mini|Justinuskirche in Frankfurt-Höchst mini|Kirchhof und Nordfassade der Justinuskirche
Die karolingische Justinuskirche (auch: Margarethenkirche) in Frankfurt-Höchst ist das älteste erhaltene Gebäude in Frankfurt am Main und eine der ältesten Kirchen in Deutschland.
Die dreischiffige Basilika stammt aus der Zeit nach 830.Eine dendrochronologische Untersuchung eines Mauerankers ergab das Baudatum 850 ±8 Jahre. Wolfgang Metternich: Die Justinus-Kapelle in Frankfurt-Höchst. In: Frankfurt am Main und Umgebung. Führer zu archäologischen Dankmälern in Deutschland Bd. 19. Stuttgart, Theiss Verlag 1989, ISBN 3-8062-0585-X, S. 159–164, hier: S. 160. Der spätgotische Hochchor entstand ab 1441. Die Kirche steht am östlichen Ende der gut erhaltenen Höchster Altstadt hoch über dem Main. Zur Stadt hin besitzt sie einen Vorplatz, zum Main hin einen großen Blumen- und Kräutergarten, dessen Begrenzung die erhaltene Höchster Stadtmauer bildet.
Die große Bedeutung der Justinuskirche gründet sich einerseits auf ihre bedeutende Bauplastik (vor allem die karolingischen Kapitelle und das spätgotische Nordportal), andererseits darauf, dass sie eine der wenigen fast vollständig erhaltenen frühmittelalterlichen Kirchen ist und seit rund 1150 Jahren ununterbrochen als Kirche genutzt wird. Hier wird auf der 1988 erneuerte Orgel alljährlich der Konzertzyklus Höchster Orgelsommer gespielt.
Geschichte Überblick mini|links|hochkant|Bauherren der Kirche: Erzbischof Otgar von Mainz (rechts) und sein Nachfolger Rabanus Maurus (links) – Darstellung aus manu- scriptum Fuldense um 830 mini|hochkant|Nordportal mit den Figuren des Paulus von Theben und Antonius des Großen mini|links|Ochsenaugen-Fenster anstelle des ursprünglichen Westportals mini|hochkant|Karolingisches Kapitell in korinthischer Ordnung
Die Geschichte der Kirche hängt eng mit der der Stadt Höchst zusammen. Die fränkische Siedlung, rund 25 Kilometer östlich von Mainz auf einer Anhöhe über der Mündung der Nidda in den Main gelegen, wurde im Lauf des Mittelalters von den Erzbischöfen von Mainz als Tochterstadt aufgebaut. Die erste bekannte urkundliche Erwähnung der Stadt stammt aus dem Jahr 790.
Erzbischof Otgar von Mainz (826–847) ließ in Höchst eine für die damalige Zeit recht große, dem Bekenner Justinus geweihte Kirche errichten, dessen Gebeine er als Reliquien aus Italien mitgebracht hatte. Die Kirche, die für die Siedlung Höchst viel zu groß war, sollte als Machtsymbol gegen den Königshof in Frankfurt stehen. Rabanus Maurus, Otgars Nachfolger, nahm um 850 die Weihe der Justinuskirche vor. Sie diente zunächst als Pfarrkirche. Die Gebeine des Namenspatrons St. Justinus wurden in die neue Kirche gebracht, wo sie etwa 450 Jahre lang blieben.
1024 fand in Höchst eine Synode des Mainzer Erzbischofs Aribo und der zahlreichen Mainz unterstellten Bistümer statt. 1090 ging die Kirche als Schenkung an die Benediktiner von St. Alban in Mainz über. Die Kirche wurde in Schriften des Stifts gezielt als einsturzgefährdet bezeichnet; St. Alban erhielt auf diese Weise als Dreingabe weitere Ländereien und Privilegien in Höchst. Renovierungsarbeiten an der angeblich baufälligen Kirche fanden jedoch nicht statt.Wolfgang Metternich: Höchst erstaunliche Geschichte. Frankfurt am Main 1994: Kramer, ISBN 3-7829-0447-8 St. Justinus war seitdem Pfarr- und Klosterkirche.
Das Kloster brachte die Justinusreliquien 1298 nach St. Alban. Die Höchster Kirche wurde daraufhin der Hl. Margarethe als neuer Patronin geweiht, damit war und ist die Justinuskirche eigentlich eine Margaretenkirche. Die bis 1961 gefeierte Höchster Kirchweih hieß seit dem Mittelalter folgerichtig Margaretenkerb, daran änderte sich auch mit Einweihung der neuen Pfarrkirche St. Josef im Jahr 1909 nichts. Der vergessene Name Justinuskirche wurde durch historische Forschungen im 18. und 19. Jahrhundert wieder in der Fachwelt und der Öffentlichkeit bekannt. Dass die Margaretenkirche heute wieder nach ihrem ursprünglichen Namenspatron benannt wird, geht auf eine Initiative des Höchster Pfarrers Emil Siering (1841–1899) zurück.
Im Jahr 1441 siedelte das Antoniterkloster aus Roßdorf bei Hanau nach Höchst um, die seit 1419 nur noch als Pfarrkirche genutzte Justinuskirche diente seitdem auch wieder als Klosterkirche. Die Antoniter gaben als Chorherren 1442 den Bau eines spätgotischen Chors und zahlreicher anderer Erweiterungen in Auftrag. Der ältere karolingische Bauteil der Justinuskirche diente als Pfarrkirche für die Gemeinde, während der durch einen Lettner abgeteilte Chor den Antonitern vorbehalten war. Das Antoniterkloster wurde 1802 aufgelöst.
Nach der Einweihung der großen neuromanischen Josefskirche in der Hostatostraße übernahm diese die Funktion der katholischen Pfarrkirche der inzwischen stark gewachsenen Industriestadt Höchst. Die Justinuskirche wird seit 2009 als „Sommerkirche“ für Gottesdienste genutzt und ist ein beliebter Ort für Hochzeiten. Wegen ihrer ausgezeichneten Konzertorgel und ihrer Akustik finden im Rahmen des „Höchster Orgelsommers“ Konzerte mit internationalen Künstlern statt.
1930 bis 1932 wurde vorrangig die Bausubstanz des Kirchengebäudes restauriert, die Ausstattung der Kirche insbesondere in den 1980er Jahren. Seit dem Frühjahr 2009 findet eine Komplettsanierung des Daches statt. In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass der gotische Chor erneut von Wassereinbrüchen im Untergrund bedroht wird. Der Chor wird durch Abpumpen des Wassers und Stabilisierung des Untergrundes gesichert.Annegret Schirrmacher: Zeitbombe unter der Justinuskirche. Frankfurter Rundschau vom 27. April 2009 (online) Danijel Majic: Hilfe für ein undichtes Kleinod. Frankfurter Rundschau vom 8. Mai 2009.
Die Justinuskirche gehört seit dem 21. Jahrhundert als Filialkirche zur Pfarrei St. Josef im Bezirk Frankfurt des Bistums Limburg.
Justinuskirchhof mini|Garten der Justinuskirche
Der Platz um die Justinuskirche war seit dem Mittelalter der Höchster Friedhof. Auch in der Kirche fanden Bestattungen statt. Dort wurden insbesondere Generalpräzeptoren und Chorherren des Antoniter-Ordens beigesetzt. Die Familien von Dalberg und von Kapp hatten Familiengrüfte in diesem Gotteshaus.
Nachdem bereits 1804 das Beinhaus an der Justinuskirche abgerissen worden war, wurde der Kirchhof 1810 aufgegeben. Er wurde in den Jahren 1930 bis 1932 im Rahmen der Renovierung der Kirche abgetragen und der Platz vor der Kirche gepflastert. Nur noch eine Pietà an der Nordfassade der Kirche, acht Grabplatten im Inneren der Kirche und einige verwitterte Grabsteine im Garten auf der Mainseite erinnern an die Begräbnisstätte.
Bei Grabungsarbeiten für einen Regenwasserkanal fanden die Archäologen Mitte September 2019 mehrere Skelette, darunter das eines Mädchens mit Jungfrauenkrone.
Der auf der Mainseite gelegene Garten der Justinuskirche wurde in seiner Bepflanzung zu Beginn der 1990er Jahre angelegt. Hier werden von den Antonitern verwendete Heilkräuter kultiviert. Für die Öffentlichkeit ist der Garten seit 2004 vom Frühjahr bis zum Herbst zugänglich.
Architektur Die karolingische Basilika mini|links|Mittelschiff mini|Grundriss der Kirche im 9. Jh. mini|Reste der Ausmalung des karolingischen Kirchenschiffs
Die ursprüngliche Kirche war eine dreischiffige, sechsjochige Basilika mit drei Altarräumen (Sanktuarien) und drei halbrunden Apsiden. Der Zugang befand sich an der Westseite des Mittelschiffs, im Bereich des heutigen Kirchgärtchens. Die Architektur zeigt Ansätze zur Raumdurchdringung mit Bildung eines Querschiffs und einer Vierung und steht damit an der Schwelle zur Hochromanik.Metternich 1989, S. 161
Das Westportal ist bis auf ein ovales Ochsenauge vermauert, der Eingang befindet sich auf der Nordseite der Kirche, die über das nördliche Sanktuarium betreten werden kann. Die Seitenschifffenster im nördlichen Obergaden sind heute zugemauert. Im Norden wurden spätgotische Kapellen angefügt, im Süden die karolingischen Kirchenfenster durch gotische ersetzt. Auch die Apsiden fielen der Erweiterung im 15. Jahrhundert zum Opfer. Anstelle des südlichen Altarraums befindet sich heute die Sakristei.
Der Rest der karolingischen Anlage ist jedoch erhalten: die beiden anderen Altarräume, das Mittelschiff mit seinen kleinen Rundbogenfenstern, die flache Decke, die Seitenschiffe und vor allem die zwei mal fünf Rundsäulen mit ihren korinthisierenden Kapitellen, die zu den bedeutendsten Werken karolingischer Bildhauerkunst gehören.
Spätgotische Erweiterungen Bis zum Ende der Zugehörigkeit zum Benediktinerkloster St. Alban 1419, also fast sechs Jahrhunderte lang, wurde die Kirche baulich kaum verändert.
Zwischen 1420 und 1430 wurde der südliche der drei karolingischen Altarräume abgerissen und durch eine gotische Heiligkreuzkapelle, die heutige Sakristei, ersetzt. An das nördliche Seitenschiff wurden drei weitere Kapellen angefügt.
Nordportal Aufgrund der Verlegung des Zugangs von der Westseite zum heutigen Justinusplatz auf der Nordseite der Kirche entstand dort um 1442 ein reich geschmücktes Nordportal, ein Spitzbogen-Portal mit krabbenbesetztem Kielbogen und Kreuzblume. Es wird von Replikaten zweier spätgotischer Statuen – die Originale befinden sich in der Taufkapelle – der Wüstenväter Paulus von Theben (links) und Antonius Abbas, des Ordenspatrons der Antoniter, begleitet. Das Heiligenpaar wird bei den Antonitern in der Regel gemeinsam dargestellt, so auch auf dem berühmten Isenheimer Altar des Mathias Grünewald in Colmar. Dies entspricht der Vita des hl. Paulus, verfasst von Hieronymus, wonach die beiden Eremiten in der ägyptischen Wüste zusammentrafen. Das Portal wurde von Steinmetzen der Frankfurter Dombauhütte geschaffen, die beiden Figuren von der Hand des Steffan von Irlebach.
Da bei der Bauausführung das Nordportal offenbar zu weit nach Westen gesetzt worden war, behalfen die Beauftragten damit, dass sie die Westwand der Kirche in einem Winkel von gut 12 Grad abknicken ließen, um den Baufehler auszugleichen, was kaum erkennbar ist.
Hochchor mini|links|hochkant|Südostwärts geneigter Chor mini|Grundriss der Kirche nach dem Umbau im 15. Jh.
Die Antoniter, seit 1441 Hausherren der Kirche, benötigten, den Regeln der Augustiner-Chorherren entsprechend, einen größeren Chor. Bald nach der Übernahme der Kirche wurde dieser in Auftrag gegeben. Es entstand ein einschiffiger, hoher Chorraum mit sieben Maßwerkfenstern, zwei Jochen und einem 5/8-Chorschluss. Der Chor war deutlich höher als die bestehende Basilika, dieser Gegensatz bestimmt bis heute den Anblick der weithin sichtbar über dem Mainufer gelegenen Kirche.
Da der Anbau des gotischen Hochchors der Justinuskirche auf unsicherem Untergrund geschah, waren dafür umfangreiche Vorarbeiten notwendig. Denn im aufgeschütteten Untergrund – am südöstlichen Fuß des Abhangs unterhalb der karolingischen Kirche auf Höhe des Mains – entspringt eine reich sprudelnde Quelle, die noch heute ihr Wasser spendet. Durch sie begannen die in den Untergrund getriebenen Stützbalken schon nach wenigen Jahrzehnten zu faulen. Hinzu kamen Schäden durch ein schwaches Erdbeben. Dadurch senkte sich der Chor, so dass der Anbau seitdem eine leichte Neigung südostwärts zum Main hat. Dies ist insbesondere im Inneren der Kirche beim Blick auf den Hochaltar zu erkennen.
Bereits 1523 musste daher das ursprüngliche Netzgewölbe des Chors wegen Einsturzgefahr abgetragen und durch eine provisorische Bretterdecke ersetzt werden. Die Veränderungen von 1523, zu denen auch gehörte, dass mehrere der Hochchorfenster zugemauert wurden, ist noch immer an den Ansätzen des verschwundenen Netzgewölbes an den Chorwänden erkennbar. Die Schlusssteine des Hochchores mit den Wappen der Bauherren der Justinuskirche haben sich erhalten. Sie sind im Justinusgarten zu besichtigen. Die provisorische Bretterdecke wurde erst bei der Renovierung 1930 entfernt und durch eine abgehängte Rabitzdecke ersetzt. Ebenso wurden die zugemauerten Chorfenster hinter dem Hochaltar wieder geöffnet.