Die Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft war ein früh- und hochmittelalterlicher Grafschaftsbezirk am rechten Niederrhein.
Namensgebung Mit dem Begriff „Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft“ benennt die neuere ForschungAlbrecht Brendler: Die Entwicklung des bergischen Amtes Angermund. In: Rheinische Vierteljahresblätter, Jg. 63, Bonn 1999, S. 129 (Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn).Axel Kolodziej: Herzog Wilhelm I. von Berg (1380-1408), Neustadt an der Aisch 2005, S. 23, 65 und 159.Michael Buhlmann: Duisburg, Kaiserswerth und die ezzonischen Pfalzgrafen (in der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts). In: Beiträge zur Geschichte Kaiserswerths, Heft 5, Düsseldorf-Kaiserswerth 2008, S. 8 ff. (PDF, 709 KB)Albrecht Brendler: Auf dem Weg zum Territorium. Verwaltungsgefüge und Amtsträger der Grafschaft Berg 1225-1380, Inaugural-Dissertation, Bonn 2015, . S. 53, 55, 58, 107, 114 und 205. einen zum Herzogtum bzw. Großgau Ripuarien gehörenden gräflichen Amtsbezirk zwischen Rhein, Ruhr und Wupper, dessen Grafengericht sich spätestens ab Mitte des 12. Jahrhunderts in dem heute abgegangenen Ort Kreuzberg östlich von Kaiserswerth befand. Der Begriff „Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft“ wurde 1993 von Historiker Sönke Lorenz geprägt, der sich bewusst von der überholten Theorie der Gaugrafschaften absetzte und für die Benennung anstatt der überlieferten Gau-/Bezirknamen Ruhrgau und pagis Diuspurch (vielfach fälschlicherweise mit „Duisburggau“ statt mit „Bezirk Duisburg“ übersetzt) die beiden früh- und hochmittelalterlichen Vororte dieses Grafschaftsbezirks verwendete:
Duisburg war im Frühmittelalter der zentrale rechtsrheinische Ort am Niederrhein. Zwar wurde er 883/4 von Wikingern überfallen und zerstört, doch nahm er aufgrund seiner für den Handel günstigen Lage am Rhein und am Beginn des Westfälischen Hellwegs einen schnellen Wiederaufschwung. Dies spiegelte sich auch in der Duisburger Kaiserpfalz wider, die im 10. Jahrhundert aus einem seit Mitte des 8. Jahrhunderts bestehenden Königshof entstanden war, der wiederum offenbar auf antike römische Bauten aufsetzte, in denen der Königshof des Franken-Kleinkönigs Chlodio vermutet wird.Joseph Milz: Neue Erkenntnisse zur Geschichte Duisburgs, In: Duisburger Forschungen. Band 55. Mercator-Verlag, Duisburg 2008, ISBN 978-3-87463-439-7, S. 16 ff.Joseph Milz: Geschichte der Stadt Duisburg. Band 1 (Von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches). Wohlfarth u. a., Duisburg 2013, ISBN 978-3-87463-522-6, S. 19 ff. Im 10. Jahrhundert war Duisburg zweimal Schauplatz größerer Versammlungen. 929 hielt Heinrich I. eine Reichsversammlung in Duisburg ab und 944 rief Otto der Große die Lehensmänner von Franken und Lothringen in Duisburg zusammen. Zwischen 929 und 1129 sind darüber hinaus insgesamt 17 Königs- und Kaiseraufenthalte in Duisburg belegt. Um 1000 verlagerte der Rhein seinen Hauptstrom von Duisburg weg. Der so entstandene Altrheinarm blieb zwar noch lange Zeit schiffbar, doch verlagerte sich Anfang des Hochmittelalters das Zentrum kaiserlicher Machtpolitik von Duisburg nach Kaiserswerth.
mini|Ruine der Kaiserpfalz in Kaiserswerth Kaiserswerth war aus dem auf einer Rheininsel (Werth) gelegenen Königshof Rinthusen entstanden, den der fränkische Hausmeier Pippin der Mittlere um 700 auf Fürbitte seiner Gattin Plektrudis dem Mönch Suitbert schenkte. Dieser gründete dort ein Benediktinerkloster. Zu Beginn des Hochmittelalters wurde Kaiserswerth der neue Vorort der Gegend, nachdem der salische Kaiser Heinrich III. Mitte des 11. Jahrhunderts dort die Kaiserpfalz Kaiserswerth hatte errichten lassen. Im 12. Jahrhundert wurde die Pfalz unter Kaiser Friedrich Barbarossa durch einen staufischen Neubau abgelöst. Auch für Kaiserswerth ist eine Vielzahl von Königs- und Kaiseraufenthalten urkundlich belegt.
Lage Der Grafschaftsbezirk grenzte im Süden an den ebenfalls zu Ripuarien gehörenden Deutzgau, im Westen entlang des Rheins an den ripuarischen Nievenheimer Gau/Neusser Gau und den sich rheinabwärts anschließenden, zum hatturarischen Komitat gehörenden Gilde-/Keldagau um das ehemalige Kastell Gelduba in Krefeld-Gellep sowie im Norden und Osten an den zum Stammesherzogtum Sachsen gehörenden Westfalengau.
Geschichte Nach der Eingliederung des Rheinlands (Francia R(h)inensis) in das Frankenreich durch Merowingerkönig Chlodwig I. Ende des 5. Jahrhunderts und den fränkischen Reichsteilungen des 6. und 7. Jahrhunderts lag das Rheinland als Teil des fränkischen Ostreichs (Austrasien) mit dem Ländern/Großgauen Hattuarien (terra Hattuariorum) und Ripuarien (terra Riboariense) im Grenzgebiet zum Stammesherzogtum Sachsen. Zu diesem Zeitpunkt war Hattuarien noch ein Gebiet links und rechts des Rheins, zu dem auch die untere Ruhr gehörte. Dieser Bereich kam zu Beginn des 8. Jahrhunderts von Osten her unter massiven sächsischen Expansionsdruck, so dass den Franken ein Großteil des rechtsrheinischen Hattuariens verloren ging. Zwar konnten Karl Martell († 741) und Pippin der Jüngere († 768) durch eine Reihe von Feldzügen das weitere Vordringen der Sachsen verhindern, aber Hattuarien war nun in ein fränkisches, linksrheinisches Hattuarien und ein sächsisches/westfälisches, rechtsrheinisches Hatterun geteilt. Der bis zu diesem Zeitpunkt zu Hattuarien gehörende, fränkische Ruhrgau wurde daraufhin Anfang des 9. Jahrhunderts dem Land Ripuarien zugeordnet, das offenbar bis zur Reichsteilung im Jahr 843 (Vertrag von Verdun) als Herzogtum ein Bollwerk gegen die Sachsen bildete. Mit der 843er Reichsteilung kam das Gebiet zwischen Rhein, Ruhr und Wupper an das Mittelreich Kaiser Lothars I. (Lotharii Regnum), durch die Reichsteilung von Prüm 855 dann mit Lotharingien an dessen Sohn König Lothar II. sowie 870 durch den Vertrag von Meerssen, in dem Lotharingien zwischen dem westfränkischen König Karl dem Kahlen und dem ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen aufgeteilt wurde, an das Ostfrankenreich Ludwigs. 895 bis 900 gehörte das Gebiet zum Unterkönigreich König Zwentibolds, ab 911 zum Westfrankenreich und ab 925 dauerhaft zum ostfränkisch-deutschen Reich.
Zwar ist in merowingischer und frühkarolingischer Zeit von einer Grafschaftsorganisation im rechtsrheinischen Ripuarien nichts bekannt, doch wird man davon ausgehen können, dass mit der Einführung der karolingischen Grafschaftsverfassung im Übergang vom 8. auf das 9. Jahrhundert, sicher aber vor den genannten karolingischen Reichsteilungen bereits ein Grafschaftsbezirk zwischen Rhein, Ruhr und Wupper existierte, der auch den Ruhrgau beinhaltete.Michael Buhlmann: Politische Gliederung des Duisburg-Düsseldorfer Raums im frühen und hochen Mittelalter. In: Huckinger Heimatbuch, Band III, Duisburg 2015, S. 61–75, hier S. 66. Aber erst im Jahr 904Theodor Joseph Lacomblet (Hrsg.): Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Band I (779–1200), Düsseldorf 1840, Nr. 83, S. 45. (Digitalisat). erscheint mit Otto, Bruder des späteren Königs Konrad I. († 918), der früheste überlieferte Graf in der Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft, hier pagis Diuspurch, d. h. (Amts-)Bezirk Duisburg, genannt. Die Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft war damit Teil eines lothringisch-niederrheinischen Machtkomplexes der Konradiner, denn Ottos Onkel Gebhard war von 903 bis zu seinem Tod 910 Herzog von Lothringen. Ottos Bruder Eberhard von Franken († 939) besaß zeitgleich die Grafschaft im linksrheinisch an die Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft angrenzenden Gilde-/Keldagau. Zusätzlich war Konrad 904 und 910 Laienabt im Stift Kaiserswerth sowie 910 Nachfolger seines Bruders Eberhard als Graf im Gilde-/Keldagau. Der niederrheinische Machtkomplex der Konradiner wurde Mitte des 10. Jahrhunderts durch die Ezzonen abgelöst. Der Ezzone Erenfried II. († vor 970) war 950Friedrich Wilhelm Oediger (Bearb.): Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter. Band 1 (313–1099), Düsseldorf 1978, S. 113, Nr. 343. (aliquem locum in Uueinesuualde et in comitatu Eremfridi comitis situm Hupoldesroth dictum)Gerstner und Lewald verorten die 950er Nennung Hubbelraths (und damit auch die Grafschaft Erenfrieds II.) fälschlicherweise noch „im südlichen Ruhr- oder Keldachgau“ (Ruth Gerstner: Die Geschichte der lothringischen und rheinischen Pfalzgrafen von ihren Anfängen bis zur Ausbildung des Kurterritoriums Pfalz. In: Rheinisches Archiv, Nr. 40, Bonn 1941; Ursula Lewald: Die Ezzonen. Das Schicksal eines rheinischen Fürstengeschlechts. In: Rheinische Vierteljahresblätter, Jg. 43, Bonn 1979, S. 120–168, hier: S. 121). Kluger dagegen verortet Hubbelrath klar im „politischen Verwaltungsbezirk“ Duisburg, „der eine Grafschaft bildete, die den alten Ruhrgau einschloß,“ und sieht den Gilde-/Keldagau als Teil Hattuariens (Helmuth Kluger: Propter claritatem generis. In: Hanna Vollrath, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Köln. Stadt und Bistum in Kirche und Reich des Mittelalters. Festschrift für Odilo Engels zum 65. Geburtstag. Köln, Weimar, Wien 1993, S. 223–258, hier S. 230). und 956Monumenta Germaniae Historica, DD O I, Nr. 180, S. 262 f., Z. 40 (Digitalisat) (in Crucht et in Calechheim et in Hliurithi in comitatu Irmenfridi) Graf in der Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft, zuvor bereits Graf im Zülpichgau (942), im Bonngau (945), im Großgau Hattuarien (947)Monumenta Germaniae Historica, DD O I, Nr. 89, S. 171 f. (Digitalisat) (in villa Mundulingheim in pago Hatteri in comitatu Erenfridi) mit seinen Untergauen Düffelgau (947), Mühlgau (966) und somit vermutlich auch im Gilde-/Keldagau sowie 946/959 Graf in der Grafschaft Huy. Auf Erenfried II. folgte dessen Sohn Hermann I. genannt Pusillus († 996), der spätestens ab 989 Pfalzgraf von Lothringen war. 970, 992 und 993 war er Graf im Bonngau, 975 und 978 Graf im Eifelgau, 977Monumenta Germaniae Historica, DD O II, Nr. 153, S. 173 (Digitalisat) (in comitatu videlicet Herimanni comitis sitas) Graf in der Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft, 991 Graf im Zülpichgau und 996 Graf im Auelgau. Danach besteht zwar eine Überlieferungslücke hinsichtlich der Grafen in der Duisburg-Kaiserswerther Grafschaft, doch kann man annehmen, dass die ezzonischen Pfalzgrafen weiterhin diese Herrschaft ausübten, zumal Pfalzgraf Ezzo († 1034) um 1016 die Königshöfe Duisburg und Kaiserswerth geschenkt bekam. Ezzo überlegte zwischenzeitlich sogar, ein ezzonisches Hauskloster und damit auch die ezzonische Grablege bei Duisburg anzusiedeln. Das Kloster entstand zwar schließlich in Brauweiler, doch zeigt allein die Überlegung Ezzos, dass die Ezzonen im Gebiet zwischen Rhein, Ruhr und Wupper umfangreiche Güter und Herrschaftsrechte besessen haben müssen.Michael Buhlmann: Politische Gliederung des Duisburg-Düsseldorfer Raums im frühen und hochen Mittelalter. In: Huckinger Heimatbuch, Band III, Duisburg 2015, S. 61–75, hier S. 70 f.