mini|James Damore bei der Portland State University (2018) Google’s Ideological Echo Chamber („Googles ideologische Echokammer“), häufig auch Google Memo bezeichnet, ist ein internes Memo, das vom amerikanischen Google-Ingenieur James Damore über die ideologische Haltung des Unternehmens gegenüber der Diversität geschrieben wurde. In dem Memo legte Damore dar, dass nach seiner Ansicht Google eine Diskussion über den Umgang mit Diversität unterbinde und begründete seine Auffassung, dass geschlechtsspezifische Ungleichheit in der Spitzentechnologie teilweise auf bestimmte Unterschiede zwischen Männern und Frauen zurückzuführen sei. Zusätzlich machte Damore Vorschläge, wie in der Softwareentwicklung tätige Frauen gefördert werden könnten. Google CEO Sundar Pichai sah in dem Memo eine Aufrechterhaltung schädlicher Geschlechterstereotypen und entließ am 7. August 2017 Damore wegen Verletzung des Verhaltenskodex des Unternehmens. Das Memo sowie die Entlassung fanden breite Wahrnehmung in Massenmedien und öffentlicher Diskussion.

Inhalt Das Memo begann mit folgenden Thesen: Googles politische Tendenz setze Freiheit vor Angriffen mit psychologischer Sicherheit gleich, aber die Nötigung zu Stillschweigen sei Antithese psychologischer Sicherheit. Dieses Ruhigstellen sorge für eine ideologische Echokammer, in der einige Dogmen zu heilig seien, um offen diskutiert zu werden. Der Mangel an Diskussion fördere eine extreme und autoritäre Ausprägung dieser Ideologie: Extrem, weil alle Disparitäten in der Repräsentation auf Unterdrückung zurückgeführt würden. Autoritär, weil diskriminiert werden sollte, um diese Unterdrückung zu korrigieren. Unterschiede in der Verteilung bestimmter geschlechtsspezifischer Eigenschaften könnten zum Teil erklären, warum keine paritätische Vertretung von Frauen in Technologie und Management bestehe. Diskriminierung zur Erreichung von Gleichverteilung sei unfair, spaltend und schlecht für die Wirtschaft.

Damore äußerte in seinem Memorandum die Meinung, die ideologische Ausrichtung von Google trübe das Nachdenken über Vielfalt und Integration und stehe damit der Diversität im Weg. Er schrieb: „Die Verteilung der Präferenzen und Fähigkeiten von Männern und Frauen unterscheidet sich zum Teil aufgrund biologischer Ursachen, und diese Unterschiede können erklären, warum wir Frauen in Technologie und Management nicht im gleichen Ausmaß vertreten sehen.“ Laut Damore wären diese Unterschiede darauf zurückzuführen, dass Frauen mehr sozial veranlagt, auf Konsens und Kollaboration ausgerichtet seien. Männer würden sich hingegen mehr für systematisches Denken interessieren, hätten deshalb vielleicht einen direkteren Zugang zum Programmieren, und sie seien auf jeden Fall mehr auf „Status“ und dessen Symbole fixiert. Frauen würden dagegen eher nach einer Work-Life-Balance streben, und, statt Tag und Nacht am Arbeitsplatz zu verbringen, lieber in Teilzeit arbeiten. Damore schlug Änderungen bei Google vor, um den Ansprüchen von Frauen besser gerecht zu werden, wie z. B. Paarprogrammierung, eine Verbesserung der Work-Life-Balance, Förderung von Teilzeitarbeit u. a. Daneben sprach sich Damore auch für einen Kulturwandel aus: Empathie solle weniger Wert beigemessen werden, stattdessen der Benefit emotionaler Ungebundenheit genutzt werden, geschlechterspezifische Programme und Kurse wären wegen ihrer spaltenden Wirkung einzustellen.

Ablauf der Ereignisse Damore gab an, das Memo nach Teilnahme an einem Diversity-Programm bei Google während eines Fluges nach China geschrieben zu haben. Dieses Programm sei enttäuschend, der Versuch, dies in seiner Peergroup zu diskutieren, erfolglos gewesen. Das Memo war datiert auf Juli 2017 und wurde ursprünglich nur über eine interne Mailingliste verteilt. Am 5. August wurde eine Version auf Gizmodo veröffentlicht und gelangte so an die Öffentlichkeit: Dies führte zu kontroversen Diskussionen in den Social Media. Google stellte offiziell klar, nicht hinter dem Dokument zu stehen. Mehrere aktuelle wie auch ehemalige Mitarbeiter äußerten Kritik. Gemäß Wired war in den internen Foren bei Google aber auch Unterstützung für Damore vorhanden.

Am 7. August 2017 wurde Damore fristlos entlassen.

Danielle Brown, Vice President Diversity & Governance, erklärte am 8. August 2017 bezüglich des Memos: „Ein Teil des Aufbaus eines offenen, integrativen Umfelds bedeutet die Förderung einer Kultur, in der sich diejenigen mit alternativen Ansichten, einschließlich unterschiedlicher politischer Ansichten, beim Austausch ihrer Meinungen sicher fühlen. Dieser Diskurs muss aber nach den Prinzipien gleicher Beschäftigungschancen, formuliert im Verhaltenskodex, unseren Richtlinien und den Antidiskriminierungsgesetzen, erfolgen.“

Eines seiner ersten Interviews gab Damore dem kanadischen Psychologie-Professor Jordan Peterson auf dessen Youtube-Kanal.Nora Schareika: Alt-Right mag James Damore. In: n-tv. 10. August 2017.

Ein ursprünglich für den 11. August angesetztes Mitarbeitertreffen von Google wurde kurzfristig von Google-Chef Sundar Pichai abgesagt, in einer internen E-Mail begründete er dies mit Sorgen um die Sicherheit von Beschäftigten. Auf einigen Websites in den USA waren bereits Informationen zu mehreren Mitarbeitern veröffentlicht worden, die Fragen auf dem Treffen stellen wollten.Google sagt Mitarbeitertreffen zu Gender-Text ab. In: Handelsblatt. 11. August 2017.

Hintergrund Google kämpft derzeit wie viele seiner Wettbewerber darum, den geringen Frauenanteil in der Belegschaft zu erhöhen. Konzernweit liegt er bei 31 %, in technischen Funktionen aber nur bei einem Fünftel. Vom US-Arbeitsministerium liegt seit April 2017 eine Klage gegen Google vor Gericht, in der der Firma die systematische Diskriminierung von Frauen vorgeworfen wird.Sam Levin: Google accused of ‚extreme‘ gender pay discrimination by US labor department. In: The Guardian. 7. April 2017. Anfang 2017 wies ein Richter das Unternehmen an, Gehaltsabrechnungen offenzulegen.Sam Levin: Google told to hand over salary details in gender equality court battle. In: The Guardian. 17. Juli 2017 Am 14. September 2017 reichten drei frühere Google-Mitarbeiterinnen Klage wegen „systematischer und allgegenwärtiger Diskriminierung“ vor einem Gericht in San Francisco ein: Frauen würden bei Google bei gleicher „Kompetenz, Erfahrung und Position“ geringer bezahlt. Außerdem würden ihnen weniger Beförderungen angeboten als ihren männlichen Mitstreitern.Frühere Mitarbeiterinnen verklagen Google In: Die Zeit. 15. September 2017. Anfang 2019 wurde bekannt, dass bei Google angestellte Frauen teilweise besser verdienen als ihre männlichen Kollegen in gleicher Karrierestufe. Bei dieser Analyse wird allerdings kritisiert, dass Frauen trotz gleicher Qualifikation systematisch niedriger eingestuft werden als Männer.

Auch in der Investorenszene des Silicon Valley ist das Thema nach einer Klage einer ehemaligen Junior-Partnerin wegen Diskriminierung gegen ihren damaligen Arbeitgeber, die Venture-Capital-Gesellschaft Kleiner Perkins Caufield & Byers, präsent.

Rezeption Wissenschaft Zahlreiche Wissenschaftler mit Expertise u. a. in Sexualwissenschaften, Evolutionsbiologie, Biologie, Soziologie, Psychologie, Neurologie und Gender Studies haben sich zum Inhalt des Memos geäußert; ihre Einschätzungen fallen teilweise konträr aus. Das Spektrum reicht von der Bestätigung, Damore habe seine Überlegungen plausibel mit Fachartikeln begründet, bis hin zu vollständigem Widerspruch. Vielfach werden Einschränkungen formuliert, die herangezogenen Studien wären grundsätzlich valide, würden aber z. B. nur Teile der relevanten Aspekte beleuchten oder wären für die Sozialstruktur im Unternehmen Google nicht repräsentativ. Mehrfach wurde auch erwähnt, ein Rückschluss von Durchschnittswerten auf Individuen sei bei einer breiten Streuung von Merkmalen nicht hilfreich.

Die britische Soziologin Catherine Hakim, mit deren Studien Damore u. a. seine Thesen begründete, sagte gemäß The Guardian etwa, dass ihre Thesen zwar korrekt wiedergegeben wurden, doch dass „der Versuch, diese mit dem Berufsleben zu verknüpfen, Unsinn“ sei.Paul Lewis: ‘I see things differently‘: James Damore on his autism and the Google memo. In: The Guardian. 16. November 2017.

Auch für den estnischen Psychologen Jüri Allik, auf den sich Damore bezogen hatte, war Damore zu weit gegangen, indem er aus Alliks Studie zu Persönlichkeitsvariationen über Länder hinweg extrapolierte; es sei riskant, durchschnittliche Persönlichkeitsmerkmale mit Themen wie Berufswahl zu verknüpfen. Nebenbei seien die geschlechtsspezifischen Unterschiede gemäß Alliks Forschung „sehr, sehr klein“, wenn nicht „mikroskopisch“.

Jordan Peterson, Psychologie-Professor an der Universität von Toronto, interviewte Damore auf Youtube. Er sagte dabei, dass seiner Meinung nach Darmores Thesen von wissenschaftlichen Beweisen unterstützt würden und das Memo in seinen Augen kein diversitätsfeindliches Manifest sei.

Lee Jussim, Professor für Sozialpsychologie an der Rutgers University, schrieb, dass „der Autor des Google Aufsatzes über die Problematik der Diversität die ganze Wissenschaft und ihre Implikationen genau richtig“ verstünde, darunter: „Weder Links noch Rechts versteht die Diversität ganz richtig“ und dass es eine „autoritäre und repressive Atmosphäre“ zur Diskussion des Themas gibt.

Nach Auffassung von Caryl Rivers von der Boston University und Rosalind Barnett von der Brandeis University impliziere Damore, dass Stress und Angst inhärente weibliche Persönlichkeitsmerkmale wären. In Wirklichkeit seien diese aber auf in dem Umfang bei Männern nicht vorhandenen Druck und Diskriminierung zurückzuführen. So habe beispielsweise die 2008 von großen Unternehmen unterstützte Studie „The Athena Factor“ ergeben, dass in männlich dominierten Bereichen Frauen in hohen Positionen bei Patzern schärfere Sanktionen als Männer und im Gegensatz zu diesen keine zweite Chance erhielten.Caryl Rivers, Rosalind Barnett: We’ve studied gender and STEM for 25 years. The science doesn’t support the Google memo. In: recode. 11. August 2017.

Jonathan Haidt, Professor für Ethische Führung an der New York University’s Stern School of Business und Sean Stevens, Forschungsdirektor der Heterodox Academy, bestätigten, dass Damore insofern richtig läge, dass die Geschlechter unterschiedliche Merkmale aufweisen würden, aber dass es „extrem wichtig“ sei, zwischen Interesse/Freude und Fähigkeiten zu unterscheiden. Sie sagten auch, eine solche Schlussfolgerung würde weder das Vorhandensein von Belästigung und Entmutigung im Silicon Valley noch deren Auswirkung auf Ergebnisdisparitäten bestreiten.

Gemäß David P. Schmitt, Persönlichkeitspsychologe und Autor in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift Psychology Today, bestünden seines „Erachtens Geschlechtsunterschiede in der negativen Emotionalität“ und dies sei „keine falsche Annahme über Geschlecht“, sondern „empirisch gut unterstützt“. Diese Unterschiede wären aber wahrscheinlich nicht besonders groß und irrelevant für einen Arbeitsplatz bei Google. Weiterhin äußerte er die Ansicht: „Eine ganze Gruppe von Persönlichkeiten auf jemandes biologischem Geschlecht zu reduzieren, ist wie eine chirurgische Operation mit einer Axt. Nicht genau genug, um viel Gutes zu tun, wird jedoch wahrscheinlich viel Schaden verursachen. Darüber hinaus sind Männer in bestimmten Situationen emotionaler als Frauen. Auch die Unterschiede in der Emotionen hängen von der Art des Gefühls ab, wie es gemessen wird, wo es ausgedrückt wird, wenn es ausgedrückt wird und viele andere kontextuelle Faktoren. Wie das alles in den Google-Arbeitsplatz passt, ist mir unklar.“