Cilly Levitus-Peiser (geboren am 19. Oktober 1925 in Frankfurt am Main als Cäcilie Levitus; gestorben am 3. November 2010 in Langen) war eine tschechoslowakisch-israelisch-deutsche Sozialpädagogin und Holocaustüberlebende. Von 1932 bis zu ihrer Emigration lebte sie in der Israelitischen Waisenanstalt Frankfurt. Mit einem der ersten Kindertransporte gelangte sie im November 1938 in die Niederlande und lebte dort während der deutschen Besatzung im Versteck. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte sie illegal nach Palästina einreisen, wo sie bis 1957 blieb. Mit Mann und zwei Kindern kehrte sie dann nach Frankfurt zurück und lebte ab 1961 in Langen. Sie arbeitete als Sozialpädagogin an Schulen, engagierte sich als Zeitzeugin und war Mitbegründerin der Child Survivors Deutschland, einer Selbsthilfeorganisation von Menschen, die als Kinder die Shoah überlebt hatten.
Familie Cilly Levitus war das zweite von vier Kindern der Eheleute Ignatz (* 20. August 1895 in Dunajská Streda; † 29. April 1931 in Frankfurt)Angaben für Ignatz Levitus – wie auch die nachfolgenden Geburtsdaten der Kinder – nach den Datenbanken von Ancestry. und Regina Levitus (geborene Lesegeld; * 18. Juni 1902 in Karlsbad; 1942 deportiert, Todesdatum und Todesort unklar)Stolperstein-Biographien in Frankfurt-Bornheim: Levitus, Regina und Jossel auf der Webseite der Stadt Frankfurt, die seit 1918 die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit besaßenLutz van Dijk: »Zu keinem ein Wort!« (Ausgabe 2005) und diese auch beibehielten, als sie 1922 nach Frankfurt zogen. Für ihre Kinder hatte das zur Folge, dass diese ebenfalls zu tschechoslowakischen Staatsangehörigen wurden – unabhängig von ihrem deutschen beziehungsweise französischen Geburtsort.
Bevor Ignatz und Regina Levitus nach Frankfurt zogen, betrieben sie in Karlsbad ein kleines koscheres Hotel. In Frankfurt, wo ein eigenes Haus erworben wurde, startete Ignatz Levitus ein Kinounternehmen, in dem auch seine Frau Regina mitarbeitete. Am 6. Oktober 1924 wurde Tochter Hanna (später verheiratete Cohen) geboren, und ein Jahr später folgte Cäcilie (Cilly).
Warum die von Cilly als wohlhabend beschriebene Familie 1928 nach Straßburg zog, um abermals eine koschere Pension zu eröffnen, ist nicht bekannt.In dem Interview mit Kristine von Soden beschreibt Cilly ihren Vater als einen nicht so guten Geschäftsmann, der „eines Tages sein Haus und alles verkaufte und nach Frankreich ging“ (Kristine von Soden: Einzelgespräch mit Cilly Levitus-Peiser, S. 1). Im Buch mit Lutz van Dijk heißt es dagegen: „Nach dem großen Börsenkrach am >Schwarzen Freitag< 1929 verlor er über Nacht allen Besitz. Plötzlich herrschte große Not bei uns daheim. Aus dem großen Haus mussten wir in eine kleine Wohnung umziehen.“ (Lutz van Dijk: »Zu keinem ein Wort!«, S. 15) Dort kam jedoch nicht nur als drittes Kind Tochter Jutta (* 30. Juli 1928; später verheiratete Rosen) zur Welt, sondern die Familie verlor in der Folge des Börsencrashs im Oktober 1929 ihr gesamtes Vermögen und kehrte 1930 ziemlich mittellos nach Frankfurt zurück. Hier wurde am 23. Februar 1930 das vierte Kind der Familie Levitus geboren, der Sohn Josef, genannt Jossel. Während dieser Zeit der letzten Schwangerschaft ihrer Mutter lebte Cilly bei „den Großeltern, die im ungarisch sprechenden Teil der Tschechoslowakei lebten“.
Spätestens seit 1930 war Ignatz Levitus erkrankt, litt an Husten und Atemnot und musste sich mehrfach im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde behandeln lassen. Am 29. April 1931 starb er an Lungenkrebs „und ließ Mutter mit uns vier Kindern und den Schulden zurück“. In der Folge arbeitete Regina Levitus, die „nie einen richtigen Beruf gelernt“ hatte, als Wirtschafterin in einem Privathaushalt und als Schulschwester der Israelitischen Volksschule. Ihre beiden jüngsten Kinder, Jutta und Jossel, lebten weiterhin bei ihr, während Hanna und Cilly von Herbst 1932 bis zu ihrer Emigration 1938 beziehungsweise 1940 in der Waisenanstalt lebten.Kristine von Soden: Jüdische Waisenhauskinder 1995 (Transkripte) – Einzelgespräche mit Klaus Meier-Ude (13.10.1927 in Lübeck) sowie anschließend mit Hanna und Jutta, den Schwestern von Cilly Levitus-Peiser (1924 und 1928) 1934 bekam Regina Levitus die Stelle als Köchin in der Waisenanstalt, und in der Folge zogen dort auch Jossel, der zwischenzeitlich im Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge untergebracht war, und Jutta ein. Regina Levitus war für die „milchige Küche“ zuständig und für die Ausbildung der jungen Frauen, die sich in der Waisenanstalt auf ihr Leben in Palästina vorbereiteten (Hachschara).Kristine von Soden: Jüdische Waisenhauskinder 1995 (Transkripte) – Einzelgespräch mit Cilly Levitus-Peiser
Cillys Leben in Frankfurt bis 1938 Cilly wuchs in der Welt des orthodoxen Judentums auf, das in Frankfurt durch die Israelitische Religionsgesellschaft repräsentiert und geprägt wurde. Diese jüdische Glaubensrichtung betrieb in Frankfurt eine Vielzahl von Einrichtungen, darunter auch die Waisenanstalt, die von 1932 an zu Cillys Lebensmittelpunkt wurde, sowie die der Waisenanstalt benachbarte Israelitische Volksschule„Gegründet 1892. [..] Privatschule. 1938 geschlossen. Einrichtungen der Jüdischen Wohlfahrtspflege. 1939 Zwangsverkauf. Nach dem Zweiten Weltkrieg Notunterkunft für jüdische DP’s (Displaced Persons). Neubau, Wohnhaus.“ (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Israelitische Volksschule). Zur Geschichte der Schule siehe: Baruch Stern: 50 Jahre Israelitische Volksschule Frankfurt a M, Hermon-Verlag, Frankfurt am Main 1932., in der sie eingeschult wurde, und schließlich die Samson-Raphael-Hirsch-Schule, die sie ab dem fünften Schuljahr besuchte. Eingeengt fühlte sie sich durch das orthodoxe Umfeld und die praktizierten Rituale nicht: „Es war einfach normal, weil es alle um mich herum so machten“.
Cillys Erinnerungen an ihre Schulzeit und ihrem Leben in der Waisenanstalt pendeln zwischen Erfahrungen der Strenge und Geborgenheit, letztere vor allem vermittelt durch Isidor und Rosa Marx, die die Waisenanstalt leiteten. Und was diese Frankfurter Waisenanstalt für Cilly bedeutete, wird besonders deutlich, wenn sie diese mit dem Amsterdamer Waisenhaus vergleicht, in dem sie und ihre Schwester nach ihrer Emigration aus Deutschland untergebracht wurden.
Waisenanstalt und Schule bildeten zusammen eine nach außen weitgehend abgeschirmte Welt für sich. Kontakte zu nicht-jüdischen Menschen, auch zu Gleichaltrigen, gab es so gut wie nicht.
mini|Stolpersteine für Regina Levitus und ihren Sohn Jossel Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurden die Begegnungen mit der nicht-jüdischen Bevölkerung noch unangenehmer, auf dem Weg zur Schule gehörte die Erfahrung der zunehmenden gesellschaftlichen Diskriminierung zum Alltag. In der Waisenanstalt begann man, die Kinder auf eine Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Der Englischunterricht wurde ergänzt durch das Erlernen von Ivrit.
Ende Oktober 1938 erlebte Cilly wie während der Polenaktion die polnischen Kinder aus der Waisenanstalt abgeholt wurden. Sie und ihre Geschwister blieben aber trotz ihrer nicht-deutschen Staatsangehörigkeit verschont, und Isidor Marx gelang es, zusammen mit seiner Tochter die polnischen Kinder aus der Waisenanstalt am Bahnhof vor dem Abtransport zu bewahren und in die Anstalt zurückzuholen. Wenige Tage später aber trafen die Übergriffe in der Folge der Reichspogromnacht alle Bewohner der Waisenanstalt, und für die dort lebenden Kinder wurde es immer drängender, Deutschland zu verlassen.
Es ist eine bis heute nicht restlos geklärte Geschichte, wie es dazu kam, dass nur wenige Tage nach der Pogromnacht einer der ersten Kindertransporte nach Holland erfolgen konnte. Es soll Königin Wilhelmina gewesen sein, die 300 bedrohte jüdische Kinder aus Deutschland nach Holland eingeladen habe, darunter 24 aus Frankfurt. Nach welchen Kriterien die Kinder ausgewählt wurden, die dieser Einladung folgen durften, ist nicht bekannt, aber in Frankfurt gehörten Cilly und ihre jüngere Schwester Jutta dazu. Am 22. November 1938 erfolgte die Abreise vom Frankfurter Hauptbahnhof; hier sahen sie ihre Mutter und die übrigen Erwachsenen aus der Waisenanstalt zum letzten Mal.
Niederlande 1938 bis zur Befreiung durch die Alliierten Das Ziel des Kindertransports war Utrecht, von wo aus die Kinder auf verschiedene Orte verteilt wurden.
Das Waisenhaus in der Amsterdamer Rapenburgerstraat Cilly, Jutta und ein weiteres Mädchen, HanneloreBei ihr handelt es sich laut der USC Shoah Foundation (siehe unten im Abschnitt Film und Video) um die auch auf der Seite .joodsmonument.nl erwähnte Hannelore Löwenstein (* 7. Dezember 1924 in Laufenselden – † 30. November 1943 im Vernichtungslager Sobibor)., kamen nach Amsterdam und verbrachten ihre erste Woche in einem als Quarantänestation genutzten Haus in der Rapenburgerstraat.Zur Geschichte der Rapenburgerstraat und auch des Waisenhauses siehe: Sporen van Levens auf der Webseite von onsamsterdam.nl, 12. Februar 2018. Der Artikel ist eine ausführliche Vorabrezension des Buches von Guus Luijters: Rapenburgerstraat 1940-1945, Verlag Nieuw Amsterdam, Amsterdam 2018, ISBN 978-90-468-2353-8. Nach einer Woche übersiedelten sie in das benachbarte Nederlands-Israëlitisch Meisjesweeshuis in der Rapenburgerstraat 171, ein jüdisch-orthodox geführtes Waisenhaus für Mädchen unter der Leitung von Rebekka Frank (1876–1943).Das heute unter Denkmalschutz stehende (Monumenten.nl: Rijksmonument Rapenburgerstraat 171 Amsterdam) und als Wohnhaus genutzte Gebäude „hatte im Jahr 1936 sein 175-jähriges Bestehen groß gefeiert. Seit 1912 leitete die unverheiratete (Juffrouw = Fräulein) Rebecca Frank das Haus. Geplant für ursprünglich dreißig Mädchen, beherbergte das Heim Ende 1938, als Cilly und Jutta eintrafen, zwischen siebzig und achtzig Mädchen. Rebekka Frank war zu diesem Zeitpunkt bereits über sechzig Jahre alt und schwer zuckerkrank.“ (Lutz van Dijk: »Zu keinem ein Wort!«, S. 213, Anmerkung 7. Zu Rebekka Frank (* 2. Dezember 1876 in Zierikzee – im März 1943 in Sobibor ermordet) siehe: Stichting Sobibor: Rebekka Frank & Joodsamsterdam: Rebekka Frank) Im Juli 1942 wurden die ersten drei Mädchen nach Auschwitz deportiert, wo sie im gleichen Jahr noch zu Tode kamen. Die vollständige Räumung und Deportation des Hauses folgte ab dem 10. Februar 1943. Eine Gruppe von 70 Personen, Kinder und Personal, wurden in das Durchgangslager Westerbork eingeliefert, von wo am 2. März die die Deportation der ersten 25 Mädchen und ihrer fünf Betreuerinnen nach Sobibor erfolgte. Sie wurden nach ihrer Ankunft am 5. März vergast. Eine Woche später wurden Rebekka Frank und die übrigen 38 Mädchen ebenfalls nach Sobibor deportiert und dort umgebracht. (Gemeente Amsterdam Stadsarchief: Rapenburgerstraat 171) Siehe auch: :nl:Nederlands Israëlitisch Meisjesweeshuis & Digitaal Joods Monument: Nederlands-Israëlitisch Meisjesweeshuis, Rapenburgerstraat 171, Amsterdam.
Während die jüngere Jutta sich leichter in das neue Milieu einlebte, bedeutete das Meisjesweeshuis für Cilly eine Art Kulturschock. Die Atmosphäre war für sie geprägt von schlechter Ernährung, stetigen Kontrollen durch die Erzieherinnen und der Pflicht zum Tragen einer Anstaltsuniform. Erleichterungen verschafften ihr nur die Samstage, an denen sie ganztägig das Waisenhaus verlassen durften und sie und Jutta oft Tante Meta besuchen konnten, Meta Jawetz-Oppenheimer (* 11. Juli 1882 in Frankfurt – † 12. Februar 1943 in Auschwitz), eine ihnen zugewandte, aber in ärmlichen Verhältnissen lebende Freundin ihrer Mutter.Außer um die Levitus-Schwestern kümmerte sich Meta Jawetz-Oppenheimer auch um weitere Kinder, die mit dem ersten Kindertransport aus Frankfurt nach Amsterdam gekommen waren. (M. Fortner: Bernhard, Benjamin and Miriam Ahrend auf der Webseite von Digitaal Joods Monument)
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