Das Landschulheim Herrlingen war eine von den Schwestern Clara Weimersheimer (1883–1963) und Anna Essinger (1879–1960) im Jahre 1926 mit der Unterstützung weiterer Geschwister in Herrlingen gegründete reformpädagogische Einrichtung, die 1933 von Anna Essinger nach Otterden () in Großbritannien verlegt wurde und dort mit vielen aus Deutschland mitgekommenen Schülern als Bunce Court School fortbestand. Der in Deutschland verbliebene Teil der Schüler wurde unter der Leitung von Hugo Rosenthal (1887–1980) bis 1939 als „Jüdisches Landschulheim Herrlingen“ weitergeführt. Für Hildegard Feidel-Mertz zählen das Landschulheim Herrlingen und die daraus hervorgegangene Bunce Court School zu den signifikantesten Beispielen für die Verdrängung des pädagogischen Fortschritts durch die Nationalsozialisten und somit zu einer der wichtigsten der aus Deutschland vertriebenen Schulen im Exil.

mini|Das Haupthaus des Landschulheims Herrlingen, 2007, mit der 1988 erstellten Informationstafel mini|Informationstafel am Haupthaus des einstigen Landschulheims

Gründungsgeschichte Seit 1912 leitete Clara Weimersheimer in Herrlingen ein Kinderheim für schwer erziehbare, psychisch auffällige und auch zurückgebliebene Kinder. 1925 waren sowohl ihre leiblichen Kinder als auch viele Pflegekinder in einem Alter, in dem über ihre weitere schulische Bildung entschieden werden musste. Da Weimersheimer das staatliche Schulwesen dafür als nicht geeignet ansah, entstand die Idee zur Gründung eines eigenen Landschulheims. Ihre Brüder Fritz und Willi Essinger kauften in der Nähe von Clara Weimersheimers Haus ein weiteres Grundstück, auf dem die neue Schule errichtet werden sollte. Als Leiter hierfür fand sie den Lehrer Ludwig Wunder, der 1924 das von ihm mitgegründete Landerziehungsheim Walkemühle verlassen hatte.

Um Wunders Aktivitäten in Herrlingen ranken sich unterschiedliche Geschichten. Vielfach ist der Hinweis zu finden, er sei der Gründer des dortigen Landschulheims gewesen oder habe in Herrlingen ein Landerziehungsheim gegründet. So heißt es etwa im „Landeskundlichen Informationssystem für Baden-Württemberg“ (LEO-BW): „1925 Gründung des Landerziehungsheims Herrlingen bei Ulm zusammen mit Claire Weimersheimer.“ Ein paar Absätze weiter: „Wunder unternahm anschließend einen zweiten Versuch einer Schulgründung in Herrlingen bei Ulm. Zusammen mit Claire Weimersheimer (1883–1963) wollte er ihr dortiges Kinderheim im Frühjahr 1925 zu einem Landerziehungsheim ausbauen. Doch scheiterte dieses Projekt an der Finanzierung. […] Wunder übertrug seine Planungen im Sommer 1925 auf den Beeghof bei Crailsheim und im Herbst 1926 auf das Schloss Michelbach, ein unbewohntes Spätrenaissanceschloss.“Biografie Ludwig Wunder im landeskundlichen Informationssystem für Baden-Württemberg (LEO-BW)

Auch Sara Giebeler erwähnt ein von Wunder gegründetes Landerziehungsheim Herrlingen, um dann fortzufahren: „Wunder sollte eine dem Kinderheim angegliederte Schule gründen und leiten. Die Leitung sollte sich an den neuen reformpädagogischen Grundlagen orientieren, es sollte zunächst eine Versuchsschule sein. Dieser Versuch mißlang allerdings schon sechs Wochen nach der Erteilung der Erlaubnis für diese Schule. Die Ursachen dafür waren nicht ganz klar. Vermutlich steckten persönliche Probleme dahinter, denn finanziell wurde alles von den Brüdern Essinger abgesichert.“Sara Giebeler: Das Landschulheim Herrlingen – gegründet von Anna Essinger, in: Sara Giebeler u. a.: Profile jüdischer Pädagoginnen und Pädagogen, S. 40–74. Auch Wunders Abschied von der Walkenmühle beruhte auf eher persönlichen Gründen.

Die Verwirklichung der Idee gelang dann mit familiärer Unterstützung, allen voran Anna Essinger. Anna Essinger war in den USA zur Lehrerin ausgebildet worden und brachte somit die Voraussetzungen mit, um eine Schule zu leiten. Ihr und Clara Weimersheimer zur Seite stand eine dritte Schwester, Paula Essinger (1892–1975).ESSINGER FAMILY OF OBERDORF + ULM Sie hatte Erfahrungen in der Krankenpflege und Haushaltsführung und hatte in einem Berliner Privathaushalt Erfahrungen in der Erziehung schwieriger Kinder gesammelt. Paula sollte als Hausmutter im Landschulheim Herrlingen arbeiteten. Später, in England, stieß dann auch noch die vierte Schwester, Bertha Kahn, dazu, die nach 1933 bei Grenoble das Kinderheim „Le chalet“ gegründet hatte. Sie wurde, wie Paula, Hausmutter der Bunce Court School.Haus Unterm Regenbogen e. V. (Hrsg.): Pädagogik Deportation Literatur. Herrlingen 1912–1947.

Ebenso bedeutsam für das Gelingen des Projekts war aber auch die Unterstützung durch die schon erwähnten Brüder Fritz und Willi Essinger, die für den finanziellen Rückhalt sorgten. Über Willi Essinger ist kaum mehr bekannt, als dass er am 2. Juni 1960 am Grab seiner Schwester Anna eine Rede gehalten hat. Fritz Essinger wurde vermutlich 1888 geboren. Nach Sara Giebeler war er es, der das väterliche Unternehmen (vermutlich ein VersicherungsbüroAnna Essingers Lebenslauf auf der Website des Anna-Essinger-Gymnasiums in Ulm) „zum Erfolg gebracht hat“. Außer der mehrfachen Erwähnung seiner Rolle bei der Finanzierung der Schulbauten tritt er erst wieder 1939 bei dem Versuch in Erscheinung, diese zu verkaufen. Zu dem Zeitpunkt lebte er aber bereits nicht mehr in Deutschland. Pinchas Erlanger berichtet in seinen Erinnerungen davon, dass die seit 1938 „in Ramat Gan bei Tel Aviv lebenden Verwandten Fritz und Hanna Essinger, geb. Herrmann,“ ihm zum Einreisevisum nach Palästina verholfen hätten.Pinchas Erlanger: Erinnerungen. Meine Jugend in Deutschland und die Auswanderung nach Palästina. Laupheimer Gespräche, 2001, S. 1 und S. 7 In Palästina hat er dann wohl auch wieder im Versicherungsgewerbe gearbeitet, wie eine Meldung in The Palestine Gazette vom 21. März 1940 vermuten lässt. Dort wird nämlich von der Gründung einer „Insurance and financial agency“ am 6. Februar 1940 durch Fritz Essinger aus Ramat Gan und Julius Kahn aus Tel Aviv berichtet.The Palestine Gazette, No. 995, Thursday, 21st March, 1940, S. 350

Anna Essinger bereitete sich durch Besuche bei anderen Landerziehungsheimen, darunter der Odenwaldschule auf die Neugründung vor. Dabei lernte sie auch Käthe Hamburg (siehe unten) kennen. Offenbar wollte Anna Essinger aber zu dieser Zeit noch nicht alleine die Verantwortung für das Projekt übernehmen, denn es wurde auch noch nach einem geeigneten Schulleiter gesucht. Gefunden hierfür wurde der Studienassessor Wilhelm Geyer, dem „am 19. Januar 1926 die Erlaubnis erteilt wurde, eine private Versuchsschule einzurichten“. Mit ihm zusammen veröffentlichte Anna und Paula Essinger im Frühjahr 1926, kurz vor Abschluss der Bauarbeiten für das neue Schulgebäude, die Broschüre Das „Landschulheim Herrlingen soll Ostern 1926 eröffnet werden“.

Am 1. Mai 1926 konnte das Landschulheim Herrlingen tatsächlich in einem neuen Gebäude an der Wippinger Steige 28 (heute: Erwin-Rommel-Steige 50) () eröffnet werden. In die Baugeschichte des Hauses war offenbar auch Erich Mendelsohn involviert, dessen Tochter Esther sich 1925 in der Obhut von Clara Weimersheimer („Weimersheimermümchen“So nennt er sie 1925 in einem Brief-Gedicht an seine Tochter. EMA – Erich Mendelsohn Archiv: Der Briefwechsel von Erich und Luise Mendelsohn 1910–1953 (Transkript)) befand. In einem Brief vom 11./12. Juli 1925 an seine Frau Luise, die sich zur Kur in St. Moritz aufhielt, schreibt er: „Das Herrlingen-Landerziehungsheim wird nicht gebaut, sondern zieht ins Schloß Oberherrlingen […]. Glück für Frau Dr. W.“EMA – Erich Mendelsohn Archiv: Der Briefwechsel von Erich und Luise Mendelsohn 1910–1953

Es kam aber doch zu einem Neubau, und der wurde finanziert von Fritz Essinger. Zur Eröffnung waren prominente Gäste erschienen, so Theodor Heuss und der württembergische Ministerialrat und spätere Mitbegründer der Reichsvertretung der Deutschen Juden, Otto Hirsch. Zugegen waren auch die Oberbürgermeister von Ulm und Göppingen.Ulrich Seemüller: Herrlingen im Brennpunkt der Geschichte.

Unter Anna Essingers Leitung Das neu gegründete Landschulheim war die erste reformpädagogische Einrichtung in Württemberg, und der dafür errichtete Neubau (), ein Holzbau, enthielt viele für die damalige Zeit nicht selbstverständliche Einrichtungen:Der Start erfolgte mit 18 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren, doch wuchs die Zahl der Schüler sehr rasch. Bereits 1928 musste deshalb ein weiteres Haus hinzugemietet werden, Haus Breitenfels an der Wippinger Steige 13, das 1932 dann käuflich erworben wurde. Zuvor hatte in diesem Haus von 1921 bis 1926 die Kunsthistorikerin und Lyrikerin Gertrud Kantorowicz gelebt. Dieses Haus, das 1929 durch einen Anbau am dazugehörigen Pförtner- bzw. Gärtnerhauses erweitert wurde, hat in den Folgejahren eine wechselvolle Geschichte erlebt. „Es wurde zu Landschulheimzeiten als ‚Haus Breitenfels‘ oder als ‚Martin-Buber-Haus‘ und wegen der Unterbringung der Familie des Generalfeldmarschalls von 1943 bis 1945 auch als ‚Rommel-Villa‘ bezeichnet.“Ulrich Seemüller: Das jüdische Altersheim Herrlingen und die Schicksale seiner Bewohner, Gemeinde Blaustein, 1997, S. 13. Das Buch enthält auf den Seiten 13 und 14 gute Fotografien der drei Häuser, die das Ensemble des Landschulheims bildeten (Hauptgebäude Wippinger Steige 28, Nebengebäude Wippinger Steige 11 und Haus Breitenfels, Wippinger Steige 13).

Anna Essinger orientierte sich an der Reformpädagogik und an der Montessoripädagogik. Für letztere war ab 1930 vor allem eine Grundschullehrerin, Fräulein Römer, verantwortlich:Anna Essinger legte vor allem Wert auf das gemeinschaftliche Leben, Erleben und Lernen. Jeder Einzelne, ob Lehrer oder Schüler, sollte sich der Gemeinschaft gegenüber verantwortlich fühlen. In Herrlingen wurde Koedukation praktiziert. Zwischen den Lehrern und Schülern, die im Heim wohnten, war das Du selbstverständlich. Die Kinder lernten vom ersten Schultag an gleichzeitig zwei Sprachen: Englisch und Deutsch oder Französisch und Deutsch, wobei der Schwerpunkt auf dem gesprochenen, nicht dem geschriebenen Wort lag.

Auf die Leibesertüchtigung und die Hygiene wurde großer Wert gelegt. Das Lernen war mehr ein gelebtes Lernen, sei es bei den täglichen Waldläufen, durch die Ämter, welche die Schüler im und um das Haus innehatten, oder auch beim Essen: So gab es besondere Esstische wie den englischen und französischen Tisch, an denen während der Mahlzeiten in der jeweiligen Sprache kommuniziert wurde. Auch die musische Erziehung wurde besonders betont. Neben Malen, Zeichnen und Werken wurde auch Musizieren, Singen und Theater geboten, „und die theoretischen Kenntnisse des Vormittagsunterrichts wurden nachmittags dann in die Praxis umgesetzt.“Ruth Fichtner: Erinnerungsort Landschulheime Herrlingen

Wie sehr die handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten der Kinder durch eine enge Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung gefördert wurden, illustriert das Beispiel des „Bubenhauses“. Es „wurde als gemeinsames Projekt von Lehrern und Schülern 1932 in Eigenarbeit, unter Mithilfe von Facharbeitern, gebaut.“Haus Unterm Regenbogen e. V. (Hrsg.): Pädagogik Deportation Literatur. Herrlingen 1912–1947 Dieses Haus an der Wippinger Steige 11 war auch als „House of Lords“ bekannt. In ihm wohnten nach seiner Fertigstellung, trotz der praktizierten Koedukation, ausschließlich die größeren Jungen mit einem Lehrer zusammen.