Die indogermanische Ursprache ist die nicht belegte, aber durch sprachwissenschaftliche Methoden erschlossene gemeinsame Vorläuferin der indogermanischen Sprachen. Teilweise ist die Sprache auch als Proto-Indoeuropäisch (PIE) bekannt, im Englischen und in vielen anderen Sprachen ist eine zu dieser Variante analoge Benennung üblich.J. P. Mallory, D. Q. Adams: The Oxford Introduction to Proto-Indo-European and the Proto-Indo-European World. Oxford University Press, Oxford 2006, ISBN 0-19-929668-5. Daneben sind im Deutschen auch zahlreiche weitere Betitelungen wie indogermanische bzw. indoeuropäische Grundsprache, Urindogermanisch oder Urindoeuropäisch geläufig. In jedem Fall ist der Name der Ursprache von dem der Sprachfamilie abgeleitet, der wiederum aus den räumlich am weitesten voneinander entfernten Tochtersprachen abgeleitet wurde (siehe hierzu Indogermanische Sprachen#Bezeichnungen). Die Bezeichnung impliziert ansonsten keine besondere Bedeutung der germanischen und der indoarischen Tochtersprachen.
Es ist eine der bedeutenden Leistungen der Sprachwissenschaftler seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, aus der Untersuchung der Gemeinsamkeiten und der systematischen Unterschiede der indogermanischen Sprachen weitgehend das Vokabular und die grammatische Struktur dieser Ursprache plausibel rekonstruiert zu haben. Bei der Rekonstruktion stützt man sich vor allem auf Gemeinsamkeiten der grammatischen Formen und auf sprachgeschichtlich verwandte Wörter (Kognaten). Eine hohe Anzahl an Kognaten weist auf eine Verwandtschaft hin, wenn der zu vergleichende Wortschatz aus dem Grundwortschatz stammt. Die Erforschung der Ursprache erfolgt vorrangig im Rahmen der Vergleichenden Sprachwissenschaft und wird auch als Indogermanistik bezeichnet. Insbesondere für etymologische Betrachtungen spielt die indogermanische Ursprache aber auch im Studium der Tochtersprachen bsw. in der Germanistik eine Rolle.
Datierung und Verortung des Urindogermanischen
370px|mini|Mögliche Verbreitung Urindogermanisch um 3500 v. Chr., mit Abspaltung anatolischer Sprachen (vgl. Kurgan-Hypothese). Jamna/Jamnaja-Kultur: eine Kurgankultur, ev. Trägerin der indogermanischen Ursprache; Maikop-Kultur, benannt nach Maikop, Russland; Cucuteni-Tripolje-Kultur: eine Nachfolge der bandkeramischen Kultur; Vinča-Kultur, benannt nach Vinča bei Belgrad.
mini|370px|Verbreitung, Ausdehnung Jamnaja-Kultur (3600–2300 v. Chr.). Umliegende Kulturen: Kelteminar-Kultur (5500–3500 v. Chr.); Kama-Kultur (5000–3000 v. Chr.); Maikop-Kultur (4000–3200 v. Chr.); Grübchenkeramik-Kultur (3500–2000 v. Chr.).
Aufgrund des gemeinsamen Vokabulars der Folgesprachen, wozu zum Beispiel die Wörter für „Rad“, „Achse“„Rad“ *kʷe-kʷlh₁-ó-/*rót-h₂-o-, „Achse“ *h₂ég̑-s-o- und weitere wichtige Begriffe der Wagenbautechnik gehören (vgl. dazu auch den Abschnitt Wortschatzanalyse), gehen die meisten Forscher von einer Sprachtrennung nicht vor 3400 v. Chr. aus. In diese Zeit datiert die Archäologie die erste gesicherte Benutzung von Rädern, auch im angenommenen Sprachgebiet. Der Grad der Verschiedenheit der in Sprachdenkmälern ab dem zweiten Jahrtausend v. Chr. nachgewiesenen Folgesprachen lässt einen Trennungszeitpunkt nach etwa 3000 v. Chr. nicht mehr plausibel erscheinen.Fortson, 2.58f
Die geographischen und zeitlichen Einordnungen dieser Sprache sind unsicher. Die in der Karte rechts abgebildete Darstellung gilt in der Fachwelt als möglichFortson, 2.73f, es wurden aber auch andere Gebiete vorgeschlagen.
Gemeinsamkeiten der Folgesprachen Da die indogermanische Ursprache nicht direkt überliefert ist, wurden alle Laute und Wörter durch die vergleichende Methode (Sprachrekonstruktion) erschlossen. Viele Wörter in den heutigen indogermanischen Sprachen stammen durch regelmäßigen Lautwandel von diesen Urwörtern ab. In früheren Formen dieser Sprachen ist das noch wesentlich deutlicher. Auch die grammatikalischen Strukturen der Sprachen zeigen große Übereinstimmungen (vor allem bei den älteren Sprachstufen). Nachdem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Forscher wie Franz Bopp und Jacob Grimm die Gemeinsamkeiten detailliert dargelegt hatten, versuchte August Schleicher 1861 die Rekonstruktion der angenommenen gemeinsamen Wurzel. Seither und bis heute wird diese Rekonstruktion aufgrund neuer Entdeckungen und Analysen fortlaufend revidiert.
August Schleicher folgend, markiert man rekonstruierte Formen mit einem Sternchen (Asterisk): *wódr̥ ‚Wasser‘, *ḱwṓ(n) ‚Hund‘ oder *tréyes ‚drei‘. Zur ersten Illustration der Gemeinsamkeiten soll die folgende Tabelle dienen, die einige Zahlwörter in verschiedenen Folgesprachen und in der indogermanischen Rekonstruktion zeigt.nach Fortson, 7.14 (Die Schreibweise der rekonstruierten Wörter wird weiter unten erklärt.)
Zahl Hethitisch Griechisch Vedisch Avestisch Latein Walisisch Gotisch Armenisch Tocharisch A Altkirchen-slawisch Litauisch Kurdisch Indogermanisch(rekonstruiert) 1 heîs (< *hens < *sems) éka aēuua ūnus (älter oinos) un ains mi sas inŭ vienas yek *oyno-, *oyko-, *sem- 2 dān dýō (episch) dvā́ duua duō dau twai erkow wu dŭva dù dû *d(u)wóh₁ 3 teri- treîs tráyas θrāiiō trēs tri þreis erekʿ tre trije trỹs sê *tréyes 4 meya- téttares (attisch) catvā́ras caθuuārō quattuor pedwar fidwor čʿorkʿ śtwar četyre keturì çwar *kʷetwóres 5 pénte páñca panca quīnque pump fimf hing päñ pętĭ penkì pênc *pénkʷe 6 héx ṣáṣ xšuuaš sex chwech saíhs vecʿ ṣäk šestĭ šešì şeş *swék̑s 7 sipta- heptá saptá hapta septem saith sibun ewtʿn ṣpät sedmĭ septynì hewt *septḿ̥ 8 oktṓ aṣṭā́ ašta octō wyth ahtau owtʿ okät osmĭ aštuonì heşt *ok̑tṓ 9 ennéa náva nauua novem naw niun inn ñu devętĭ devynì nô *néwn̥ 10 déka dáśa dasa decem deg taíhun tasn śäk desętĭ dẽšimt de *dék̑m̥ 20 wíkati (dorisch) vimśatí vīsaiti vīgintī ugain (älter ugeint) — kʿsan wiki — — bîst *wi/ī-(d)k̑m̥-t-ī́ 100 hekatón śatám satəm centum cant hund — känt sŭto šim̃tas sed *(d)k̑m̥-tóm
370px|mini|Vermutete Verbreitung indogermanischer Sprachen um 2500 v. Chr.Der zweitjüngste Zeitabschnitt des Holozäns in Nordwesteuropa ist das Subboreal (3710 bis 450 v. Chr.), es wird auch als Späte Wärmezeit oder Eichenmischwald-Erlenzeit bezeichnet. Corded Ware/Schnurkeramik (3000–2200 v. Chr.); Beaker People/Glockenbecher (2600–1800 v. Chr.), Gruppen eventuell indogermanisch; Andronovo-Kultur u. Vorläufer (2300–1000 v. Chr.).
rechts|gerahmt|Vermutete Sprachgruppen um 1500 v. Chr. Oasenkultur (2250–1700 v. Chr.), teils als Trägerin des Ur-Indoiranischen angenommen; Hethiterreich (1800–700 v. Chr.), Anatolien; Griechisch, gelb: Achaier, u. a. Mykene, Tiryns (1600–1000 v. Chr.); Urnenf.: Urnenfelderkultur (1300–800 v. Chr.).
Nicht nur Wortgleichungen, sondern auch grammatikalische Strukturen zeigen in den indogermanischen Sprachen derartig große Gemeinsamkeiten, dass man von einem gemeinsamen Ursprung dieser Sprachen ausgehen muss. Das Gegenmodell eines Sprachbundes, also einer Gruppe ursprünglich voneinander unabhängiger Sprachen, die sich durch gegenseitige Beeinflussung einander angenähert hätten, wird angesichts der Art der beobachteten Phänomene ausgeschlossen.Meier-Brügger E507
Gleichwohl wäre es verfehlt, sich das Urindogermanische als eine einzelne, genau so von einer Gruppe von Menschen gesprochene Sprache vorzustellen. Zum einen ist von Sprachelementen auszugehen, die in keiner der Folgesprachen Spuren hinterlassen haben und daher nicht rekonstruiert werden können, zum anderen ist zu beachten, dass die Rekonstruktion ein räumlich ausgedehntes Dialektkontinuum und einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten umfasst.
Sprachgruppen und ihre ältesten Überlieferungen rechts|gerahmt|Sprachgruppenverteilung um 500 v. Chr. Indoarische Gruppen (ab 1500 v. Chr.); Indoiranische Gruppen (ab 800 v. Chr.); Greek/Griechisch: Antike Dorer, Ionier, Äolier (ab 1000 v. Chr.); Italic/Italisch: Italiker der Apenninhalbinsel (ab 1000 v. Chr.); Celtic/Keltisch: Hallstatt, La Tène (ab 800 v. Chr.) Mitteleuropa; Gallien, Britannien und Iberien bis Galatien. rechts|gerahmt|Sprachgruppenverteilung um 500 n. Chr. Latein (ab 700 v. Chr.) in Italien vorhanden; romanische Sprachen (ab 300 n. Chr.); Griechisch/Koine (ab 300 v. Chr.) Ost-Mittelmeer; Inselkeltische Sprachen (ab 300 n. Chr.); Germanisch, Lautverschiebung (ab 500 v. Chr.); Einzelsprachen am Ende der Antike (ca. 500 n. Chr.); Tocharisch eventuell als zweite Sprache nach dem Anatolischen aus dem Gesamtverband ausgetreten; im Tarimbecken (ca. 300 n. Chr.) weiterentwickelt; Armenisch mind. seit dem 10. Jahrhundert vor Christus im Urartäischen/Araratischen Königreich gesprochen;Hrach K. Martirosyan. Etymological Dictionary of the Armenian Inherited Lexicon. Brill. 2009. Schriftsprache in der Antike (ab 400 n. Chr.); Baltisch, Slawisch verm. Familie (Baltoslawisch); baltische Gruppen ev. ab Zeitenwende getrennt; baltische, slawische Sprachen (ca. 600 n. Chr.).
Aus dem Kontinuum der indogermanischen Ursprache gliederten sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten einzelne Dialektfamilien aus. Die sprachliche Isolierung lässt sich an Eigenheiten im Lexikon und der Morphologie sowie an spezifischen Lautgesetzen ablesen. Die Rekonstruktion des Urindogermanischen beruht auf Sprachdenkmälern der verschiedenen indogermanischen Sprachgruppen. Naturgemäß sind besonders frühe Sprachdenkmäler von vorrangigem Interesse.
Die Tabelle gibt einen Überblick über die Sprachgruppen aus der Sicht der Beschäftigung mit der Ursprache. Mehr über die Sprachgruppen selbst und ihre Weiterentwicklung findet man in den Einzelartikeln sowie im Hauptartikel Indogermanische Sprachen.
Sprachgruppe Älteste Überlieferungen Spätere wichtige Überlieferungen Frühes Verbreitungsgebiet Für die Rekonstruktion wichtige Aspekte Anatolische Sprachen Althethitische Keilschrifttafeln aus dem 16. Jahrhundert v. Chr.In den im altassyrischen Dialekt des Akkadischen abgefassten „kappadokischen Tafeln“ (19./18. Jahrhundert v. Chr.) aus Kültepe, dem alten Kārum Kaneš (dt. etwa ‚Handelsplatz Kanisch‘), einer assyrischen Handelskolonie in Anatolien, findet sich eine Reihe althethitischer Namensformen auf (männlich) -ḫšu, (weiblich) -ḫšu-šar, die hier ‚Sohn‘ bzw. 'Tochter' bedeuten. -ḫšu ist die synkopierte Form des späteren heth. ḫaššu- ‚König‘ (egtl. „Kind des ganzen Landes“). Diese Namensbestandteile sind nicht nur die mit Abstand ältestbelegten Wortformen der Sprachfamilie, sondern auch sicher etymologisierbar: ḫaššu- *h₂éms-u- liegt vor in den Wörtern für ‚Gott‘ ved. ásura-, avest. ahu-, ahura- und altisländ. áss (dt. Ase); *ser ‚Frau‘ dient z. B. zu archaischen Feminisierungen der Zahlwörter drei und vier (zu weiteren Einzelheiten vgl. die Artikel Kültepe und Kappadokische Tafeln). In der Nullstufe *-sr- liegt *ser ‚Frau‘ vor in dt. Schwester *swé-sr- und Cousine aus lat. cōnsobrīna *kon + *swé-sr-ih₂-neh₂. Hethitische Keilschriftdokumente bis ca. 1200 v. Chr. Kleinere Texte anderer Sprachen in verschiedenen Schriften, z. B. Luwisch, Lydisch oder Palaisch. Asiatischer Teil der heutigen Türkei. Teilweise direkt erhaltene Laryngallaute. Auffällige grammatische Abweichungen von anderen Sprachen, die von manchen als erhaltene archaische Strukturen, von anderen als Innovationen gesehen werden. Griechische Sprache Linear-B-Tontafeln aus dem 2. Jahrtausend v. Chr., die das mykenische Griechisch in kurzen listenartigen Verwaltungstexten dokumentieren. Nach der Lücke der dunklen Jahrhunderte im 8. Jahrhundert v. Chr. die im griechischen Alphabet verfassten Epen Homers und etwas später Hesiods. Klassische und spätere griechische Literatur bis heute. Griechenland, westliches Kleinasien, Süditalien, Mittelmeerraum. Tempus-Modus-Aspektsystem des Verbs. Drei verschiedene vokalische Reflexe der Laryngale.