Die Bunce Court School in Otterden war die im Oktober 1933 begonnene Fortführung des von Anna Essinger mitgegründeten Landschulheims Herrlingen als Schule im Exil. Die neue Schule hieß ursprünglich New Herrlingen School, bekannt wurde sie unter dem Namen Bunce Court School. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs nach Trench Hall in der Nähe von Wem in Shropshire evakuiert. Zwei Jahre nach ihrer Rückkehr nach Otterden musste sie 1948 schließen.
Vorgeschichte Anna Essinger hatte 1926 unter maßgeblicher Beteiligung ihrer Schwestern Clara Weimersheimer und Paula Essinger das Landschulheim in Herrlingen gegründet.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung sah Anna Essinger keine Zukunft mehr für eine Weiterführung des Landschulheims in Deutschland und bereitete in Übereinstimmung mit einem Großteil der Eltern die Verlagerung der Schule nach England vor. „Weder das [englische] Kultus- noch das Arbeitsministerium erhoben Einspruch dagegen, und das Innenministerium gab die erforderliche Genehmigung.“Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943). S. 72. Und Hanna Bergas ergänzt: „Die englische Regierung hatte es uns nicht schwer gemacht, eine Privatschule zu gründen; immerhin war es das Land der privaten Internatsschulen. Sie haben nur eine große Vorgabe gemacht: Nach sechs Monaten von der Gründung der Schule an sollten wir ebenso viele englische Mitarbeiter haben wie ausländische.“Hanna Bergas: Fifteen Years: Lived among, with and for refugee children, 1933–1948. S. 14. „The English government had not made it difficult for us to start a private school; after all, it was the country of private boarding schools. They only made one major stipulation: by the end of six month from the founding of the school, we were to have as many English people on the staff as foreign ones.“
Anna Essinger schloss einen Pachtvertrag für Bunce Court über sieben Jahre ab und begann im September 1933 mit einer Vorbereitungsgruppe die Herrichtung des Anwesens für den Schulbetrieb. Am 5. Oktober wurden in Dover 65 aus Deutschland herausgebrachte Kinder und ihre wenigen Betreuer in Empfang genommen und mit Bussen nach Otterden gebracht. Am 6. Oktober begann dort der Unterricht.Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943). S. 72–73.
Bunce Court Anna Essinger beschreibt Bunce Court als einen „großen Herrensitz, der in einer zehn Hektar großen, wunderschönen Park- und Gartenlandschaft lag. Es gab ein paar Schuppen und ein Bauernhaus, und für die größeren Jungen war vor unserer Ankunft eine Hütte errichtet worden.“ Die Ankunft dort und den ersten Eindruck hat Hanna Bergas beschrieben:
Bunce Court war ein 1547 errichtetes Herrenhaus, das nach der Familie benannt war, die das Anwesen im 17. Jahrhundert erworben hatte: Noch ausführlicher: Es war „einst die Heimat von James Bunce, Sheriff von London und ein Stuart-Loyalist, der die Cromwell-Jahre im Tower verbrachte“.Harold Jackson: Anna’s children, Freitag, 18. Juli 2003. Harold Jackson, ehemaliger Schüler der Bunce Court School, war später lange Jahre Auslandskorrespondent der Tageszeitung The Guardian. Daniel Zylbersztajn: Eine Schwäbin in Kent. Wie Anna Essinger Flüchtlingskindern ein neues Zuhause bot. In: Jüdische Allgemeine. 12. Mai 2016.Einen ausführlichen Überblick über die Historie von Bunce Court gibt Alan Major: Bunce Court, Anna Essinger and New Herrlingen School, Otterden. S. 547 ff. Anna Essinger zahlte für dieses Anwesen eine jährliche Pacht von 200 £, die in vierteljährlichen Raten zu entrichten war.Alan Major: Bunce Court, Anna Essinger and Her New Herrlingen School. Parts One, S. 547–553.
Unterstützung durch die Quäker Das von Anna Essinger zunächst nur gepachtete Anwesen musste kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gekauft werden. „Vor dem Kriegsausbruch im September 1939 teilte uns die Besitzerin von Bunce Court mit, daß sie, nach fast sieben Jahren, nicht bereit wäre, den auslaufenden Mietvertrag für das Haus zu verlängern. Sowohl von Komitees als auch von Freunden war bis dahin eine ganze Menge Geld in das Gut gesteckt worden, und man war der Meinung, es solle nun für die Schule aufgekauft werden. Dies wurde mit Hilfe einer schweren Hypothek getan.“Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943). S. 75–76. 200px|mini|Bunce Court heute Was hier im Unklaren bleibt, ist, wer sich hinter den „Komitees“ und den „Freunden“ verbirgt, die durch ihre finanzielle Hilfe die Existenz der Bunce Court School sicherten. In einer Anmerkung zu Anna Essingers zuvor zitiertem Text merkt der Übersetzer an: „Der Begriff «Freund» scheint zum Teil synonym für Quäker benutzt zu werden. (Quäker = «Gesellschaft der Freunde»)“Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943). S. 88. Bei Essinger selber gibt es keine Hinweise, die diese Deutung stützen, und auch Hildegard Feidel-Mertz spricht in ihrem Aufsatz über Exilschulen in Großbritannien nur vage vom „Quaker spirit“, der Anna Essinger stark beeinflusst habe.Hildegard Feidel-Mertz (Übersetzung: Andrea Hammel): Integration and Formation of Identity: Exile Schools in Great Britain. In: Shofar. An Interdisciplinary Journal of Jewish Studies. Volume 23, Number 1, Fall 2004, S. 75–76. Überwiegend auf diese geistige Nähe zum Quäkertum stellt auch Judith Tydor Baumel-Schwartz ab, die materielle Hilfe durch die Quäker zwar behauptet, aber nicht weiter belegt: „Die Schulen waren daher von lokaler Finanzierung abhängig, einschließlich der Unterstützung durch private und religiöse Gruppen wie der Gesellschaft der Freunde. Zwei der Schulen – Bunce Court und Stoatley Rough – wurden in der Tat stark von Frauen der Quäker-Bewegung beeinflusst und unterstützt, was nicht nur eine Frage der Religion, sondern auch eine des Geschlechts widerspiegelt.“Judith Tydor Baumel-Schwartz: Never look back. The Jewish refugee children in Great Britain, 1938–1945. Purdue University Press, West Lafayette, Ind., 2012, ISBN 978-1-55753-612-9, S. 32. „The schools therefore depended upon local financing, including assistance from private and religious groups such as the Society of Friends. Two of the schools – Bunce Court and Stoatley Rough – were in fact greatly influenced and assisted by women of the Quäker movement, echoing not only an issue of religion but also one of gender.“ In einer oft zitierten Studie geht auch Alan Major davon aus, dass Anna Essinger von gut betuchten Freunden in der Aristokratie und von britischen Quäkern unterstützt worden sei. Er verweist auf die Familie Bowes-Lyon, bleibt aber im Hinblick auf die Quäker ebenfalls sehr vage oder bezieht sich auf Iris Origo, ohne deren Aussagen zu konkretisieren.Lelie Baruch Brent erwähnt enge Beziehungen, die Anna Essinger zu Iris Origo und Norman Bentwich unterhalten habe. (Leslie Baruch Brent: Ein Sonntagskind? 2009, S. 76) Auf der Seite der britischen Quäker-Organisation findet sich zu dieser behaupteten materiellen Unterstützung eine bestätigende, jedoch wenig vertiefende Aussage: „Anna Essinger, die Direktorin des Landschulheims Herrlingen in Baden-Württemberg, beschaffte von den britischen Quäkern Geld zum Kauf von Bunce Court in Kent.“Anna Essinger and Bunce Court School. „Anna Essinger, the headmistress of Landschulheim Herrlingen school in Baden-Wurttemberg, raised funds from British Quakers to purchase Bunce Court in Kent.“ Wie groß der Anteil der Quäker im „Komitee der Freunde“Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943). S. 73. tatsächlich war, das die Anmietung und den Betrieb der Bunce Court School zu sichern half, muss offen bleiben. Hanna Bergas weist darauf hin, dass es die finanzielle Hilfe vieler Komitees gewesen sei, jüdischer wie solcher der Quäker, die den Ausbau der Schule erst ermöglicht hätten.Hanna Bergas: Fifteen Years: Lived among, with and for refugee children, 1933–1948. S. 17.
Kulturelle Identität und neue Lebensgrundlage Die Schule startete unter einem Namen, der die Erinnerung an das aufgegebene Landschulheim Herrlingen aufrechterhielt: New Herrlingen School. Erst 1936 erfolgte dann die Umbenennung in Bunce Court School.Hildegard Feidel-Mertz (Übersetzung: Andrea Hammel): Integration and Formation of Identity: Exile Schools in Great Britain. In: Shofar. An Interdisciplinary Journal of Jewish Studies. Volume 23, Number 1, Fall 2004, S. 72. Feidel-Mertz sieht darin eine bewusste Anknüpfung an die Herkunft und ebenso an das kulturelle Erbe. Sie zitiert dazu aus einem Schulprospekt aus dem Jahr 1935, in dem es hieß: „Wir wollen ganz bewusst für die Kinder alles bewahren, was in der deutschen Sprache, Literatur, Kunst und Musik schön ist, aber nicht weniger bewusst ihnen auch helfen, viele Brücken in fremde Länder zu bauen.“ Vor dem Hintergrund verwundert es nicht, dass für lange Zeit die deutsche Sprache die inoffizielle Umgangssprache in der Schule war. Daran änderten auch die ständigen Ermahnungen nichts, Englisch zu sprechen, oder die Aufforderungen an die englischen Lehrer, vorerst nicht Deutsch zu lernen. Und die Dominanz der deutschen Sprache wurde auch nicht dadurch durchbrochen, dass fast der gesamte Unterricht in englischer Sprache gehalten wurde, oder in dem, was man für englische Sprache hielt: „Der gesamte Unterricht war in Englisch (einer Art davon), und wir sollten an dieser Sprache auch außerhalb des Klassenzimmers festhalten. Es war natürlich hoffnungslos, nicht zuletzt deshalb, weil das Personal selbst immer wieder in seine Muttersprache zurückfiel – oder in das seltsame Germglish, das sich daraus entwickelte. Eine meiner frühen Arbeitsaufgaben war in der Küche. Als Gretel Heidt, unsere Köchin, entdeckte, dass der Kochtopf, um den ich mich kümmerte, fast ohne Wasser war, schrie sie mich an, ‚shit some water in‘ - wodurch sie schütten (to pour) meinem sich erweiternden Wortschatz hinzufügte.“Harold Jackson: Anna’s children, The Guardian, 18. Juli 2003. „All teaching was in English (sort of) and we were supposed to stick to that language outside the classroom. It was hopeless, of course, not least because the staff themselves constantly reverted to their mother tongue – or to the weird Germglish that evolved from it. One of my early work assignments was in the kitchen. Discovering that the saucepan I was tending had nearly boiled dry, Gretl Heidt, our cook, screamed at me to „shit some water in“ – adding schütten (to pour) to my expanding vocabulary.“ Derartige Erinnerungen an das praktizierte ‚Germglish‘ finde in vielen Schülererinnerungen liebevolle Erwähnung, so auch bei Leslie Baruch Brent, der sich daran erinnerte, dass Anna Essingers Schwester Paula häufig deutsche Ausdrücke wortwörtlich ins Englische übersetzte. Leslie Baruch Brent: Ein Sonntagskind? 2009, S. 90.
Mehr oder weniger dem ‚Germglish‘ vorbeugend wurden die jüngsten Kinder in der Vor- und Grundschule bereits von einer muttersprachlichen Englischlehrerin unterrichtet, wodurch sie schon von Anfang an darauf trainiert werden konnten, die englische Sprache zu hören und zu gebrauchen.Hanna Bergas: Fifteen Years: Lived among, with and for refugee children, 1933–1948. S. 15. Und eine größere Bedeutung erlangte die englische Sprache ab 1935, nachdem vermehrt englische Kinder aufgenommen wurden. Denen sollte die Möglichkeit geboten werden, Deutsch wie an einer deutschen Schule zu lernen, was insgesamt zu einer Verbesserung der Zweisprachigkeit beitrug.
Eine gewisse gegenläufige Tendenz setzte 1943 ein, als sich Anna Essinger entschloss, eine muttersprachliche Anfängerklasse für deutsche und österreichische Kinder einzurichten, die zuvor bei Pflegeeltern gelebt und die deutsche Sprache völlig vergessen hatten. Gleichwohl betont sie, dass auch weiterhin der englischen Sprache, Literatur und Geschichte große Aufmerksamkeit im Unterricht geschenkt wurde:
Religiöse Orientierung und jüdische Identität