Seljefløyte (norwegisch, „Weidenflöte“), auch Seljeflöte, ist im engeren Sinn eine lange, seitlich angeblasene Kernspaltflöte aus Weidenrinde oder Kunststoff ohne Fingerlöcher, die in der norwegischen Volksmusik gespielt wird. Entsprechende Flöten sind in Schweden als sälgflöjt und in Finnland als pitkähuilu („lange Flöte“) bekannt. Nach einer heute kaum noch vertretenen Hypothese aus den 1920er Jahren soll die Naturtonreihe der zu den Obertonflöten gehörenden seljefløyte die melodische Struktur der norwegischen Volksmusik geprägt haben.
Darüber hinaus steht seljefløyte in Norwegen wie sälgpipa in Schweden und pajupilli in Finnland für kurze, längsgeblasene Weidenflöten oder -pfeifen, die im Frühjahr aus Baumrinde meist als Kinderspielzeug hergestellt werden.
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant=0.6|Kurze Weidenflöte Flöten gab es in Europa wahrscheinlich seit der Altsteinzeit. Längsgeblasene, grifflochlose Kerbflöten, bei denen der Luftstrom an die Schneidenkante einer am oberen Rand (Randkantenflöte) oder seitlich am Rohr angebrachten Kerbe trifft (Kernspaltflöte), sind in ihrem einfachsten und ältesten Typus kurze Pfeifen, die nur einen Ton erzeugen, aber in einem relativ breiten Formenspektrum vorkommen. Dieses Spektrum reicht vom Federkiel einer Straußenfeder, der über die Kante angeblasen wird und am unteren Ende geschlossen ist, über Bambuspfeifen in Südostasien mit einer runden Einkerbung am oberen Ende bis zu Gefäßflöten aus einer Fruchtschale. Bei Querflöten ist das Anblasloch fast immer in der Nähe eines Endes, um die gesamte Länge der Spielröhre für die Tonerzeugung nutzen zu können. Daneben sind einfache Querflöten mit einem mittigen Blasloch und zwei offenen Enden oder einem offenen und einem geschlossenen Ende bekannt. Ein ungewöhnliches Beispiel hierfür ist die indische surpava. Zu den weltweit seltenen Querflöten ohne Fingerlöcher gehört auch die in Uganda aus einem Blütenstängel angefertigte ludaya. Sie wird ähnlich wie die seljefløyte gespielt.Peter R. Cooke: “Ludaya”. A Transverse Flute from Eastern Uganda. In: Yearbook of the International Folk Music Council, Band 3, 1971, S. 79–90, hier S. 90
Durch Blasversuche mit Pflanzenröhren erlernten die Menschen in prähistorischer Zeit die Verwendung von Obertönen zum Musizieren. Neben der Spieltechnik, durch einen höheren Blasdruck mit einer Flöte Obertöne zu produzieren, wurden ebenfalls in sehr früher Zeit mehrere Röhren, die jeweils nur einen Grundton hervorbringen, zu Panflöten gebündelt.Anthony Baines: Woodwind Instruments and their History. Faber and Faber, London 1977, S. 172–176 Der älteste skandinavische Fund einer Kernspaltflöte ohne Fingerlöcher ist eine drei Zentimeter lange, steinzeitliche Knochenröhre in einer Steinkiste im schwedischen Falköping. Sie wurde vermutlich zur Imitation eines Vogelrufs bei der Jagd eingesetzt. Möglicherweise diente der Knochenfund als separates Mundstück an einem längeren Pflanzenstängel.Cajsa Lund: The Archaeomusicology of Scandinavia. In: World Archaeology, Band 12, Nr. 3 (Archaeology and Musical Instruments) Februar 1981, S. 246–265, hier S. 259
Der aus East Anglia (Ostengland) stammende Macclesfield Psalter ist eine vermutlich zwischen 1325 und 1335 entstandene Bilderhandschrift, die, seit sie 2004 der Fachwelt bekannt wurde, wegen ihrer außergewöhnlich qualitätvollen Illustrationen gewürdigt wird. Unter den abgebildeten Musikinstrumenten kommt die gerade Langtrompete am häufigsten vor. Ferner sind Schnabelflöten dargestellt, die wohl als Einhandflöte zusammen mit dem Tabor (Zylindertrommel) gespielt wurden. Auf zwei Blättern (ff. 187v und 188) bläst ein Mann eine quer mit der rechten Hand gehaltene Obertonflöte, deren unteres Ende er mit dem Zeigefinger der linken Hand verschließt. Die Röhre scheint aus Baumrinde zu bestehen, während im Bereich der Einblasöffnung helles Holz hervortritt. Die Beschreibung der Flöte entspricht genau der seljefløyte, wobei die beiden Abbildungen in mittelalterlichen Manuskripten einzigartig oder zumindest äußerst ungewöhnlich sind.Jeremy Montagu: Musical Instruments in the Macclesfield Psalter. In: Early Music, Band 34, Nr. 2, Mai 2006, S. 189–203, hier S. 199, 201
Heute sind Obertonflöten in Europa hauptsächlich in der Volksmusik der Slawen in Osteuropa verbreitet. Beispiele sind die aus einem Holunderzweig hergestellte koncovka in der Slowakei, die tilincă in Rumänien, die kalyuka in Russland und die csilinko in Moldawien. Grifflochlose Weidenflöten, die als Obertonflöten gespielt werden, sind aus dem polnischen Teil des Tatra-Gebirges bekannt. Sie besitzen bei rund 30 Zentimetern Länge einen verschiebbaren und am Ende verschließbaren Hohlkolben, mit dem die Tonhöhe zusätzlich verändert werden kann.Hermann Moeck: Ursprung und Tradition der Kernspaltflöten der europäischen Folklore und die Herkunft der musikgeschichtlichen Kernspaltflötentypen. (Dissertation, Göttingen 1951) Nachdruck: Moeck Verlag, Celle 1996, S. 203
mini|Egil Storbekken bläst die hölzerne Naturtrompete lur. Aufnahme zu einem Film in Alvdal, August 1963 Zum Brauchtum gehörte in vielen Regionen, im Frühjahr, wenn sich die Rinde gut vom Holz abziehen lässt, Weidenpfeifen für Kinder herzustellen. Eine kleine Pfeife aus Weidenrinde heißt bei den Sorben tulawa, in Estland sörmlik, in Polen szyposz, in Ungarn szipóka, in Russland sipow und in Serbien sipovka.Curt Sachs: Reallexicon der Musikinstrumente, zugleich ein Polyglossar für das gesamte Instrumentengebiet. Julius Bard, Berlin 1913, S. 352b, 368b, 401a (bei Internet Archive) In den baltischen Staaten sind diese Weidenpfeifen, die nur einen Ton hervorbringen, als pajupill, svilpe, svelpïte, düda und švilpu bekannt.Valdis Muktupāvels: Musical Instruments in the Baltic Region: Historiography and Traditions. In: The World of Music, Band 44, Nr. 3 (Traditional Music in Baltic Countries) 2002, S. 21–54, hier S. 35 Ein alter bairischer Name für eine Kinderflöte mit Grifflöchern aus Weidenrinde ist Felerpfeife oder Felwerpfeife.
Einfache Blasinstrumente aus gebogener oder gerollter Rinde waren fast weltweit verbreitet und wurden häufig als Signalinstrumente von Jägern verwendet. Aus zwei Hälften gefertigte Holztrompeten werden häufig nach dem Zusammenfügen mit Birkenrinde umwickelt. In Litauen benutzten Hirten eine solche, trubá genannte Naturtrompete, die dem skandinavischen Alphorn lur (Plural lurer) aus Fichtenholz mit einer Umwicklung aus Birkenrinde entspricht.Curt Sachs, 1913, S. 245b, 396b In Norwegen heißt diese Rindentrompete neverlur und in Schweden näverlur. Im 19. Jahrhundert riefen die Jäger in der englischen Grafschaft Oxfordshire am Pfingstmontag mit einem whit-horn zur Rehjagd. Das whit-horn (auch may-horn) war eine aus weicher Birkenrinde gewickelte, konische Röhre mit einem separaten DoppelrohrblattWhit-horn. BBC – A History of the World und wurde zusammen mit einem einzigen Ton produzierenden Weidenpfeifen geblasen.Anthony Baines, 1977, S. 192; Hélène La Rue: Whithorn. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 5, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 311
Alle norwegischen Flötentypen besitzen einen Kernspalt. Die norwegischen Eintonpfeifen aus Rinde oder Knochen wurden von Jägern verwendet, um Tierstimmen zu imitieren. Außer den Flöten, der Holztrompete lur und einem einst von Hirten geblasenen Ziegenhorn (in Norwegen bukkehorn) mit Fingerlöchern und einem heteroglotten (separatem) Einfachrohrblatt sind kaum traditionelle Blasinstrumente überliefert. Die Einführung der Klarinette Mitte des 18. Jahrhunderts regte die Norweger an, diese im Eigenbau zu kopieren oder aus Holz einfachere Formen von Einfachrohrblattinstrumenten ähnlich der finnischen mänkeri anzufertigen. Die meisten sind heute museal.Vgl. Bjørn Aksdal: “I saw it on the telly” – The history and revival of the Meråker clarinet. In: Musikk og Tradisjon, Nr. 30, 2016, S. 81–105 Ein einzigartiges skandinavisches Blasinstrument aus einem grünen Pflanzenstängel, das wie die Weidenflöten nur eine Lebensdauer von wenigen Tagen hat, ist das von den Samen überlieferte fadno.
Bauform mini|Kurze endgeblasene seljefløyte Einfache Pfeifen für Kinder werden überall, wo Sal-Weiden wachsen, im Frühjahr aus einem saftigen Weidenzweig angefertigt. Bei einem 10 bis 15 Zentimeter langen Zweig wird ein Ende schräg als Mundstück zugeschnitten und an der gegenüber liegenden Seite eine Kerbe angebracht. Kurz vor dem anderen Ende wird die Rinde ringsum eingeschnitten, mit dem Messergriff leicht beklopft und durch vorsichtiges Drehen und Ziehen abgezogen. Ein kurzes Stück des entfernten Zweiges wird längs für den Windkanal etwas abgeflacht und als Blockflötenkopf wieder eingesetzt. Den verbleibenden Zweig schiebt der Spieler von der anderen Seite in das Rindenröhrchen, sodass sich eine am unteren Ende geschlossene Flöte ergibt, deren Ton durch die Position des eingeschobenen Zweiges in gewissen Grenzen verändert werden kann.Alois Mauthofer: Bauanleitung Weidenpfeifchen. Mai 1999
Anders als diese kurzen Weidenflöten, die ebenso in Skandinavien vorkommen, besteht die seljefløyte traditionell aus einer durchschnittlich 60 Zentimeter langen Weidenrindenröhre.40 bis 80 Zentimeter. Eine experimentell hergestellte „Bass-seljefløyte“ kann rund zwei Meter lang sein. Siehe: Sveinung Søyland Moen, 2012, S. 33 Der verwendete Zweig darf keine Seitentriebe haben. Die Herstellung erfolgt handwerklich wie bei den kurzen Weidenpfeifen. Zunächst wird bei der seitlich angeblasenen seljefløyte etwa zehn Zentimeter vom oberen Ende eine Kerbe als Schneidenkante angebracht, dann wird etwa fünf Zentimeter oberhalb die Rinde eingeschnitten und vom Zweig abgezogen. Der Zweig wird an dem in der Hand verbliebenen Ende auf etwa zehn Zentimeter gekürzt, sodass das in das Rindenrohr zurückgeschobene Stück bis in die Öffnung der Schneidenkante reicht. Bevor dies geschieht, wird das Zweigstück auf halber Länge längs für den Windkanal abgeflacht.Seljefløyte. Youtube-Video (Herstellung einer langen seljefløyte) Das aufgesetzte Endstück leitet die seitlich eingeblasene Luft rechtwinklig um und führt sie zur Schneidenkante. Das untere Ende des Weidenrohrs bleibt offen. Der Spieler kann durch zunehmenden Blasdruck eine aufsteigende Reihe von Naturtönen produzieren. Indem er mit dem Finger abwechselnd das untere Ende öffnet und schließt, sind acht bis zehn oder mehr Töne spielbar.Reidar Sevåg, 2014, S. 463 Der Grundton ist schwer hervorzubringen, dafür sind die Obertöne vom zweiten bis zum fünfzehnten zu verwenden.
Flöten aus Weidenrinde oder einer anderen Baumrinde können nur im Frühjahr und Frühsommer hergestellt werden, bevorzugt Mitte Mai, wenn Holz und Rinde am saftreichsten sind. Auch wenn die Flöte bei Nichtgebrauch unter Wasser frisch gehalten wird, ist sie nur wenige Tage (ein bis zwei WochenRachel E. Haug: An Introduction to Twentieth-Century Flute Music by Norwegian Composers: With Emphasis on Øistein Sommerfeldt and Publications by Norsk Musikforlag. (Dissertation) Ohio State University, 2015, S. 39) haltbar. Eine ausgetrocknete Rinde macht das Instrument unspielbar. Dass sich trotz der kurzen jährlichen Verwendungszeit eine Spieltradition auf der seljefløyte etablieren konnte, liegt möglicherweise an der musikalischen Verwandtschaft zwischen ihr und den anderen Naturtoninstrumenten bukkehorn und lur (neverlur), die im Fall der lur namentlich bis auf die bronzezeitlichen Luren zurückgeht.Willow-bark flute. Egil Storbekken. Musical Instruments Museums Edinburgh