Als Missionsreisen des Paulus werden die im Buch der Apostelgeschichte (Bibel, Neues Testament) beschriebenen, ausgedehnten Reisen des Paulus von Tarsus bezeichnet. Diese Reisen fanden in den Jahren 47 n. Chr. bis 56 n. Chr. statt und führten hauptsächlich durch Gebiete, die heute in der Türkei und in Griechenland liegen.
Gemäß wurde Paulus von Jesus Christus auserwählt, seinen Namen in den Nationen der Nichtjuden bekanntzumachen. Die Ausführungen von Paulus in seinen späteren Briefen (beispielsweise oder ) zeigen, dass er sich mit dieser Aufgabe identifizierte und mit den Missionsreisen in die Tat umsetzte.
In seinem missionarischen Wirken war Paulus fortwährend von Mitarbeitern begleitet. Ohne die Unterstützung anderer Menschen hätte sein Handeln nicht dauerhaften Erfolg erbringen können. Er war zeitlebens in die verschiedensten sozialen Netzwerke eingebunden. Etwa fünfzig Menschen, die namentlich in den paulinischen Briefen und der lukanischen Apostelgeschichte erwähnt sind, können als direkte Mitarbeiter bezeichnet werden.Oda Wischmeyer (Hrsg.): Paulus. Leben-Umwelt-Werk-Briefe. UTB 2767, A. Fracke, Tübingen 2012, ISBN 978-3-8252-3601-4, S. 120 f. Zu nennen sind unter anderem folgende Frauen und Männer: Barnabas, Junia, Phoibe, Lydia, Silas und Timotheus. Unter den selbständig, aber in Zusammenarbeit mit Paulus Arbeitetenden können Priszilla und Aquila genannt werden.
Während der römischen Kaiserzeit war der Zeitraum von 30 n. Chr. bis 130 n. Chr. im Römischen Reich eine Epoche des inneren Friedens und der relativen Sicherheit (Pax Romana) sowie der stabilen wirtschaftlichen Verhältnisse. Paulus und seine Mitarbeiter profitierten beim Reisen von der gut ausgebauten Infrastruktur im Imperium Romanum, seinem Straßennetz von etwa 300.000 Kilometern, davon zirka 80.000 Kilometer gut ausgebaute Römerstraßen; bei der Lehrtätigkeit war die geringe Zahl und weite Verbreitung der Verkehrssprachen wie Latein und Griechisch (Koine) von Vorteil.Udo Schnelle: Die ersten 100 Jahre des Christentums: 30–130 n.Chr. UTB 2015, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8252-4606-8, S. 154 f. mini|Das Imperium Romanum während der Herrscherzeit des Claudius von 41 n. Chr. bis zu seinem Tod im Jahr 54 n. Chr. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Ausbreitung des christlichen Glaubens war die Existenz der jüdischen Diasporagemeinden. Aber auch die religiöse Vielfalt und Toleranz im römischen Reich in dieser Epoche wirkte sich begünstigend auf die Verbreitung christlicher Inhalte aus.
Hock (1980)Ronald F. Hock: The Social Context of Paul’s Ministry: Tentmaking and Apostleship. Philadelphia 1980, S. 27 rekonstruierte aus den Daten der paulinischen Reisenotizen in der Apostelgeschichte, dass Paulus während seinem missionarischen Wirken fast 16.000 Kilometer auf Straßen, Wegen etc. zurückgelegt haben muss, auf denen er römischen Regierungsbeamten, Händlern, Pilgern, Kranken, Boten, entlaufenen Sklaven, Flüchtlingen, Gefangenen, Athleten, Handwerkern, Studenten u. a. m. begegnete.zitiert aus Wayne A. Meeks: Urchristentum und Stadtkultur. Die soziale Welt der paulinischen Gemeinden. Chr. Kaiser, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1993, ISBN 3-579-01824-8, S. 38–39
Erste Missionsreise mini|Erste Reise des Paulus, um 47 n. Chr. Die erste Missionsreise des Paulus wird in der Bibel in beschrieben. Sie fand um das Jahr 47 statt und dauerte ungefähr ein Jahr. Ausgangs- und Endpunkt war Antiochia am Orontes, das heutige Antakya in der Türkei. Dort hatten laut Apostelgeschichte 13, 1 Paulus und Barnabas zusammen mit Lucius, Manaën und Simeon, genannt Niger als Propheten und Lehrer gewirkt. Die Gemeinde sandte sie im Auftrag des Heiligen Geists zur 1. Missionsreise aus.
Die Reise führte per Schiff und zu Fuß über Zypern sowie durch die kleinasischen Gegenden von Pamphylien, Pisidien und Galatien. Im Galaterbrief erinnert Paulus die Galater daran, dass er ihnen damals im Zustand körperlicher Schwäche gepredigt habe ().
+ Ort Ereignisse BibelberichtAntiochia am Orontes Paulus und Barnabas werden vom Heiligen Geist ausgewählt, das Wort Gottes weiter entfernten Gegenden zu überbringen. Die beiden machen sich in Begleitung von Barnabas’ Vetter Markus, auch Markus Johannes, zum nahe gelegenen Hafen von Seleukia Pieria auf und segeln von dort rund 200 km nach Salamis (Zypern), wo sie umgehend zu predigen beginnen. Paphos Der Zauberer Elymas versucht, den römischen Prokonsul davon abzuhalten, sich die Botschaft der drei Männer anzuhören. Paulus lässt den Magier durch Gott erblinden, worauf der Prokonsul den Glauben annimmt. Perge Die Männer segeln rund 250 km in nördliche Richtung nach Perge in Pamphylien. Markus trennt sich dort aus ungenannten Gründen von der Reisegruppe.Josef Holzner: Paulus. Herder, 1964, S. 50 f. Dieser Vorfall führt später bei der Planung der zweiten Missionsreise zu großem Streit zwischen Paulus und Barnabas, ob man Markus erneut mit auf die Reise nehmen sollte. Antiochia in Pisidien Paulus und Barnabas nehmen den Weg über Pässe ins 1.100 m hoch gelegene Antiochia in Pisidien. In Antiochia angekommen, reden die beiden am Sabbat in einer Synagoge auf Aufforderung des Synagogenvorstehers zu den Anwesenden. Paulus beschreibt die Geschichte der Israeliten vom Auszug aus Ägypten bis zum Tod von Jesus Christus und wie dadurch die Sündenvergebung ermöglicht wurde. Die Zuhörer sind begeistert und wünschen weitere Ausführungen am darauffolgenden Sabbat. Viele bekennen sich zum Christentum.
Die unbekehrten Juden werden eifersüchtig, als sich eine Woche später „fast die ganze Stadt“ versammelt, um den beiden Männern zuzuhören. Sie hetzen die Elite der Stadt gegen die beiden auf und vertreiben sie aus der Stadt. Ikonion Die Reise führt weiter nach Ikonion, wo Paulus und Barnabas erneut in der Synagoge predigen. Die Botschaft wird von einigen positiv aufgenommen, während andere die beiden Prediger steinigen wollen. Um der Gefahr zu entkommen, reisen die beiden weiter in die Städte der näheren Umgebung. Lystra Paulus heilt durch ein Wunder einen gelähmten Mann, worauf die Stadtbewohner Barnabas als Zeus und Paulus als Hermes betrachten und sich kaum davon abhalten lassen, den beiden Schlachtopfer darzubringen. Bald treffen jedoch Juden aus dem zuvor besuchten Ikonion ein, welche die Bewohner von Lystra überreden, dass die beiden Männer getötet werden sollten. Paulus wird gesteinigt und vermeintlich tot aus der Stadt geschleppt. Die Christen, die davon hören, kümmern sich um Paulus, welcher gemeinsam mit Barnabas bereits am nächsten Tag weiterreist. Derbe Paulus und Barnabas predigen in Derbe, östlich von Lystra, wo wiederum viele den Glauben annehmen. Auf der Rückreise besuchen Paulus und Barnabas erneut Lystra und Ikonion, wo sie zuvor mit dem Tod bedroht wurden, wie auch Antiochia in Pisidien. Sie ernennen Älteste in den jeweiligen Gemeinden vor Ort. Anschließend segeln sie zurück nach Antiochia, dem Ausgangspunkt der Reise.
Zweite Missionsreise mini|Zweite Reise des Paulus, um 49 n. Chr. bis 52 n. Chr. Die zweite Missionsreise des Paulus wird in der Bibel in beschrieben. Die Reise fand ungefähr in den Jahren 49 bis 52 statt. Ausgangs- und Endpunkt war Jerusalem. Die Reise führte durch die Städte in Kleinasien, welche bereits auf der ersten Missionsreise besucht worden waren sowie durch weite Teile des heutigen Griechenlands. Route und Dauer waren nicht im Voraus geplant, sondern wurden von Ereignissen unterwegs bestimmt. Eine in Delphi gefundene InschriftSIG³ 801D; PHI. über den Prokonsul Lucius Iunius Gallio Annaeanus aus der römischen Provinz Achaea, datiert auf den Sommer 52 n. Chr., gibt einen Anhalt dafür, dass Paulus im Jahr 50 n. Chr. in Korinth angekommen sein muss. Paulus hatte zu Gallio Kontakt .Anton Grabner-Haider: Kulturgeschichte der Bibel. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-57309-9, S. 369
+ Ort Ereignisse Bibelbericht Jerusalem Paulus und Barnabas werden von der Ältestenschaft in Jerusalem ausgewählt, gemeinsam mit Silas und Judas Barsabbas den Brief mit deren Entscheid zur Unnötigkeit der Beschneidung der Gemeinde von Antiochia in Pisidien zu überbringen. Antiochia am Orontes Paulus und Barnabas ermuntern die Christen während einiger Tage, bis Paulus den Vorschlag macht, die besuchten Städte der ersten Missionsreise wieder aufzusuchen, um nach dem Wohlergehen der dortigen Christen zu schauen.
Barnabas ist einverstanden, besteht jedoch darauf, seinen Vetter Markus mitzunehmen. Paulus ist dagegen, da Markus die beiden auf der ersten Missionsreise schon früh verlassen hatte. Es kommt „zu einer heftigen Auseinandersetzung“, so dass sich die beiden Männer trennen. Barnabas segelt mit Markus nach Zypern. Paulus bereist seine geplante Route durch Kilikien über Derbe nach Lystra gemeinsam mit Silas. Lystra Paulus trifft auf den jungen Halbgriechen Timotheus, welcher in der Region einen guten Ruf genießt, und wählt sich diesen als weiteren Reisegefährten aus. Obwohl kein Erfordernis mehr, lässt Paulus Timotheus beschneiden, um im weiteren Reiseverlauf den Juden vorbehaltslos das Christentum predigen zu können. Die Gruppe reist durch Phrygien, Galatien und Mysien und bemüht sich mehrmals, bestimmte Ziele, beispielsweise Bithynien am Schwarzen Meer, zu erreichen, was ihr jedoch durch den heiligen Geist verwehrt wird. Troas Paulus hat in der Nacht eine Vision, in welcher er aufgefordert wird, nach Makedonien zu reisen. Paulus ist überzeugt, dass dies ein Auftrag von Gott ist und die Gruppe macht sich umgehend mit dem Segelboot auf den Weg. Ab diesem Zeitpunkt gehört auch Lukas, der Schreiber der Apostelgeschichte, für einige Zeit zum Reisetrupp, was nach Meinung einiger Ausleger am Wechsel des Schreibstils von der dritten zur ersten Person Plural ersichtlich sei. Philippi In Makedonien angelangt trifft Paulus auf Lydia, eine Purpurhändlerin. Sie nimmt den christlichen Glauben an, als erste bekannte Person auf europäischem Boden, und lässt die Reisegruppe bei sich wohnen. Wie aus hervorgeht, beherbergt sie von da an auch christlichen Zusammenkünfte in ihrem Haus.
Paulus treibt aus einem Mädchen einen Dämon aus, welcher es zur Wahrsagerei befähigte. Da den Herren des Mädchen nun eine ertragreiche Einkommensquelle entgeht, schleppen sie Paulus und Silas vor die Magistraten der Stadt. Die lassen die beiden mit Ruten schlagen und anschließend an den Stock gelegt ins Gefängnis werfen.
Paulus und Silas singen Loblieder für Gott, als um Mitternacht ein Erdbeben das Gefängnis erschüttert, so dass sich sämtliche Türen und Fesseln öffnen. Der Gefängnisaufseher wacht auf und will sich das Leben nehmen, da er denkt, die Gefangenen seien entflohen. Als Paulus und Silas ihn wissen lassen, dass sie noch da sind, lädt er die beiden zu sich nach Hause ein, versorgt ihre Wunden und nimmt er das Christentum an.
Am Morgen verlangen die Magistrate die Herausgabe von Paulus und Silas. Diese berufen sich auf ihre Rechte als Römer und klagen die Magistraten der widerrechtlichen Bestrafung am Vortag an. Die Stadtvorsteher begleiten die beiden Männer daraufhin persönlich aus der Stadt in die Freiheit. Thessalonich Die Männer reisen über Amphipolis und Apollonia nach Thessalonich, wo sie mehrmals in der Synagoge predigen, woraufhin eine große Anzahl der Zuhörer den Glauben annehmen, darunter auch prominente Frauen der Stadt.
Juden, die eifersüchtig auf den Erfolg sind, organisieren eine Pöbelrotte und nehmen Jason gefangen, bei welchem sich Paulus und Silas zuvor aufhielten. Sie schleppen ihn, zusammen mit anderen Christen, zu den Stadtvorstehern, wo sie Anklage wegen Volksaufwiegelung und Untreue gegenüber dem Kaiser erheben. Paulus und Silas verlassen die Stadt bei Nacht. Die Stadtvorsteher gehen nicht näher auf die Anklage ein. Beröa In Beröa erweisen sich die Juden als „freundlicher als die in Thessalonich“ und zeigen großes Interesse an den christlichen Schriften. Wiederum nehmen viele den Glauben an.