Human Flow (dt. etwa „Menschenstrom“) ist ein Dokumentarfilm des chinesischen Künstlers Ai Weiwei aus dem Jahr 2017. Die deutsche Produktion blickt auf die globale Flüchtlingskrise mithilfe von Filmaufnahmen und Interviews in 23 Ländern.
Der Film wurde am 1. September 2017 im Wettbewerb der 74. Internationalen Filmfestspiele von Venedig uraufgeführt.„Ai Weiwei – Human Flow | La Biennale di Venezia“. Zugegriffen 16. August 2017. https://www.labiennale.org/en/cinema/2017/program-cinema-2017/ai-weiwei-human-flow. Ein limitierter Kinostart erfolgte in den USA am 13. Oktober 2017. In Deutschland kam Human Flow am 16. November 2017 in die Kinos.Filmfestspiele Venedig – Flüchtlingsdoku von Ai Weiwei im Wettbewerb. Der Tagesspiegel, 28. August 2017.
Handlung Über den Zeitraum eines Jahres erkundet der Film die globale Flüchtlingskrise, indem er die Notlage der derzeit 65 Millionen Menschen porträtiert, die gezwungenermaßen ihre Heimat verlassen mussten. Als Gründe werden Krieg, Hunger und der Klimawandel angeführt, welche die Menschen auf die lange und tückische Reise auf der Suche nach einem neuen Leben zwingen. Dabei bahnen sie sich ihren Weg durch überfüllte Flüchtlingslager, wagen die gefährliche Reise über das Meer und begegnen Stacheldrahtgrenzen. Porträtiert werden Einzelschicksale u. a. aus Afghanistan, Bangladesch, Frankreich, Griechenland, Deutschland, dem Irak, Israel, Italien, Kenia, Mexiko und der Türkei.
Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, ob die globale Gesellschaft einen Weg aus Angst, Isolation und Eigeninteressen zu mehr Offenheit, Freiheit und Respekt für die Menschheit finden kann.Human Flow: About. humanflow.com, abgerufen am 19. August 2017. Pressemitteilung Participant Media, 11. Februar 2017.
Entstehungsgeschichte Human Flow entstand über den Zeitraum eines Jahres. An den Dreharbeiten waren insgesamt 25 Filmteams beteiligt, die in Afghanistan, Bangladesch, Frankreich, Griechenland, Deutschland, Ungarn, im Irak, Israel, Italien, Jordanien, Kenia, im Libanon, Mazedonien, Malaysia, Mexiko, Pakistan, den palästinensischen Autonomiegebieten, Serbien, der Schweiz, Syrien, Thailand und in der Türkei drehten, darunter auch der preisgekrönte Kameramann Christopher Doyle.vgl. „Human Flow: Videos | Magnolia Pictures“. Zugegriffen 19. August 2017. http://www.humanflow.com/videos/.
mini|Ai Weiwei (2017) Regisseur Ai Weiwei, der auch an Kamera und Produktion des Films mitwirkte, gab an, dass Human Flow „[…] eine sehr persönliche Reise […]“ sei. „[…] es ist ein Versuch zu verstehen, was es heute heißt, ein Mensch zu sein. Der Film ist mit der tiefen Überzeugung entstanden, dass die Menschenrechte zählen. In dieser Zeit der Unsicherheit brauchen wir mehr Toleranz, Mitgefühl und gegenseitiges Vertrauen, weil wir alle eins sind. Wenn wir das nicht erkennen, wird sich die Menschheit einer noch größeren Krise gegenübersehen“, so Ai Weiwei. Der chinesische Künstler hat ebenfalls persönlich Erfahrungen mit Heimatverlust und Vertreibung machen müssen – er wurde 2011 in seiner chinesischen Heimat verschleppt und inhaftiert, außerdem wurde ihm sein Pass abgenommen. Erst 2015 durfte er nach Berlin ausreisen, wo er seitdem lebt und arbeitet.„Premiere: Ai Weiweis ″Human Flow″ in Venedig | Filme | DW | 01.09.2017“. Zugegriffen 5. September 2017. https://www.dw.com/de/premiere-ai-weiweis-human-flow-in-venedig/a-40327970.
Ai Weiwei hatte sich bereits in vorherigen Arbeiten mit der Flüchtlingskrise auseinandergesetzt. Er war im Dezember 2015 im Urlaub mit seiner Familie auf der griechischen Insel Lesbos, als er am dortigen Strand Zeuge einer Landung von Flüchtlingen wurde. „Ich wusste nicht, dass der Besuch zu meiner größten menschlichen und künstlerischen Herausforderung werden würde“, so Ai Weiwei, der sich entschied, noch über Neujahr auf der Insel zu bleiben.„Ai Weiweis ‚Human Flow‘: Fluss der Bilder einer millionenfachen Flucht – Film – derStandard.at › Kultur“. Zugegriffen 5. September 2017. https://derstandard.at/2000063536455/Ai-Weiweis-Human-Flow-Im-Fluss-der-Bilder-einer-millionenfachen. Auch besuchte er dort erstmals ein Flüchtlingslager.„Ai Weiwei – #SafePassage | Past exhibition – Foam Fotografiemuseum Amsterdam“. Zugegriffen 19. August 2017. https://www.foam.org/museum/programme/ai-weiwei. In New York (2016) und Prag (ab 2017) wurde seine Installation Laundromat (dt.: „Waschsalon“) ausgestellt. Sie bestand aus 2046 Kleidungsstücken, die Flüchtlinge im griechischen Lager Idomeni zurückgelassen hatten. Ai Weiwei ließ die Kleidung waschen, bügeln und sortieren.„How Should Artists Like Ai Weiwei Address Human Rights? – The Atlantic“. Zugegriffen 19. August 2017. https://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2017/04/how-should-art-address-human-rights/521520/.Demonstratives Objekt. In: Frankfurter Rundschau, 17. März 2017, S. 36. 2016 hatte er 14.000 Schwimmwesten an den Säulen des Schauspielhauses Berlin sowie 1005 gebrauchte Rettungswesten in einem Teich des Wiener Schlosses Belvedere verteilt. Unter dem Titel Ai Weiwei. Libero (dt.: „frei“) fand ab September 2016 in Florenz für vier Monate die bislang größte Einzelausstellung des Künstlers statt,„Ai Weiwei. Libero |Exhibition from 23 September 2016 to 22 January 2017 | Palazzo Strozzi“. Zugegriffen 20. August 2017. . die ebenfalls Installationen zum Thema Flüchtlingskrise beinhaltete. Für gespaltene Kritik sorgte dabei die Installation Reframe, die aus 22 orangefarbenen Schlauchbooten bestand, die an der Fassade des Palazzo Strozzi befestigt waren. Ai Weiwei gab an, dass er jeden respektiere, der seine Freiheit suche, und bezeichnete die Flüchtlinge als „Helden unserer Zeit“.„Renaissance und Protestkunst: Ai Weiwei stellt in Florenz aus“ https://www.muensterschezeitung.de/nachrichten/kultur/renaissance-und-protestkunst-ai-weiwei-in-florenz-1607019 Ai Weiwei. Libero avancierte mit 150.000 Besuchern laut den Organisatoren zur meistbesuchten Ausstellung eines Gegenwartskünstlers.„Videokunst im Renaissancepalast: Bill Viola in Florenz – WELT“. Zugegriffen 19. August 2017. https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/boulevard_nt/article162701920/Bill-Viola-in-Florenz.html. Weitere Ausstellungen Ai Weiweis zum Thema fanden 2016 in Amsterdam (#SafePassage, FOAM) und in Athen (Ai Weiwei at Cycladic, Museum of Cycladic Art)„Ai WeiWei at Cycladic | Museum of Cycladic Art“. Zugegriffen 19. August 2017. https://www.cycladic.gr/en/page/ai-weiwei-at-cycladic. statt.
Veröffentlichung Ein erster Filmtrailer wurde einen Tag vor dem World Humanitarian Day, am 18. August 2017, veröffentlicht.
Die Verwertungsrechte für die USA sicherte sich Amazon Studios. Der Film wurde am 3. September 2017 beim Telluride Film Festival gezeigt. Ein Kinostart in ausgewählten Kinos in den USA erfolgte am 13. Oktober 2017. Am 16. November 2017 kam der Film in die deutschen Kinos. Im Frühjahr 2018 soll Human Flow in britische und irische Kinos kommen.„[Watch] ‘Human Flow’ Trailer: Ai Weiwei’s Documentary About The Refugee Crisis | Deadline“. Zugegriffen 18. August 2017. https://deadline.com/2017/08/human-flow-trailer-refugee-crisis-documentary-ai-weiwei-amazon-studios-1202151608/.
Rezeption Bei der Vorstellung der Wettbewerbsteilnehmer für die Filmfestspiele von Venedig am 27. Juli 2017 in Rom bezeichnete Festivalleiter Alberto Barbera Human Flow als „ziemlich außergewöhnlich“.„Venedig: Ai Weiwei mit Dokumentarfilm im Rennen um Goldenen Löwen | Filme | DW | 27.07.2017“. Zugegriffen 16. August 2017. https://www.dw.com/de/venedig-ai-weiwei-mit-dokumentarfilm-im-rennen-um-goldenen-l%C3%B6wen/a-39863675. Mit seiner Dokumentation ist Ai Weiwei das erste Mal im Wettbewerb eines A-Festivals vertreten. Zuvor hatte er seine Arbeiten mehrere Male auf der Kunstbiennale in Venedig ausstellen lassen.Ai Weiwei. In: Internationales Biographisches Archiv 34/2015 vom 18. August 2015, ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 47/2016 (abgerufen via Munzinger Online).
Anglo-amerikanischer Raum Nach seiner Uraufführung erhielt der Dokumentarfilm im anglo-amerikanischen Raum überwiegend lobende Kritiken. Auf der Website Rotten Tomatoes hält Human Flow eine Bewertung von 86 Prozent, basierend auf sieben englischsprachigen Kritiken und einer Durchschnittswertung von 8/10 Punkten.„Human Flow (2017) – Rotten Tomatoes“. Zugegriffen 5. September 2017. https://www.rottentomatoes.com/m/human_flow/.
Lee Marshall (Screen Daily) rezensierte die Dokumentation als „einen zutiefst menschlichen Film“. Human Flow sei „ein vom Herzen kommender Aufruf zur Empathie“, habe aber „auch etwas von einer politisierten Naturdokumentation“. Marshall zeigte sich überrascht darüber, dass der sonst „trotzige“ und „kühne“ Menschenrechtler und Künstler Ai Weiwei einen „geordneten“, „zugänglicheren“ Film vorlege, der aufgrund seiner Struktur und Auseinandersetzung mehr einem „Mosaik“ ähnle. Ai Weiwei verbringe Zeit mit den Flüchtlingen, um ihre Erfahrungen zu verstehen. Er würde niemals im Stile eines „Schausteller-Erzählers“ wie Michael Moore auftreten. Einzelne Luftaufnahmen würden an die Dokumentarfilm-Reihe Planet Erde erinnern. Marshall fügte an, dass Human Flow im Gegensatz zu Ai Weiweis formalen Experimenten „auch ein wenig weniger rigoros in seinem thematischen und politischen Fokus“ sei. Der Künstler habe sich „wahrscheinlich mit dem menschlichen Fluss treiben“ lassen, „anstatt, a priori Ziele zu setzen“, was kein schlechter Ansatz sei. Dieser Umstand verlange aber „ein wenig Geduld vom Publikum ab und eine Auszeichnung für den Filmeditor“.„‚Human Flow‘: Venice Review | Reviews | Screen“. Zugegriffen 5. September 2017. https://www.screendaily.com/reviews/human-flow-venice-review/5121720.article.
Ähnliches über die „Patchwork-Konstruktion“ des Films äußerte Robbie Collin (The Daily Telegraph), der sich durch die regelmäßigen Cameo-Auftritte von Ai Weiwei im Hintergrund an Alfred Hitchcock erinnert fühlte.„Human Flow, Venice Film Festival, review: Ai Weiwei’s refugee documentary weighs on your heart like a cannonball“. Zugegriffen 5. September 2017. https://www.telegraph.co.uk/films/0/human-flow-review-ai-weiweis-refugee-documentary-weighs-heart/.
Jordan Hoffman (The Guardian) bemerkte, dass es „keinen Mangel an Dokumentarfilmen zu diesem Thema“ gebe, Human Flow komme aber „dem Verständnis der Gesamtheit des Themas am nächsten“. Der Film sei ein direktes Plädoyer an die Europäische Union, ihrer Flüchtlingscharta treu zu bleiben.„Human Flow review – Ai Weiwei’s urgent look at the scale of the refugee crisis | Film | The Guardian“. Zugegriffen 5. September 2017. https://www.theguardian.com/film/2017/aug/31/human-flow-review-ai-weiwei-refugee-crisis.
Jay Weissberg (Variety) bemängelte die fehlende Tiefe von Human Flow und bezeichnete die Dokumentation als „Flüchtlinge für Dummies“. Zwar gebe es filmisch „Momente von wahrer kompositorischer Schönheit“, aufgrund der hohen Zahl an Kameraleuten gebe es aber am „Gesamtpaket“ nichts „besonders charakteristisches“.„‘Human Flow’ Review: Ai Weiwei Shepherds Refugee Stories | Variety“. Zugegriffen 5. September 2017. https://variety.com/2017/film/reviews/human-flow-review-ai-weiwei-1202543842/.
Deutschsprachiger Raum Gemischter fielen die Reaktionen im deutschsprachigen Raum aus: