mini|hochkant=1.5|Antoine Watteau: "Fêtes galantes" (auch bekannt als "Die Schäfer"), um 1717. Berlin, Schloss Charlottenburg

Die Musette ist in der Barockmusik des 18. Jahrhunderts ein Musikstück und Tanz im Stile der Musette de cour, einer besonders feinen Form des Dudelsacks, die in Frankreich im Zuge der Schäfermode sehr in Mode war.Wenn nicht anders angegeben, stammen die Angaben des Artikels aus: Marianne Bröcker & Stephanie Schroeder: "Musette, 3. ...", in Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Bd. 6, 1997, S. 644–645. Es besteht eine enge Verwandtschaft zur Pastorale, die allerdings im Barock – im Gegensatz zur Musette – meistens im Zusammenhang mit der Geburt Christi (dem "guten Hirten") und dem Weihnachtsfest stand.

Form und Charakter mini|hochkant=1.5|Jean-Philippe Rameau: Muzette tendre. Aus: Acanthe et Céphise, Akt I (1751)

In Anlehnung an die Bordunpfeifen des Musette-Dudelsacks haben Musette-Tänze einen charakteristischen Bordun-Bass (genannt: basse de musette), der meistens aus einem lang gehaltenen Orgelpunkt besteht; der Bordunton kann aber in Einzelfällen auch immer wieder in regelmäßigen Abständen angestoßen werden (z. B. in der Gavotte I & II en musette in Rameaus Le Temple de la Gloire (1745)).Siehe die CD: Jean-Philippe Rameau: Le Temple de la Gloire, Choeur de chambre de namur, Les Agrémens, Guy van Waas, erschienen bei: Ricercar, 2014 (2 CDs). Streckenweise kann der Bordun auch wegfallen.

Die Musette kann sowohl in Zweier- als auch in Dreier-Metren stehen, sie kommt also in ganz verschiedenen Taktarten vor, wie 2/4, 2/2, 3/4, 6/8 oder 12/8. Demnach handelt es sich keineswegs um eine einheitliche, klar definierte Tanzform. Rousseau erklärt, dass die Musette „eine Art von Melodie“ („Sorte d’Air“) sei, zu der man „Tänze von passendem Charakter gestaltet“ (Dictionnaire de musique, 1768).« Sur ces Airs on forme des Danses d’un charactère convenable, et qui portent aussi le nom de Musette. » Jean-Jacques Rousseau: Musette. In: Dictionnaire de musique. Paris 1768, S. 307. Siehe auch auf IMSLP: http://imslp.org/wiki/Dictionnaire_de_musique_(Rousseau,_Jean-Jacques), abgerufen am 18. August 2017.

Das Tempo ist meist mäßig langsam, es gibt aber auch mäßig fröhliche Stücke;Z. B. Couperins Musette de Taverni im 12/8-Takt und mit der Vortragsbezeichnung „légèrement“ (leicht, leichtfüßig, schnell). François Couperin: Pièces de Clavecin, Bd. 3. Hrsg. von József Gát. Schott, Mainz, 1970–1971, , S. 50–51 (M. de Taverni). der Charakter ist unabhängig vom Tempo lieblich, friedlich, idyllisch und zärtlich – so wie man sich spätestens seit der Renaissance das Leben der Schäfer vorstellte. Rousseau nannte die Musette „Naiv und sanft, das Tempo ein wenig langsam“.Jean-Jacques Rousseau: Musette. In: Dictionnaire de musique. Paris 1768, S. 307: „naïf et doux, le mouvement un peu lent“Siehe auch auf IMSLP: http://imslp.org/wiki/Dictionnaire_de_musique_(Rousseau,_Jean-Jacques), Gesehen am 18. August 2017. Compan erzählt in seinem Dictionnaire de Danse (1787) die folgende Anekdote:

Die Form der Musette ist entweder die typische zweiteilige Form mit Wiederholungen wie viele andere Barocktänze, also ||: a :||: b :|| ; oder eine Rondoform (z. B. A-B-A-C-A) – die letzteren Stücke heißen dann Musette en rondeau (z. B. in Rameaus Les Fêtes d’Hébé (1739) oder Le Temple de la Gloire (Akt I; 1745)).Jean-Philippe Rameau: Le Temple de la Gloire. Choeur de chambre de namur, Les Agrémens, Guy van Waas, erschienen bei: Ricercar, 2014 (2 CDs). Und: Jean-Philippe Rameau: Orchestral Suites (Acanthe et Céphise & Les Fêtes d'Hébé), Orchestra of the Eighteenth Century, Frans Brüggen, erschienen bei: glossa GCD C81103, 1997. (http://www.glossamusic.com/glossa/reference.aspx?id=130, gesehen am 14. August 2017).

Geschichte Auf der Bühne Die Musette war vor allem in Frankreich beliebt und wurde in französischen Opern und Balletten als Tanz eingesetzt, meistens in Schäferszenen oder in ländlich-rustikalem Ambiente. Beispiele gibt es in Les Muses (1703) und Les Ages (1718) von André Campra, und in Callirhoë (1712) oder Les Éléments (1721) von Destouches.Marianne Bröcker & Stephanie Schroeder: "Musette, 3. ...", in Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Bd. 6, 1997, S. 645. Siehe auch die CD: Destouches - Les Éléments & Le Carnaval et la Folie + Campra - Les Fetes Vénitiennes (Orchestersuiten), Ensemble Baroque de Limoges, Jean-Michel Hasler, erschienen bei: Lyrinx 1999 (LYRCD069). "Die Musette" aus Callirhoë ist im Original als "1re Air des bergers" (Erstes Air der Schäfer) bezeichnet, sie wird auch gesungen und war im 18. Jahrhundert das populärste Stück der ganzen Oper; es gab sogar Parodien mit satirischem Text.Françoise Escande: "...Airs à succès, Dryades et Musettes, un séduisant monde pastoral et champêtre", im Booklet zur CD: André Cardinal Destouches - Callirhoë, Le Concert Spirituel, Hervé Niquet, erschienen bei: Glossa, 2007, S. 28–30. Jean-Féry Rebel verwendete 1734 eine Musette als Eröffnung für sein Ballet Les plaisirs champêtres (= "Die ländlichen Freuden").Siehe die CD: Concert de Danse (Musik von Rebel, Rameau, Lully u. a.), La Petite Bande, Sigiswald Kuijken, erschienen bei: Accent, 1996 / 2006 (CD). Rameau schrieb für einige Bühnenwerke gleich mehrere Musetten, z. B. für Les Fêtes d'Hébé (1739), Le Temple de la Gloire (1745), oder für die "heroischen Pastoralen" Naïs (1749) und Acanthe et Céphise (1751),Jean-Philippe Rameau: Le Temple de la Gloire, Choeur de chambre de namur, Les Agrémens, Guy van Waas, erschienen bei: Ricercar, 2014 (2 CDs).

Jean-Philippe Rameau: Orchestral Suites (Acanthe et Céphise & Les Fêtes d'Hébé), Orchestra of the Eighteenth Century, Frans Brüggen, erschienen bei: glossa GCD C81103, 1997. (http://www.glossamusic.com/glossa/reference.aspx?id=130, gesehen am 14. August 2017). Jean-Philippe Rameau: Orchestral Suites Vol. 2 (Naïs & Zoroastre), Orchestra of the Eighteenth Century, Frans Brüggen, erschienen bei: glossa GCD C81103, 1997. (http://www.glossamusic.com/glossa/reference.aspx?id=271, gesehen am 14. August 2017). einzelne Stücke auch für Platée (1745), Daphnis et Aeglé (1753) u. a.Rameau – Suites from Platée & Dardanus, Philharmonia Baroque Orchestra, Nicholas McGegan, erscheinen bei: conifer classics, 1998. Dabei verwendet er oft Musizier-Anweisungen wie tendre (zärtlich) oder gracieuse (anmutig, graziös)."Musette tendre" und "Musette gracieuce en rondeau" in Acanthe et Cèphise, "Musette tendre en rondeau" in Les Fetes d'Hébé, oder "Musette – Gracieux" in Platée. Siehe die Inhaltsangaben zu den CD-Einspielungen: Jean-Philippe Rameau: Orchestral Suites (Acanthe et Céphise & Les Fêtes d'Hébé), Orchestra of the Eighteenth Century, Frans Brüggen, erschienen bei: glossa GCD C81103, 1997. (http://www.glossamusic.com/glossa/reference.aspx?id=130, gesehen am 14. August 2017).

Rameau – Suites from Platée & Dardanus, Philharmonia Baroque Orchestra, Nicholas McGegan, erscheinen bei: conifer classics, 1998. Wenn in der Instrumentierung nicht tatsächlich eine Musette de cour vorgeschrieben ist, wurden häufig Oboen verwendet, um einen ähnlichen Klang zu erzielen (das ist allerdings nicht verpflichtend).

Es sind einige Tanzchoreographien für Musetten in der Notation nach Pierre Beauchamp und Raoul-Auger Feuillet erhalten, u. a. für die Musette aus Callirhoë (1712) von Destouches, und für ein anderes Stück eine Choreographie von Pécour (1724).In: L.-G. Pécour & M. Gaudrau: Nouveau Recueil de dance de bal et celle de ballet, Paris 1713. Und in: XXII. Recueil de danses, Paris 1724. Weitere Infos in: Marianne Bröcker & Stephanie Schroeder: "Musette, 3. ...", in Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Bd. 6, 1997, hier: S. 645.

Kammer- und Cembalomusik Die Musette wurde auch manchmal in der französischen Cembalo- und Kammermusik als Bestandteil der Suite oder der Sonate adaptiert, beispielsweise in François Couperins Concert Royal Nr. 3 (1722).François Couperin: Concerts Royaux & Nouveaux Concerts 10, 12, 14, S. Kuijken, W. Kuijken, B. Kuijken u. a., erschienen bei: Philips SEON, (o. J.) (2 LPs).

In der Cembalomusik wurde der Bordunbass oft als gleichmäßige Legato-Bewegung in Oktavparallelen mit eingeschalteter Quinte gestaltet, da lang ausgehaltene Töne auf diesem Instrument nicht möglich sind. Beispiele sind François Couperins Musète de Choisi (6/8) und Musète de Taverni (12/8) im 15. Ordre (Pièces de clavecin, Livre III, 1722), die allerdings für zwei beliebige Instrumente gedacht sind, entweder zwei Cembali, oder Cembalo mit einem Melodieinstrument wie Traversflöte, Violine, Oboe – oder Musette de cour.Sie können auch auf einem Cembalo gespielt werden, aber dann fehlt immer eine Stimme, entweder der Bordun, oder die Mittelstimme, die sehr verflochten ist mit der Hauptstimme und nur auf einem zweiten Manual spielbar ist (als sogenannte pièce croisée). François Couperin, Pièces de Clavecin, Bd. 3, hrsg. von Jos. Gát, Mainz et al.: Schott, 1970–1971, S. 46–48 (M. de Choisi), und S. 50 f (M. de Taverni). Andere Beispiele für Cembalo sind die berühmte Musette en rondeau (3/4) von Rameau (Livre II, 1724/1731), die er auch zum Ballettsatz in Les Fetes d'Hébé (1739) umarbeitete; und außerdem Daquins Musette en rondeau (Allabreve; in Livre I, 1735).Louis-Claude Daquin, Premier Livre de Pièces de Clavecin (1735), New York: Performer's Facsimiles 30442 (o. J.), S. 4.

Außerhalb Frankreichs mini|hochkant=1.7|Händel: Concerto grosso op. 6,6 HWV 324 − Beginn der Musette

Die Musette wurde auch in anderen Ländern gelegentlich übernommen, spielte aber nicht die gleiche Rolle wie in Frankreich.

Eine bekannte und relativ kunstvolle "Musette" für Orchester ist der dritte Satz von Händels Concerto Grosso op. 6 Nr. 6 HWV 324. Im Kontrast zur relativ düsteren Haupttonart g-moll steht die Musette in Es-Dur; der Bordun setzt zwischenzeitlich aus oder wechselt auf einen anderen Ton. Das ganze Concerto könnte von Händel als ein moderneres Gegenstück (oder eine Hommage) zu Corellis Concerto grosso op. 6 Nr. 8 "per la notte di natale" gedacht sein – beide Concerti stehen in der Haupttonart g-moll und enthalten eine Hirtenmusik.Corellis Concerto op. 6,8 endet mit der berühmten weihnachtlichen Pastorale (in G-Dur). In beiden Sammlungen – Händels und Corellis op. 6 – gibt es nur je ein Konzert in g-moll (die beiden erwähnten).

Auch Mozart verwendete eine Musette in seinem Jugendwerk Bastien et Bastienne (1768),Marianne Bröcker & Stephanie Schroeder: "Musette, 3. ...", in Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Bd. 6, 1997, S. 645. das auf einem Stück von Rousseau basiert (Le devin du village) und dessen Maxime "Zurück zur Natur" illustriert. Noch Brahms schrieb eine Art Musette als Nr. XXII seiner Händel-Variationen op. 24.

Musette-artige und -ähnliche Werke