mini|Präventionskampagne gegen Schienensuizide in einem Bahnhof in Graz Als Schienensuizid (auch Eisenbahnsuizid oder Bahnsuizid) wird in Deutschland eine Selbsttötung durch ein fahrendes Schienenfahrzeug bezeichnet.

Häufigkeit Bereits in der Frühzeit der Eisenbahnen, um 1850, wurden vereinzelte Schienensuizide bei den Eisenbahnen in Deutschland und England registriert. Einer der Ersten, die das Thema Schienensuizid untersuchten, war 1854 der sächsische Eisenbahningenieur und -direktor Max Maria von Weber. Die Preußischen Staatseisenbahnen hielten Zählkarten für Selbstmorde vor, mit denen die Suizide in ihrem Zuständigkeitsbereich statistisch erfasst wurden.Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Sammlung der herausgegebenen Amtsblätter vom 23. Juni 1900. 4. Jahrgang, Nr. 29. Bekanntmachung Nr. 261, S. 204.

In der Europäischen Union (EU-27) werden pro Jahr 2400 bis 2800 Schienensuizide gezählt. Die mit Abstand höchste Zahl verzeichnet Deutschland, gefolgt von Frankreich, Polen, Großbritannien und der Tschechischen Republik.im Jahr 2015 2762In den Jahren 2007 bis 2010 lagen die Werte zwischen 2422 und 2773 Suiziden.

Zwischen 1976 und 1984 wurden in der Bundesrepublik Deutschland (ohne West-Berlin) im Jahresdurchschnitt 677 Schienensuizide und 44 Schienensuizid-Versuche gezählt. Männer begingen zweieinhalbmal so häufig Schienensuizid wie Frauen, jüngere Menschen wesentlich häufiger als ältere.A. Schmidtke: Suicidal behaviour on railways in the FRG. In: Social Science & Medicine. Heft 3, Februar 1994, S. 419–426. doi:10.1016/0277-9536(94)90441-3 In den Jahren 2007 bis 2013 verzeichnete das Eisenbahn-Bundesamt für die gesamte Bundesrepublik Deutschland im Jahresdurchschnitt 838 Schienensuizide auf Vollbahnen, Angaben über gescheiterte Versuche fehlen.Sicherheitsberichte des Eisenbahn-Bundesamts für die Jahre 2007 bis 2013; siehe Fußnoten. Es wird angenommen, dass die Berichterstattung über den Schienensuizid von Robert Enke in Deutschland eine Zunahme dieser Suizidart bewirkt hat (Werther-Effekt). Schienensuizide machten im Zeitraum von 1991 bis 2000 etwa 7 % aller Suizide in Deutschland aus.J. Baumert, N. Erazo, K. H. Ladwig: Ten-year incidence and time trends of railway suicides in Germany from 1991 to 2000. In: European Journal of Public Health Band 16, Nummer 2, April 2006, S. 173–178, . doi:10.1093/eurpub/cki060. PMID 16093307. 2016 wurden 798 Suizide und 91 Suizidversuche registriert.

In Österreich liegt der Anteil der Schienensuizide an allen Suiziden im Zeitraum von 1990 bis 1994 bei 5,7 %.E. A. Deisenhammer, G. Kemmler, C. De Col, W. W. Fleischhacker, H. Hinterhuber: Eisenbahnsuizide und -suizidversuche in Österreich von 1990–1994. In: Der Nervenarzt. Band 68, Nummer 1, Januar 1997, S. 67–73, . PMID 9132623.

Schienensuizide bei Eisenbahnen in Deutschland Jahr absolute Häufigkeit(Fälle/Jahr) relative Häufigkeit(Suizide je Million Zugkilometer)1976–19846771997–20028652007–2013838 2007 720 0,686 2008 714 0,684 2009 875 0,872 2010 899 0,871 2011 853 0,802 2012 872 0,840 2013 834 0,806 2014 781 0,749 2015 806 0,774 2016 798 0,74820177710,71920187320,67520196460,59420206780,63820216780,61320226840,59720236900,61020246880,616

Eine Untersuchung der Betriebsunfallstatistik der Deutschen Bahn in den Jahren 1997 bis 2002 mit im Jahresdurchschnitt 865 Suiziden und 90 nicht tödlichen Suizidversuchen (9 % überlebten) ergab ein Süd-Nord-Gefälle mit den höchsten Raten in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Von diesen Suizidversuchen traten zwei Drittel auf offener Strecke und ein Drittel im Bahnhofsbereich auf. Es wurden 16 „Orte hoher Suiziddichte“ mit durchschnittlich einem Schienensuizidversuch pro Jahr (oder mehr, bis zu 5 pro Jahr) innerhalb eines Streckenkilometers identifiziert, 12 davon in unmittelbarer Nähe psychiatrischer Kliniken.N. Erazo, J. Baumert, K. H. Ladwig: Regionale und örtliche Verteilungsmuster von Bahnsuiziden. In: Der Nervenarzt. Band 75, Nummer 11, November 2004, S. 1099–1106, . doi:10.1007/s00115-004-1703-x. PMID 15549217. 2,7-mal so viele Männer wie Frauen versuchten einen Schienensuizid. Betroffene Frauen waren deutlich älter als betroffene Männer. Besondere Häufungen wurden an den Wochentagen Montag und Dienstag sowie im Jahresverlauf zwischen April und September festgestellt.N. Erazo, J. Baumert, K. H. Ladwig: Sex-specific time patterns of suicidal acts on the German railway system. An analysis of 4003 cases. In: Journal of affective disorders. Band 83, Nummer 1, November 2004, S. 1–9, . doi:10.1016/j.jad.2004.04.012. PMID 15546640. DB Regio verzeichnet nach eigenen Angaben durchschnittlich einen Personenunfall pro Tag. Nach Angaben der Deutschen Bahn müsse ein Triebfahrzeugführer im Berufsleben durchschnittlich zwei bis drei Suizide verkraften. 2024 standen laut Eisenbahn-Bundesamt 688 Suiziden 125 Suizidversuche gegenüber.

Im Netz der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gab es 2013 123 Schienensuizide und weitere 64 Personen überlebten ihren Schienensuizidversuch (33 %) mit teils schwersten Verletzungen. Der Anteil der Schienensuizide an allen Suiziden in der Schweiz lag damit bei 11 %. 2014 wurden 139 Suizide und 81 Suizidversuche gezählt. Nach weiteren SBB-Angaben ereignen sich auf dem 3000 Kilometer langen Schienennetz der Schweiz durchschnittlich 180 Suizide pro Jahr. Im Jahr 2003 ereigneten sich 90 Schienensuizide in der Schweiz.Personenunfall. bazonline.ch, 16. Juni 2015; abgerufen am 17. November 2017. SBB will weniger Suizide auf Bahngleisen. srf.ch, 6. Mai 2015; abgerufen am 17. November 2017.

In Österreich wurden 2015 95 Schienensuizide gezählt, im Jahr 2016 waren es 99. Dazu kommen zwölf bzw. fünf Suizidversuche.

In Großbritannien wurden im Jahr 2014 insgesamt 310 Schienensuizide gezählt, 2015 waren es 294. In den USA sterben jährlich zwischen 300 und 500 Menschen durch Schienensuizid,boston.com, Shining a spotlight on suicide by train in Schweden etwa 60 Personen im Jahr 2000. Die Anzahl der Todesfälle im schwedischen Schienenverkehr lag 2002 bei 192, wovon 145 als eindeutige Suizide eingestuft wurden.Självmord problem för Banverket auf svd.se (schwedisch) Im Pariser Metronetz wurden im Jahr 1997 100 Fälle gezählt. Schienensuizid gilt in Großbritannien als die häufigste Todesursache für Männer unter 50.

Folgen

Angesichts der hohen Rate an gescheiterten Schienensuiziden (je nach Quelle ein Zehntel bis ein Drittel) gilt der Schienensuizid als unsicher. Die Überlebenden leben häufig mit abgetrennten Gliedmaßen weiter. Es bestehen erhebliche finanzielle und rechtliche Risiken für den Suizidenten, weil er sich des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr strafbar und unter Umständen zudem schadensersatzpflichtig macht. Der Triebfahrzeugführer kann aufgrund des langen Bremswegs und der fehlenden Ausweichmöglichkeit selbst bei frühzeitigem Erkennen der Suizidsituation sehr selten einen Schienensuizid verhindern. Daraus folgt für ihn eine starke psychische Belastung, die eine jahrelange Beeinträchtigung zur Folge haben kann. Der Schienensuizid zählt nach der Definition des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) zu den „gefährlichen Ereignissen“.

Folgen für die Beteiligten Betroffene Lokführer sind beim Schienensuizid als unmittelbare Augenzeugen einer erheblichen psychischen Belastung ausgesetzt.Frank Junghänel: Der letzte Augenblick. In: Mitteldeutsche Zeitung. 29. November 2009. Meist erkennen sie die Suizidabsicht bereits aus großer Entfernung; der lange Bremsweg von Schienenfahrzeugen macht es in der Regel unmöglich, den Zug rechtzeitig anzuhalten. Sie erleben so unmittelbar die Verletzung bzw. den Tod des Suizidenten. Viele zeigen in dieser Zwangslage durch das auftretende Gefühl der Machtlosigkeit, diesen Unfall zu verhindern, eine akute Belastungsreaktion. Lokführer sind am Unfallort verantwortlich für den Zug, bis sie abgelöst werden. Anschließend sind sie als arbeits- bzw. dienstunfähig einzustufen. Auch in den Stunden danach werden verschiedene Maßnahmen getroffen. So wird u. a. sichergestellt, dass die betroffene Person möglichst nicht allein zuhause ist und dass sie nicht am Straßenverkehr teilnimmt (meist wird eine Heimfahrt mit dem Taxi organisiert und der Ehe-/Lebenspartner informiert). Des Weiteren besteht für die nächsten drei Tage bzw. mindestens so lange, bis ein erstes psychologisches Gespräch stattgefunden hat, ein Einsatzverbot. Eine weitergehende psychotherapeutische oder seelsorgerische Betreuung kann dabei helfen, das erlebte Trauma zu verarbeiten. Die akute Reaktion kann in eine monate- und jahrelange Beeinträchtigung übergehen.

Auch bei Ausbleiben einer akuten Belastungsreaktion kann sich später, auch nach Monaten, eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, die mit dauerhafter Arbeits-/Dienstunfähigkeit einhergeht. In vielen Rettungsdienst-Bereichen wird der Lokführer standardmäßig von der Krisenintervention im Rettungsdienst zur Vermeidung einer posttraumatischen Belastungsstörung erstbetreut. Auch für Fahrgäste, Passanten, Rettungs- und Bestattungskräfte sowie das Wartungs- und Instandsetzungspersonal kann ein Schienensuizid eine besondere Belastung darstellen. Insbesondere den Rettungskräften bietet sich an der Unfallstelle oft ein verstörendes Bild, da durch den Druck der Stahlräder die Leichen sehr stark entstellt werden. Die abnormen Veränderungen des Körpers können eine hohe Schockbelastung hervorrufen, beispielsweise unnatürliche Stellungen der Gliedmaßen, Amputationen, Enthauptungen und andere Körperdurch- und -abtrennungen. Oft liegen Gliedmaßen nach Abtrennung über mehrere hundert Meter verteilt.

Folgen für den Bahnbetrieb mini|Desinfizierend wirkender Chlorkalk nach einem Schienensuizid Nach einem Schienensuizid wird die betroffene Bahnstrecke in der Regel für polizeiliche Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft zeitweise gesperrt. Das wirkt sich oft erheblich auf den Schienenverkehr aus, das Umleiten von Zügen bewirkt Verspätungen und Ausfall von Halten. Nach Bergung des Suizidenten – tot oder verletzt – und Abschluss der Ermittlungen wird sie wieder freigegeben. Außerdem kann eine Reinigung, beispielsweise mit Hilfe von Chlorkalk, erforderlich werden.

1994 führte die Deutsche Bahn, nach dem Vorbild der Nederlandse Spoorwegen, eine psychologische Betreuung von Triebfahrzeugführern nach Suizidfällen an. Im Jahr 2013 verloren nach Angaben der Deutschen Bahn 30 Triebfahrzeugführer als Folge traumatischer Ereignisse die Eignung für den Beruf.Deutsche Bahn AG (Hrsg.): DB zum Gespräch der GDL: Gewerkschaft verzichtet weiter ohne Not auf Beschäftigungssicherung für alle. Presseinformation vom 10. Januar 2014. Laut Unternehmensangaben bieten rund 25 Psychologen eines Vertragspartners längerfristige Unterstützung an. Die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) einigten sich erstmals zum 10. April 2014 auf neue Regelungen für Triebfahrzeugführer. Diesen soll bei Berufsunfähigkeit nach einem Schienensuizid ihr volles Gehalt weitergezahlt werden. Damit wurden im Eisenbahnverkehrsmarkt verbindliche Schutzbestimmungen für Lokomotivführer geschaffen, die unter anderem aufgrund traumatischer Ereignisse keinen Zug mehr führen können.Lars Becker: Ungewöhnlicher Prozess: Lokführerin bekommt Schmerzensgeld Merkur, 24. April 2015.

Die GDL erneuerte zum 1. Juli 2015 mit dem Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband der Mobilitäts- und Verkehrsdienstleister (Agv MoVe) Internetpräsenz, abgerufen am 5. März 2017. den Tarifvertrag über besondere Bedingungen bei Verlust der Fahrdiensttauglichkeit (FDU-TV). Webseite der GDL, abgerufen am 5. März 2017. Der Vertrag konnte frühestens zum 31. Dezember 2016 gekündigt werden. Die Vertragsparteien wollten im 1. Quartal 2017 über die Erkenntnisse aus der bis dahin erfolgten Umsetzung verhandeln.§ 14 Nr. 1 und 5 FDU-TV

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