Die Geschichte der Geschichtsschreibung befasst sich mit Entstehung und Entwicklung des Darstellens der Vergangenheit.

Ansätze zu einer Geschichtsdokumentation gab es bereits im Altertum bei altorientalischen Völkern wie Babyloniern, Assyrern, Ägyptern und Persern. Erhalten sind insbesondere Inschriften, in denen die Taten der Herrscher gepriesen werden. Diese Zeugnisse sind nur zum Teil Überlieferungen der tatsächlichen Geschichte, größtenteils aber Verteidigungsschriften. Das gilt auch für die Berichte über die Geschichte des Volkes Israel im Alten Testament.

In der griechischen Antike kam es zum Beginn einer Geschichtsschreibung (Historiographie) im heutigen Sinn. Ebenso entstanden in China in der Zeit vor Christi Geburt Geschichtswerke. Die moderne Geschichtswissenschaft entwickelte seit dem 19. Jahrhundert kritisch-theoretische Ansätze zur Erforschung der Geschichte und der Geschichtsschreibung (Quellenkritik). Bei dieser wissenschaftlichen Beschäftigung mit Texten wird versucht, die Aussageabsicht und Glaubwürdigkeit zu erfassen.

Allgemeines Das Wort Geschichte hat im Deutschen eine ambivalente Bedeutung. Es bezeichnet einerseits die Ereignisse selbst, andererseits die Bewahrung und Interpretation vergangener Ereignisse in literarischer Form.Vgl. grundsätzlich den Artikel Geschichte, Historie. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Band 2. Stuttgart 1975, S. 593 ff. Analog dazu kann Historiografie die Geschichtsschreibung über eine bestimmte Epoche (zum Beispiel die Historiografie der französischen Revolution) wie auch die Historiografiegeschichte, also die Geschichte der Geschichtsschreibung meinen. Neben der Historiografiegeschichte im engeren Sinn, die nicht auf die Geschichte der Geschichtswissenschaft reduziert werden kann, werden häufig auch Diskussionen der Theorie der Geschichtsschreibung zur Historiografie gezählt.

Die Geschichtswissenschaft bedient sich zur kritischen Analyse der Quellen (so hinsichtlich der Entstehung, Aussageabsicht und Glaubwürdigkeit) der Erkenntnisse unter anderem aus der Literaturwissenschaft und der Philosophie. Angehende Historiker lernen durch die Historiografiegeschichte die methodologischen Kontroversen und politischen Streitigkeiten kennen, ohne deren Kenntnis sie die historische Fachliteratur nicht verstehen würden.

Insofern die Historiografiegeschichte die Produktions- und die Rezeptionsbedingungen historischen Wissens kritisch untersucht, ist sie von allgemeinem Interesse.

Antike Einführung mini|„pater historiae“ Herodot

Die Geschichte der europäischen Geschichtsschreibung begann in der Antike. Der Großteil der antiken Geschichtsschreibung ist allerdings verloren gegangen bzw. nur in Fragmenten erhalten (in Zitaten, Zusammenfassungen und Auszügen).Über die folgenden antiken Autoren bieten die einschlägigen Fachlexika zuverlässige Informationen. Einen guten Überblick mit weiterführender Literatur bietet etwa John Marincola (Hrsg.): A Companion to Greek and Roman Historiography. 2 Bde. Oxford u. a. 2007. Siehe auch Rainer Nickel: Lexikon der antiken Literatur. Düsseldorf u. a. 1999, Neuauflage 2006. Die griechischen Fragmente sind gesammelt in Die Fragmente der griechischen Historiker (unvollständig) sowie in Brill’s New Jacoby (noch unvollendet, mit englischer Übersetzung und Kommentar). Die Fragmente römischer Geschichtsschreiber sind gesammelt in The Fragments of the Roman Historians (einschließlich englischer Übersetzung und Kommentar). Für die Spätantike werden unter dem Reihentitel Kleine und fragmentarische Historiker der Spätantike mehrere bislang unzureichend edierte Texte mit deutscher Übersetzung und einem philologisch-historischen Kommentar publiziert. Des Weiteren ist die Reihe Translated Texts for Historians (englische Übersetzungen mit Kommentar) von Bedeutung.

Das entscheidende Merkmal der antiken Geschichtsschreibung ist die Existenz eines (zumindest vorgeblich) forschenden Verfassers, der die Ergebnisse seiner individuellen Erkundungen (griech. historiē) organisiert, interpretiert und ausgewählt durch seine Vernunft (lógos) darlegt. Daher lassen sich die epischen Gesänge von Homer aus der Ilias und der Odyssee noch nicht als Geschichtswerke definieren, wenngleich sie natürlich historische Erfahrungen verarbeiten – allerdings wohl nur aus der Zeit ihrer Entstehung (8. Jahrhundert v. Chr.). Die Handlungen der 24 Gesänge sind dichterisch gestaltet, die Überlieferung historischer Vorgänge ist nebensächlich, und vor allem beruft sich der (im Text ungenannte) Erzähler der Epen auf die Inspiration durch die Musen und nicht, wie für die Geschichtsschreibung entscheidend, auf eigene Nachforschungen und Überlegungen. Während früher unklar war, ob es in den homerischen Epen überhaupt historische Bezüge gibt, wird die Existenz Trojas durch Heinrich Schliemanns Forschungen heute meist als bewiesen angesehen (erst in jüngster Zeit wird diese Identifikation von Forschern wie Frank Kolb wieder vehement in Zweifel gezogen). Die Darstellungsabsicht der Epen ist aber primär eine künstlerische und nicht der Versuch einer Wiedergabe von Geschehenem. Die homerischen Epen können mithin als historische Quellen dienen, zumindest für ihre Entstehungszeit, stellen aber selbst keine Geschichtsschreibung dar.

Manche Historiker der Moderne und insbesondere der Postmoderne halten auch noch ältere, vorwiegend literarische, religiöse, juristische oder verwaltungstechnische Texte oder Listen (nicht nur aus Europa) für „Erzählungen“ bzw. zeitgeschichtliche Dokumentationen, die für die Geschichtswissenschaft relevant sind. Zwar enthalten auch diese Texte historische Informationen und sind daher teils wichtige historische Quellen, sie stellen jedoch selbst keine Geschichtsschreibung dar.

Ein Teil des Alten Testaments ist zwar als historischer Bericht angelegt, zum Beispiel das Buch der Könige und die Chronik; allerdings fehlt auch hier das Element des Historikers, der die Verantwortung für den Inhalt übernimmt. Eine wichtige Quelle stellen andererseits zeitgenössische Chroniken, Berichte über die Taten ägyptischer Pharaonen oder die sumerische Königsliste dar. Ein Charakteristikum der orientalischen Überlieferung ist dabei der weitgehende Verzicht auf innere Konsistenz: Innere Widersprüche werden oft nicht aufgelöst, unterschiedliche Versionen einer Geschichte stehen unverbunden nebeneinander. Dies gilt für die Bibel ebenso wie für spätere persische und muslimische Autoren.

Antike Historiker verfolgten andere Methoden und Ziele als moderne Geschichtswissenschaftler.Vgl. Nicole Loraux: Thucydides is not a colleague. In: John Marincola (Hrsg.): Greek and Roman Historiography. Oxford 2011, S. 19–39. Für das Verständnis der griechisch-römischen Geschichtsschreibung zentral ist dabei der Umstand, dass diese Texte literarische Kunstwerke waren, die Genreregeln und Gattungskonventionen unterlagen: Über mehr als 1000 Jahre stellten sich die antiken Geschichtsschreiber in auffälliger Weise in die Tradition ihrer Vorgänger, was Methode, Stil, Topik und Stoffauswahl angeht. Dass über Geschichtsschreibung als Genre mit eigenen Regeln bereits in der Antike auf hohem Niveau reflektiert wurde, belegt unter anderem die – teils allerdings ironische – Anleitung Lukians Wie man Geschichte schreiben soll (, um 170 n. Chr.). Es gilt für die antike Historiographie die Grundregel der Literaturwissenschaft, dass man stets zwischen Verfasser und Erzähler zu unterscheiden hat.

Als erster Geschichtsschreiber galt bereits im Altertum Herodot, der „Vater der Geschichtsschreibung“ (pater historiae); zu den wichtigsten Vorläufern zählt man Hekataios von Milet. Speziell die Anfänge der antiken Geschichtsschreibung sind eng mit der Geographie verknüpft. Die antike Geschichtsschreibung war ein äußerst vielfältiges literarisches Genre und umfasste unter anderem Universal- und Lokalgeschichte, zeitgeschichtliche Werke, spezielle Monographien zu einzelnen Themen (Kriege, Landeskunde, Ethnographie etc.), biographische Darstellungen usw. Das Interesse der antiken Geschichtsschreiber galt dabei explizit nur bestimmten Fragen und Aspekten, insbesondere das Alltagsleben und sozio-ökonomische Prozesse galten in der Regel nicht als geeignete Gegenstände. Dies fasste in der Spätantike Ammianus Marcellinus wie folgt zusammen, indem er auf angebliche Kritiker antwortete:

Es wäre daher grundfalsch, die im Folgenden vorgestellten antiken Historiker – von Herodot im 5. Jh. v. Chr. bis zu Theophylaktos Simokates im frühen 7. Jh. n. Chr.Vgl. Arnold J. Toynbee: Greek Historical Thought from Homer to the Age of Heraclius. Toronto 1924. – an modernen Maßstäben historischer Objektivität zu messen, zumal viele ihre Quellen nicht reflektierten oder ihren Bericht ausschmückten, obwohl „Wahrhaftigkeit“ – teils auch nur als Stilmittel – grundsätzlich immer wieder eingefordert und auch teilweise verwirklicht wurde (siehe unten Thukydides, Tacitus, Ammianus Marcellinus). Die Werke der bedeutenden antiken Geschichtsschreiber (wie Herodot, Thukydides, Polybios, Titus Livius, Tacitus, Ammianus, Prokopios) sind vielmehr künstlerische Prosa von oft hoher Qualität. Ihre Verfasser sahen sich nicht als Wissenschaftler im modernen Sinne, sondern eher als Philosophen, Literaten und Rhetoren,Vgl. Matthew Fox: Dionysius, Lucian, and the prejudice against rhetoric in history. In: The Journal of Roman Studies. 91, 2001, S. 76–93. die das ihnen vorliegende Material im Sinne ihrer jeweiligen Wirkungsabsicht bearbeiteten, filterten, interpretierten und teils auch manipulierten. Dies gilt auch für relativ zuverlässige Autoren wie Thukydides oder Tacitus.

Erschwerend kamen die Zeitumstände hinzu: Nicht immer gelangten die jeweiligen Geschichtsschreiber an alle nötigen Informationen, dies hing neben ihren eigenen Fähigkeiten unter anderem von ihrer Stellung und gesellschaftlichen Vernetzung ab. In der römischen Kaiserzeit schrieben zudem nur sehr wenige Geschichtsschreiber, selbst wenn sie Zeitgeschichte schrieben, auch über die unmittelbare Gegenwart, in der sie ihr Werk verfassten, da kritische Schilderung der Kaiser für die Autoren gefährlich sein konnte. Oft schilderten sie eher einen Zeitraum bis einige Jahre vor dem Abfassungszeitraum, als ein anderer Kaiser an der Macht war und Kritik so leichter geübt werden konnte; über die zeitgenössischen Herrscher berichteten eher Panegyriker, die ausschließlich Positives berichteten.F. Paschoud: Wie spricht man vom lebenden Kaiser. In: K. Vössing (Hrsg.): Biographie und Prosopographie. Stuttgart 2005, S. 103–118.

Wie andere literarische Texte auch bedürfen die Werke der antiken Geschichtsschreibung daher grundsätzlich stets einer gründlichen Interpretation und Kritik; ihre Aussagen sollten nie unhinterfragt übernommen werden (vgl. Quellenkritik und Hermeneutik). Wichtig ist für die Auswertung natürlich nicht zuletzt auch, ob es sich um ein zeithistorisches Werk handelt, dessen Verfasser und intendiertes Publikum das Berichtete also noch selbst erlebt hatten, oder ob über eine zur Zeit des Autors und seiner Leser bereits längst vergangene Zeit berichtet wird.

Siehe auch: Liste der Abkürzungen antiker Autoren und Werktitel

Griechenland mini|Thukydides