mini|Das Grab von Hermann Schmidt und seiner Ehefrau Marie geborene Müller auf dem Heilig-Kreuz-Kirchhof in Berlin
Hermann Theodor Gottlieb SchmidtUrkunde für Hermann Theodor Gottlieb Schmidt zur Ernennung vom Obermusikmeister zum Heeresmusikinspizienten, ausgestellt vom Reichspräsident von Hindenburg (* 9. März 1885 in Gera; † 5. Oktober 1950 in Berlin-Tempelhof) war ein deutscher Dirigent, Heeresobermusikinspizient der deutschen Reichswehr und Wehrmacht sowie Professor an der Staatlichen akademischen Hochschule für Musik in Berlin. Er war der Verfasser der Heeresdruckvorschrift (H.Dv. 34) Verzeichnis „Deutsche Heeresmärsche“ und Bearbeiter mehrerer deutscher Armeemärsche.
Biografie Kaiserheer Hermann Schmidt wurde am 9. März 1885 in Gera geboren. Er war das neunte Kind unter zwölf Geschwistern in der Familie eines Reichsbahnbeamten. Schmidt bekam den ersten Violinunterricht vom Stadtmusikus Hartung und besuchte daraufhin eine Musikschule in Ronneburg. Am 1. April 1903 trat Schmidt in das Infanterie-Regiment von Wittich (3. Kurhessische) Nr. 83, das in Kassel stationiert war, ein. Der junge Musiker wurde als Konzertmeister des Musikkorps mit dem Nebeninstrument 1. Klarinette eingesetzt. Darüber hinaus war Schmidt als Musiker im Orchester des hessischen Staatstheaters ständig mitwirkend, was nicht zuletzt mit Hilfe des Hofkapellmeisters Professor Dr. Beyer ermöglicht wurde. 1909 wurde Schmidt zum Studium an die Königliche akademische Hochschule für Musik in Charlottenburg abkommandiert, das er mit dem Prädikat ganz vorzüglich geeignet abschloss. Am 1. April 1913 wurde Hermann Schmidt zum Musikmeister ernannt und wechselte zum Füsilier-Regiment General-Feldmarschall Graf Moltke (Schlesischen) Nr. 38 in Glatz. Die nahe liegenden Kurorte und Bäder eröffneten vorzügliche Möglichkeiten für das konzertante Betätigungsfeld des Musikkorps, was Schmidt nicht nur den Ruf eines begabten Orchesterleiters brachte. Durch zahlreiche Auftritte erwies er sich ebenfalls als talentierter Solist und gefragter Geigenlehrer.
Erster Weltkrieg Während des Ersten Weltkrieges leistete Hermann Schmidt den Dienst bei seinem Regiment, wofür er später sechs Kriegsauszeichnungen, unter anderem das Eiserne Kreuz I. Klasse sowie andere Dekorationen erhielt.
Reichswehr Nach dem Krieg war Schmidt 1920 kurzzeitig als Musikmeister beim Musikkorps der Sicherheitspolizei Breslau engagiert, wo er sich durch rege Konzerttätigkeit, auch in Konkurrenz mit zwei Sinfonieorchestern stehend, auszeichnete. Auffallend bei seinen Platzkonzerten war sein auswendiges Dirigieren. Daraufhin wechselte Schmidt zum Musikkorps des Ausbildungsbataillons des 14. (Badischen) Infanterie-Regiments der Reichswehr mit der Garnison in Donaueschingen. Als Dirigent nahm er mit seinem Orchester aktiv an den Donaueschinger Musikfesten teil, wo er sowohl eigene Werke aufführte als auch Werke von namhaften Komponisten wie Paul Hindemith, Ernst Krenek und Ernst Toch dirigierte. Dabei trat Schmidt auch als Pianist, Klarinettist und Geiger hervor. Im Jahre 1927 erfolgte seine Versetzung zum Musikkorps des III. Bataillons des 10. (Sächsischen) Infanterie-Regiment in Dresden, wo er und sein 24-Mann-Musikkorps an den Wachablösungen und Platzkonzerten vor dem Blockhaus mitmachten. Seiner dortigen Bekanntschaft mit der sächsischen Marschmusik verdanken etliche sächsische Präsentier- und Parademärsche die spätere Bearbeitung und Aufnahme in das Verzeichnis „Deutsche Heeresmärsche“. Im November 1929 wurde Schmidt zum Obermusikmeister befördert.
Nach dem Tod von Oskar Hackenberger wurde Hermann Schmidt am 6. Dezember 1929 Lehrer für Musikmeisterausbildung an der Staatlichen akademischen Hochschule für Musik in Berlin-Charlottenburg. 1930 wurde er zum Nachfolger Hackenbergers im Amt des Heeresmusikinspizienten.
Wehrmacht 1933 stellte Heeresmusikinspizient Schmidt die erste Version des Verzeichnisses „Deutsche Heeresmärsche“ zusammen, welche auf der bereits existierenden preußischen Armeemarschsammlung beruhte. Die ersten Weisungen für die Zusammenstellung einer Heeresmarschsammlung, die die zu dieser Zeit zu voluminöse Armeemarschsammlung ersetzen sollte, ergingen seitens des Reichswehrministeriums zwar bereits 1925, wurden aber von den Vorgängern Schmidts ignoriert. Die neue Sammlung schloss 218 veraltete und vergessene Stücke aus, wurde durch neue marschmusikalische Piecen aus Bayern und Sachsen ergänzt und neu nummeriertArmeemarschsammlung. In: Heinz Busch: Vom Armeemarsch bis zum Großen Zapfenstreich. Ein Lexikon zur Geschichte der deutschen Militärmusik. Bonn 2005, S. 13.. Des Weiteren setzte Schmidt die Herausgabe der gedruckten Stimmen für den Dienstgebrauch beim Heer fort und gab 1933 die 4. Folge der gedruckten Armeemarschpartituren heraus.Joachim Toeche-Mittler: Armeemärsche. II. Teil: Sammlung und Dokumentation. Neckargemünd 1977, S. 17 Bereits im darauffolgenden Jahr wurden auf Anregung des Reichswehrministeriums erste Änderungen vorgenommen: Infolgedessen verschwanden aus dem Verzeichnis die Märsche, die in Verbindung mit jüdischen Komponisten standen, vor allem etliche Märsche nach Motiven oder aus den Opern von Giacomo Meyerbeer und Jacques Offenbach. Am 15. Dezember 1933 wurde Schmidt zum Professor für Komposition und Tonsatz an der Berliner Musikhochschule ernannt. Im selben Jahr wurde er Mitglied des Ehrenpräsidiums der Deutschen Musik-Premieren-Bühne e.V. in Dresden.
Der Aufbau der Wehrmacht erforderte auch die Aufstellung mehrerer neuer Musikkorps bei der Truppe, was aufgrund der Konkurrenz von Seiten der nationalsozialistischen Verbände und Organisationen, die ebenfalls einen Bedarf an Blaskapellen decken mussten, nur schwierig vonstattenging und die Erhaltung des musikalischen Kerns verlangte. Allerdings erfolgte dieser Prozess nicht immer reibungslos, denn der qualitative Unterschied zwischen den Musikkorps des Heeres blieb in gewissem Maße bestehen. Diese Vermehrung der Militärorchester bedurfte der Schaffung einer zweiten Inspizientenstelle, die Professor Adolf Berdien seit 1936 bekleidete. Der Höhepunkt dieser Leistung war die Erstellung der Bestimmungen für die Musik- und Trompetenkorps des Heeres, die den beruflichen Status der Militärmusiker, die Handhabung der Instrumente sowie die Grundlagen des Exerzierdiensts für die Musikkorps festlegten. Somit standen den Infanterie- und Jägerregimentern die Musikkorps in der Stärke von 37 Mann (beim Wachregiment Berlin 47 Mann), den Infanterie-, Jäger- und Pionierbataillonen sowie den Kavallerie- und Artillerieregimentern die Musik- bzw. Trompetenkorps in der Stärke von 27 Mann zur Verfügung.Peter Panoff: Militärmusik in Geschichte und Gegenwart. Berlin 1938, S. 175. Eine weitere Aufgabe bestand darin, die traditionelle Heeres- bzw. Infanteriemusik gegen die sich anbahnende, neu organisierte Luftwaffenmusik, die der Luftwaffenmusikinspizient Hans Felix Husadel verkörperte, zu bewahren, was Schmidt durch zahlreiche Konzerte und Schaffung neuer Werke meisterte. Eine weitere Leistung war die Wiederbelebung der Jägermusik, die ihren Gebrauch bei den Jäger- und Gebirgsjägertruppen (mit Ausnahme der Gebirgsartillerie, welche über Trompeterkorps verfügten) fand. Für diese Musikgattung wurden neue Instrumente entwickelt, beschaffen, erste Versuche in den Hochschulklassen der Hochschule für Musik unternommen sowie neue Hörnersignale festgeschriebenJäger und Schützen, Musik der... In: Heinz Busch: Vom Armeemarsch bis zum Großen Zapfenstreich. Ein Lexikon zur Geschichte der deutschen Militärmusik. Bonn 2005, S. 85f.. Außerdem stellte Schmidt die neue Gattung der Militärmusik, nämlich die Panzermusik auf, die die zunehmende Motorisierung der Panzerwaffe durch die entsprechende instrumentale Zusammensetzung (vor allem zunächst durch die Pauken, später durch das verstärkte Infanterieschlagwerk, also doppelte und dreifache Beckenpaare) sowie durch das neue scharfe Klangbild widerspiegeln sollteHeinz Busch: Leistungsfähige Dirigenten, mustergültige Soldaten. Zur Rolle der akademischen Hochschule für Musik in Berlin für die Heranbildung des Musikmeisternachwuchses. Teil 2. In: Mit klingendem Spiel 26 (3), 2003, S. 15.. Unter anderem organisierte Heeresmusikinspizient Hermann Schmidt auch die Großkonzerte für die Wehrmacht. Das markanteste Beispiel dafür war ein Monster-Konzert anlässlich der Olympischen Spiele am 13. August 1936, wobei 1777 Militärmusiker und 1406 Soldaten mitwirkten und wofür Professor Schmidt und Professor Husadel die Leitung übernahmenMassenkonzerte, Großkonzerte. In: Heinz Busch: Vom Armeemarsch bis zum Großen Zapfenstreich. Ein Lexikon zur Geschichte der deutschen Militärmusik. Bonn 2005, S. 109.. Auch bei der Konzertreise deutscher Musikkorps nach Rom im Jahre 1938 entfaltete Schmidt erneut sein Organisationstalent. Am 1. Oktober 1938 wurde Schmidt zum Heeresobermusikinspizienten befördert. Während des Zweiten Weltkrieges leitete er die musikalischen Rundfunkveranstaltungen und Konzerte weiter, unter anderem ein Großkonzert der Wehrmacht im besetzten Paris am 9. Juli 1940. Allerdings wurden die Musikmeister des Heeres im Laufe des Krieges immer häufiger als Truppenoffiziere verwendet. Die meisten Heeresmusikkorps wurden im März 1944 aufgelöst, nur die Musikkorps auf Divisionsebene waren in der Stärke von einem Musikmeister und 27 Musikern erhalten. Alle anderen Musikoffiziere und Musiksoldaten waren von daher an die Front abgestellt.Bernhard Höfele: Die deutsche Militärmusik. Ein Beitrag zu ihrer Geschichte. Köln 1999, S. 195.