mini|H. G. Wells (1890) A Story of the Days To Come ist der Titel eines 1899Erstmals in den Ausgaben von Juni bis Oktober des The Pall Mall Magazine und später in der Sammlung von Wells’ Kurzgeschichten Tales of Space and Time. publizierter Kurzromans von H. G. Wells. Er spielt im 22. Jh. in London und handelt, am Beispiel des Liebespaars Elizabeth und Denton, von Versuchen der Gedankensteuerung und intriganten Manipulationen in einer dystopischen Dreiklassengesellschaft. Die deutsche Übersetzung Von kommenden Tagen von Lisl Nürenberger-Körbler und Andreas Ch. Körbler erschien 1980.Im Paul Zsolnay Verlag Wien/Hamburg.
Inhalt In Wells Roman-Vision lebt die Bevölkerung Großbritanniens im 22. Jh. in wenigen Großstädten, die mit Glaskuppeln überdacht sind, um das künstliche Klima gleichmäßig zu halten. Die Landarbeiter fahren täglich auf breiten Autobahnen mit schnellen Vielrädern zu ihren Arbeitsplätzen im Stadtumland.
Die Dreiklassengesellschaft des Landes spiegelt sich in der Lage der Wohnungen in den Hochhäusern: Die wenigen Reichen logieren oben, am Stadtrand mit Aussicht auf das Umland, die Mittelschicht, je nach Rang, in den mittleren Etagen der Riesenhotels. Die Unterschicht der Arbeiter ist im Erdgeschoss und in den Kellern einquartiert. Die Stadt ist durch breite Straßen durchzogen. Daneben werden die Fußgänger auf Laufbändern transportiert, z. B. durch das von optischer und akustischer Werbung überflutete Geschäftszentrum mit riesigen Kaufhäusern, in denen die Wohlhabenden ein vielfältiges Angebot finden und ständig durch Models zum Kauf der Neuheiten animiert werden. Vom Flughafen aus verbindet ein reger Luftverkehr die Stadt mit der Welt.
Die Handlung des Romans spielt in London. Der Vater der Hauptfigur, Mr. Mwres (Morris in der historischen Zeit), ist ein Beamter des Windmühlen- und Wasserfall-Trusts, der sämtliche elektrische Energie liefert. Als Angehöriger der Mittelschicht wohnt er im 17. Stock eines Riesenhotels. Er hat sich seine Körperbehaarung operativ entfernen lassen und trägt pneumatische Kleidung, die ihn sowohl gegen Kälte als auch Hitze schützt. Mwres möchte seine 18-jährige Tochter Elizebeo (Elizabeth) mit dem in sie verliebten 40-jährigen, durch Spekulationen reich gewordenen Bindon verheiraten (Kap. 1: Das Heilmittel gegen die Liebe). Sie weigert sich jedoch, denn sie ist mit Denton, mit einem Flughafen-Angestellten, befreundet, mit dem sie Gedichte austauscht und ihre Begeisterung für historische Zeiten teilt. Um seinen Willen durchzusetzen, beauftragt Mwres einen Hypnotiseur, in einer unter einem Vorwand eingefädelten Sitzung, ihre Erinnerungen an den Geliebten auszulöschen und sie erkennt Denton bei der nächsten Begegnung nicht wieder.
Denton kommt der Gehirnwäsche Elizabeths auf die Spur und zwingt den Hypnotiseur, die Behandlung rückgängig zu machen. Die beiden Liebenden wollen dem Gefängnis der Stadt entfliehen. Sie heiraten und leben aus Natur- und Geschichtsromantik in einer Hausruine auf dem Land (Kap. 2: Das offene Land). Sie müssen jedoch nach heftigem Regen, dem Ende ihrer Nahrungsreserven und der Abwehr eines Hunderudels in die Stadt zurückkehren.
Denton rächt sich für seine Zurückweisung. Er beobachtet das Liebespaar und verhindert die Unterstützung Elizabeths durch ihren Vater, die Weiterbeschäftigung Dentons auf dem Flughafen und seine Einstellung in Geschäften (Kap. 5: Bindon greift ein). So will er ihren wirtschaftlichen Abstieg und die Trennung Elizabeths von ihrem Mann erzwingen.
Zurückgekehrt nach London, nimmt Elizabeth einen Kredit auf das Erbe ihrer Mutter auf, das ihr in drei Jahren, bei ihrer Volljährigkeit, ausgezahlt wird, und das Paar kann sich einige Zeit ein Mittelstandsleben leisten. Aber das Geld reicht wegen der hohen Zinsen nicht lange (Kap. 3: Die Wege der Stadt). Denton sucht lange erfolglos eine angemessene Stelle und wird schließlich als Verkäufer im riesigen Kaufhaus des Suzannah-Hut-Syndikats angestellt, jedoch nach sechs Wochen grundlos entlassen. Die beiden ziehen nun in eine kleine Wohnung, verkaufen ihr Mobiliar und bringen ihre kleine Tochter, Dings, in einem staatlichen Kinderhort unter.
Nachdem ihr letztes Haushaltsgeld aufgebraucht ist und man ihnen ihre Wohnung gekündigt hat, müssen sie Hilfe bei der Arbeitsgesellschaft, ursprünglich einer Wohlfahrtsorganisation, suchen. Sie erhalten eine einfache Wohnung und Unterstützung und müssen als Gegenleistung eine ihnen zugeteilte Arbeit annehmen (Kap. 4: Unten). In blauerEinheitsarbeitskleidung bedient Denton im Londoner Ziegeltrust zusammen mit den „Arbeitssklaven“, die von Geburt an dieser Klasse angehören und keine Aufstiegschancen haben, eine Presse für Platten, während Elizabeth mit einem Meißel Muster in Messingplatten zur Verkleidung der Privatwohnungen der Reichen stanzt.
Während Elizabeth und Denton die eintönige, eher brutale Welt der Arbeiter, deren Interessen, Umgangsformen und Sprache ihnen fremd ist, kennen lernen, stirbt ihr Kind in dem Hort an einer Infektionskrankheit. Sie sind in dieser Gesellschaft Außenseiter: Elizabeth gilt als „bessere Dame“, Denton als „Gentleman“. Ihr Leben wird bitter und hoffnungslos. In dieser Situation schlägt Mr. Mwres seiner Tochter vor, ihren Mann zu verlassen und zu ihm, in die Welt der Mittelschicht, zurückzukehren. Er führt damit den Plan Bindons aus, der den geeigneten Augenblick gekommen sieht, Elizabeth für sich zu gewinnen.
Hier wendet sich die Handlung: Bindon muss nach plötzlichen Schmerzen, einen Arzt aufsuchen. Dieser diagnostiziert bei ihm eine Erbkrankheit, die durch seinen unsoliden Lebenswandel nicht mehr behandelbar ist. Er habe keine Zukunft mehr und solle aus Gründen der Euthanasie einen Suizid erwägen. Verzweifelt, von den Medikamenten des Arztes melancholisch gestimmt und von Schmerzen geplagt, gibt Bindon seine Hoffnung eines Lebens mit Elizabeth auf, aber er will sie durch die Vererbung seines Vermögens und die Aufgabe der Verfolgung Dentons beeindrucken und sein Bild von ihm in ihrer Erinnerung positiv korrigieren. Dann ruft er den Dienst für schmerzlose Tötungen an.
Elizabeth und Denton werden durch Bindons Erbschaft aus der „Arbeitssklaverei“ in der „Unterwelt“ erlöst. Sie beziehen eine Wohnung in einem Haus am Stadtrand mit einem Blick vom 160 Meter hohen Balkon über die Stadtmauer auf „Landschaft und Himmel“.H.G. Wells: Von kommenden Tagen. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien. 1983, S. 134, 135.
„‚Es war Zufall‘, sagte [Denton]. ‚Es war Glück. […] Zufällig sind wir noch einmal davongekommen. Nicht durch eigene Kraft… […] Schließlich haben wir noch viel Zeit vor uns. Der Mensch existiert erst kaum fünfhunderttausend Jahren […] Und was sind schon Generationen? […] Raum und Zeit sind ungeheuer groß und wir dagegen so klein. Doch wir wissen – wir fühlen. […] wir sind an dieser Entwicklung beteiligt… Mit der Zeit werden die Menschen – vielleicht – klüger werden … klüger’“.H.G. Wells: Von kommenden Tagen. Ullstein Verlag Frankfurt am Main, Berlin, Wien. 1983, S. 137.
Themen und Motive Wells entwirft in seinem Roman ein Bild der Gesellschaft im London des 22. Jahrhunderts. London ist eine Megalopolis, eine von nur noch vier Städten in England, allerdings mit einer Bevölkerung von mehr als 30 Millionen. Die Städte werden durch Hochgeschwindigkeitszüge verbunden, das Land selbst ist weitgehend entvölkert. Wells berichtet dabei von verschiedenen technologischen Fortschritten, die das tägliche Leben der Menschen bestimmen. So begeben sich die Menschen mit Flugzeugen oder auf Laufbändern zu ihren Arbeitsstellen. Die Gesellschaft selbst ist in drei Klassen eingeteilt: die Reichen, die arbeitende Mittelschicht und die armen, abhängigen Arbeiter. Diese hausen unter der Erde und müssen sich aus wirtschaftlicher Not einer der Arbeitsgesellschaften anschließen, die mittellos geborenen oder aus der Mittelschicht abgestiegenen Personen gegen ihre Arbeitsleistung Nahrung und eine Wohnung gibt – eine Art auswegloses „soziales Netz“ am Boden der Wirtschaftsordnung. Ähnliche Vorstellungen zur Entwicklung der Gesellschaft, und eine ähnliche Kritik am englischen Klassensystem, finden sich in Wells Roman Die Zeitmaschine, in der die unter der Erde lebenden Morlocks sich wahrscheinlich aus den arbeitenden Klassen entwickelt haben.
Interessant ist auch die Erwähnung der Euthanasie gegen Ende der Geschichte. Einem reichen Mann wird nahegelegt, er solle sich, um sich Schmerzen zu ersparen, töten lassen, er hätte – aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht – ohnehin nie leben sollen. Wells wird oft als Vertreter der Eugenik dargestellt, das Ringen des reichen Mannes mit der kalten Logik der Medizin wird aber nicht einseitig dargestellt, sondern kann auch als Kritik an der Hochmut einer Wissenschaft, die den Menschen ihr Glück und ihr Schicksal diktiert, gesehen werden.
Weblinks A Story of the Days to Come bei WayBack (englisch) Besprechung auf sciencefiction.com
Einzelnachweise
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigtes Königreich) Kategorie:Science-Fiction-Literatur Kategorie:Utopie Kategorie:Erzählung Kategorie:Dystopie in der Literatur Kategorie:Werk von H. G. Wells