mini|hochkant=1.6|Domenichino: Erminia bei den Hirten (1622–1625). Paris, Louvre Dieser Artikel befasst sich mit der Opern-Gattung Pastorale in ihren verschiedenen Ausprägungen und mit ihrer historischen Entstehung und Entwicklung unter Berücksichtigung verwandter Gattungen wie Serenata, Kantate, Masque, u. a.

Die Pastorale ist eine opernhafte Gattung des 17. und 18. Jahrhunderts, die auf der im 16. Jahrhundert aufgekommenen Mode der Schäferdichtung und des Schäferspiels basiert. Die Handlung ist daher in einem idyllischen Hirten- oder Schäfermilieu angesiedelt und dreht sich vor allem um Liebesverwicklungen.

Zum Personal der Pastoral-Oper gehören neben Schäfern und Hirten typischerweise auch Naturgeister wie Nymphen, Najaden, Dryaden oder Satyre, und auch Halbgötter oder Götter der griechisch-römischen Mythologie; gelegentlich auch Fluss- oder Meeresgottheiten.

Die Pastorale kam auch als Mischung mit anderen Gattungen vor, so unterscheidet z. B. Mattheson (1739) eine tragische, heroische, komische oder „landmäßige“ Form, er betont jedoch, dass sie „…ihr rechtes vornehmstes Kennzeichen…“ „…nicht im Frolocken und Jauchtzen, nicht in prächtigen Aufzügen; sondern in einer „unschuldigen“, „bescheidenen“ Liebe, in einer ungeschminckten, angebornen und angenehmen Einfalt (naiveté) … findet, nach welchem sich alle Arten und Theile desselben richten müssen; die Melodien insonderheit“.Johann Mattheson: „Ein Pastorale, oder Schäfer-Spiel – tragique, heroisch, comique, landmäßig…“, in: Der vollkommene Capellmeister 1739, …, Kassel et al.: Bärenreiter, S. 218.

Geschichte Schon in der Antike besang Theokrit in seinen bukolischen Idyllen das Leben der Hirten, die häufig, wie auch bei Homer, Musikinstrumente wie die Panflöte (Syrinx) spielen. Vergils Eklogen wurden im 1. Jahrhundert mit musikalischer Untermalung aufgeführt. Besonders bekannt ist die biblische Überlieferung, dass Jesus Christus zu seiner Geburt von Hirten aufgewartet wurde (und er selber wird als „guter Hirte“ und als „Lamm Gottes“ bezeichnet). Diese Idee von der weihnachtlichen Hirtenmusik führte im Barock zur instrumentalen Form der Pastorale.

Italien im 16. und frühen 17. Jahrhundert mini|hochkant=0.85|Illustration aus: Il pastor fido… di Battista Guarini, London 1718 So war die Figur des Schäfers schon von alters her ein Symbol für eine naturnahe quasi kindliche Unschuld, Reinheit und Tugend, ein friedliches und liebevolles Wesen, das nichts Böses kennt. Vor diesem christlichen Hintergrund und einigen literarischen Beispielen aus der Antike, kam im Mittelalter die Gattung der Pastourelle auf. In der italienischen Renaissance entstanden einige große Bühnenwerke: Schon Angelo Polizianos La favola di Orfeo„Die Fabel des Orpheus“. (ca. 1480) spielt bis zum Tod der Euridice im Hirtenmilieu; es gilt als Vorläufer der Oper und wurde nachweislich mit Musik aufgeführt, von Komponisten wie Marchetto Cara und Tromboncino.Siehe das Textbuch und Libretto zur Einspielung: Angelo Poliziano: La Favola di Orfeo (Anno 1494), mit Musik von Serafino dall’ Aquilano, Marchetto Cara, Tromboncino, und Michele Pesenti. Huelgas Ensemble, Paul van Nevel, erschienen bei: RCA Seon, 1982 (2 LPs), S. 3–4 und S. 9–12. Die bedeutende Schäferdichtung des 16. Jahrhunderts und vor allem die beiden Schäferspiele Aminta (1573) von Torquato Tasso und Il pastor fido (= Der treue Hirte; 1590) von Giovanni Battista Guarini hatten einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Musik, und trugen letztlich zur Entstehung der Oper bei. Ausgewählte Texte und auch längere Dialog-Passagen aus den genannten Werken von Guarini und Tasso (und andere Schäferdichtungen) wurden zunächst in zahlreichen Fassungen als Madrigale vertont, die höchstwahrscheinlich auch in Aufführungen der beiden Bühnenwerke gesungen wurden. Einige Beispiele für Vertonungen allein aus Guarinis Il pastor fido sind: „Tirsi morir volea“ von Giaches de Wert (7. Madrigalbuch, 1581);1581 war Guarinis Il pastor fido noch nicht einmal veröffentlicht; wenn die Information stimmt, muss de Wert den Text also von Guarini persönlich bekommen haben. Jacques de Wert – Il settimo libro de madrigali 1581. The Consort of Musicke, Anthony Rooley, erschienen bei: Virgin veritas, 1989 / 1994 (CD). die 4 Madrigale „Deh, Tirsi, Tirsi, anima mia, perdona“, „Anima cruda, sì, ma però bella“, „Udite Lagrimosi“ und „Ah, dolente partita!“ aus dem 6. Madrigalbuch (1594) von Luca Marenzio; Allein aus dem 5. Madrigalbuch (1605) von Claudio Monteverdi: „Cruda Amarilli“ und „O Mirtillo, Mirtill’, anima mia“; eine fünfteilige Madrigalfolge „Ecco Silvio…“ (ein Dialog von Dorinda und Silvio); die dreiteilige Madrigalfolge „Ch’io t’ami“ (aus dem Munde Mirtillos); und „M’è più dolce il penar per Amarilli“ (auch Mirtillo);Siehe das Textbuch zu: Monteverdi – Quinto libro dei madrigali 1605. The Consort of Musicke, Anthony Rooley, erschienen bei: Decca L’Oiseau-Lyre, 1984 (LP), S. 4–6. „Cruda Amarilli“ wurde auch von Sigismondo d’India komponiert (1. Madrigalbuch à 5, 1606); spätere Beispiele sind „Ombrose e care selve“ und „Quell’augellin che canta“ aus dem 3. Madrigalbuch (à 5, 1615).Siehe die Textbücher zu den Einspielungen: 1) Sigismondo d’India: Libro primo de Madrigali 1606. La Venexiana, erschienen bei: glossa, 2001 (CD), S. 32. Und: 2) Sigismondo d’India: Il terzo Libro de Madrigali (1615). La Venexiana, erschienen bei: glossa, 1997 (CD), S. 32 und 40. Ein ganz berühmtes Beispiel ist das Solomadrigal „Amarilli mia bella“ von Giulio Caccini (Le Nuove Musiche, Florenz 1601),Siehe: Giulio Caccini: Le Nuove Musiche, Florenz 1601. Facsimile, Studio per Edizioni Scelte (S.P.E.S), Firenze 1983, S. 12–13 („Amarilli“). Amarilli ist eine Figur aus Guarinis Il pastor fido. einem Mitglied der Florentiner Camerata, die direkt an der Entwicklung der Oper nach griechischen Vorbildern wirkte.

Dies ist nur eine kleine Auswahl, zu der noch eine regelrechte Flut von Stücken nach Texten anderer Autoren wie Tasso, Marino, Rinuccini usw. kommen, die ebenfalls dem Pastoralgenre angehören, beispielsweise Monteverdis berühmtes Duett „Zefiro torna“ (Libro IX, 1651; Text von Rinuccini).

mini|Bartolomeo Cavarozzi: Lamento des Aminta, ca. 1625. Paris, Louvre.

Eine bedeutende Pastoralkomposition von etwas größeren Dimensionen ist Monteverdis „Dialogo e Ballo“d. h. „Dialog und Tanz“. Tirsi e Clori, der 1616 in Mantua aufgeführt, und im 7. Madrigalbuch (1619) veröffentlicht wurde. Der Text stammte von Alessandro Striggio, der auch das Libretto zu Monteverdis Oper L’Orfeo geschaffen hatte (Mantua, 1607). Auch diese ist stark vom Pastoral-Genre beeinflusst: Das Libretto geht wahrscheinlich auf Polizianos Favola d’Orfeo zurück, und die gesamte Hochzeitsszene des ersten und des zweiten Aktes spielt in einem bukolischen Schäfer- und Hirtenmilieu, mit mehreren Sologesängen und Chören für die Hirten. Das Gleiche gilt für andere frühe Opern, wie Jacopo Peris Dafne (1597/1598), Caccinis „favola pastorale“ L'Euridice (1602, Florenz) oder Stefano Landis La morte d’Orfeo (1619), das als „Tragicommedia pastorale“ bezeichnet ist.Jean-François Lattarico: „Entre dérision et subversion: La morte d’Orfeo de Stefano Landi“, Booklettext zur CD: Stefano Landi: La morte d’Orfeo – Tragicommedia pastorale, Cyril Auvity, Guillemette Laurens u. a., Akadêmia, Françoise Lasserre, erschienen bei: ZigZag Territoires, 2006 (2 CDs).

In der weiteren Entwicklung der Oper traten zwar immer mehr heroische und aristokratische Gestalten aus der antiken Mythologie oder der Geschichte in den Vordergrund, doch waren die Schäfer und Hirten oft nicht weit – immer als positives unverdorbenes Gegenbild einer naturnahen, einfachen Welt, wo es nur Frieden und Liebe gibt, und keine höfischen Intrigen oder kriegerischen Auseinandersetzungen. Ein Beispiel ist der gute alte Hirte Eumete in Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria (1641).Giuseppe Badoaro, Silke Leopold und René Jacobs: Libretto und Booklet-Texte zur CD: Monteverdi – Il ritorno d’Ulisse in Patria, Bernarda Fink, Christoph Prégardien, Concerto Vocale, René Jacobs, erschienen bei: harmonia mundi France 1992 (3 CDs).

Frankreich In Frankreich diente die Schäferthematik schon vor der eigentlichen Erfindung der französischen Oper häufig als allegorischer „Vorwand“ für zahlreiche Airs de cour, einer Gattung, die direkt in die Oper mündete. Schlüsselwörter, die ein pastorales Milieu verraten (oder vortäuschen?), sind natürlich die direkte Erwähnung von „berger“ (Schäfer) oder „bergère“ (Schäferin), aber auch poetische Naturschilderungen wie die Erwähnung von Bäumen, Wäldern, Bächen, Flüssen, Wiesen, Blumen, Vögeln etc., und andererseits bestimmte Namen, die aus der Schäferdichtung oder bekannten Schäferspielen und -romanen stammen, wie z. B. „Iris“ oder „Philis“. Der Meister dieser Gattung Michel Lambert schrieb sowohl tragische als auch lustig-frivole oder ironische Hirten-Airs, Duette oder Terzette.z. B. „Ma bergère est tendre et fidelle“, „Pour vos beaux yeux, Iris“, „Par mes chants tristes et touchants“, „Ah, qui voudra désormais s’engager“, „Trouver sur l’herbette“ etc. aus der Sammlung: Airs de Cours, Paris 1689. Catherine Massip (übers. v. Therese Wagner): Booklet-Text zur CD: Michel Lambert – Airs de Cours, Les Arts Florissants, William Christie, erschienen bei: harmonia mundi 1984 / 1992, S. 9–11. Auch Jean-Baptiste Lully vertonte einige solcher Texte in seiner Jugend.„Ingrate bergère“ („Undankbare Schäferin“; 1664, Text: Octave de Périgny), „Tous les jours cent bergères“ („Alle Tage 100 Schäferinnen“; Text: Perrin, Musik verschollen), „Viens, mon aimable bergère“ („Komm, meine liebliche Schäferin“; Text: Perrin, Musik verschollen).

Die ersten Versuche in Richtung einer eigenständigen französischen Oper waren einige fünfaktige Pastoralen von Robert Cambert, und zwar La Pastorale (1659), und später Pomone (1671) und Les Peines et les plaisirs de l’amour (1672).Siehe die Originalausgabe der Pomone von Christophe Ballard, Paris 1671. Auf: http://imslp.org/wiki/Pomone_(Cambert%2C_Robert), gesehen am 30. August 2017.

Siehe außerdem: , gesehen am 30. August 2017. Die Thematik wurde insgesamt so sehr ausgeschöpft, dass Molière zusammen mit Lully 1667 als witzigen Gegenentwurf eine „Komische Pastorale“ auf die Bühne brachte (La pastorale comique LWV 33). Drei Jahre später lässt er seinen Bourgeois gentilhomme (1670) nach dem Vortrag einer schmachtenden Schäfer-Arie (von Lully) verständnislos fragen: „Pourquoi toujours des bergers?“ (Warum immer Schäfer?).

mini|hochkant=1.2|François Boucher: Apollon enthüllt der Schäferin Issé seine Göttlichkeit, 1750. Musée des Beaux Arts, Tours. mini|hochkant=1.2|Jean-Philippe Rameau: Acanthe et Céphise (1751), Acte I (Beginn)

Trotz Molières Witzeleien gab es auch in der französischen Tragédie lyrique des 17. und 18. Jahrhunderts häufig ganze Hirten- oder Schäferszenen mit Chören und Ballett, z. B. im zweiten Akt von Jean-Baptiste Lullys Amadis (1684),Die Szene wurde am 5. Juli 2013 konzertant aufgeführt in der Opéra Royal de Versailles vom Ensemble „Les Talens lyriques“ unter Christophe Rousset. Siehe das folgende Youtube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=KrvB8bp2uc0, gesehen am 26. August 2017. oder im vierten Akt der Callirhoë (1712) von André Destouches. Dabei wurden vor allem im 18. Jahrhundert manchmal auch Dudelsäcke (Musette) eingesetzt, um dem Schäfermilieu auch in der Instrumentierung so nah wie möglich zu kommen, und es entstand auch ein eigenes Genre im Barocktanz: Die Musette.