Als Privileg wird in der Soziologie die Annahme verstanden, dass bestimmte Rechte oder Vorteile nur für bestimmte Personen oder Gruppen zur Verfügung stehen, sei es durch Status, Tradition, Recht oder individuelle Vorteilsgewährung. Der Begriff wird heute häufig allgemeiner im Sinne aller unverdienten faktischen Vorteile (so in neuerer Zeit Peggy McIntoshPeggy McIntosh: Examining Unearned Privilege, in: Liberal Education vol. 70, no. 1 (Winter 1993), S. 61–63.) im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit, insbesondere in Bezug auf Alter, Behinderung, ethnische Zuordnung, Geschlecht, Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Religion und/oder soziale Klasse und oft als Gegenbegriff zur Diskriminierung, Unterprivilegierung oder in den USA zu relative deprivation verwendet. Letzteres setzt aber immer den Vergleich mit der Lage von Referenzgruppen voraus.So bei dem US-amerikanischen Soziologen Robert K. Merton und dem englischen Soziologen Walter Runciman. Geläufige Beispiele sind etwa der Zugang zu Hochschulbildung oder Wohnraum.
Privilegien können auch emotional oder psychisch erlebt werden, etwa in Bezug auf Geborgenheit und persönliches Selbstvertrauen, oder auf einem Gefühl der Zugehörigkeit oder der Wertschätzung durch die Gesellschaft oder eine soziale Gruppe beruhen. Auch hierfür ist jedoch der Vergleich mit einer Referenzgruppe entscheidend.
Definitionen Viele soziologische Klassiker sehen Privilegien als rechtlich, standesrechtlich oder ideologisch legitimierte bzw. politisch institutionalisierte Vorteile oder Ungleichheiten von Gruppen oder Individuen an. So fühlte sich der Hochadel durch Herkunft, Tradition und göttliche Gnade legitimiert und durfte seine Vorrechte auch mit Gewalt durchsetzen. Max Weber geht davon aus, dass in der Folge des Entstehens moderner Nationalstaaten solche ererbten Privilegien an Bedeutung zugunsten der Leistung verlieren. Auch setze die moderne regelgebundene Bürokratie dem traditionellen Patrimonialismus mit seinem System individueller Vorrechtsgewährung Grenzen. Georg Simmel untersucht am Beispiel des Geschlechterverhältnisses den auch bei der Legitimation der Sklaverei zu beobachtenden Prozess der Generierung von Privilegien durch die Verwandlung von faktischer Macht in Recht.Heinz-Jürgen Dahme, Klaus Christian Köhnke: Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1985, S. 203 Karl Marx betont die Entstehung neuartiger Klassenprivilegien der Bourgeoisie, die auf dem staatlichen Schutz des individuellen Eigentums, vor allem des Besitzes an Produktionsmitteln, und auf dem sich daraus ergebenden faktischen Lohnarbeitszwang für die Nichtprivilegierten gründen. Der „Sieg des bürgerlichen Eigentums über das feudale“ sei auch ein Sieg „des bürgerlichen Rechts über die mittelaltrigen Privilegien“.Karl Marx: Die Bourgeoisie und die Kontrerevolution (1848). Zweiter Artikel, in: Neue Rheinische Zeitung Nr. 169 vom 15. Dezember 1848. Zit. nach Marx-Engels-Werke Bd. 6, S. 107. Als besonderes Klassenprivileg der Bourgeoisie hebt Marx ihr Vorrecht hervor, geistige Arbeit zu verrichten. Natürlich sieht auch Marx die Ungleichheit individueller Begabung und Leistungsfähigkeit und spricht von ihnen als von „natürlichen Privilegien“, die vom Recht als gegeben anerkannt werden. Um die sich daraus ergebenden „Mißstände zu vermeiden, müßte das Recht, statt gleich, vielmehr ungleich sein“, also individuelle Lebensumstände berücksichtigen.Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms. Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei. 1875. Online
Mit der durch die europäischen Revolutionen teils obsolet gewordenen Kritik an den ererbten Privilegien wurden seit dem 19. Jahrhundert die durch besondere Leistungen „erworbenen“ Privilegien umso stärker verteidigt. Als neue Legitimationserzählung dient im frühen Industriekapitalismus die Konstruktion eines Zusammenhangs zwischen unternehmerischen Erfolg, individueller Tüchtigkeit und (Arbeits-)Moral. Die Existenz und Berechtigung von Privilegien wurde also nicht generell in Frage gestellt.Michael J. Monahan: The concept of privilege: A critical appraisal. In: South African Journal of Philosophy, vol. 33 (2014), no. 1, S. 73–83; hier: S. 74. Michael Dunlop Young prägte in kritischer Absicht den Begriff der Meritokratie, womit er die Inanspruchnahme von Privilegien und Führungspositionen durch Menschen bezeichnet, die sich durch (angebliche) besondere Leistungen auszeichneten.Michael Young: Es lebe die Ungleichheit. Auf dem Wege zur Meritokratie. Düsseldorf 1961.
Für Pierre Bourdieu sind Privilegien in allen Gesellschaften als Elemente des symbolischen Kapitals zu betrachten. So haben z. B. Bildungs- und Hochschulabschlüsse eine Distinktionsfunktion im sozialen Raum; sie bestimmen neben anderen Faktoren über soziale Nähe oder Distanz der verschiedenen Gruppen. Bourdieu sieht die Ursache von Privilegien vor allem in den unterschiedlichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen, über die bestimmte Gruppen verfügen, um erfolgreich zu sein. Das sind zum großen Teil nachgeburtliche Einflüsse. Der Mangel an Ressourcen, der bei anderen Gruppen zum Misserfolg führen könnte, steht für ihn nicht ihm Fokus der Analyse. Daher kann man von einer Privilegientheorie statt von einer Theorie der Ungleichheit sprechen.Wouter Pinxten, John Lievens: The importance of economic, social and cultural capital in understanding health inequalities: Using a Bourdieu-based approach in research on physical and mental health perceptions. In: Sociology of Health & Illness, Vol. 36 (2014), No. 7, S. 1095–1110; hier: S. 1097. DOI:10.1111/1467-9566.12154 Z. B. ermögliche die Durchführung von Leistungs- und Auswahltests in den Schulen die willkürliche Privilegierung bestimmter kultureller Praktiken, die den dominanten Gruppen vertraut sind und ihnen zugutekommen. Durch Ablehnung der diesen Gruppen nicht entsprechenden Praktiken werde „symbolische Gewalt“ gegenüber den Nicht-Privilegierten ausgeübt.Pierre Bourdieu, Jean-Claude Passeron: Reproduction in Education Society and Culture. London: SAGE Publications, 1990, S. 5.
Die Theorie des Privileged Class Deviance knüpft teilweise an Robert K. Mertons Devianztheorie an. Sie beschäftigt sich mit den sozialen und psychologischen Ursachen des Verzichts auf Strafverfolgung bei Verbrechen und Vergehen der privilegierten Klassen (sog. White-Collar-Kriminalität).S. V. Vaidya: Privileged Class Deviance. Allahabad 2013.
Walter Garrison Runciman lenkt den Blick auf die subjektiven Voraussetzungen des Gefühls der Nicht-Privilegierung. Für ihn ist wie für Merton die soziale, ökonomische usw. Lage der jeweiligen Bezugsgruppe, mit der man sich vergleicht, ausschlaggebend für die Bewertung der Situation. Von relativer Deprivation spricht Runciman, wenn nicht objektive Ungleichheit, sondern eine subjektiv wahrgenommene Diskrepanz zu den eigenen Erwartungen oder ausbleibende Belohnungen und Privilegien Unzufriedenheit erzeugen.W. G. Runciman: Relative deprivation and social justice : A study of attitudes to social inequality in twentieth-century England. University of California Press, 1966.
Für die moderne, seit etwa 2010 in den USA und Großbritannien entstandene Privilegientheorie resultieren Privilegien allein schon aus der Tatsache, nicht unterdrückt oder diskriminiert zu werden. Da es immer weniger rechtlich fixierte Privilegien gibt, greifen viele Autoren auf Vorteile oder Berechtigungen zurück, die man qua Geburt innehat. Damit treten Geschlecht und „Rasse“ (seltener jedoch der ererbte Reichtum) in den Vordergrund der Theorieentwicklung. Black und Stone fassen unter dem Begriff Privileg „jede Berechtigung, Unterstützung, Macht, und jeder Vorteil oder jedes Recht, das einer Person oder Gruppe allein durch die geburtsbedingte Zugehörigkeit zu einer zugeschriebenen Gruppe oder Gruppen gewährt wird“. Der Soziologe Michael Kimmel erklärt Privilegien anhand einer Analogie zu Wind: Privilegiert zu sein fühle sich an wie konstant mit Rückenwind zu laufen. Meistens fühle man dabei nicht, dass und wie einem der Rückenwind helfe.
Dass Privilegien für diejenigen, die davon profitieren, oftmals unsichtbar erscheinen, betonen schon Simmel und W. E. B. Du Bois. Du Bois fordert, dass ein wichtiges Element der Aufhebung der Privilegien der Weißen eine bessere Schulbildung der Afroamerikaner nach den Standards der Normalschulen sei; Missions- und andere Spezialschulen seien ungeeignet zur Bewusstseinsbildung.W. E. B. Du Bois: The Souls of Black Folk: Essays and Sketches. Chicago 1903, insbes. Kap. 5 und 6.
Peggy McIntosh beschreibt, dass Weißen beigebracht werde, ihre Privilegien nicht zu erkennen. Sie definiert „weiße Privilegien“ als „einen unsichtbaren, gewichtslosen Rucksack voller speziellen Proviants, Karten, Pässe, Codebücher, Visa, Klamotten, Werkzeuge und Blankoschecks“. Allan G. Johnson betont die soziale und systemische Dimension von Privilegien. Es mache wenig Sinn, sich Privilegien als individuelle Eigenschaften vorzustellen, ohne zu betrachten, wie bestehende Systeme und Strukturen Verhalten beeinflussen. Er erklärt das anhand des Spiels Monopoly: Dass das Spiel als unfair empfunden werde und schlechte Charaktereigenschaften an Menschen deutlich mache, liege nicht primär an der Persönlichkeit dieser Menschen, sondern daran, dass die Spielregeln ein bestimmtes Verhalten förderten und anderes bestrafen. Die Mitspieler erhielten aber während des Spiels gemeinsam die Regeln (sprich: das System) aufrecht. Er beschreibt Privilegien als „Assets“, die zwar nicht bestimmte Ergebnisse vorbestimmten, aber die es wahrscheinlicher machten, dass bestimmte Talente, Fähigkeiten und Erwartungen zu guten Ergebnissen für die privilegierte Person führten.
Die nicht von Rassismus oder Sexismus betroffenen Nutznießer ihrer Privilegien sind sich also dieser oft gar nicht bewusst, da sie im Sinne einer unbewussten Voreingenommenheit funktionieren, der nicht oder nur schwer zu entkommen ist, weil sie evtl. von Schulen und Hochschulen der Eliteangehörigen gefördert werden. Daher fordern die Vertreter der neueren Privilegientheorie die Privilegierten auf, ihre Privilegien zu reflektieren.So die Anleitungen zur Privilegienreflexion für Studierende in: Michael Kimmel, Abby Ferber (Hrsg.): Privilege: A Reader. Westview Press, 4. Auflage, 2017.
Klassifizierung von Privilegien