Die Geschichte der westlichen Astrologie lässt sich in ihren Ursprüngen bis in die vorchristliche Zeit in Babylonien bzw. Mesopotamien und Ägypten zurückverfolgen. Ihre in Grundzügen noch heute erkennbaren Deutungs- und Berechnungsgrundlagen erfuhr die Astrologie im hellenistisch geprägten griechisch-ägyptischen Alexandria. Aus ihr ging die Astronomie als deutungsfreie Beobachtung und mathematische Erfassung des Sternenhimmels hervor, und sie blieb lange Zeit als Hilfswissenschaft mit ihr verbunden.
In Europa hatte die Astrologie eine wechselvolle Geschichte. Nach der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich wurde sie teils bekämpft, teils ans Christentum angepasst und zeitweilig auch ins Abseits gedrängt. Im Laufe des Frühmittelalters lebte die Astrologie, vor allem die gelehrte Astronomie-Astrologie, im Byzantinischen Reich etwa ab dem späten 8. Jh. erneut auf, wie etwas später auch im muslimischen Al-Andalus auf der Iberischen Halbinsel. Vom späteren Hochmittelalter an und vor allem in der Renaissance bis ins 17. Jh. galt sie in Europa, immer verbunden mit der Astronomie im Quadrivium der vorbereitend an den Universitäten gelehrten Sieben Freie Künste, vielfach als eine Wissenschaft, wenn auch als durchaus umstrittene. Im Zuge der Aufklärung verlor sie jedoch in gebildeten Kreisen ihre Plausibilität. Erst um 1900 entstand wieder ein ernsthaftes Interesse an der Astrologie, häufig auch im Fahrwasser neuer esoterischer Strömungen wie der Theosophie oder der Okkultismus-Mode ab dem späteren 19. Jh., als typischer wie erfolgreicher Vertreter dieser Phase kann im deutschsprachigen Raum Karl Brandler-Pracht gelten. Seit den späten 1960er Jahren, ausgehend von der New-Age-Bewegung, hat sie in der westlichen Hemisphäre meist in Form der Geburtshoroskopie und Sonnenstands-Astrologie ein hohes Maß an Popularität erlangt. mini|Die Stonehenge-Anlage aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. diente womöglich auch astronomischen Beobachtungen
Vorgeschichte Sinnvollerweise unterscheidet man zwischen der 'klassischen' Astrologie, die hauptsächlich im Hellenismus bzw. Ptolemäerreich ab dem 3. Jh. v. Chr. entstand, ggf. samt Keilschrift-'Horoskopen', Tierkreis und Planetenberechnungs-Fähigkeit im Achämeniden- und Seleukidenreich (5./4. bis 1. Jh. v. Chr.), und den 'Vorläufern' der Astrologie. Vorformen im weitesten Sinne sind z. B. Astralkulte für Sonne, Mond, Venus und weitere Himmelskörper samt ihren Kult-Anlagen und -Gegenständen, Astralmythologien, Kult-Kalender, astrale Divinationen etc. Sie waren vor- und frühgeschichtlich wie antik weit verbreitet.Jürgen Hamel: Begriffe der Astrologie. Wissenschaftlicher Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2010, S. 157 ff., Stichwort prähistorische Astrologie und Astronomie. Zum Beispiel wurde in Europa während der letzten Jahrzehnte durch archäologische Funde deutlich, dass es seit der Jungsteinzeit eine Art Sonnenkult gegeben hat.Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie, C. H. Beck, München 2003, S. 35 f. Steinkreise wie etwa Stonehenge dienten nach einer von mehreren Theorien u. a. der Beobachtung der Sternbilder und der Sonnenbahn mit ihrer Sonnenwende und Tag-Nacht-Gleiche.Stuckrad 2003, S. 37 f. Siehe auch John David North: Stonehenge. A New Interpretation of Prehistoric Man and the Cosmos. New York 1997. Erinnert sei weiterhin z. B. an die Himmelsscheibe von Nebra, die auf etwa 3000 v. Chr. datiert, die Goldhüte oder an den Sonnenwagen von Trundholm und die Kreisgrabenanlage von Goseck. Die teils nur vermuteten astronomischen Kenntnisse und Traditionen scheinen in Europa allerdings nicht über das erste vorchristliche Jahrtausend hinaus nachweisbar zu sein.Stuckrad 2003, S. 42.
Antike mini|Eine Tontafel aus der Bibliothek Assurbanipals mit astrologischen Vorhersagen
Mesopotamien Für die Region von Mesopotamien bzw. besonders Babylonien können drei Phasen der astronomisch-astrologischen Entwicklung unterschieden werden:
die Omen-'Astrologie' mit einer Blütezeit etwa zwischen dem 14. und dem 7. Jh. v. Chr. die Anfänge einer Astrologie-Vorform mit dem noch unvollständigen Tierkreis etwa im 6. Jh. v. Chr. die erste Entwicklung eines astrologischen Systems ab dem 5. Jh. v. Chr. mit den zwölf Tierkreiszeichen, berechneten Planetenpositionen und omenartiger Deutung individueller Geburtskonstellationen.Jürgen Hamel: Begriffe der Astrologie. Wissenschaftlicher Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2010, S. 139. Stichwort babylonische Astrologie.
Früheste, wenn auch wenige Hinweise auf astrologische Divination im Sinne von astronomischen Himmelsbeobachtungen im Gebiet Mesopotamiens und daraus abgeleiteten Vorhersagen bzw. Omen-Texte sind zunächst am Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. bei den Sumerern zu finden, im Zusammenhang mit der bei ihnen gebräuchlichen Eingeweideschau. Bei den frühen Wahrsagetechniken findet man Vorstellungen von wohlwollenden Göttern, die den Menschen verschlüsselte Zeichen zur Warnung und Orientierung geben, wie auch Vorstellungen, dass der Kosmos auf menschliche Taten und Absichten durch Zeichen reagiert. Andererseits wuchs mit zunehmender Kenntnis gerade der Himmelsbewegungen der Glauben, die Schöpfung sei von einem Netz unveränderlicher kosmischer Gesetze geformt, die auch das menschliche Leben vorher bestimmen würden.Stefan M. Maul: Die Wahrsagekunst im Alten Orient. C. H. Beck, München 2013, S. 17. Die Himmelserscheinungen selbst, die sowieso zur Kalenderbestimmung aufmerksam verfolgt wurden, deutete man als günstig oder ungünstig z. B. für ein Land oder für einen Herrscher, ein typischer Gesichtspunkt der Mundanastrologie. Eine Vielzahl derartiger Vorhersagen fand sich in der Bibliothek Assurbanipals in den Ruinen von Ninive aus der zweiten Hälfte des 7. Jh. v. Chr. In diesem Zusammenhang wurde jedem Tag, jedem Monat oder auch einzelnen Regionen des mesopotamischen Reiches eine astrale Gottheit zugeordnet. Als höchste planetare Gottheit wurde damals der Mond betrachtet. In der Bibliothek von Ninive wurden auch Kopien jener bekannten Tontafelserie Enuma Anu Enlil gefunden, die vermutlich Ende des 2. Jt. v. Chr. entstanden war und auf mehr als 70 großen Tafeln die Himmelszeichen und ihre Deutung bzw. vielmehr dazugehörige Omen-Texte darstellte.Stefan M. Maul: Die Wahrsagekunst im Alten Orient. C. H. Beck, München 2013, S. 261 f.
Der vollständige Tierkreis mit seinen – noch unterschiedlich langen – zwölf Sternbildern auf der Ekliptik wurde schließlich im 5. Jh. v. Chr. während des Achämenidenreichs im Gebiet Mesopotamiens entwickelt bzw. erstmals überliefert. Im 4. Jh. v. Chr. entwickelte sich, wohl schon in der seleukidischen Herrschaft nach der hellenistischen Eroberung des Gebietes, die exakte Aufteilung des Tierkreises in zwölf „Zeichen“ zu 30° sowie die antik erstmals nachweisbaren mathematische Astronomie, welche ermöglichte, die Planetenpositionen vorauszuberechnen auf Basis des Koordinatensystems der 30°-Abschnitte der einzelnen Tierkreiszeichen.James Herschel Holden: A History of Horoscopic Astrology. American Federation of Astrologers, Tempe (USA) 2006, S. 3; Mathieu Ossendrijver: Astronomie und Astrologie in Babylonien, in: Joachim Marzahn, Beatrice André-Salvini, Jonathan Taylor: Babylon – Mythos und Wahrheit: Katalog zur Ausstellung in den Staatlichen Museen zu Berlin, Pergamonmuseum, 26.6.2008-5.10.2008. Hirmer Verlag, München 2008, S. 380. Der siderische Tierkreis selbst mit seinen zwölf gleichen 30°-Abschnitten und dem Beginn mit dem Tierkreiszeichen Widder könnte dadurch entstanden sein, dass er an den schematischen 'Ideal-Kalender' mit zwölf Monaten zu 30 Tagen, mit dem das babylonische Jahr nahe dem Frühjahrs-Äquinoktium vielleicht ab dem 7. Jh. v. Chr. begann, und an den parallelen Sternbildern angelehnt wurde.Francesca Rochberg: Heavenly Writing. Cambridge University Press, New York 2004, S. 129 f. Beide Entwicklungen ermöglichten dort eine weitere, für die Astrologie und Geburtshoroskopie wichtige Neuerung: die Erstellung von sogenannten Keilschrift-'Horoskopen', zudem nun auch für gewöhnliche Menschen. Damit sind Keilschrift-Täfelchen gemeint, welche die Planetenstellungen im Tierkreis bei einer Geburt aufführen, gelegentlich mit kurzen Sprüchen zu den einzelnen Planeten bzw. den Planetenkonstellationen, den Omina. Wenige Male werden auch gradgenaue Stellungen der Planeten in den Tierkreiszeichen angegeben.Francesca Rochberg: Babylonian Horoscopes. American Philosophical Society, Philadelphia 1998, S. 45, S. 51 ff. Horoskope im heutigen Sinne gaben die Täfelchen u. a. deswegen nicht her, weil auf ihnen weder der Aszendent und entsprechend auch nicht die Horoskophäuser genannt werden.Stephan Heilen: 'Hadriani genitura' – Die astrologischen Fragmente des Antigonos von Nikaia. Walter de Gruyter, Berlin 2015, S. 207.
Östlicher Mittelmeerraum Ägypten Im Alten Ägypten wurden die Einflüsse der Gestirne wie überall zunächst nicht auf einzelne Personen bezogen. Dort entstand gegen Ende des 3. Jt. v. Chr. als Vorform der Astrologie mit den Dekan-Sternen bzw. den 36 Dekan-Göttern und ihren Bewegungen wie Auf- und Untergängen am Horizont eine umfangreiche Bewertung günstiger und ungünstiger Tage. Die Dekane wurden zudem zur nächtlichen Zeitmessung herangezogen und beeinflussten den Zeitpunkt von Kulthandlungen und die Wahl von Bauplätzen für Tempel. Später wurden davon z. B. Witterungsprognosen und Geburts-Prophezeiungen abgeleitet.Jürgen Hamel: Begriffe der Astrologie. Wissenschaftsverlag Harri Deutsch, Frankfurt/M. 2010, S. 211 f. Ein Dekan erstreckte sich über einen Bogen von 10°, so dass mit den 36 Dekanen der gesamte Himmel unterteilt gewesen war. Die 36 Dekane wurden wohl während des 3. Jh. v. Chr. im ptolemäischen Ägypten mit dem ebenfalls 360° umfassenden, babylonischen Tierkreis kombiniert. Daraus entstand vermutlich zunächst die Lehre vom bei Geburt am Ost-Horizont aufsteigenden 'Tierkreis-Dekan', bald darauf vom aufsteigenden Tierkreis-Grad, dem Horoskop-Aszendenten.Stephan Heilen: 'Hadriani genitura' – Die astrologischen Fragmente des Antigonos von Nikaia. Walter de Gruyter, Berlin 2015, S. 237.
Judentum
Das alte Israel stand zwar unter dem Einfluss der babylonischen Sterndeutung, von der Möglichkeit, damit die Zukunft vorherzusagen, ist im Tanach aber keine Rede. Obwohl Sonnen- und Mondfinsternisse im Zusammenhang mit Katastrophen dort eine Rolle spielen, werden sie als deren Teile, nicht ihre Vorboten dargestellt. Seit dem 7. Jh. v. Chr. finden sich laut dem Theologen Klaus Koch etwa bei den Propheten Amos und Jeremia Polemiken gegen einen Astralkult, und auch die Religionsreformen des Joschija lassen darauf schließen, dass es astrologische Praktiken in Israel gab. In der Exilszeit werden bei Deuterojesaja astrologische Praktiken scharf verurteilt.Klaus Koch: Astrologie II. Biblisch. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Vierte, völlig neue bearbeitete Auflage, Bd. 1, Mohr Siebeck, Tübingen 1998, Sp. 858 f. Nach Kocku von Stuckrad richteten sich diese biblischen Polemiken aber nicht gegen die Sterndeutung, sondern gegen eine kultische Verehrung der Gestirne.Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie. C. H. Beck, München 2003, S. 132.