Der Hauptmann ist eine deutsch-polnisch-französische Filmbiografie von Robert Schwentke. Der in Schwarzweiß gedrehte Historienfilm erzählt von den Gräueltaten des Kriegsverbrechers Willi Herold in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Der Film feierte im September 2017 im Rahmen des Toronto Film Festivals Weltpremiere. Am 15. März 2018 kam er in die deutschen Kinos. Der Kinostart in den USA erfolgte am 27. Juli 2018.
Handlung Zwei Wochen vor Kriegsende wird der deutsche Gefreite Willi Herold von einer Gruppe Feldgendarmen unter Hauptmann Junker über ein Feld gejagt. In einem Waldstück gelingt es ihm, seinen Verfolgern zu entkommen. Hungrig, unzureichend bekleidet und in ständiger Angst, als Deserteur aufgegriffen zu werden, irrt er hinter der Front umher.
Herold trifft auf einen anderen Versprengten, mit dem er nachts in eine Scheune einbricht, um sich Lebensmittel zu besorgen. Sie werden jedoch entdeckt, und Herolds Begleiter wird vom Bauernpaar Görner erschlagen. Herold kann fliehen und entdeckt wenig später einen verlassenen Geländewagen der Wehrmacht, in dem er die Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe findet. In dieser Uniform wird er von dem versprengten Gefreiten Freytag überrascht, der Herold für einen echten Hauptmann hält, dessen Fahrzeug eine Panne hat. Freytag bietet seine Hilfe als Kraftfahrer an und bittet, sich dem vermeintlichen Offizier unterstellen zu dürfen, was Herold akzeptiert.
In einer Wirtschaft gibt sich Herold als amtlicher Berichterstatter aus und verspricht den Einwohnern Ersatz für die von Plünderern gestohlenen Sachwerte. Nachts zwingen ihn die Bauern, einen beim Stehlen ergriffenen Soldaten zu erschießen. Zusammen mit Freytag kehrt er am nächsten Morgen zum Hof des Bauern Görner zurück, wo sie auf drei weitere Soldaten treffen, darunter der Gefreite Kipinski, die die Hofbesitzer drangsalieren. Auch sie schließen sich Herold an. Als dieser erkennt, welche Möglichkeiten sich mit der Uniform für ihn ergeben, gründet er die „Kampfgruppe Herold“ und sammelt weitere versprengte deutsche Soldaten um sich, darunter eine Geschützmannschaft mit einer Flugabwehrkanone.
Als die Gruppe von einer Patrouille der Feldgendarmerie aufgegriffen wird, gelingt es dem falschen Hauptmann Herold, sich als Sondereinsatzführer auszugeben, der Adolf Hitler persönlich über die Zustände hinter der Front berichten soll. Junker, der ihn zunächst nicht wiedererkennt, stellt ihn dem SA-Führer Schütte vor, der das Wachpersonal im Emslandlager II kommandiert, in dem unter anderem Deserteure inhaftiert sind. Schütte wünscht sich wegen der Überfüllung des Lagers ein militärisches Standgericht, das mehrfach Fahnenflüchtige und andere nicht begnadigungsfähige Lagerinsassen aburteilen soll. Der Widerstand des bürokratischen und korrupten Lagerleiters Hansen, der den zivilen Justizbehörden untersteht, kann mithilfe von Herolds angeblichen Vollmachten überwunden werden. Mit ihren Männern, unter denen sich der brutale Kipinski und Schüttes Stellvertreter Brockhoff hervortun, organisieren Schütte und Herold ein Massaker unter den Gefangenen, bei dem auch die Flugabwehrkanone eingesetzt wird. Zur Feier ihres „Erfolgs“ gibt Herold einen „Bunten Abend“ für die Beteiligten, auf dem er Schüttes Ehefrau Gerda und den gefangenen Schauspieler Roger kennen lernt, die anschließend ebenfalls an Ermordungen teilnehmen.
Freytag, dem die Erschießungen widerstreben, wird unterdessen klar, dass die Offiziersuniform nicht Herold gehören kann. Dennoch schützt er ihn vor Entdeckung und bleibt bei der nun als „Leibgarde Herold“ bezeichneten Truppe, die in Abwesenheit Schüttes und Hansens die Kontrolle im Lager übernimmt und zahlreiche weitere Häftlinge ermordet.
Nach der Zerstörung des Lagers durch britische Artillerie und Flugzeuge zieht Herolds Gruppe unter der Selbstbezeichnung „Schnellgericht Herold“ in eine benachbarte Kleinstadt und tötet den Bürgermeister, der ein weißes Tuch mit der Aufschrift „Welcome“ aufgehängt hatte. Anschließend berauben die Männer Passanten und ziehen ins beste Hotel am Ort, wo sie sich Mädchen besorgen und eine Orgie feiern. Aus Eifersucht wegen der von beiden Männern umworbenen Irmgard und um sich für wiederholte Insubordinationen zu rächen, lässt Herold seinen Rivalen Kipinski, der von Anfang an begriffen hatte, dass er ein Hochstapler ist, von seinen Leuten foltern und erschießen.
Am nächsten Morgen stürmt die Feldgendarmerie das Hotel und verhaftet die Marodeure. Herold wird vor ein deutsches Militärgericht gestellt, aber auf Fürsprache des Feldgendarmeriehauptmanns Junker und des Militärstaatsanwalts nicht verurteilt. Die Aussetzung des Verfahrens gibt ihm die Möglichkeit, sich aus einem Fenster des Gerichtsgebäudes abzuseilen und zu flüchten.
In der letzten Szene sieht man ihn, wie er über eine von Skeletten übersäte Lichtung im Wald verschwindet. Im Abspann erfährt der Zuschauer, Willi Herold sei im Mai 1945 von der Royal Navy festgenommen und nach einem Prozess im November 1946 mit sechs Mittätern hingerichtet worden. In einem Nachspann sieht man Herold und sechs seiner Männer, wie sie mit Gewehren die moderne Innenstadt von Görlitz durchstreifen und Passanten kontrollieren und berauben.
Biografisches
Die Handlung orientiert sich an der Biografie des deutschen Kriegsverbrechers Willi Herold, dessen Taten der Film in groben Zügen und mit zahlreichen Abweichungen und Ausschmückungen nacherzählt. Der damals 19-Jährige war am 3. April 1945 von seiner Einheit getrennt worden und fand zwischen den Orten Gronau und Bad Bentheim die Uniform eines Hauptmanns. Als Offizier verkleidet sammelte er andere versprengte Soldaten um sich, darunter der Gefreite Reinhard Freitag, und durchzog mit seiner bis zu 30 Mann starken Truppe das Emsland. mini|hochkant=1.05|Das Gelände des Emslandlagers Aschendorfermoor heute Als die Gruppe am 11. April 1945 zum Emslandlager Aschendorfermoor gelangte, übernahm Herold mit den Worten „Der Führer persönlich hat mir unbeschränkte Vollmachten erteilt“ das Kommando über das Strafgefangenenlager und errichtete ein Schreckensregiment. Innerhalb von acht Tagen wurden auf seinen Befehl mehr als hundert Häftlinge getötet, wobei er einige eigenhändig ermordete. Anschließend durchkämmten Herolds Leute die Umgebung und machten Jagd auf Deserteure. Am 18. und 19. April 1945 wurde das Lager durch einen Brandbombenangriff der britischen Luftwaffe zerstört, wodurch weitere 23 Gefangene starben und anderen Insassen die Flucht gelang. Insgesamt ließ Herold im Lager II und in der Umgebung mindestens 162 Menschen töten, die genaue Opferzahl ist unbekannt. Daher wird Herold auch „der Henker vom Emsland“ genannt.
Herold setzte sich mit seiner Gruppe von der Front ab und ließ noch weitere Personen wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung oder Spionage ermorden. Seine Täuschung flog noch vor dem Kriegsende auf. Ein deutsches Militärgericht ließ Herold jedoch laufen.
Nach dem Kriegsende ging er durch einen Zufall der britischen Militärregierung ins Netz. Im August 1946 begann in Oldenburg der Prozess gegen Herold und 13 weitere Angeklagte. Am 14. November 1946 wurde er im Gefängnis Wolfenbüttel zusammen mit fünf Mittätern hingerichtet.
Produktion Stab und Finanzierung Regie führte Robert Schwentke.Peter Zander: Robert Schwentke ist unser Mann in Hollywood In: Berliner Morgenpost, 20. März 2015. Auf die Frage, wie er zu diesem Film gekommen sei, sagte Schwentke in einem Gespräch mit der Deutschen Welle, er habe nach einer Story gesucht, bei der man etwas über die dritte, vierte, fünfte Täterreihe erzählen könne: „Es gibt bemerkenswerterweise in Deutschland nur zwei Filme, die tatsächlich aus der Täterperspektive erzählt sind.“ Einer davon sei Aus einem deutschen Leben mit Götz George von 1977, eine fiktive Filmbiografie von Rudolf Höß. Auch in der deutschen Literatur gebe es abgesehen von einem sehr frühen Heinrich-Böll-Roman und einem Werk von Hubert Fichte nichts aus der Täterperspektive, so Schwentke: „Es ist auffällig, dass wir die einzige Kultur sind, die nichts aus der Täterperspektive erzählt hat.“Robert Schwentke im Gespräch mit Hans Christoph von Bock und Jochen Kürten: Krieg aus der Täterperspektive – Robert Schwentke über den Film „Der Hauptmann“ In: Deutsche Welle 15. September 2017.
Es sei darum gegangen, einen modernen Film zu machen, der ganz klar heute gedreht wurde und der rückblickend mit unseren Vorurteilen und unseren Filtern in die Vergangenheit schaut, so Schwentke. Daher sei er auch in vieler Hinsicht sehr abstrakt. Der Film spiele zwar spezifisch im Zweiten Weltkrieg oder 1945, so Schwentke weiter, aber er sei generell auch ein Film über einen Zustand der Welt.Robert Schwentke im Gespräch mit Susanne Burg: „Die Tragödie in unserer Geschichte hätte nicht stattfinden müssen“ In: Deutschlandfunk Kultur, 10. März 2018. Über die Rolle, die sein Protagonist im Film annimmt, sagte Schwentke, „Es hat geholfen, dass es die letzten zwei Kriegswochen waren, wo Not am Mann war und alle möglichen Leute befördert wurden, aber natürlich hat es auch etwas mit der Uniform selbst zu tun. Die Uniform verleiht ihm Sicherheit, er kann sich dahinter verstecken.“Tim Evers: „Der Hauptmann“ – Eine Uniform öffnet menschliche Abgründe In: MDR Kultur. Abgerufen am 16. März 2018.
Nachdem Schwentke in Vorbereitung auf den Film viel über Täterprofile und Gewaltprozesse recherchiert hatte, stellte er fest, dass es für die Absicht des Films nichts bringt, Herold als Soziopathen oder Psychopathen anzuschauen, da er nicht allein schuld war, sondern das gesamte System: „Wir wollten einen Film machen über Gewalt, in dem es kein Hintertürchen gibt. Er soll verstören, nicht versöhnen. Es kommt nicht zu einer Läuterung, es gibt keine moralische Identifikationsgröße. Jeder Zuschauer muss sich selbst fragen: Wie hätte ich gehandelt? Wir wünschen uns ja alle, dass wir mutig aufgestanden wären und gesagt hätten: Das ist falsch! Es ist mir viel wichtiger, dass die Leute über den Film diskutieren, als dass sie ihn mögen.“Bernd Haasis: Der Regisseur Robert Schwentke: „Die Konfrontation gehört zum Kinoerlebnis“ In: Stuttgarter Zeitung, 19. März 2018.
Schwentke hatte sich entschieden, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen, und sich dabei auf Michael Powell berufen, der Martin Scorsese vor Drehbeginn seines Boxerdramas Wie ein wilder Stier riet: „Du kannst einen Film mit so viel Blut nicht in Farbe drehen.“ Blut sei in Der Hauptmann kaum zu sehen, die Kamera zeige beim Massaker nie die Opfer, sondern die Täter, die hart und schweißtreibend an ihren Tötungsmaschinen arbeiten, so Christian Schröder im Tagesspiegel, und so sei der Schrecken auf die Tonspur gebannt, auf der sich Schüsse, Schreie und Einschläge abwechseln.Christian Schröder: „Der Hauptmann“ im Kino: Mörder mit Kindergesicht In: 14. März 2018. Außerdem helfe Schwarz-Weiß bei der Überhöhung, so Schwentke, und er glaube, durch Stilisierung Dinge deutlicher erzählen zu können. Dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, gebe der klug überzeichneten Bösartigkeit Tiefenschärfe, so Bernd Haasis von der Stuttgarter Zeitung.