Die LVR-Klinik Viersen ist eine psychiatrische Fachklinik des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) im Viersener Stadtteil Süchteln. Die Einrichtung geht auf die 1906 eröffnete Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Johannistal zurück und zählt zu den traditionsreichen psychiatrischen Krankenhäusern im Rheinland.
Geschichte Gründung und Entwicklung Die Entstehung der Klinik geht auf einen Beschluss des Rheinischen Provinziallandtags aus dem Jahr 1897 zurück, der den Bau weiterer psychiatrischer Einrichtungen in der Rheinprovinz vorsah. Die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Johannistal wurde am 14. Juli 1906 eröffnet.
Zu den frühen Behandlungsschwerpunkten gehörte die Versorgung von Menschen mit Epilepsie. Neben stationären Angeboten bestanden ambulante Beratungs- und Untersuchungsmöglichkeiten. Unter der Leitung von Carl Orthmann wurden die medizinischen Einrichtungen der Anstalt erweitert.
Während des Ersten Weltkriegs wurden Teile der Einrichtung als Lazarett genutzt. Der Krieg führte zu Personalengpässen und Versorgungsproblemen, die den Klinikbetrieb erheblich beeinträchtigten.
In der Weimarer Republik erfolgten verschiedene bauliche und organisatorische Veränderungen. Im Zuge reformpsychiatrischer Ansätze gewann die Arbeitstherapie an Bedeutung. Zudem entstanden neue Einrichtungen zur Beschäftigung und Betreuung der Patientinnen und Patienten. Die wirtschaftlichen Folgen der Weltwirtschaftskrise führten zu Einsparmaßnahmen und einer stärkeren Ausrichtung auf ambulante Beratungsangebote.
Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechterten sich die Lebensbedingungen vieler Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig nahm die Zahl der Untergebrachten deutlich zu, während Personal und finanzielle Mittel begrenzt blieben.
Auf Grundlage des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 wurden auch Patientinnen und Patienten der Anstalt zwangssterilisiert. Die Einrichtung war darüber hinaus in die nationalsozialistische Krankenmordpolitik eingebunden.
Im Rahmen der Aktion T4 wurden 1941 mehrere Hundert Patientinnen und Patienten über andere Anstalten in die Tötungsanstalt Hadamar deportiert und dort ermordet. Auch nach dem offiziellen Ende der Aktion T4 setzten sich die tödlichen Folgen der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik fort.
Eine besondere Rolle spielte die dem Krankenhaus zugeordnete Einrichtung im Josefsheim Waldniel. Dort bestand zwischen 1941 und 1943 eine sogenannte „Kinderfachabteilung“, in der zahlreiche Kinder und Jugendliche Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen wurden.
Während des Zweiten Weltkriegs erfolgten außerdem umfangreiche Verlegungen von Patientinnen und Patienten in andere psychiatrische Einrichtungen innerhalb des Deutschen Reiches.
Nachkriegszeit Im März 1945 wurde die Anstalt von alliierten Truppen besetzt. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten war die psychiatrische Versorgung weiterhin durch hohe Belegungszahlen und begrenzte personelle Ressourcen geprägt.
In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden verschiedene Neubauten errichtet und therapeutische Angebote erweitert. 1962 entstand die Rheinische Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Aus einer später übernommenen Einrichtung in Rheydt entwickelte sich die heutige LVR-Klinik Mönchengladbach.
Die Reformdiskussionen der deutschen Psychiatrie seit den späten 1960er-Jahren führten schrittweise zu Veränderungen in Behandlung, Unterbringung und Betreuung der Patientinnen und Patienten. Am 26. Januar 2016 wurde der Grundstein für einen großen Neubau gelegt.LVR investiert 37 Millionen Euro in Neubau. auf: rp-online.de, abgerufen am 16. Mai 2018.
Gegenwart Die LVR-Klinik Viersen ist heute Teil des Klinikverbundes des Landschaftsverbands Rheinland. Das Behandlungsspektrum umfasst die Allgemeinpsychiatrie, Psychotherapie, Gerontopsychiatrie, Forensische Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik sowie Angebote zur Behandlung von Suchterkrankungen. Ergänzt wird das Angebot durch ambulante, tagesklinische und ergotherapeutische Leistungen.
Einrichtung Die Klinik verfügt über 736 Betten und Plätze, darüber hinaus hat sie noch Plätze in den Bereichen Rehabilitation und Forensik. Sie beschäftigt insgesamt 1.750 Personen.
Siehe auch Liste von Psychiatrien in Nordrhein-Westfalen
Literatur Heinz-Hubert Breuer: Die historische Entwicklung der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Johannistal. Herzogenrath 1991. Andreas Kinast: Das Kind ist nicht abrichtfähig. SH-Verlag, Köln 2011. Ernst Klee: Euthanasie im Dritten Reich. Frankfurt am Main 2018. Matthias Leipert (Hrsg.): Verlegt nach unbekannt. Sterilisation und Euthanasie in Galkhausen 1933–1945. Köln 1987. Frank Sparing: Zwischen Verwahrung und Therapie. Berlin 2018. Beatrix Wolters: Spuren – Eine Zeitreise durch die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde Viersens. Viersen 2025.
Weblinks Offizielle Website Gedenkstätte Hadamar Gedenk- und Lernort Kalmenhof
Einzelnachweise
Kategorie:Organisation (Viersen) Kategorie:Psychiatrische Klinik in Nordrhein-Westfalen Kategorie:Krankenhaus im Kreis Viersen Kategorie:Landschaftsverband Rheinland Kategorie:Unternehmensgründung 1906