mini|hochkant=1.3|Hauptsitz von Biontech, An der Goldgrube 12, Mainz-Oberstadt Die Biontech SE (Eigenschreibweise: BioNTech, gebildet aus englisch Biopharmaceutical New Technologies, Aussprache: oder ) ist ein börsennotiertes deutsches Biotechnologieunternehmen mit Sitz in Mainz. Es ist tätig in der Erforschung, Entwicklung und Herstellung von Immuntherapien zur Behandlung von Krebs und anderen schweren Erkrankungen sowie Impfstoffe gegen Infektionserkrankungen. Hierfür nutzt Biontech verschiedene therapeutische Modalitäten. Dazu gehören mRNA-Krebsimmuntherapien, Immunmodulatoren und Präzisionstherapien wie Zelltherapien oder Antikörper-Wirkstoff-Konjugate. Biontech ist nach eigener Darstellung das erste Unternehmen, das ein mRNA-basiertes Humantherapeutikum zur intramuskulären Verabreichung entwickelte, das individualisierte mRNA-basierte Krebsimmuntherapie in klinischen Studien brachte und einen eigenen Herstellungsprozess für einen solchen Produktkandidaten etablierte.
Ab Anfang 2020 entwickelte Biontech den Impfstoff BNT162b2 (vorgeschlagener Internationaler Freiname Tozinameran) gegen COVID-19, ausgelöst durch das humane Coronavirus SARS-CoV-2, der in Werken von Pfizer sowie in Biontechs Herstellungsstätte in Marburg für den weltweiten Bedarf produziert wurde. Biontech hat somit als weltweit erstes Unternehmen die Zulassung für ein mRNA-basiertes COVID-19-Vakzin erhalten. Es ist gleichzeitig das erste zugelassene Arzneimittel des Unternehmens.
Geschichte Gründungsphase (2008–2014) Biontech wurde 2008 auf der Grundlage langjähriger Forschungsarbeiten von Uğur Şahin, Özlem Türeci und Christoph Huber als Biontech RNA Pharmaceuticals GmbH gegründet. Sahin und Türeci nahmen 2008 an einem Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums im Rahmen der Gründungsoffensive Biotechnologie (GO-Bio) teil und gewannen. Das Preisgeld war an die Gründung eines neuen forschenden Unternehmens gekoppelt. So entschieden sich die Forschenden, BioNTech zu gründen. Der Schwerpunkt der Unternehmenstätigkeit lag damals auf der Entwicklung und Herstellung von Technologien und Medikamenten für individualisierte Krebsimmuntherapien.Siegfried Hofmann, Katrin Terpitz: Impfung gegen Krebs. In: Handelsblatt. 16. März 2016, S. 16.B. Angenendt, M. Hollstein, C. Kerl, T. Kisling, T. Martus, L. Rethy und M. Sanches: Wer kriegt den deutschen Impfstoff? In: Hamburger Abendblatt. 11. November 2020, S. 3.
An der Gründung beteiligt waren mit einer Seed-Finanzierung von rund 180 Millionen US-Dollar Andreas und Thomas Strüngmann, die MIG-Fonds sowie Aufsichtsratsvorsitzender Helmut Jeggle. Im Jahr 2009 erfolgte die Übernahme der EUFETS und der JPT Peptide Technologies. 2012 erfolgte mit dem Start der klinischen Phase-1-Studie des MERIT-Programms (Melanoma RNA Immunotherapy; feste Kombination aus krebsspezifischen Antigenen, später als „FixVac“-Programm bekannt) der Schritt in die klinische Evaluierung. Anfang 2014 folgte der Phase-1-Start mit „Ivac Mutanome“ (erste Studie mit individualisierten Neoepitopen, dem Vorläufer des späteren „iNeST“-Programms).Kurt-Martin Mayer: Das Biotech-Wunder von Mainz. In: Focus. 26. Mai 2018, S. 62–65.Siegfried Hofmann: Deutscher Biotech-Revolutionär steht vor dem Sprung an die Nasdaq. In: Handelsblatt. 8. Oktober 2019.
Erweiterung der Plattformen (2015–2018) Zwischen den Jahren 2015 bis 2017 erfolgten umfangreiche Publikationen der Forschungsergebnisse u. a. in Nature. Darüber hinaus wurden ab 2015 Kollaborationen und gemeinsame Entwicklungsprogramme mit verschiedenen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen abgeschlossen. Biontech meldete in diesem Zeitraum eine Reihe von Patenten an und entwickelte eine mehrschichtige Strategie, um den Schutz ihres geistigen Eigentums an den verschiedenen Technologieplattformen und ihrer Anwendung bei der Behandlung von Krebs und anderen schweren Krankheiten zu gewährleisten. Im Januar 2018 schloss das Unternehmen eine Serie-A-Finanzierungsrunde über 270 Millionen US-Dollar ab, deren Kapitalertrag genutzt wurde, um den Bereich Immuntherapien weiter auszubauen.Daniel Schleidt: Vorzeigeunternehmen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 4. Januar 2018.Jürgen Salz: Krebsmedizin. Revolutionäre Zellen. In: WirtschaftsWoche. 5. Januar 2018, S. 52.
Finanzierung und Börsengang (2019) Im Juli 2019 schloss Biontech eine überzeichnete Serie-B-Finanzierung in Höhe von 225 Millionen US-Dollar ab. Es handelte sich dabei laut einer Studie von Ernst & Young um eine der größten Einzelfinanzierungen eines privaten deutschen Biotechnologieunternehmens.Thorsten Winter: Biontech gewinnt neue Investoren für Kampf gegen Krebs. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 9. Juli 2019. Im Oktober desselben Jahres folgte der Börsengang an der NASDAQ: Seit dem 10. Oktober 2019 wird Biontech als American Depository Shares (ADS) unter dem Tickersymbol BNTX gehandelt. Biontech platzierte Aktien im Wert von 150 Millionen Euro. Mit einer Bewertung von rund 3,1 Milliarden Euro auf Basis des Emissionspreises von 15 US-Dollar je Aktie konnte sich Biontech in der Spitzengruppe der deutschen Biotech-Branche etablieren.
Darüber hinaus wurden 2019 das Antikörperproduktionsgeschäft von MAB Discovery, Antikörper-Assets von MabVax Therapeutics sowie Lipocalyx aufgekauft.
COVID-19-Impfstoff (2020) mini|Fläschchen mit COVID-19-Impfstoff, Dezember 2020
Nachdem Anfang des Jahres 2020 der Ausbruch eines neuen Virus in China öffentlich bekannt geworden war, begann Mitte Januar das globale Entwicklungsprojekt Lightspeed, um einen Impfstoff gegen COVID-19 auf Basis von mRNA in möglichst kürzester Zeit zu entwickeln. Mitte März 2020 vereinbarte Biontech für die Entwicklung und Vermarktung Allianzen mit den Partnern Fosun Farma (Festlandchina, Hongkong und Macau) sowie Pfizer (weltweit außer Deutschland, Türkei und China).Pressemitteilung der Europäischen Kommission: Coronavirus: Kommission genehmigt Vertrag mit der BioNTech-Pfizer-Allianz zur Sicherstellung des Zugangs zu einem potenziellen Impfstoff. Brüssel, 11. November 2020. Klinische Studien begannen im April 2020 in Deutschland und wurden im Mai 2020 in den USA fortgesetzt. In späteren Phasen wurden weitere Länder, darunter Argentinien, Brasilien, Südafrika und die Türkei in die Studien einbezogen. Zur Unterstützung der Impfstoffproduktion erhielt BioNTech staatliche FördermittelFalk Heunemann: So viel Fördergeld hat BioNTech vom Staat bekommen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 31. Juli 2021.Heike Haarhoff: Bund fördert drei Impfhersteller. In: Die Tageszeitung. 16. September 2020, S. 6. sowie einen Kredit der Europäischen Investitionsbank.Ilka Kopplin: Geld für deutsche Impfstoff-Hoffnung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11. Juni 2020. Im November 2020 teilte Biontech mit, dass der zusammen mit Pfizer entwickelte Impfstoff eine Wirksamkeit von über 95 % beim Schutz vor einer COVID-19-Krankheit biete.
Am 1. Dezember 2020 gab die Europäische Arzneimittel-Agentur bekannt, einen Antrag auf eine bedingte Zulassung für BNT162b2 erhalten zu haben. Am darauffolgenden Tag erklärte das Vereinigte Königreich eine Notfallzulassung des Impfstoffes und den Beginn der Impfungen in der darauffolgenden Woche.Virginia Kirst: Kein Plan in Schweden, extreme Impfskepsis in Frankreich – So impft die Welt. In: Die Welt. 8. Dezember 2020. In den USA erhielt der Impfstoff am 11. Dezember 2020 die erste Zulassung in Form einer Notfallzulassung (Emergency Use Authorization).Elisabeth Dostert: Der Boom ist vorbei. In: Süddeutsche Zeitung. 11. Mai 2024, S. 24. Am 21. Dezember 2020 wurde BNT162b2 von der Europäischen Kommission eine bedingte Marktzulassung erteilt. Der Impfstoff wird offiziell seit 27. Dezember 2020 in Deutschland und weiteren EU-Staaten eingesetzt.
Erneuter Fokus auf Krebstherapie (2021–2023) Parallel zur Weiterführung und -entwicklung der COVID-19-Impfstoffe arbeitet Biontech am Ausbau ihrer klinischen Pipeline im Bereich der Onkologie sowie den dafür notwendigen Kapazitäten zur Herstellung von Medikamenten.Elisabeth Dostert: Der Boom ist vorbei. In: Süddeutsche Zeitung. 11. Mai 2024, S. 24.Thomas Schulz: Wie Biontech zum zweiten Mal Medizingeschichte schreiben will. In: Der Spiegel. 4. Februar 2024. Die ausgebauten Aktivitäten von Biontech zeigen sich in der steigenden Anzahl von Studien in fortgeschrittenen klinischen Phasen mit verschiedenen Krebstherapiekandidaten.Jürgen Salz: Das würde ein neues Zeitalter in der Krebstherapie einleiten. In: WirtschaftsWoche. 12. April 2024. Das Unternehmen erhielt von verschiedenen regulatorischen Behörden einen Prioritätsstatus für die beschleunigte Evaluierung mehrerer Kandidaten zur Krebstherapie. Ein Beispiel hierfür ist der Breakthrough-Therapy Status der FDA für BNT323/DB-1303 (Antikörper-Wirkstoff-Konjugat in der Entwicklung) zur Behandlung von Gebärmutterkrebs sowie die Orphan Drug Designation der FDA für BNT327/BMS986545 zur Behandlung von kleinzelligem Lungenkrebs. Weiterhin schloss Biontech mehrere Kollaborationen und Übernahmen zur Erweiterung ihrer Plattformtechnologien und der globalen Herstellungskapazitäten ab.Biontech forciert Krebsmittel-Entwicklung. In: Bergische Morgenpost. 23. Januar 2024, S. 9.
Um die Nutzung von KI in Forschung und Entwicklung weiter auszubauen, schloss Biontech 2023 die vollständige Übernahme von InstaDeep ab, einer Technologiefirma im Bereich KI und maschinelles Lernen. Biontech hatte bereits seit 2019 mit InstaDeep für das Design von Krebsmedikamenten zusammengearbeitet.Ralf Heidenreich: Biontech kauft Start-up. In: Oberhessische Zeitung. 11. Januar 2023. S. 1. Ab 2022 kollaborierten die Unternehmen, um ein Frühwarnsystem zur Erkennung und Überwachung von besorgniserregenden SARS-COV-2-Varianten zu etablieren. Biontech nutzt KI-basierte Anwendungen beispielsweise, um passende Neoantigene für Krebsimmuntherapien zu identifizieren oder ribologische Sequenzen für die Nutzung in ihren onkologischen Plattformen zu optimieren. Im Februar 2022 stellte Biontech einen neuen Ansatz für eine weltweite, dezentralisierte Herstellung von mRNA-basierten Therapieprodukten vor („BioNTainer“). Diese mRNA-Produktionsstätten können durch ihren containerbasierten Aufbau transportiert werden, wodurch die skalierbare Herstellung von mRNA-basierten Impfstoffen und Therapien an verschiedenen Orten weltweit ermöglicht werden soll.Nicola Meier: Alles im Kasten. In: Süddeutsche Zeitung Magazin. 22. März 2024, S. 10–23.
Im Dezember 2023 wurde der erste Biontainer-basierte Standort in Kigali, Ruanda eingeweiht. Diese Produktionsstätte stellt gleichzeitig Biontechs ersten Standort in Afrika dar. Im Januar 2023 gab die britische Regierung eine Zusammenarbeit mit Biontech bekannt, durch welche die Menschen in Großbritannien einen breiteren Zugang zu den Krebsmittelkandidaten von Biontech im Rahmen klinischer Studien erhalten würden. Bis 2030 sollten bis zu 10.000 Patienten behandelt werden. Ende 2023 gab Biontech eine mehrjährige strategische Partnerschaft mit dem australischen Bundesstaat Victoria bekannt. Hierzu gehört unter anderem der Bau einer mRNA-Produktionsanlage im klinischen Maßstab auf Basis der Biontainer-Technologie in Melbourne.Ralf Heidenreich: 70 Forscher, ein Gerücht. In: Bürstädter Zeitung. 19. Juli 2023, S. 8.
Aktuellere Entwicklungen (2024–heute) Nach dem Ende der COVID-19-Pandemie sank die Nachfrage nach dem Impfstoff, was zu einem kontinuierlichen Umsatzrückgang führte. Nachdem der Umsatz im Jahr 2023 noch 3,8 Milliarden Euro betrug, waren es im Jahr 2024 nur noch knapp 2,8 Milliarden Euro. Erstmals nach der Pandemie kam es 2024 zu einem Verlust, der rund 700 Millionen Euro betrug. 2022 hatte der Gewinn noch etwa 9,4 Milliarden Euro betragen.Biontech macht mehr als halbe Milliarde Euro Verlust – und streicht rund 1000 Stellen, Welt vom 10. März 2025, abgerufen am 10. März 2025