mini|hochkant=0.95|Walther Brecht
Ernst Walther Brecht (* 8. November 1841 in Aschersleben; † 10. November 1909 in Arosa) war ein deutscher Jurist und Direktor der Lübeck-Büchener Eisenbahn-Gesellschaft.
Leben Herkunft Walther Brecht entstammte väterlicherseits einer in Gröningen alteingesessenen Familie, sein Großvater – Sattlermeister Johann Heinrich Brecht (1766–1825) – arbeitete bereits dort und war der jüngste von vier Söhnen. Sein Vater, Christoph Heinrich Brecht (* 22. Oktober 1789 in Gröningen; † 29. Dezember 1872 in Rudolstadt), hatte mit seiner Ehefrau Ida geborene Schobelt (* 14. April 1806 in Kroppenstedt; † 23. März 1876 in Berlin) mehrere Kinder. Als Pastor führte er seine Familie ins Bürgertum und arbeitete zuletzt in Ochtmersleben.
Laufbahn Schon sein Vater bemerkte bei seinem Unterricht dessen großen Lerneifer. Brechts außerordentliches Gedächtnis legte eine gerne von seinem ältesten Bruder dargebrachte Erzählung nahe. Laut dieser konnte Walther schon in einem Alter, wo er noch kaum rein sprechen konnte, lange Abschnitte aus der Frithjofssage hersagen. Nach dem Unterricht durch seinen Vater schickte dieser ihn 1853 auf das Gymnasium nach Magdeburg. 1861 bezog er die Universität in Jena, wo er der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller angehörte, dann Zürich und Berlin. Nach fünf Semestern des Studiums der Philologie wandte er sich dem der Rechts- und Staatswissenschaft zu. Sein historischer Sinn und seine sprachliche Begabung, namentlich auch seine Vorliebe für die alten Klassiker, waren wesentlich auf jene Studien zurückzuführen. Er legte 1867 sein Referendariatsexamen ab und diente als Einjährig-Freiwilliger. Danach nahm er sein Assessorstudium auf. Unterbrochen wurde dieses 1870 durch den Deutsch-Französischen Krieg, zu welchem er eingezogen und währenddessen er in den Reihen des V. Korps kämpfte. In der Schlacht bei Weißenburg tat er sich durch die Anregung eines Sturmangriffs aus einer gedeckten Schützenstellung heraus hervor. Hierfür wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Die Verwundung, die er in der Schlacht erlitt, war jedoch so schwer, dass sie ihn dauerhaft felddienstuntüchtig machte. Nach erfolgter Genesung und Vollendung des unterbrochenen Assessorexamens musste er zunächst bis zum Ende des Krieges in Posen als Auditeur tätig sein und wurde dann Kreisrichter in Perleberg.
Sein späterer ihm damals noch fernstehender Schwiegervater Theodor Weishaupt hatte dem Bruder Brechts über dessen Bewerbung gesagt: „Ich schicke ihn zu Maybach, wenn er da fertig wird, kann ich ihn gebrauchen.“
So trat Brecht 1872 als Regierungsassessor in den Dienst der Verwaltung der Preußischen Eisenbahn in der Eisenbahndirektion Hannover in Hannover, dann Bremen, unter das Präsidium des späteren Ministers der öffentlichen Arbeiten.
1874 ging er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter zur Eisenbahnabteilung des Preußischen Handelsministeriums in das Auswärtige Amt, bevor er bei der Direktion der Oberschlesischen Eisenbahn in Breslau tätig wurde.
Als zweiter besoldeter Direktor (Technischer Direktor) trat Brecht am 1. Juli 1878 an die Stelle des auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzten Hugo KlotzHugo Klotz verstarb am 23. September 1879 in Stettin.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 24. September 1879, 21. Jg., Nummer 77, S. 436. in die fünfköpfige Direktion der Lübeck-Büchener Eisenbahn-Gesellschaft (LBEG) ein.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 29. Mai 1878, 20. Jg., Nummer 43, S. 256. Während seiner Tätigkeit machte die LBE eine ununterbrochene Aufwärtsbewegung durch. Für das Einführen eines Durchgangszug-Verkehrs nach Kopenhagen wurden Brecht und Oberbetriebsinspektor Blumenthal 1883 vom König von Dänemark als Anerkennung zu Rittern des Dannebrogordens ernannt.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 6. Juni 1883, 25. Jg., Nummer 45, S. 264. Für die Verbindung nach Stettin erhielt er den Ernestinischen Hausorden, zum 50-jährigen Bestehen der Lübeck-Büchener Eisenbahn-Gesellschaft wurde er von Friedrich Franz IV. mit dem Ehrenkreuz des Greifenordens von Mecklenburg-Schwerin ausgezeichnet.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 20. Oktober 1901, 43. Jg., Nummer 42, S. 524.
Als der Direktionsvorsitzende Anton Ferdinand Benda in den Ruhestand trat, wurde Brecht zum 1. Januar 1888 als dessen Nachfolger auch Vorsitzender Betriebsdirektor. Der Regierungs- und Baurat Hermann Textor, bis dahin Eisenbahndirektion Erfurt, komplettierte als technisches Mitglied die Direktion. Neben Textor sollten die Direktoren Carl Christensen, August Butterweck und die umfassend an Initiative reiche Arbeit von Udo von Alvenslebenv. Alvensleben, Regierungsassessor a. D., war bis zu Brechts Tod stellvertretender Direktor der LBE. Auf der Versammlung am 14. Dezember 1909 wählte man ihn zum Direktor und Butterweck zu seinem Stellvertreter. die Aufwärtsbewegung der Gesellschaft mittragen. Unter den bis 1906 andauernden primitiven Verhältnissen der Betriebsmittel leisteten sie Außerordentliches, und die Gesellschaft wuchs zu einem finanziell gefestigten und betriebstechnisch einwandfreien Institut heran. So entstand zum Beispiel in den Jahren 1881/82 die Lübeck-Travemünder Eisenbahn oder von 1901/02 die Verbindung von Lübeck nach Schlutup.
Auf der 41. ordentlichen Generalversammlung der LBE am 28. Mai 1890 schied Emil Wolpmann freiwillig aus deren Vorstand aus und wurde fast einstimmig durch Friedrich Heinrich Bertling ersetzt. Das Kapital wurde erhöht, wobei den Aktienbesitzern im Verhältnis 16:1 neue Aktien zu einem Vorzugspreis zustanden.Generalversammlung der Lübeck-Büchener Eisenbahn Gesellschaft. In: Lübeckische Blätter, 31. Mai 1891, 33. Jg., Nummer 43, S. 259─260.
Der Gemeinnützige Bauverein wählte Brecht am 26. April 1895 zu einem Ersatzmann seines Schiedsgerichtes.Jahresbericht des Gemeinnützigen Bauvereins. In: Lübeckische Blätter, 25. Dezember 1896, 38. Jg., Nummer 64, S. 570─571.
mini|Lageplan der Anlagen (1908) Auf der Versammlung des Vaterstädtischen Vereins am 29. April 1896 referierte Johann Heinrich Evers über die Zukunft des Lübecker Hauptbahnhofs. Von den hierzu angedachten Projekten kamen nur zwei in Betracht:Vaterstädtischer Verein. In: Lübeckische Blätter, 3. Mai 1896, 38. Jg., Nummer 30, S. 207. Das sogenannte Rethteichprojekt sah anstelle einer Kopfstation in der Nähe des Lindenplatzes eine Durchgangsstation in der Nähe des Schützenhofes vor. Eine Hochlegung der Bahn auf die Wallhalbinsel, wobei der Personenbahnhof nach der Bastion Katze käme, während der Güterbahnhof an seiner gegenwärtigen Stelle verbliebe
Doch Brechts Wirken war nicht allein für das lübeckische Eisenbahnwesen überaus bedeutungsvoll. Einen ebenso großen, wenn nicht noch erheblich größeren Einfluss übte er auf die Förderung des deutschen Eisenbahnwesens überhaupt durch seine Tätigkeit im Verein Deutscher Eisenbahnverwaltungen aus. Dieser Teil seiner Arbeit entzog sich dem Blick der Öffentlichkeit und war nur in Fachkreisen bekannt. Brecht erhielt Einfluss auf die Weiterentwicklung der gesamten deutschen Eisenbahnindustrie. 1890 zeichnete ihn, wie man dem Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischen Staats-Anzeiger am 6. Juni des Jahres entnehmen konnte, der König von Preußen mit dem Roten Adlerorden 3. Klasse aus.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 24. Juni 1891, 33. Jg., Nummer 50, S. 276. 1895 wurde er als Vorsitzender eines ein Wagenübereinkommen überarbeitenden Fachausschusses mit der Überarbeitung der Festlegung der Wagenführungen zwischen den jeweiligen Eisenbahnverwaltungen beauftragt und legte diese 1896 vor. Als Anerkennung hierfür berief ihn der König von Preußen anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Vereines zum Geheimen Regierungsrat.Local- und vermischte Notizen. In: Lübeckische Blätter, 2. August 1896, 38. Jg., Nummer 43, S. 334.
Am 30. Juni 1903 wurde dem Direktor der LBE von etwa 1400 Beamten aus Anlass seiner 25-jährigen Tätigkeit ein Fackelzug dargebracht. Hieran schloss sich eine Zusammenkunft im Konzerthaus an. Am nächsten Tag wurde ihm von vielen Mitgliedern des Senats und der Handelskammer gratuliert.Wochen-Chronik aus Lübeck und Umgegend. In: Vaterstädtische Blätter, 5. Juli 1903, Nr. 27, Jahrgang 1903, S. 215.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 5. Juli 1903, 45. Jg., Nummer 27, S. 334.
Unter Brecht wurde die Strecke nach Hamburg im Zuge der Verlegung vom Lübecker Bahnhof in den neuen Hauptbahnhof zweigleisig ausgebaut. Für seine Umgestaltung der Bahnanlagen der LBE wurde ihm zur Bahnhofseröffnung der Rote Adlerorden 2. Klasse und auf dem Krönungs- und OrdensfestDas Krönungs- und Ordensfest. In: Rudolf von Stillfried-Alcántara: Ceremonial-Buch für den Königlich Preußischen Hof. 8.: Ceremoniel bei ausserordentlichen Hoffestlichkeiten, 7.: Ordensfeste. am 18. Januar 1907 der Königliche Kronen-Orden 2. Klasse verliehen.Wochen-Chronik aus Lübeck und Umgegend. In: Vaterländische Blätter, 27. Januar 1907, Nr. 5, Jahrgang 1907, S. 20.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 3. Februar 1907, 49. Jg., Nummer 5, S. 66.
Als im darauf folgenden Jahr der nach den Entwürfen von Fritz Klingholz errichtete lübeckische Hauptbahnhof eröffnete, wurde Brecht abermals durch den Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, jetzt mit dem Komturkreuz des Greifenordens, ausgezeichnet.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 12. Juli 1908, 50. Jg., Nummer 28, S. 415.
Analog zu Brechts Baulichen Reorganisationen von Bahnanlagen der Gesellschaft in Wandsbek und Oldesloe modernisierten sich auch deren Bahnhöfe. Infolge Brechts großer Vielseitigkeit auf dem Gebiet der Verwaltung und der Finanzen verstand er es auf den Erwerb gerichtete Bestrebungen der von ihm geleiteten Körperschaft mit den Interessen der Allgemeinheit zu vereinigen. Ihm gelang es, die Bestrebungen der preußischen Eisenbahnpolitik gegenüber den Privatbahngesellschaften auf dem Verhandlungsweg auszuschalten und der LBE durch die Pflege des Güterverkehrs neue Werte zu sichern.
Ab dem Frühjahr 1909 plagte Brecht ein schweres Lungenleiden und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich dramatisch. Heilung suchend entsandte man ihn zunächst nach Wiesbaden und später in die Plessur-Alpen der Schweizer Berge auf Kur. Eines Vormittags verstarb er dort in Folge eines Blutsturzes.Geheimrat Brecht †. In: Lübeckische Anzeigen, 11. November 1909, 159. Jahrgang, Nr. 572, Morgen-Blatt.
Öffentliches Leben In die lübeckische Öffentlichkeit trat Brecht erstmals, als auf der Versammlung der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit am 19. Januar 1881 der Direktor mitteilte, dass Brecht als Mitglied der Gesellschaft aufgenommen worden sei.Gesellschaft zur Bef. gemeinnütz. Thätigkeit. In: Lübeckische Blätter, 19. Januar 1881, 23. Jg., Nummer 6, S. 35.
Politik Auch am reichs- und kommunalpolitischen Leben der Hansestadt nahm Brecht teil. Reichspolitisch gehörte er der Nationalliberalen Partei und kommunalpolitisch deren Orts- und Zentralvorstand an. Er war lange geistiger Führer der nationalliberalen Sache in Lübeck und zeitweise in deren Gesamtvorstand. Seit 1885 war er ein geschätztes Mitglied der Bürgerschaft. Hier war er wiederholt ein Mitglied des Bürgerausschusses sowie auch sehr häufig in Kommissionen der Bürgerschaft und des Bürgerausschusses tätig. Dort war er kein Mann des schnellen Handelns, sondern der reiflichen Überlegung.
Der Antrag auf die Erweiterung der Zentralstation für elektrische Beleuchtung mit einem Kostenaufwand von 153.700 Mark wurde an die aus Brecht, Siegfried Mühsam, Theodor Schorer, Otto Blunck und Heinrich Heickendorf bestehende Kommission verwiesen.Versammlung des Bürgerausschusses. In: Lübeckische Blätter, 30. April 1890, 32. Jg., Nummer 35, S. 211─212.