Der Begriff asiatische Produktionsweise bezeichnet in der Theorie des historischen Materialismus eine vorkapitalistische, weit verbreitete Produktionsweise, in der die Bewässerungslandwirtschaft häufig eine überragende Rolle für die Reproduktion des Gemeinwesens spielte. Der Begriff wurde von Karl Marx geprägt. Nach aktuellem marxistischem Forschungsstand kommt diese Produktionsweise jedoch nicht nur in Asien, sondern mit Ausnahme Australiens auf allen menschlich besiedelten Kontinenten vor.
Merkmale Klassenverhältnisse In Gesellschaften mit asiatischer Produktionsweise stehen sich die persönlich freien Bauern und eine organisierte Bürokratie oder Aristokratie als Grundklassen gegenüber. Die Bauern leben teils in relativ autarken Dorfgemeinschaften, in denen das aus der Urgesellschaft bekannte Gemeineigentum am Boden noch existiert. Häufig sind jedoch diese Dorfgemeinschaften zerfallen und die Bauern stehen dann als individuelle Besitzer von (kleineren) Bodenparzellen direkt dem Staat gegenüber.
Die Aristokratie oder Bürokratie organisiert im Allgemeinen die produktive Arbeit und eignet sich einen Teil des Mehrproduktes der unmittelbaren Produzenten an. In den meisten Fällen steht ein Despot an der Spitze der Gesellschaft, der das Land selbst repräsentiert. Wenn sich die herrschende Klasse aufgrund des Kriteriums der Verwandtschaft mit dem Despoten bildet, wird sie als Aristokratie bezeichnet. Wenn aber bei der Rekrutierung der herrschenden Klasse Verwandtschaftsbeziehungen keine besondere Rolle spielen und sie über Prüfungen oder Verdienste ausgewählt wird, handelt es sich um Bürokratie.
Die Ausbeutung erfolgt einerseits durch eine Art allgemeine Steuer, andererseits durch die Verpflichtung der Bauern zu gewissen Arbeitsleistungen. Die einzelnen bäuerlichen Produzenten stehen nicht in persönlicher Abhängigkeit von bestimmten individuellen Grundbesitzern, sondern sind – häufig durch die Dorfgemeinde vermittelt – der Gesamtheit der herrschenden Klasse abgabepflichtig. Daneben existieren manchmal auch noch Sklaverei, Lohnarbeit und andere Formen persönlicher Abhängigkeit. Sie bestimmen aber nicht wesentlich die Produktionsverhältnisse. Der Staat gilt häufig als Eigentümer oder zumindest als Obereigentümer des gesamten Bodens.
Der Klassenkampf zwischen den persönlich freien Bauern und den „korporativen Großgrundbesitzern“ geht vorwiegend um die Höhe des durch die Staatssteuer eingetriebenen Mehrproduktes.
Wie in allen anderen Klassengesellschaften kann Herrschaft der Bürokratie in der asiatischen Produktionsweise nicht auf Ausbeutung reduziert werden. Die Grundlage ihrer Herrschaft war eine gesellschaftliche Amtstätigkeit, d. h., sie beschäftigte sich mit Fragen, die die Gesellschaft als Ganzes betrafen. Was die asiatische Produktionsweise jedoch von allen anderen Klassengesellschaften unterscheidet, ist, dass hier diese Funktionen direkt über die einfache Arbeitsteilung zwischen Hand- und Kopfarbeit ausgeführt werden, während sie in anderen Klassengesellschaften über das Privateigentum vermittelt sind. Hier tritt die im Staat organisierte Bürokratie als Organisator der Produktion und Kooperation auf.Rigobert Günther: Kritische Bemerkungen zu Argumenten für eine einheitliche Gesellschaftsformation der vorkapitalistischen Klassengesellschaften. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 1973, S. 265.Maurice Godelier: Ökonomische Anthropologie. Reinbek 1973, S. 284 ff.Günter Lewin: Zur Diskussion über die „asiatische Produktionsweise“ in der marxistischen Literatur Frankreichs. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 13 (1972), S. 619.
Bedeutung der Bewässerungslandwirtschaft Die noch von Karl August Wittfogel vertretene Auffassung, dass die asiatische Produktionsweise durch die spezifische Notwendigkeit des Baus von Bewässerungsanlagen entstanden sei, wird von der neueren Forschung nicht mehr geteilt. Denn in China und im Inkareich entstand zunächst ein für die asiatische Produktionsweise typischer despotischer Staat, der erst eine lange Zeit nach seiner Entstehung Bewässerungsarbeiten organisierte. Die Aufgaben des Staates umfassen demnach nicht nur die Organisation der Bewässerung, sondern alle Bereiche, die über das Leistungsvermögen einzelner Dorfgemeinschaften hinausgehen (zum Beispiel Organisation von militärischen Einheiten, von gewerblicher Produktion, Handel und Wissenschaft, auch nicht der Bewässerung dienenden Bauten etc.).
Dennoch hat die Bewässerungslandwirtschaft eine große Bedeutung für die Entwicklung von Gesellschaften mit asiatischer Produktionsweise, die von Wittfogel zutreffend beschrieben wurde. Sie erlaubt selbst bei relativ gering entwickelten Produktivkräften einen sehr ertragreichen Ackerbau:
Dagegen würde in Zonen mit Regenackerbau für auch nur einigermaßen vergleichbare Ernten eine viel höhere Entwicklung der Produktivkräfte erforderlich sein. Bei extensiv genutzten und relativ großen Äckern sind zur Steigerung der Erträge ein weiterentwickelter Pflug aus Eisen und Zugtiere notwendig. Diese Tatsache erklärt auch die geringe Bedeutung der Sklaverei in den orientalischen Gesellschaften: Sie ist für diese intensive Art der Landwirtschaft, in der „der Erfolg und Misserfolg der Produktion in höchstem Maße von der Sorgfalt der arbeitenden Menschen abhängt“, ungeeignet.
Jedoch kann diese hohe Produktivität der Landwirtschaft nur durch den Bau großer Bewässerungssysteme erreicht werden. Diese Aufgaben, die das Zusammenwirken vieler Menschen mittels großer Kooperation voraussetzen, übersteigen bei einem vorkapitalistischen Stand der Produktivkräfte sehr schnell die Möglichkeiten von wenigen Individuen oder Dorfkollektiven:
Eine andere Aufgabe, welche die Beschäftigung von besonders ausgebildeten Spezialisten erfordert, ist die „Regelung der Zeit“. Zwar ist das agrikole Jahr überall durch den Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt, allerdings sind nur in der Bewässerungslandwirtschaft der Beginn und das Ende der Regenzeit oder das Steigen und Fallen der Flüsse von lebenswichtiger Bedeutung für die Gesellschaft. Erst dann entsteht das Bedürfnis nach einer exakten Ordnung des Kalenders. Diejenige Klasse, welche die Regelung des Wasserbaus durchführt, kontrolliert auch die Astronomie.
Nach Wittfogel sind es diese neuartigen gesellschaftlichen Produktivkräfte (Wasserbau und Kalender), welche in Gesellschaften mit Bewässerungslandwirtschaft dem Staat Aufgaben zuweisen, die er in anderen Agrargesellschaften nicht zu erfüllen hat. Hier kontrolliert die im Staat zusammengefasste herrschende Klasse also die gesamte Landwirtschaft.Karl August Wittfogel: Die Theorie der orientalischen Gesellschaft. In: Zeitschrift für Sozialforschung, 1938, S. 90–122; .
Entwicklung und Krisen in Gesellschaften mit asiatischer Produktionsweise In der neueren marxistischen Diskussion wird davon ausgegangen, dass sich Gesellschaften mit asiatischer Produktionsweise direkt aus der Urgesellschaft entwickelt haben. Sie sind universell verbreitet. Dagegen haben sich Sklavenhaltergesellschaften und feudale Gesellschaften nur in wenigen Regionen der Erde und unter ganz spezifischen Bedingungen entwickelt. Als Gesellschaften mit asiatischer Produktionsweise können die alten Hochkulturen in Ägypten, im vorderen Orient, in Indien und China, sowie das Reich der Inka angesehen werden. Sie kam aber auch in Mykene, Kreta und den altafrikanischen Reichen von Ghana, Mali und Songhai vor.Heinz Kreissig u. a.: Griechische Geschichte. Berlin 1985, S. 43 ff.Günter Lewin: Zur Diskussion über die „asiatische Produktionsweise“ in der marxistischen Literatur Frankreichs. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift, 13, 1972, S. 618.Irmgard Sellnow u. a.: Weltgeschichte bis zur Herausbildung des Feudalismus. Berlin 1978.
Aktuellere Forschungen haben gezeigt, dass die häufig vertretene These von der Stagnation der Entwicklung der Produktivkräfte in Gesellschaften mit asiatischer Produktionsweise nicht haltbar ist. Diese entwickeln sich erheblich weiter und treten in mehreren unterschiedlichen Formen auf:
In der einfachen Form einer Gesellschaft mit asiatischer Produktionsweise reproduziert sich die in Sippengemeinschaften organisierte Bauernschaft mittels kollektiv geregeltem Ackerbau. Die aus der Urgesellschaft bekannte Dorfgemeinde existiert hier also noch weiter, die Felder werden kollektiv bebaut. Das Mehrprodukt sowie Arbeitsleistungen gehen an den Staat. Sie dienen neben der Erhaltung der materiellen Staatsmaschinerie der Erhaltung des Hofes und der Bürokratie (Verwaltungsbeamte, Priester, Militärs). Der Souverän und seine Bürokratie verfügen materiell über die Gesamtheit des bebauten Landes. Oberklasse und Staatsbürokratie mit Hof sind hier identisch. Hier ist der von Marx beschriebene Zustand gegeben, in dem Rente und Steuer zusammenfallen bzw. keine von der Grundrente unterschiedene Steuer existiert. „Eine primitive Klassenordnung von klassischer Durchsichtigkeit besteht.“ Ein Beispiel dieser einfachen Form der asiatischen Produktionsweise ist das Reich der Inka.
In der entfalteten Form einer Gesellschaft mit asiatischer Produktionsweise sind die Felder nicht mehr im Besitz der Dorfgemeinde, sondern im Privatbesitz von einzelnen Bauern und werden individuell bewirtschaftet. Die Dorfkommune ist dagegen zerfallen. Neue Klassen sind aufgetaucht. Dies sind private Großgrundbesitzer bürokratischer Herkunft sowie Handels-, Wucher- und Manufakturkapitalisten. Sie erwerben ebenfalls häufig Landbesitz.
Wichtigste Ursache dieser Entwicklung ist das Wachstum der Produktivkräfte. In der Landwirtschaft werden zunehmend Metallgeräte – v. a. aus Eisen – sowie Pflugtiere eingesetzt. Die Bewässerungstechnik wird ausgebaut und verbessert. Damit steigen die agrarischen Erträge und die Einzelbestellung wird vorteilhafter werden als die alten Formen des gemeinschaftlichen Anbaus. Zugleich nimmt die Bedeutung des Handwerks zu, da die Landwirtschaft jetzt mehr von dessen Erzeugnissen benötigt. Hierdurch wird die einfache Warenproduktion angeregt und damit nimmt die Bedeutung der Kaufmannschaft zu. Schließlich wird dann auch der Landbesitz selbst zur Ware. Mit der Verkäuflichkeit des Landes treten Wucherkapitalisten auf und in geringem Umfang bildet sich sogar Manufakturkapital. Diese Klassen ziehen einen Teil der Steuer/Rente in der Form von Profit an sich. Jetzt besteht auch die Möglichkeit zur Bildung von Großgrundbesitz. Ein Teil des Bodens gelangt in die Hände der Handels- oder Wucherkapitalisten. Angehörige der Bürokratie können neben dem Kauf auch durch Landgeschenke des Despoten zu Großgrundbesitzern werden. Beispiele für die entfaltete Form der asiatischen Produktionsweise sind China ab der Frühlings-und-Herbst-Periode und das Reich des Islam bzw. das Osmanische Reich. China war noch im 17. Jahrhundert die am höchsten entwickelte Region der Erde. Dass es dennoch nicht zu einem Übergang zum Kapitalismus aus eigener Kraft kam, lag an den spezifischen Klassenkonstellationen einer Gesellschaft mit asiatischer Produktionsweise und den Notwendigkeiten der Bewässerungslandwirtschaft. Denn in Perioden, in denen Großgrundbesitz und Konzentration zunahmen, geriet die gesamte Gesellschaft in eine Krise, die in China im Allgemeinen zum Sturz der jeweiligen Kaiserdynastie führte und die von Kössler deshalb als dynastischer Zyklus bezeichnet wird. Wittfogel gibt folgende Beschreibung eines solchen dynastischen Zyklus:
Zu Beginn einer neuen Epoche ist der von freien Bauern gebildete öffentliche Sektor groß im Vergleich zum privaten Sektor der Großgrundbesitzer und Pächter. An sich neu ansiedelnde Bauern wird kostenlos Land, Samen und Geräte ausgegeben. Die Steuern sind relativ niedrig. „Das Bauerntum wächst. Die Ernte wächst. Die Steuermasse wächst. Es wächst die Kraft des Staats, der seine anfänglichen Bemühungen um Kanalbauten und Deichanlagen noch steigert.“