mini|hochkant=1.4|Die Umgebung des Automuseums Nettelstedt – Blick vom Wiehengebirge über einen Teil Nettelstedts Richtung Torfmoor Das Automuseum NettelstedtMitunter findet sich in Veröffentlichungen die abweichende, fehlerhafte Schreibweise „Auto-Museum Nettelstedt“, so in Automobile Quarterly, 1971, S. 124 und bei Kubisch/Curtius/Dufner, S. 73, auch „Auto Museum Nettelstedt“, so auf dem Webportal , abgerufen am 1. November 2017 (englisch). war eine große private Schausammlung von Automobilen. Sie bestand in den späten 1960er-Jahren bis November 1972; Ursprünge reichen unter anderer Führung möglicherweise bis in die späten 1950er-Jahre zurück. Beheimatet war das Museum in Nettelstedt, einer Gemeinde in Ostwestfalen, die 1973 in die Stadt Lübbecke im Kreis Minden-Lübbecke eingemeindet wurde.Vereinzelt findet sich in fremdsprachigen Veröffentlichungen die fehlerhafte großräumige Einordnung „Lübeck“ bzw. „über Lübeck“ statt Lübbecke, so Lewis/Musciano: Automobiles of the World, S. 65, 228, 323 und 679. Die maßgeblichen Initiatoren waren der Textil-Fabrikant, Automobilsammler und Fachbuch-Autor Uwe Hucke (1939–2002) und seine Ehefrau Monika., abgerufen am 1. November 2017. Mehrfach wurde die Einrichtung als „das größte deutsche Automuseum“ seiner Zeit bezeichnet.

Museumsgeschichte Der Museumsbetrieb Für 1970 ist die Adresse „Automuseum Nettelstedt, Rietkampstraße, D–4991 Nettelstedt“ überliefert (heute D–32312 Lübbecke). Zu dieser Zeit stand es Besuchern sieben Tage in der Woche für jeweils acht Stunden, samstags und sonntags sogar je neun Stunden offen. Die Sammlung umfasste beinahe einhundert Automobile und war damals nach eigenen Angaben die größte in Deutschland. Ein Schwerpunkt lag auf den Anfängen der Motorisierung Ende des 19. Jahrhunderts. Auf Ansichtskarten, die das Museum herausgab, findet sich mitunter die ergänzende Lagebezeichnung „an der B 65“. Genutzt wurden Gewerbehallen, die nur angemietet waren.

Der Initiator und Betreiber Uwe Hucke war zu dieser Zeit Mitinhaber des Textilunternehmens Erwin Hucke, eines erfolgreichen Nettelstedter Familienbetriebs; sein Bruder Hans Hucke (1942/43–2016) trat parallel als Funktionär und Mäzen beim Handball-Verein TuS Nettelstedt in Erscheinung.

Nach der englischsprachigen Fachzeitschrift Veteran & Vintage Magazine wurde der Motorrad-Journalist und Technik-Historiker Erwin Tragatsch 1970 zum Direktor des Automuseums Nettelstedt ernannt, ebenso zum Leiter des angeschlossenen Verlags für Automobilbücher und -zeitschriften.N. N., in: Veteran & Vintage Magazine (Zeitschrift), Pioneer Publications, Beaulieu, Vereinigtes Königreich 1970, S. 217 (englisch). Nach dem gleichfalls englischsprachigen Fachmagazin Automobile Quarterly folgte ihm 1971 Hans-Wolf Schneider („Hawe“ Schneider) als Museumsdirektor nach; zuvor hatte er Erfolge als Jazzmusiker in West-Berlin gefeiert. Nach dieser Quelle umfasste die Sammlung zu jener Zeit einhundert Fahrzeuge, wovon jedoch „nur“ 58 für das Publikum zu besichtigen waren.

Uwe Hucke entwickelte sich parallel zu einem Liebhaber und Kenner der Molsheimer Automobilmarke Bugatti. Durch Markentreffen wurde das Automuseum Nettelstedt in der Folge „zum Mekka vieler, nicht nur deutscher Bugattisten.“, abgerufen am 1. November 2017.

Einzelheiten zur Aufnahme des Museumsbetriebs Seit wann genau das Automuseum Nettelstedt bestand, ist nicht eindeutig belegt. Nach einer Quelle eröffnete es Hucke im Frühjahr 1968. Eine andere Quelle nennt den Juni 1968,Wolfgang Schmarbeck: 100 Auto-Museen in Europa. Schatztruhen der Automobilgeschichte. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1970, S. 58.Die Angaben des Automobiljournalisten Schmarbeck, der häufiger mit Hucke zusammenarbeitete, sind in der Quelle jedoch insofern widersprüchlich, als er konkret den 16. Juni 1968 und zugleich Pfingstsonntag nennt; letzterer fiel 1968 jedoch auf den 2. Juni. eine dritte Quelle legt 1967 nahe. Eine weitere Quelle führt das Museum unter der Anschrift „Rietkampstr. 415“Die „Rietkampstraße“ in Nettelstedt war und ist relativ kurz. Insofern bestehen Zweifel an der angegebenen Hausnummer „415“. Möglicherweise stammt sie aus einer Zeit, als alle Gebäude des Ortes unabhängig von der konkreten Straße durchnummeriert wurden, oder tatsächlich zutreffend bzw. gemeint ist „4/5“. und dem Leiter Erwin Tragatsch; sie ist – insoweit abweichend von den übrigen Quellen – bereits auf 1958 datiert.Walter Kaupert: Internationales Kunst-Adressbuch / Anuario Internacional de los Artes. Band 1. Kaupert-Verlag, Berlin 1958, S. 148.

Einzelheiten zum Museumsende Der Museumsbetrieb endete am 5. November 1972, weil der Vermieter die Räume ab 1973 industriell nutzen wollte. Bereits im Juli 1972 war berichtet worden, dass im benachbarten Bad Oeynhausen ein neues Museum für alte Motorräder entstehen sollte. Uwe Hucke schloss sich daraufhin mit dem Kraftfahrzeugliebhaber Willy Helmerding zum Aufbau dieses neuen Fahrzeugmuseums zusammen. Die Planungen sahen 100 Automobile und 150 Motorräder vor. Es öffnete schließlich am 21. April 1973 unter der Adresse „Weserstraße 142, 4970 Bad Oeynhausen“, unmittelbar an der Autobahnanschlussstelle Bad Oeynhausen. Der Name lautete zunächst Deutsches Auto + Motorrad Museum beziehungsweise nur Auto + Motorrad Museum, später Motor Technica Museum Bad Oeynhausen und es galt als Nachfolger des Automuseums Nettelstedt.

In einzelnen fremdsprachigen Veröffentlichungen wird fälschlich angegeben, dass das Automuseum Nettelstedt noch 1977 bestanden habe.

Ehemaliger Fahrzeugbestand Übersicht mini|hochkant=1.2|Eines der ältesten Modelle im Automuseum Nettelstedt, ein Benz Velo Comfortable mini|hochkant=1.2|Der vermutlich älteste erhaltene Maybach, ein W 5 von 1926, früher in Nettelstedt, heute in Sinsheim mini|hochkant=1.2|Das vormals in Nettelstedt ausgestellte Bugatti Type 44 „Fiacre“ Coupé von 1929 Zum Fahrzeugbestand gehörten insbesondere ein Maybach W 5, ein Benz Velo Comfortable, ein Renault Type CI, ein Daimler Phönix sowie Automobile von Dürkopp, De Dion-Bouton, Wanderer, Veritas, Talbot, Simson Supra und Alvis. Einen Schwerpunkt bildeten Automobile, deren Motor mittels eines Kompressors aufgeladen war, so ein frontgetriebener Alvis FWD, ein Mercedes-Benz Typ 380 und ein Mercedes-Benz Typ SS. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Automobilen der Marke Bugatti. Eines der ältesten Kraftfahrzeuge der Sammlung war ein Seck des Konstrukteurs Willy Seck von 1898 nach dem System Benz & Cie.

Ausweislich von Ansichtskarten und Fotografien aus verschiedenen Epochen gehörten zumindest zeitweilig auch ein Adler Typ 10/50 von 1925 zum Museumsbestand, ein Alvis Speed 20, ein Aston Martin Typ International, ein BMW 315/1 und ein BMW 327. Von Bugatti waren ein frühes Fahrzeug von 1914 zu besichtigen, zwei Type 44 (ein Roadster von 1928 und ein Coupé von 1929) sowie ein Type 57 mit Cabriolet-Aufbau. Ebenfalls zur Sammlung gehörten ein Cooper-Rennwagen für die Formel 2, ein Darracq Typ 13, ein Dürkopp Typ P 16 von 1917, ein Ford Modell T von 1919 und ein Hanomag 2/10 PS („Kommißbrot“) von 1924. Weitere Ausstellungsstücke waren ein Le Zèbre Typ C, ein Lion-Peugeot VC, ein Maybach SW 38, ein Peugeot Bébé, ein Salmson Grand Prix sowie Personenwagen von Berliet, Hispano-Suiza, Horch und Panhard & Levassor.

Details zu einzelnen Sammlungsstücken Ein weiteres Ausstellungsstück war ein Dürkopp ND 10/24 PS Doppelphaeton von 1909 mit einer Karosserie von Karmann aus Osnabrück. Er war 1962 aus der Deutschen Demokratischen Republik „importiert“ worden und gilt als das wahrscheinlich älteste noch existierende Fahrzeug mit Karmann-Aufbau.

Eines der „Glanzstücke“ des Automuseums Nettelstedt war ab 1970 ein Maybach W 5 von 1926, karossiert als Pullman-Limousine, 1928 aufgewertet zum W 5 SG. Der vermutlich älteste erhaltene Maybach gehörte ursprünglich dem Bad Emser Leibarzt des Sängers Enrico Caruso.Der zeitweise im Automuseum Nettelstedt ausgestellte Maybach W 5 von 1926 auf dem Webportal traumautoarchiv.de, abgerufen am 1. November 2017.

Zum Bestand des Museums gehörte Ende der 1960er- bis in die 1970er-Jahre auch der Rennsportwagen Ferrari 250 LM mit der Chassis-Nummer 5905 von 1964 (einer von nur 32 Exemplaren). Das Fahrzeug war ursprünglich an den Schweizer Rennfahrer Heini Walter und den Rennstall Ecurie Filipinetti in Genf ausgeliefert worden und besaß nach einem Rennunfall eine neu aufgebaute Coupé-Karosserie von Franco Sbarro, der damals noch Chefmechaniker des Rennstalls war. In Nettelstedt war der Sportwagen völlig zerlegt, um eine Restaurierung vorzubereiten.

Nach einer Quelle 1973, tatsächlich offenbar schon früher erwarb Uwe Hucke ein Bugatti Type 44 „Fiacre“ Coupé von 1929 mit einer seltenen und ungewöhnlichen Werkskarosserie, die Jean Bugatti entworfen hatte, der Sohn des Unternehmensgründers. Das Fahrzeug war fortan bis zur Schließung im Automuseum Nettelstedt ausgestellt.

Zum Verbleib der Fahrzeuge nach der Auflösung des Museums Unklar ist, wo viele Fahrzeuge nach der Auflösung des Automuseums Nettelstedt verblieben. Die meisten wechselten zunächst in das Museum nach Bad Oeynhausen. Spätestens mit der Einstellung des dortigen Museumsbetriebs wurden manche Fahrzeuge einzeln an Sammler veräußert, andere gruppenweise mit thematischen Schwerpunkten an andere Sammlungen. Mehrere übernahm zunächst Huckes Partner Helmerding. Der Dürkopp ND 10/24 PS gelangte über mehrere Zwischenstationen 1985 in das Werksmuseum der Dürkopp Adler AG in Bielefeld. Der Maybach W 5 von 1926 kam Mitte der 1980er-Jahre in das Auto- und Technikmuseum Sinsheim. Den zwischenzeitlich in Bad Oeynhausen ausgestellten, zerlegten Ferrari 250 LM erwarb gegen Mitte der 1970er-Jahre der für Chevrolet in den Vereinigten Staaten und für Opel in Rüsselsheim tätige Automobil-Designer Henry „Hank“ Haga, der ihn komplett restaurieren ließ und im historischen Motorsport einsetzte; der Wagen, der später durch mehrere Sammlerhände ging, existiert bis heute.

Auch das Bugatti Type 44 „Fiacre“ Coupé von 1929 wechselte später in den Bestand des Automuseums in Bad Oeynhausen und in das Eigentum des Museumsbetreibers und Sammlers Helmerding. Nach weiteren Stationen stand das Fahrzeug im Januar 2010 durch das Auktionshaus Bonhams in Paris mit einem Schätzpreis von 220.000 bis 260.000 Euro zur Versteigerung.

Der Verlag Automuseum Nettelstedt und sonstige Publikationen des Museums Neben der Schausammlung unterhielt das Museum einen eigenen Verlag, den Verlag Automuseum Nettelstedt.

Bücher Dort erschien insbesondere das aufwendige Fachbuch: Michael Graf Wolff Metternich: Die Geschichte der Maybach-Automobile / The History of the Maybach Automobile / Das Maybach-Register. Nettelstedt, ohne Jahr (je nach Quelle um 1967, um 1970 oder 1973), ohne ISBN (deutsch/englisch).

Dieses Fachbuch galt neben der Werksveröffentlichung 50 Jahre Maybach / 50 Years of Maybach – 1909–1959, Maybach-Motorenbau GmbH, Friedrichshafen, um 1960, ohne ISBN (deutsch/englisch) lange Zeit als Standardwerk für Maybach-Automobile und -Motoren.C. Lyle Cummins: Internal Fire. Carnot Press, Lake Oswego, Oregon 1976, ISBN 978-0-9173-0801-7, S. 351 mit Fußnote 21 (englisch).

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