mit diesen kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die während des Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in die Pflaster der Gehwege eingelassen. Mittlerweile gibt es über 80.000 Steine (Stand: Oktober 2020) nicht nur in Deutschland, sondern auch in 25 weiteren europäischen Ländern.In #Turin (Italien) wurde heute der europaweit 50.000ste #Stolperstein verlegt! Er erinnert an Eleonora Levi. #Demnig @_Stolpersteine_ am 11. Januar 2015 auf Twitter. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Ende 2014 hatte der Tuttlinger Gemeinderat zugestimmt, Stolpersteine in der Stadt verlegen zu lassen. Da in Tuttlingen verhältnismäßig wenige Juden gewohnt haben, wolle man in der ersten Phase an Menschen, die durch die Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus aus ihren Häusern vertrieben wurden, erinnern.Artikel „Tuttlinger Gemeinderat für Stolpersteine“ in Südwest Presse/„Die Neckar Quelle online“, 18. November 2014;abgerufen am 3. September 2017 Im Mai 2016 verlegte Gunter Demnig die ersten Stolpersteine in Tuttlingen.„Gunter Demnig verlegt fünf Stolpersteine - Erinnerung an Tuttlinger Opfer der NS-Diktatur“ auf www.tuttlingen.de; abgerufen am 3. September 2017Artikel „Tuttlingen lässt Stolpersteine verlegen“ in Badischer Zeitung, 24. Mai 2016; abgerufen am 3. September 2017Artikel „Die ersten Stolpersteine sind verlegt“ in Schwäbischer Zeitung, 25. Mai 2016; abgerufen am 3. September 2017

Liste der Stolpersteine In Tuttlingen wurden 40 Stolpersteine an vierundzwanzig Adressen verlegt (Stand: November 2025).

Stolperstein Inschrift Standort Name, Leben 120pxHIER WOHNTEFRANZ BERGERJG. 1913ALS ASOZIAL STIGMATISIERTVERHAFTET 27.6.1938DACHAUERMORDET 7.7.1940MAUTHAUSEN Donaustraße 15 wurde am 16. Februar 1913 in Cilly in Frankreich geboren. Seine Eltern waren Josef Berger und Pauline geb. Baumgartner. Er zählte zu den Jenischen, einer ethnischen Gruppe mit eigener Kultur und eigener Sprache, die ihren Ursprung in der europäischen Armutsbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts hatte. Das Fahren zählte zu einem der zentralen Charakteristika ihres kulturellen Selbstverständnisses. Am 8. Dezember 1938 erließ Heinrich Himmler einen Erlass, der zur Grundlage der Verfolgung der Roma und Sinti werden sollte. Dieser Erlass differenzierte zwischen „Zigeunern“, „Zigeunermischlingen“ und „nach Zigeunerart umherziehende Personen“. In letztere Gruppe fielen die Jenischen. Seine Mutter wurde am rassenhygienischen Institut in Berlin untersucht wurde, ihre sogenannte Rassendiagnose lautete „Nicht-Zigeuner“. Dies wurde dann in ihrer Meldekartei vermerkt. 1938 wurde die Familie in Tuttlingen sesshaft. Vater und Sohn Berger wurden gemeinsam mit einem weiteren Verwandten, Anton Berger aus Riedöschingen, verhaftet und am 27. Juni 1938 in das KZ Dachau verschleppt. Er bekam die Häftlingsnummer 17734. Am 27. September 1939 wurden Vater und Sohn in das KZ Mauthausen überstellt, ebenso ihr Verwandter Anton. Dort bekamen sie den Schwarzen Winkel und waren als Asoziale stigmatisiert. Josef Berger starb bereits am 5. Januar 1940 im KZ Mauthausen, Franz Berger wurde im Alter von 27 Jahren am 7. Juli 1940 um 8.30 Uhr ebendort getötet. Laut offizieller Diagnose starb er an „oberem Dickdarmkatarrh“.

Anton Berger konnte beide Konzentrationslager – Dachau und Mauthausen – überleben. 120pxHIER WOHNTEJOSEF BERGERJG. 1876ALS ASOZIAL STIGMATISIERTVERHAFTET 27.6.1938DACHAUERMORDET 5.1.1940MAUTHAUSEN Donaustraße 15 150px wurde am 25. Januar 1876 in Ueken im Kanton Aargau in der Schweiz geboren. Er gehörte der ethnischen Gruppe der Jenischen an, einem fahrenden Volk. Er war mit Pauline geb. Baumgartner verheiratete. Das Paar hatte zumindest einen Sohn, Franz, geboren 1913 in Cilly. Es gibt nur wenige Spuren der Korbmacherfamilie, weil sie bis 1938 im Wohnwagen lebten und durch die Lande zogen. Anhand der Geburtsorte der Kinder lässt sich belegen, dass sich die Familie überwiegend in der Schweiz und in Frankreich aufhielt. 1921 erhielt die Familie die deutsche Staatsbürgerschaft, doch wurde die Einbürgerung 1935 rückwirkend vom Bezirksamt Donaueschingen widerrufen. Nunmehr waren sie wiederum staatenlos und mehr oder weniger vogelfrei. Trotzdem übte das NS-Regime massive Druck auf die Nichtsesshaften aus, sich anzusiedeln. 1938 ließen sich die Bergers in Tuttlingen nieder und wurden in der Meldekartei der Stadt mit der Adresse Donaustraße 15 registriert. Zwei Mitglieder der Familie wurden vom NS-Regime umgebracht, Josef Berger und sein Sohn Franz. Vater und Sohn Berger wurden gemeinsam mit einem weiteren Verwandten, Anton Berger aus Riedöschingen, verhaftet und am 27. Juni 1938 in das KZ Dachau verschleppt. Er bekam die Häftlingsnummer 17701. Am 27. September 1939 wurden Vater und Sohn in das KZ Mauthausen überstellt, ebenso ihr Verwandter Anton. Dort bekamen sie den Schwarzen Winkel und waren als Asoziale stigmatisiert. Josef Berger starb am 5. Januar 1940 um 13.30 Uhr im KZ Mauthausen, als offizielle Todesursache wurde Apoplexie eingetragen.

Sein Sohn wurde ein halbes Jahr später ebendort vom NS-Regime ermordet. Seine Frau starb 1945 in Tuttlingen. Die anderen Familienmitglieder zogen nach dem Ende der NS-Herrschaft weiter.

In Mauthausen gibt es einer Gedenkstätte, in der auch an Josef und Franz Berger erinnert wird. Auf dem Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Tuttlinger Friedhof ist der Name seines Sohnes erwähnt. 120pxHIER WOHNTEEUGEN BIRKLEJG. 1884EINGEWIESEN 1929MEHRERE HEILANSTALTEN'VERLEGT' 3.2.1940GRAFENECKERMORDET 3.2.1940'AKTION T4' Auf dem Schafrain 10verlegt am 14. Nov. 2018 wurde am 31. August 1884 in Tuttlingen geboren. Seine Eltern waren der Schuhmacher Karl Birkle und Katharina geb. Sailer. Er war ein guter Schüler und absolvierte danach eine Lehre als maschineller Schuhmacher. Er arbeitete in Kreuzlingen, Winterthur und in Ungarn. Von 1903 bis 1905 leistete er seinen Militärdienst ab. Er war ein begeisterter Sportler. 1909 heiratete er Eugenie geb. Häfele. Das Paar hatte vier Kinder, von denen zwei früh starben. 1914 wurde er eingezogen und kam als Sergeant an die Westfront. Er wurde mehrfach schwer verwundet, beispielsweise mit Granatsplitter am Rücken und am Kopf. Er erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Trotz seiner schweren Verwundungen arbeitete er bis 1928 als Maschinenzwicker. Danach verunmöglichten die schwere Traumatisierung und die körperlichen Beeinträchtigungen die Erwerbsarbeit. Er beantragte eine Kriegerrente, die ihm verweigert wurde. Er hörte Stimmen, erhielt durch ein Mikrofon in seinem Kopf Anweisungen und führte stets eine Pistole bei sich. Im Dezember 1929 veranlasste der Amtsarzt seine Einweisung. Seine Mutter und er selbst widersetzten sich der Unterbringung; im Juni 1930 nutzte er einen Ausgang um seine Frau zu treffen zur Flucht. Er wehrte sich mit Zaunlatten gegen eine erneute Festsetzung, freilich vergebens. In der Folge wurde die Rente samt Pflegezulage gewährt, immerhin 216 RM, die jedoch von der Ökonomieverwaltung der Heilanstalt in voller Höhe beansprucht wurde. Die Frau, die gezwungen war, die Hypothek für das Haus, in dem die Familie lebte, zu zahlen, holte ihn im Februar 1931 auf eigenes Risiko aus der Heilanstalt Zwiefalten ab. Anfang des kommenden Jahres lief er von Zuhause weg, wurde jedoch bald aufgegriffen und neuerlich eingewiesen. Er äußerte nunmehr den Wunsch, sich nach Indien zu begeben. Am 7. Oktober 1932 wurde er in die Heilanstalt Rottenmünster überstellt, am 3. Februar 1940 wurde er in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet. Die Urne wurde nach Tuttlingen überstellt und dort auf dem Ehrenfriedhof beigesetzt.