mini|St. Sebastian mini|hochkant|Blick von Süden in den 1920er Jahren Kathedrale St. Sebastian ist die römisch-katholische Kathedralkirche des Bistums Magdeburg.Theodor Steinhoff und Daniel Lorek: Aus lebendigen Steinen. St. Sebastian Kathedral- und Propsteikirche zu Magdeburg. Ansichten und Entdeckungen. St. Benno, Leipzig 2000, ISBN 978-3-7462-1421-4, S. 87. Sie ist gleichzeitig die Pfarrkirche der Kathedralpfarrgmeinde St. Sebastian in der Pastoralregion Magdeburg, zu der im Mai 2010 vier Pfarreien zusammengefasst wurden. Patron der Kirche ist der heilige Sebastian. Sie ist Teil der Straße der Romanik.

Baugeschichte mini|Mittelschiff

Gründung Die Grundsteinlegung erfolgte um 1015 durch Erzbischof Gero, der nach seinem Tod 1022 in der Kirche beigesetzt wurde. Die Gründung erfolgte als Kollegiatstift. Neben dem heiligen Sebastian war das Stift ursprünglich auch mit dem Doppelpatrozinium Johannes Evangelist und Fabianus versehen. Nach der Erlangung einer Kopfreliquie des heiligen Sebastian verloren die anderen Patrone an Bedeutung. Anlässlich des Heranrückens des Heers von Heinrich IV. wurde die Reliquie entlang der Grenze des Erzbistums Magdeburg getragen. In späteren Jahren fand jeweils am 20. Januar eine Prozession mit der Reliquie vom Dom zur Sebastianskirche statt. Nach mehreren baulichen Erweiterungen brannte das romanische Kirchengebäude 1188 und 1207 aus.

Gotischer Umbau mini|St. Sebastian von Südwest In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde die Kirche im Stil der Gotik umgebaut. Der alte, wohl noch aus der Zeit Geros stammende Chor wurde abgerissen und durch einen neuen, größeren ersetzt. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde das Langhaus umgestaltet, mit dem Ziel der Errichtung einer spätgotischen Hallenkirche. Der romanische Grundriss wurde beibehalten. Am 17. Mai 1489 wurde die Kirche nach Abschluss der Umbauten durch Erzbischof Ernst neu geweiht.

Während der Belagerung der Stadt Magdeburg durch Moritz von Sachsen im Jahr 1550 wurden zur Verteidigung Kanonen auf den Kirchtürmen aufgestellt.

Reformation Im Zuge der Reformation entsagten die Stiftsherren von St. Sebastian 1558 dem katholischen Glauben. St. Sebastian wurde evangelisch. 1573 erfolgte die Umwandlung des Stifts in ein protestantisches Stift. Am ersten Adventssonntag 1573 hielt der Domprediger Siegfried Sack den ersten evangelischen Gottesdienst. Von 1573 bis 1609 hatte Georg Rollenhagen das Amt des Predigers an St. Sebastian inne.

Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg Bei der Erstürmung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg am 10. Mai 1631 brannte die Kirche nieder. Noch 1642 wird sie als Ruine geführt. 1663 wurde der Chor wieder errichtet und eine hölzerne Decke in Form eines Gewölbes eingezogen. Erst 61 Jahre nach der Zerstörung fand 1692 der erste Gottesdienst statt. Ein ursprünglich nördlich der Kirche gelegener Kreuzgang verfiel und wurde dann als Friedhof genutzt. Hiervon zeugt die noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg vorhandene Straßenbenennung Friedhof. Auch im Inneren der Kirche fanden Beisetzungen angesehener Bürger statt.

Nutzung als Magazin Ab 1756 fanden dann zunächst keine Gottesdienste mehr statt. Die Kirche diente als Magazin. Ende des 18. Jahrhunderts verschwand der Grabstein Geros aus dem Chor. In der französischen Besatzungszeit wurde das Stift am 1. Dezember 1810 durch Jérôme Bonaparte aufgelöst. Das Gebäude diente dem französischen Militär als Feldschmiede und Lager für Bier, Branntwein und Salz. 1823 kaufte die Stadt Magdeburg die Kirche für 1.300 Taler von Preußen und richtete in ihr ein Wolllager ein.Rudolf Joppen: Das Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg. Band 7, Teil 2, Die Errichtung des mitteldeutschen Kommissariats 1811. St. Benno Verlag, Leipzig 1971, S. 228, Fußnote 1447.

Erneute religiöse Nutzung Der Chor der Kirche fand zwischen 1845 und 1854 durch die Deutschkatholiken wieder eine religiöse Nutzung. 1865 kaufte das Liebfrauenstift die St.-Sebastian-Kirche für 25.000 Taler von der Stadt Magdeburg und bot sie der katholischen Mariengemeinde Magdeburg zum Tausch gegen die Liebfrauenkirche, welche das Liebfrauenstift der katholischen Gemeinde seit 1818 zur Nutzung überlassen hatte, an. Da sich die St.-Sebastian-Kirche in schlechtem Bauzustand befand, lehnte die katholische Gemeinde das ab. 1873 wurde ein Vergleich geschlossen, wonach das Liebfrauenstift der katholischen Gemeinde die St.-Sebastian-Kirche unentgeltlich übereignete und sich am Restaurationsaufwand beteiligte. Es erfolgte eine Renovierung und die Errichtung neuer Steingewölbe. Im Mai 1878 zog die katholische Mariengemeinde aus der Liebfrauenkirche aus, bekam nun das Patrozinium des heiligen Sebastian, und die katholische Propstei wurde zur St.-Sebastian-Kirche transferiert.Rudolf Joppen: Das Erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg. Band 7, Teil 2, Die Errichtung des mitteldeutschen Kommissariats 1811. St. Benno Verlag, Leipzig 1971, S. 226–227. 1878 wurde in der Kirche die erste katholische Messe seit der Reformation gefeiert. 1928 folgte eine weitere umfangreiche Renovierung der Kirche.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Im Zweiten Weltkrieg, beim Luftangriff auf Magdeburg am 16. Januar 1945, wurde auch die Kirche beschädigt. Bereits 1946 waren die Schäden am Kirchenschiff beseitigt. Da die übrigen innerstädtischen Kirchen stärker zerstört waren, erfolgte zunächst eine gemeinsame Nutzung durch die verschiedenen Konfessionen. Später erfolgte die Instandsetzung der etwa 44 Metermagdeburg.de (PDF; 20 MB) hohen Türme.

Ab 1949 diente St. Sebastian als Bischofskirche des Weihbischofs des Erzbistums Paderborn. In den Jahren von 1953 bis 1959 und 1982 bis 1991 fanden umfangreiche Bauarbeiten, z. B. Verlegen einer Fußbodenheizung, und Restaurierungen statt. Eine Bischofsgruft wurde neu angelegt. In den 1950er/1960er Jahren schuf Christine Leweke für die Kirche acht Bildteppiche (je 100 × 150 cm).

Im Jahr 1994 wurde Magdeburg wieder ein eigenständiges katholisches Bistum. St. Sebastian wurde Kathedrale des neuerrichteten Bistums Magdeburg und Sitz des Magdeburger Kathedralkapitels. Im Jahr 2005 wurden weitere Baumaßnahmen an der Kathedrale beendet. mini|Gotischer Flügelaltar von 1510/20 im Chor Der Innenraum wurde neu gestaltet, ein überdachter Kreuzgang wurde hinzugefügt sowie ein Sakristeineubau und ein Kapitelfriedhof. Die Altarinsel wurde zum Teil neu gestaltet, es wurde ein neuer Volksaltar errichtet, in diesem befindet sich eine Zahnreliquie des hl. Sebastian, die aus der Schädelreliquie der Wiener Schottenabtei der Benediktiner entstammt und für die Altarweihe entsandt wurde. Bei den Baumaßnahmen wurde ein Jugendraum über der bestehenden Blumensakristei und Beichtkapelle errichtet. 2007 weihte Domkapitular Ulrich Lieb einen Raum im Westportal ein, der dem stillen Gedenken an verstorbene Kinder dient.

Orgeln

Hauptorgel 1916 (nach anderen Angaben 1918/19) errichtete die Hausneindorfer Firma Ernst Röver eine dreimanualige Orgel mit 45 Registern auf der Westempore. Diese Orgel konnte auch nach dem Krieg weiter verwendet werden.

1959 erbaute die Firma A. Schuster & Sohn an gleicher Stelle eine Orgel mit 47 Registern, drei Manualen und Pedal sowie einem wenig Bezug zur Werksanordnung aufweisendem, vom Hallenser Künstler Fritz Leweke gestaltetem Freipfeifenprospekt. Schuster nutzte dazu fünf Register der Vorgängerorgel, die ins Pedalwerk eingebaut wurden; sowie deren Kastenladen für Hauptwerk, Oberwerk und Pedal. Die – mit Ausnahme des etwas erhöht liegenden Brustwerkes, für welches Schuster neue Schleifladen baute – alle in einer Ebene liegenden Laden nahmen fast die ganze Grundfläche des Turmzwischenbaus ein. Die Orgel hat elektropneumatische Spiel- und Registertrakturen, die Disposition ist von der Orgelbewegung beeinflusst.

Die gehäuselose Orgel war für Verschmutzung (herabfallender Putz, Vogelkot) anfällig. Nachdem das Hauptwerk unspielbar geworden war, wurde sie Ende der 1980er Jahre durch Erwin Lägel, einem für Fa. Schuster im Großraum Magdeburg tätigen Orgelbauer, wieder zur vollen Spielbarkeit zurückgeführt. Dennoch verschlechterte ihr Zustand sich. Sie erklang am 30. August 2001 zum letzten Mal und wurde an die Heilig-Geist-Kirchengemeinde in Dębica, wo sie nach einer gründlichen Aufarbeitung weiter genutzt wird, verkauft.

I Hauptwerk C–g3 1. PrinzipalAb D aus Metall und im Prospekt; C und Cis sind aus dem Prinzipal 16' des Pedals entliehen. 16′ 2. Prinzipal 8′ 3. Gemshorn 8′ 4. Rohrflöte 8′ 5. Oktave 4′ 6. Blockflöte 4′ 7. Quinte ′ 8. Oktave 2′ 9. Mixtur 6f 2′ 10. Kleinmixtur 3f ′ 11. Trompete 8′ 12. Schalmey 4′ II Brustwerk C–g3 13. Holzgedackt 8′ 14. Quintadena 8′ 15. Prästant 4′ 16. Rohrflöte 4′ 17. Waldflöte 2′ 18. Spitzquinte ′ 19. Oktävlein 1′ 20. Sesquialter 2f ′ 21. Scharff 4f 1′ 22. Krummhorn 8′ Tremulant III Oberwerk C–g3 23. Quintade 16′ 24. Prinzipal 8′ 25. Lieblich Gedackt 8′ 26. Weidenpfeife 8′ 27. Oktave 4′ 28. Spitzflöte 4′ 29. Nachthorn 2′ 30. Terzflöte ′ 31. Rauschpfeife 2fUrsprünglich nur Rohrnasat ′ ′ 32. Cymbel 3–4f ′ 33. Dulzian 16′ 34. Vox humana 8′ Tremulant Pedal C–f1 35. PrinzipalAus Holz und offen, bzw. volle Länge 16′ R 36. Subbaß 16′ R 37. Oktavbass 8′ R 38. Bassflöte 8′ R 39. Oktave 4′ 40. Holzflöte 4′ 41. Nachthorn 2′ 42. Bassaliquote 3f ′ 43. Rauschpfeife 5f ′ 44. Posaune 16′ R 45. Trompete 8′ 46. ClarineOboenbauform 4′ 47. Singend Cornett 2′

R = Register von Röver Koppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P Spielhilfen: Feste Kombinationen (Pleno, Tutti), drei Freie Kombinationen (Handregister Ab für diese), Zungeneinzelabsteller, Zungen Ab, Mixturen Ab, Manual 16′ Ab

Anmerkungen zur Schuster-Orgel:

mini|Die Eule-Orgel Nach einem Umbau der Westempore errichtete die Firma Eule im Jahr 2005 eine neue Orgel auf dieser. Das Instrument (op. 637) wurde maßgeblich in mitteldeutsch-klassischem und mitteldeutsch-romantischem Stil disponiert, ergänzt um einige Register im französisch-symphonischen Stil. Es hat 56 Register auf drei Manualen und Pedal.Nähere Informationen zur Orgel auf der Website der Orgelbaufirma.

Eine neckische Spielerei ist im Rückpositiv installiert: In dessen rechter Seitenwand befindet sich eine Luke. Diese geht beim Ziehen des Registers „Vox strigis“ auf, und eine lebensgroße Nachbildung einer Eule kommt, in Anlehnung an die Erbauer, aus dieser hervor.

I Rückpositiv C–a31. PrincipalProspekt. 8′2. BourdonHolz. 8′3. Salicional (ab C) 8′4. Unda maris (ab A)Gedeckt. 8′5. PrestantTeilweise im Prospekt. 4′6. Flauto dolce 4′7. Nazard ′8. Doublette 2’9. Tierce ′10. Larigot ′11. Mixtur IV ′12. FagottKopie n. Zacharias Hildebrandt (Naumburg). 16′13. CromorneFrz. Bauweise. 8′ Tremulant II Hauptwerk C–a314. Praestant 16′15. Principal 8′16. Flûte harmonique 8′17. GedacktMetall. 8′18. Gambe 8′19. Octave 4′20. Spitzflöte 4′21. Quinte ′22. Superoctave 2′23. Cornett V (ab f)Aufgebänkt. 8′24. Mixtur major IV–V 2’25. Mixtur minor III ′26. TrompeteVolle Länge. 16′27. TrompeteFrz. Rundkehlen. 8′ Tremulant III Schwellwerk C–a328. Viola d’amourC–H gedeckt, ab c offen. 16′29. HohlflöteAb C offen, Metall. 8′30. Cor de nuit 8′31. Fugara 8′32. Aeoline (ab C) 8′33. Voix céleste (ab G) 8′34. Flûte octaviante 4′35. Viola 4′36. Nazard harmonique ′37. Octavin 2′38. Tierce harmonique ′39. Piccolo 1′40. Progressio harmonique III–V ′41. BombardeFrz. n. A. Cavaillé-Coll, C–Gis halbe Länge 16′42. Trompette harmoniqueFrz. n. A. Cavaillé-Coll, ab c1 doppelte Länge. 8′43. Basson-HautboisFrz. n. A. Cavaillé-Coll. 8′44. Voix humaineFrz. n. A. Cavaillé-Coll, lange Stiefel. 8′45. Clairon harmoniqueFrz. n. A. Cavaillé-Coll, c1 doppelte Länge. 4′ Tremulant Pedalwerk C–g1 Groß-Pedal 46. Untersatz18 Pfeifen C–F, ab fis in Nr. 51. 32′47. Violon 16′48. Principal 16′49. BassflöteHolz, offen. 8′50. PosauneOriginales Register von Friedrich Ladegast (C–d1) Holzbecher, volle Länge, belederte Messingkehlen. 16′ Pleno-Pedal 51. Subbass 16′52. Octavbass 8′53. Cello 8′54. Octave 4′55. Trompete 8′56. Clairon 4′