Der Kalksteinbruch Salzgitter-Salder (oft kurz Steinbruch Salder oder auch Steinbruch am Hasselberg genannt) ist ein auflässiger Steinbruch südlich des Salzgitteraner Stadtteils Salder im südöstlichen Niedersachsen. Als Typlokalität der Untergrenze (Global Stratotype Section and Point, GSSP) des Coniac (Oberkreide) ist er von herausragender geologischer Bedeutung.
Lage und Ausdehnung Der Steinbruch liegt rund 600 m südlich von Salder im nordöstlichen Teil des Hasselbergs, einer kleinen Anhöhe am östlichen Nordrand der Lichtenberge, dem nördlichen, in Ost-West-Richtung verlaufenden Abschnitt des Salzgitter-Höhenzuges. Der Steinbruch erstreckt sich auf einer Fläche von rund 12 Hektar, bei knapp 750 Metern maximaler Längenausdehnung parallel zum lokalen Streichen der Schichten (westnordwest-ostsüdost) und rund 320 Meter quer zum Streichen (südsüdwest-nordnordost). Der gesamte nordwestliche Teil des Bruches ist allerdings bereits relativ stark bewachsen und nur noch schwer zugänglich.
Geologie Allgemeines hochkant=2.5|mini|Blick auf die Westwand des Steinbruches Salzgitter-Salder. Der Grenzbereich vom Mittel- zum Oberturon und damit der Übergangsbereich zur Salder-Formation liegt im zweiten Bildviertel von links, unterhalb der Basis der ersten massigen Kalksteinbank. Das Turon-Coniac-Grenzintervall befindet sich im tieferen Teil der Erwitte-Formation („Grau-Weiße-Wechselfolge“) ganz rechts im relativ stark bewachsenen und stufenartig nach Westen zurückschreitenden Teil der Wand. Man beachte auch das steile Einfallen der Schichten. Der Steinbruch wurde in Kalksteinschichten der Oberkreide angelegt. Da der Lichtenberger Höhenzug seine Entstehung dem Aufdringen von Salz aus dem tiefen Untergrund in Richtung Oberfläche verdankt (Halokinese), das die über ihm liegenden Ablagerungen stark aufgewölbt hat, sind die dort aufgeschlossenen Schichten steilgestellt, wobei sie aufgrund der Lage an der Nordflanke des Salzsattels bzw. am Südrand der benachbarten Lesser Kreidemulde mit ungefähr 70° nach Norden bis Nordnordosten einfallen.Walaszczyk & Wood: Inoceramids and biostratigraphy at the Turonian/Coniacian boundary. 1998 (siehe Literatur), S. 397Eickhoff: Wiedererkennbarkeit primärer Tonschichten in versenkungsdiagenetisch überprägten Kalk-Ton-Wechsellagerungen. 2002 (siehe Literatur), S. 25 Des Weiteren befindet sich im Untergrund nördlich von Salder das südliche Ende der morphologisch weitgehend unauffälligen Broistedt-Wendeburger Salzstruktur, das von Nordosten in den südöstlichen Teil der Lesser Mulde hineinragt.
Bei den aufgeschlossenen Gesteinen handelt es sich um eine ca. 200 Meter mächtige Abfolge aus feinkörnigen, relativ reinen (82 bis 92 % CaCO3), hellen Kalksteinen („Plänerkalke“) in Wechsellagerung mit dunkleren Kalkmergel- und/oder Tonmergelsteinlagen (24 bis 67 % CaCO3).Eickhoff: Wiedererkennbarkeit primärer Tonschichten in versenkungsdiagenetisch überprägten Kalk-Ton-Wechsellagerungen. 2002 (siehe Literatur), S. 46 Anteil und Mächtigkeit von Kalk- und Mergellagen schwanken im Verlauf der Abfolge z. T. stark, wobei insgesamt die Kalksteine in der Abfolge deutlich dominieren. Allerdings sind in Salder sowohl der primäre Tongehalt in den Kalksteinen als auch die Mächtigkeit des aufgeschlossenen Intervalls generell höher als im Norden der Lesser Mulde (Raum Söhlde). Dies wird auf eine lokal größere Wassertiefe im Ablagerungszeitraum infolge einer verstärkten halokinetischen Senkenbildung (permanent erhöhte Schaffung von Akkommodationsraum), ausgelöst durch die Abwanderung von Salz aus dem Untergrund in Richtung der beiden benachbarten Salzstrukturen, zurückgeführt.Christopher J. Wood, Gundolf Ernst, Gabriele Rasemann: The Turonian-Coniacian stage boundary in Lower Saxony (Germany) and adjacent areas: the Salzgitter-Salder Quarry as a proposed international standard section. Bulletin of the Geological Society of Denmark. Bd. 33, Nr. 1–2, 1984, S. 225–238 (PDF 1,0 MB)
Aufgrund ihrer Fossilführung können die Kalk- und Mergelsteine chronostratigraphisch den Stufen Turon und Coniac (genauer: Mittel-Turon bis Unter-Coniac) zugeordnet werden, das heißt, sie haben ein numerisches Alter zwischen und Millionen Jahren. Lithostratographisch gehören sie der Salder-Formation und Erwitte-Formation an. Ganz im Süden des Steinbruchs stehen zudem noch als „Weißpläner“ ausgebildete laterale Äquivalente der Oberen Rotpläner der Söhlde-Formation an. Die Gesteine von Salder sind aus mehr oder weniger tonmineralreichen Hochsee-Karbonatschlämmen hervorgegangen und bezeugen, dass Norddeutschland in der Treibhauswelt der älteren Oberkreide von einem vergleichsweise tiefen Epikontinentalmeer bedeckt war.
Fossilien miniatur|Beschädigtes Fragment des heteromorphen Ammoniten Hyphantoceras reussianum aus dem Ober-Turon des Steinbruches Salder (Länge des Maßstabsbalkens: 1 cm) miniatur|Typische Vertreter der Inoceramenfauna des Steinbruches Salder, u. a. mit dem Indextaxon der Coniac-Basis, Cremnoceramus deformis erectus (d) Der Steinbruch verfügt über eine der reichhaltigsten und stratigraphisch durchaltendsten Überlieferungen von inoceramiden Muscheln in Europa.Walaszczyk et al.: The Salzgitter-Salder Quarry (Lower Saxony, Germany) and Słupia Nadbrzeżna river cliff section (central Poland). 2010 (siehe Literatur), S. 446 Diese zeigt u. a. den für den Turon-Coniac-Grenzbereich typischen drastischen Wechsel von einer Muschelfauna, die durch die Gattung Mytiloides dominiert ist, hin zu einer Fauna, die durch die Gattung Cremnoceramus dominiert ist.Walaszczyk & Wood: Inoceramids and biostratigraphy at the Turonian/Coniacian boundary. 1998 (siehe Literatur), S. 399 Die ?inoceramide Gattung Didymotis, die auf das Ober-Turon und unterste Coniac beschränkt ist, ist in Salder ebenfalls häufig. Neben Muscheln kommen, wenngleich deutlich weniger häufig, Brachiopoden (u. a. Orbirhynchia), irreguläre Seeigel aus der Gruppe der Herzseeigel (Spatangoida, u. a. Sternotaxis und Micraster) sowie heteromorphe Ammoniten (u. a. Hyphantoceras und Scaphites) vor. Die häufigsten Wirbeltierreste sind isolierte Knochenfischzähne und -schuppen. Theoretisch sind auch Funde von Hai- oder sogar Mosasaurierzähnen möglich.
GSSP des Coniac Der Kalksteinbruch Salzgitter-Salder wurde 1995 von den Mitgliedern der entsprechenden Arbeitsgruppe der Kreide-Subkommission der International Commission on Stratigraphy (ICS) zum Hauptkandidat für den „globalen Grenzstratotypus“ (Global Stratotype Section and Point, GSSP) des Coniac, der dritten Stufe der Oberkreide bestimmt. Im Zuge dessen wurde als primäres biostratigraphisches Kennzeichen der Coniac-Untergrenze das erste Auftreten (, FAD) der inoceramiden Muschel Cremnoceramus deformis erectus (, 1877), seinerzeit Cremnoceramus rotundatus (sensu non ) festgelegt. Als Vorzüge von Salder galten damals der Umstand, dass die Abfolge keine offensichtlichen Schichtlücken aufwies, dass es sich um den am besten untersuchten aller bis dahin vorgeschlagenen Aufschlüsse handelte, für den daher eine Fülle von feinstratigraphischen Informationen dokumentiert war, dass der Steinbruch in der näheren Zukunft zugänglich bleiben sollte sowie die außergewöhnlich vollständige geologische Überlieferung der Inoceramenfaunen. Als nachteilig galten die relativ starke diagenetische Überprägung des primären, weit überwiegend karbonatischen Sediments, die sich ungünstig auf die Erhaltung von Mikrofossilien ausgewirkt hat, sowie die relative Armut an Ammoniten, den wichtigsten Makroleitfossilien des Mesozoikums.
In den 2000er Jahren war eine im Steilufer der Weichsel in Słupia Nadbrzeżna (Polen) aufgeschlossene Schichtenfolge des Turon-Coniac-Grenzintervalls eingehender untersucht worden, wobei sich herausstellte, dass, während in Salder das FAD von Cremnoceramus deformis erectus in Form eines Massenauftretens (engl.: ), des sogenannten erectus-I-Events vorliegt, sich an der Weichsel das erectus-I-Event etwa 1,5 Meter oberhalb dem FAD von C. d. erectus befindet. Dies bedeutet, dass das Grenzintervall in Salder wahrscheinlich doch lückenhaft ausgebildet („kondensiert“) ist.Walaszczyk et al.: The Salzgitter-Salder Quarry (Lower Saxony, Germany) and Słupia Nadbrzeżna river cliff section (central Poland). 2010 (siehe Literatur), div. S. Da die Aufschlussverhältnisse in Słupia Nadbrzeżna zu schlecht sind, um als alleiniger GSSP in Frage zu kommen, war 2010 eine Kombination aus den Aufschlüssen von Salder und Słupia Nadbrzeżna als GSSP vorgeschlagen worden („composite Global Boundary Stratotype Section and Point“). Dieser Vorschlag fand unter den übrigen Mitgliedern der Arbeitsgruppe für den Coniacium-GSSP weitgehende Zustimmung, jedoch galt ein einzelner Aufschluss weiterhin als die erstrebenswerteste Variante. In diesem Zusammenhang wurden seit 2013 mehrere Aufschlüsse in Nordamerika (vgl. Western Interior Seaway) und Kasachstan untersucht, von denen einer in Coahuila (Mexiko) als vielversprechend eingestuft wurde. Wegen politisch instabiler Verhältnisse in dieser Region sollte jedoch versucht werden, eine Ausweichlokalität im Big Bend National Park im nördlich benachbarten Texas zu finden.Subcommission on Cretaceous stratigraphy. Annual Report 2015. International Commission on Stratigraphy (ICS) ( 332 kB), S. 7 Ein einst als GSSP-Option gehandelter Bahneinschnitt nördlich des Pueblo-Stausees am Oberlauf des Arkansas River in Colorado,Ireneusz Walaszczyk, William A. Cobban: The Turonian-Coniacian boundary in the United States Western Interior. Acta Geologica Polonica. Bd. 48, Nr. 4, 1998, S. 495–507 (online), S. 496 ff. in dessen unmittelbarer Nachbarschaft sich bereits der GSSP für das Turon befindet,William J. Kennedy, Ireneusz Walaszczyk, William A. Cobban: The Global Boundary Stratotype Section and Point for the base of the Turonian Stage of the Cretaceous: Pueblo, Colorado, U.S.A. Episodes. Bd. 28, Nr. 2, 2005, S. 93–104 (PDF 4,0 MB) stand seinerzeit wegen bedeutender Schichtlücken schon nicht mehr in der engeren Auswahl.
Nach einer Neubearbeitung der Kohlenstoffisotopen- und Biostratigraphie des Turon-Coniac-Grenzintervalls im Steinbruch Salder Ende der 2010er JahreSilke Voigt, Tobias Püttmann, Jörg Mutterlose, André Bornemann, Ian Jarvis, Martin Pearce, Ireneusz Walaszczyk: Reassessment of the Salzgitter-Salder section as a potential stratotype for the Turonian–Coniacian boundary: stable carbon isotopes and cyclostratigraphy constrained by calcareous nannofossils and palynology. Newsletters on Stratigraphy. Bd. 54, Nr. 2, 2021, S. 209–228, doi:10.1127/nos/2020/0615 entschied sich die Coniac-GSSP-Arbeitsgruppe letztendlich doch für diesen Standort. Der Vorschlag wurde daraufhin zur Diskussion und Abstimmung an die höheren Instanzen (Subkommission für Kreidestratigraphie der ICS, ICS sowie Exekutivkomitee der International Union of Geological Sciences, IUGS) weitergereicht. Im Frühjahr 2021 beschloss das IUGS-Exekutivkomitee schließlich die Ratifizierung des Vorschlags.Coniacian GSSP ratified by IUGS. News-Rubrik der Webpräsenz der Subcommission on Cretaceous Stratigraphy, abgerufen am 28. Juli 2021. Damit war der Kalksteinbruch Salzgitter-Salder der zweite deutsche GSSP nach dem 1984 definierten Wetteldorfer Richtschnitt (Emsium/Eifelium).
Geschichte und Nachnutzungskonzept